Das Studio

2,00 Stern(e) 1 Stimme

Isengardt

Mitglied
Er hatte sich ein kleines Studio eingerichtet. Daheim, in seinem Keller. Es wurde genau so ausgearbeitet wie er es sich vorgestellt hatte. Er hatte Pläne erstellt und saß teilweise stundenlang vor dem Rechner um Recherche zu betreiben. Genauso und nicht anders hatte es auszusehen. Als die Fertigstellung dann schließlich vollendet war, überkