JuvenalMarlowe
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ERSTES KAPITEL
Das Foto
Das Foto
Es war ein Dienstagnachmittag im Oktober 1995, und Martin Lauer roch sofort, dass etwas mit der Fotografie nicht stimmte. Nicht das Motiv - die Alte Brücke, der Neckar im Dunst, eine Reihe Passanten im Sonnenlicht -, sondern das Material selbst. Er hielt den Albumin-Abzug unter die Lupe. Er bemerkte, wie das Silber an einer Stelle zu wandern schien. Ganz leicht, als wäre es noch nicht ganz entschieden, wo es hingehört.
Die Frau in der Bildmitte war das Letzte, was er bemerkte, bevor er die Lupe weglegte. Sie stand seitlich, ein Buch unter dem Arm, und blickte nicht in die Kamera. Nein - das war das Seltsame - die Dame blickte darüber hinaus.
Heidelberg, ca. 1894, stand auf der Rückseite des Umschlags in verblasster Tinte. Darunter, mit einem anderen Stift: Unbekannte Person, Brücke, Nachmittag.
Martin pinnte das Foto an die Korkwand über seinem Arbeitstisch und vergaß es. Oder er versuchte es.
* * *
Dr. Elsa Vonderberg rief drei Tage später an. Ihre Stimme hatte die ruhige Autorität einer Frau, die an Widerspruch nicht glaubt, weil er ihr nie begegnet ist.
„Herr Lauer. Sie haben die Fotografie restauriert, die wir vor drei Wochen eingeliefert haben."
„Teilweise. Sie ist in gutem Zustand."
„Ich weiß. Das ist nicht der Grund meines Anrufs." Eine kurze Pause. „Ich würde Ihnen gerne etwas erklären. Persönlich. Haben Sie morgen früh Zeit?"
Er hatte Zeit. Er hatte immer Zeit.
ZWEITES KAPITEL
Das Projekt Senf
Das Projekt Senf
Das Stadtarchiv Mannheim lag in einem Backsteingebäude hinter dem Wasserturm, und der Korridor, durch den Vonderberg ihn führte, roch nach dem einzigen Parfüm, das Martin wirklich mochte: altem Papier.
Sie führte ihn nicht in ein Büro, sondern in eine Wohnung. Das war das erste Wort, das ihm einfiel - nicht Raum, nicht Atelier. Eine Wohnung. Mit einem Federbett. Mit Vorhängen aus schwerem Damast. Mit einem Ofen, den man tatsächlich mit Kohle heizte, wie Martin sofort sah. Und mit einer kleinen Bibliothek, die ausschließlich aus Büchern, Zeitungen und Heften aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert zu bestehen schien.
„Setzen Sie sich, bitte", sagte Dr. Vonderberg, und zeigte auf einen Stuhl mit geschwungenen Beinen, der aussah, als hätte er nie etwas anderes gekannt als Gaslicht. Dann sprach sie eine gute Stunde. Martin unterbrach sie kein einziges Mal.
Professor Albrecht Senf - sie zeigte ihm ein Porträtfoto - war ein älterer Mann. Er hatte das Gesicht eines Mannes, der zu viele Geheimnisse als Mahlzeit zu sich genommen hat. Sein akademisches Leben hatte er der Frage gewidmet, ob das, was wir Gegenwart nennen, tatsächlich ein Privileg ist. Oder es war pure Gewohnheit.
„Er ist der Überzeugung", sagte Vonderberg, und Martin bemerkte das Präsens, „dass die Zeit kein Fluss ist, sondern ein Stoff. Wie eine Textilie. Dünn an manchen Stellen, dicker an anderen. Darüber hinaus ist er überzeugt, dass ein Mensch, der aufhört, in seiner eigenen Zeit zu denken, zu atmen, zu existieren - der wirklich und vollständig in eine andere Zeit eintaucht - an einer solchen dünnen Stelle hindurchgleiten kann."
„Keine Maschine", sagte Martin.
„Keine Maschine", bestätigte Elsa Vonderberg. „Nur Immersion. Totales, kompromissloses ... Eintauchen in die Vergangenheit." Sie faltete die Hände. „Senf hat es selbst versucht. Er ist zurückgekehrt. Er ist jetzt krank, das ist wahr - aber nicht aus physischen Gründen. Er lebt", sie wählte die Worte sorgfältig, „in zwei Zeiten zugleich. Das ist auf Dauer erschöpfend."
Martin sah sich in der Wohnung um. „Und diese Räume -"
„Sind für Sie vorbereitet. Sechs Wochen. Danach entscheiden Sie."
DRITTES KAPITEL
Sechs Wochen
Sechs Wochen
Martin sagte am selben Abend noch zu. Er selbst wusste nicht genau, warum. Vielleicht war es die Wohnung, die ihm vorkam wie ein Versprechen. Vielleicht war es das Foto der Frau auf der Brücke, das er immer noch vor Augen hatte. Vielleicht hatte er einfach, nach Jahren ruhiger, solider, einsamer Arbeit an toten Materialien, Sehnsucht nach etwas, das noch nicht fertig war.
Die sechs Wochen waren seltsam und schön. Jeder Morgen begann mit der Heidelberger Zeitung vom Sommer 1894. Jede Mahlzeit wurde nach zeitgenössischen Rezepten zubereitet - er wurde darin unterwiesen, wie man eine Mehlsuppe kochte, wie man Brot mit der Hand statt mit dem Messer brach. Er trug Hosen mit hohem Bund, Hemden mit Stehkragen, eine Uhr an einer Kette statt am Handgelenk.
Er lernte die Heidelberger Topographie aus Stadtplänen und Beschreibungen kennen: die Hauptstraße mit ihren Läden, das Cafe Knösel, die Steingasse, die Universität und den Marktplatz mit dem Herkulesbrunnen. Er merkte sich die Namen der Straßenbahnen und warum man sie noch nicht ganz mochte. Er eignete sich Kenntnisse über die Studentenverbindungen und ihre Rituale, die eigene Sprache des Bürgertums an. In jedem zweiten Satz bemerkte er das leise Mitschwingen des Deutschen Kaisers.
Die Fotografie hatte er in die neue Wohnung mitgenommen. Sie hing über dem Schreibtisch.
Eines Abends - die sechste Woche seiner freiwilligen Klausur war angebrochen - betrachtete er sehr lange das Gesicht der Frau auf dem Portrait. Er kannte sie inzwischen so gut wie jemanden, über den man zwar viel gelesen hat, aber dem man noch nicht in der Wirklichkeit begegnet ist. Er kannte die Falte ihres Rocks, den genauen Winkel, in dem sie das Buch hielt, und die Art, wie ihr Blick - ernst, aber nicht unglücklich - über die Schulter des Fotografen hinausging.
Auch ihr Gesicht kannte er inzwischen auswendig. Das helle, fast flachsfarbene Haar, das sie kurz und offen trug. Das war ungewöhnlich für die Zeit, und sie schien es zu wissen. Die kleine runde Brille, die ihr Gesicht nicht verbarg, sondern rahmte: dahinter Augen von jenem hellen, unentschiedenen Grau, das je nach Licht ins Grünliche oder Bläuliche kippte. Die gerade, ruhige Nase. Den Mund, der weder weich noch hart war, sondern beides zugleich - als hätte er gelernt, mehr zurückzuhalten als preiszugeben. Das Gesicht insgesamt war schmal und blass und sehr still; und in dieser Stille, die man auf dem ersten Blick für Zurückhaltung hielt, lag bei näherer Betrachtung etwas anderes: eine genaue, wache Aufmerksamkeit für alles, was um sie herum vorging.
Wohin blickst du? dachte er.
Er legte sich früh schlafen. Das Federbett roch nach Lavendel und trockenem Holz. Das Holz im Ofen knackte leise. Draußen war kein Verkehr zu hören - Vonderberg hatte dafür gesorgt, dass die Projektwohnung schallgedämmt war.
Er schloss die Augen. Er dachte an den Herkulesbrunnen. An das Café Knösel. An den Neckar im Spätsommerlicht, breit, ruhig und grünlich.
Er schlief ein.
VIERTES KAPITEL
Steingasse, Heidelberg, August 1894
Steingasse, Heidelberg, August 1894
Er wachte vom Lärm auf.
Nicht der Lärm vom Flur des angrenzenden Archivs, nicht das ferne Rauschen des Mannheimer Verkehrs. Sondern: Pferdehufe auf Kopfsteinpflaster. Eine Männerstimme, irgendwo unter dem Fenster, die etwas rief, das er nicht verstand. Das Schlagen einer Glocke - nah, sehr nah, schwer und langsam.
Die Decke des Zimmers war anders. Niedriger. Mit einem Riss, quer über den Stuck.
Martin lag still und ließ die Luft auf sich wirken. Sie roch nach Holzfeuer, nach Pferden und nach dem klammen Geruch eines sehr alten Gebäudes. Da war auch noch - ganz leise - der Duft von dem nahen Fluss, dem Neckar.
Er stand auf. Trat ans Fenster. Unten lag eine enge Gasse mit nassem Pflaster. Die Häuser gegenüber hatten hölzerne Fensterläden, die im Morgenwind leicht klapperten. Eine Frau mit einem Korb eilte an der Hauswand entlang, ohne aufzusehen. Ein Junge trieb eine Ziege.
Martin griff nach seinen Kleidern - dem Stehkragen, der Weste, der schweren Taschenuhr - und kleidete sich an. Seine Hände waren vollkommen ruhig, sein Herz schlug vollkommen wild.
* * *
Die Papiere lagen in einer Schreibtischschublade, genau wie Senfs Notizen es beschrieben hatten: eine Empfehlung von einem Berliner Buchhändler, eine Quittung, etwas Bargeld in Kaisermarkwährung. In Heidelberg hieß Martin Lauer Konrad Laue - entfernter Verwandter eines gewissen Hermann Laue, Inhaber der Buchhandlung Laue & Sohn in der Hauptstraße. Der Name war Senfs Idee gewesen: nah genug am echten, um nicht zu straucheln.
Er trat auf die Gasse und stand eine Weile still.
Heidelberg am frühen Morgen des August 1894 war kleiner, als er es sich vorgestellt hatte, und größer zugleich. Kleiner, weil keine Autos, keine asphaltierten Straßen, keine Glas-und-Stahl-Schichten über allem lagen. Größer, weil jeder Stein, jeder Holzbalken, jeder Geruch mit einer Schwere da war, die er in der Gegenwart nie gespürt hatte. So als wäre alles zum ersten Male da.
Er fand das Café Knösel auf Anhieb. Er bestellte Kaffee und las, ohne ein Wort zu sagen, die Zeitung. Niemand sah ihn merkwürdig an.
Er war angekommen.
FÜNFTES KAPITEL
Die Frau auf der Brücke
Die Frau auf der Brücke
Er erblickte sie das erste Mal am dritten Sonntag nach seiner Ankunft.
Er hatte sich angewöhnt, sonntagnachmittags über den Philosophenweg zu spazieren. Er tat das nicht aus Berechnung, sondern weil der Weg über der Stadt hing wie ein ruhiges Versprechen, und weil er von dort den Neckar sah, die Brücke und den Schlossberg, und sich manchmal für einen Moment vorstellen konnte, er gehöre wirklich hierher.
Sie kam von der anderen Seite. Ein leichtes Sommertuch, ein dunkler Rock, das Buch unter dem linken Arm - er erkannte es sofort, ohne es zu wollen, wie man einen alten Freund erkennt, den man noch nicht getroffen hat. Sie sah ihn an, als sie näher kam, und ihr Blick war derselbe wie auf der Fotografie: ernst, direkt, und mit etwas dahinter, das er nicht benennen konnte.
Er sah jetzt, was die Fotografie nicht hatte zeigen können: dass sie sich in Bewegung anders verhielt als in der Stille des Bildes. Ihr Gang war aufrecht, ohne Steifheit - der Gang einer Frau, die nicht daran dachte, beobachtet zu werden. Das helle Haar, kurz und offen, war unter dem Sommerhut kaum zu bändigen; eine Strähne hatte sich gelöst und lag ihr quer über die Schläfe. Sie ließ sie dort. Ihre Brille - kleine runde Gläser in einem feinen Drahtgestell - fing das Nachmittagslicht, so dass er ihre Augen erst beim dritten Blick wirklich sah: hell, fast farblos in diesem Licht, irgendwo zwischen Grau und dem blassen Grün des Neckars an trüben Tagen.
Sie ruhten kurz auf ihm - sachlich, ohne Scheu - und wanderten dann weiter.
Er grüßte. Sie grüßte zurück. Keine Worte, nur das kurze Nicken des Jahrhunderts. Und dann war sie vorbei.
Eine Woche später begegneten sie sich am Marktbrunnen, und diesmal blieben sie beide erwartungsvoll stehen.
„Sie sind der Verwandte von Herrn Laue", sagte sie. Es war keine Frage.
„Konrad Laue, ja", sagte er. „Aus Berlin."
„Man sieht es." Sie musterte ihn einen Moment. „In Berlin geht man anscheinend langsamer."
Er musste lachen - ein echtes Lachen, das ihn selbst überraschte. „Ich lerne es noch."
„Katharina Pfister", sagte sie, und reichte ihm die Hand wie ein Mann. „Mein Vater ist der Drucker in der Plöck."
Ihre Hand war kleiner als er erwartet hatte und fester im Druck. Sie trug keine Handschuhe - es war warm genug, und außerdem, das merkte er, war sie keine Frau, die damenhafte Handschuhe mochte. Er hielt ihre Hand eine Sekunde länger als es die Konvention erlauben mochte. Karin - wie man Katharina neuerdings auch unter Freundinnen nannte - ließ es geschehen, ohne es zu kommentieren. Nur ihr Blick ruhte einen langen Moment auf ihm, mit einer stillen Aufmerksamkeit, als trüge sie etwas nach Hause, das sie noch nicht einzuordnen wusste.
* * *
In den folgenden Wochen sah er sie oft. Manchmal zufällig, manchmal nicht ganz so zufällig. Sie sprachen über Bücher. Katharina las, was ihr in die Hände fiel, ohne Rücksicht auf die stillschweigende Zensur des weiblichen Lektürekanons. Das bereite ihr gelegentlich Probleme im Bekanntenkreis, wie sie trocken bemerkte. Sie führten Konversation - über ihre Eltern, über die Studenten, die im Sommer die Stadt füllten, die manchmal tranken, manchmal Unsinn redeten, manchmal, selten, etwas Kluges sagten.
Er nahm wahr wie sie zuhörte: den Kopf leicht geneigt, die Augen auf ihn gerichtet, aber ohne die aufdringliche Wachheit der Menschen, die nur auf ihre eigene Antwort warten. Sie hörte wahrhaftig zu. Und wenn sie selbst sprach - über einen Roman, über ihren Vater, über eine Kleinigkeit, die ihr auf dem Weg zum Brunnen aufgefallen war - dann klang Karins Stimme manchmal an einem bestimmten Punkt wärmer und weicher: So als wolle sie etwas zeigen, das sie sonst gut verwahrte. Martin bemerkte es. Er sagte jedoch nichts.
Über die Zukunft sprachen sie nicht. Das war keine Vereinbarung, es war einfach so. Die Zukunft war eine zu große, zu unförmige Sache für diese engen Gassen.
Martin lebte. Er lebte vollständiger als er es seit Jahren getan hatte. Das erfüllte ihn manchmal mit einer seltsamen Traurigkeit, die er sich nicht erklären konnte. Abends schrieb er in ein kleines Heft - auf Papier, mit einer Stahlfeder - wie Professor Senf es bestimmt hatte. Er schrieb was er gesehen und gehört hatte. Von Katharina schrieb er nicht. Sie schien ihm zu groß für die kleinen Notizen.
SECHTES KAPITEL
Der Abend in der Steingasse
Der Abend in der Steingasse
Es war Ende August, und der Sommer zog sich hin wie ein Gast, der nicht gehen will. Die Abende wurden kürzer, aber nicht kühler, und die Steingasse roch nach dem Stein selbst - jenem alten, schwitzenden Geruch, der in Heidelberg an warmen Nächten aus den Mauern steigt wie aus einem immerwährenden Gedächtnis.
Martin hatte Katharina zum Abendspaziergang eingeladen - mit der Vorsicht, die dieses Zeitalter verlangte, und mit der Hilfe einer Freundin als stillschweigender Begleitung. Diese blieb dann doch anderweitig beschäftigt fern. Sie taten beide so, als fiele es ihnen nicht auf.
Sie gingen die Steingasse hinunter in Richtung Neckar. Seit dem Oktober erschienen in der Deutschen Rundschau die ersten Folgen eines neuen Fontane-Romans - Effi Briest. Katharina hatte sie gelesen sobald das Heft im väterlichen Haus war. Sie hatte eine deutliche Meinung.
Er hörte zu, und während er zuhörte, bemerkte er Dinge, die er in der Tageshelle weniger bewusst wahrgenommen hatte: wie das Abendlicht ihre Wangenknochen schärfer zeichnete. Wie sie beim Gehen leicht vorwärts geneigt war, als wäre die Welt einen halben Schritt hinter ihr. Wie der Kragen ihres Kleides den Hals schloss und dabei diese Linie freiließ, knapp darunter, die etwas in ihm ansprach, das er lieber nicht benannte.
„Sie hören mir gar nicht zu", sagte sie, ohne ihn anzusehen.
„Doch doch", sagte er. „Innstetten weiß, dass der Zweikampf sinnlos ist. Dass sechs Jahre vergangen sind, dass Crampas längst tot sein könnte und es niemandem auffiele. Und er tut es trotzdem - nicht wegen Effi, nicht einmal wegen seiner Ehre. Sondern weil er die Gesellschaft bereits im Kopf hat, als stummen Richter, dem er Rechenschaft schuldet, obwohl er ihn nie befragt hat."
Sie blieb einen Moment stehen. „Das ist sehr genau", sagte sie dann. Nicht als Kompliment - als Feststellung. „Die meisten Männer, denen ich das erkläre, sagen: er hatte keine andere Wahl. Aber das ist ja gerade Fontanes Pointe. Er hätte eine andere Wahl gehabt. Er hat sie nur nicht gewählt." Eine Pause. „Effi bezahlt für eine Sünde, die er selbst nicht mehr für eine hält. Das ist das Ungeheuerliche an dem Buch."
„Und trotzdem lesen Sie es weiter."
„Natürlich." Sie setzte sich wieder in Bewegung. „Man liest weiter, weil man hofft, dass Fontane am Ende doch noch einen anderen Ausweg findet. Obwohl man weiß, dass es nicht so ist. Obwohl man weiß, dass er es nicht darf." Sie sagte das ohne Bitterkeit, sachlich, wie jemand, der die Regeln einer feindlichen Welt kennt und trotzdem darin lebt.
Sie hatten den Neckar erreicht. Das Wasser war in der Abenddämmerung fast schwarz, und die Laternen der Alten Brücke spiegelten sich in langen, zitternden Strichen. Sie standen nebeneinander, ohne zu sprechen, und Martin empfand zum ersten Mal wirklich, dass er hier war. Er war hier - nicht als Beobachter, nicht als Reisender mit Rückfahrkarte, sondern als Mensch neben einem anderen Menschen, auf einem Stein, über einem Fluss, in einer Nacht.
Ihre Schulter berührte seine. Kaum - die Breite von eines Rockes Stoff. Sie trat nicht zurück.
„Sie sind ein seltsamer Mensch, Herr Laue", sagte sie schließlich. Nicht unfreundlich.
„Das stimmt wahrscheinlich", sagte er.
„Sie tun manchmal so, als seien Sie schon einmal hier gewesen. Nicht in Heidelberg - das meine ich nicht. Sondern überhaupt. Als hätten Sie eine Strecke hinter sich, die man Ihnen nicht ansieht."
Er antwortete nicht sofort. Der Neckar glitt vorbei. Irgendwo auf der Brücke lachte jemand, und das Lachen trug sich über das Wasser.
„Vielleicht", sagte er dann, „ist das bei Ihnen nicht anders."
Sie dachte darüber nach. Dann, sehr leise: „Nein. Das ist es nicht."
* * *
Einige Abende später saßen sie in der kleinen Küche der Pfisterschen Wohnung - der Vater war bei einem Kollegen, die Haushälterin hatte frei -, und Karin bereitete Tee zu, mit der selben sachlichen Sorgfalt, die sie für alles aufwandte. Martin saß am Tisch und sah ihr zu.
Es gab Momente, dachte er, die keine Geschichte brauchen. Die einfach da sind: der Dampf über dem Kessel, das Kratzen eines Streichholzes, die Bewegung einer Frau in ihrem eigenen Raum. Weiß Sie oder tut sie nur so, als wüsste sie es nicht, dass sie beobachtet wird? Er dachte, dass er dieses Bild mitnehmen würde, wenn er zurückkehrte - nicht als flüchtige Erinnerung, die verblasst, sondern als eine schwere Bürde, die man nicht ablegt, weil man es nicht will.
Sie stellte die Tasse vor ihn hin. Ihre Hand blieb einen Moment auf dem Tisch, neben seiner, ohne ihn zu berühren. Die Entfernung zwischen ihren Händen war so gering, dass er ihre Wärme spürte.
„Ich werde Sie vermissen", sagte sie. Ganz einfach, so wie man sagt, dass es morgen regnen wird.
„Ich weiß", sagte er. Und dann, weil es das Wahrste war, das er sagen konnte: „Ich Sie auch."
Sie sah ihn an. Dieser Blick - ruhig, direkt, mit jenem Zug ins Nachdenkliche - ruhte auf ihm, und er hielt ihn aus, ohne wegzusehen. Einen Atemzug lang war die Küche sehr still. Dann stand Katharina auf und holte Zucker aus dem Schrank, und der Moment war vorbei, und keiner von beiden tat so, als hätte er nicht stattgefunden.
SIEBTES KAPITEL
Der Brief und das Feuer
Der Brief und das Feuer
Es war Ende September, als er in Senfs hinterlassenen Unterlagen eine Notiz fand, die er bis dahin übersehen hatte. Eine kurze Zeile, halb unleserlich:
Stadtbrandregister Heidelberg, Oktober 1894 - Pfister, Friedrich, Buchdruckerei Plöck - 2 Tote.
Er saß lange damit.
Er kannte die Argumente. Er hatte sie im Mannheimer Archiv gelesen, in Senfs sorgfältigen, manchmal zittrigen Notizen. Die Vergangenheit ist nicht unveränderlich, aber Veränderungen haben Kosten. Wer eingreift, zahlt. Nicht unbedingt in der Vergangenheit - vielmehr in sich selbst.
Er dachte an Senf, der jetzt irgendwo in einem Mannheimer Krankenzimmer lag und in zwei Zeiten lebte. Er dachte an Katharina, wie sie am Marktbrunnen gestanden und ihm die Hand gereicht hatte wie ein Mann. Er dachte an den Brief, den er in Mannheim restauriert hatte, und der von einem Friedrich Pfister, Drucker, stammte. nun wusste er an wen.
Er stand auf und setzte den Hut auf.
* * *
Er brauchte keine Lüge, die besonders klug war. Nur eine, die glaubwürdig klang.
Er besuchte Friedrich Pfister am Abend des 17. Oktober und erzählte ihm, er habe zufällig, beim Schreiben einer geschäftlichen Korrespondenz, bemerkt, dass die Tinte in der Druckwerkstatt - er nannte eine spezielle, plausibel klingende Sorte - bei bestimmten Ofen-Temperaturen einen gefährlichen Rauch entfalte. Ein Berliner Kollege habe seinen Betrieb dadurch verloren. Er mache sich Sorgen, ob Herr Pfister nicht für einige Nächte die Hauptöfen niedriger stelle, bis man die Sache geprüft habe.
Pfister war ein misstrauischer Mann, aber kein unvernünftiger. Er dankte Martin mit einem festen Händedruck und einem Glas Wein.
In der Nacht des 22. Oktober brannte die Druckerei trotzdem. Ein Funke, ein alter Holzbalken, die trockene Oktobernacht. Der Schaden war groß. Aber Katharina schlief in dieser Nacht bei einer Tante, und Friedrich Pfister stand mit Martin auf der gegenüberliegenden Straßenseite und sah zu, wie die Feuerwehr ankam - und er lebte.
Martin hielt Katharinas Brief in der Hand - sie hatte ihm ein paar Worte geschickt, als sie von dem Brand hörte: Gott sei Dank, dass mein Vater gewarnt war. Ich verstehe nicht, woher Sie es wussten. Ich glaube, ich möchte es auch nicht verstehen.
Er faltete den Brief und steckte ihn ein.
Achtes Kapitel
Das stille Ufer
Das stille Ufer
Sie saßen am Abend des 3. November am Neckarufer, unterhalb der Alten Brücke. Der Fluss war dunkel und ruhig und spiegelte die wenigen Laternen der Stadtseite in langen, zitternden Linien. Katharina hatte einen Mantel über die Schultern gezogen, und Martin saß neben ihr und wusste, dass er in dieser Nacht schlafen und nicht zurückkehren würde.
„Sie gehen bald", sagte sie. Es war wieder keine Frage.
„Ja."
„Nach Berlin."
„Ja", sagte er. Das war die einfachste Lüge, die er kannte, und die einzige, die er sich erlaubte.
Sie sah auf den Fluss. „Ich habe manchmal das Gefühl", sagte sie zögernd, „dass Sie nicht ganz hier sind. Dass ein Teil von Ihnen woanders ist. Nicht unaufmerksam - aber woanders."
Er antwortete nicht sofort. Dann sagte er: „Das stimmt. Aber der Teil, der hier ist - der ist ganz hier."
Sie nickte, als hätte sie das erwartet. Dann schwiegen sie eine Weile, und es war das beste Schweigen, das Martin je erlebt hatte: ohne Unbehagen, ohne das Bedürfnis es zu füllen. Nur der Fluss, die Laternen, die alte Brücke und die Nacht.
Er dachte, dass er sie gerne angesehen hätte - jetzt, in diesem Moment, so lange, wie er wollte. Aber er sah auf den Fluss. Die Nähe war ohnehin kaum zu ertragen: die Wärme, die von ihr ausging, die kleine Bewegung ihres Atems, das leise Rascheln des Mantels, wenn sie sich rührte. Sie saßen auf einem alten Brückengeländer, und die Welt ringsum war groß und dunkel und gleichgültig. Gerade das machte diese kleine Insel zwischen zwei Armlehnen Abstand zu etwas Besonderem, das er nicht benennen konnte und nicht wollte.
Später begleitete er sie bis zur Haustür. Sie gaben sich die Hand. Katharina hielt seine einen Moment fest - nicht zärtlich, sondern gründlich, als wollte sie etwas davon zurückbehalten.
Er spürte die Kälte ihrer Finger - der Abend war inzwischen kühl geworden - und die Festigkeit darunter, dieselbe wie beim ersten Mal am Marktbrunnen. Sie sah ihn an. Ihr Blick war dieselbe ruhige Frage, die er nie ganz beantwortet hatte. Und er dachte: Wenn er jetzt den halben Schritt täte, den die Situation erlaubte und den die Epoche verbot - sie würde nicht zurückweichen. Das wusste er. Er tat ihn nicht.
„Leben Sie wohl, Herr Laue."
„Leben Sie wohl, Fräulein Pfister."
Er ging zurück in die Steingasse. Er kleidete sich aus, legte sich auf das Federbett, zog die Decke hoch. Durch das Fenster hörte er die Glocke der Peterskirche - elf Schläge, langsam, vollständig, mit dem Ernst eines Jahrhunderts, das noch nicht weiß, was es verlieren wird.
Er schloss die Augen. Er dachte an den Neckar.Er schlief ein.
Neuntes Kapitel
Mannheim , November 1995
Mannheim , November 1995
Er wachte von Verkehrslärm auf.
Die Zimmerdecke war hoch, schneeweiß und hatte keinen Riss. Das Licht durch die Vorhänge war das kalte, graue Licht einer Novemberstadt. Ein Auto fuhr vorbei, dann ein zweites.
Martin lag lange still.
Dann stand er auf, verließ die Projektwohnung und kehrte in seine eigene zurück. Er duschte mit heißem Wasser - es gab heißes Wasser, ohne Vorbereitung, ohne Ofen, ohne Holz -, trank Kaffee aus einer Maschine und schrieb seinen Bericht für Dr. Elsa Vonderberg in einem Zug nieder. Er schrieb vier Stunden. Er schrieb alles, was Senf wissen musste, was das Projekt wissen musste - die Methodik, die Ankunft, die Details. Von Katharina schrieb er nicht.
Frau Dr. Vonderberg las den Bericht noch am selben Abend. Sie stellte keine Fragen zur Person. Martin rechnete ihr das insgeheim hoch an.
* * *
Eine Woche später rief ihn ein Mitarbeiter des Archivs an. Man habe beim Sortieren eines alten Konvoluts - Schriftverkehr einer Heidelberger Familie, Ende 19. Jahrhundert - ein Kuvert gefunden. Das war offenbar irrtümlich in den Mannheimer Bestand gelangt. Adressiert an einen gewissen M. Lauer, ohne Straße, ohne Stadt. Datum: 3. November 1894.
Die Handschrift auf dem Kuvert war klar, gerade, und fest.
Martin nahm das Kuvert entgegen, legte es auf seinen Schreibtisch und betrachtete es. Es war klein und leicht, kaum mehr als ein oder zwei gefaltete Blätter darin. Das Papier war dünn und vergilbt, das Siegel längst aufgebrochen - nicht von ihm.
Er öffnete das Kuvert nicht.
Er trat ans Fenster und sah auf den Vorhof des Archivs, hinter dem, wenn man weit genug lief, der Rhein begann. Der breite, dunkle, geschäftige Rhein. Er vermisste den Neckar - den engeren, stilleren, grünlicheren Neckar, der unter einer Brücke floss, die noch stand, und über den man abends, wenn die Laternen sich spiegelten, das Gefühl haben konnte, dass die Zeit nichts ist als eine Frage der Aufmerksamkeit.
Er stand lange am Fenster.
Dann legte er das Kuvert sorgfältig in eine Schublade, zwischen zwei Schutzfolien, wie man ein fragiles Objekt aufbewahrt, das man noch nicht versteht, aber nicht verlieren möchte.
Er setzte sich. Er nahm die Lupe. Auf seinem Arbeitstisch wartete das nächste Stück - eine Tintenzeichnung, frühes 20. Jahrhundert, Herkunft unbekannt.
Er beugte sich vor und begann.
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„Die Zeit ist kein Fluss.
Sie ist ein Stoff -
und manche Menschen
sind dünn genug,
um hindurchzugleiten."
ENDE
„Die Zeit ist kein Fluss.
Sie ist ein Stoff -
und manche Menschen
sind dünn genug,
um hindurchzugleiten."
ENDE
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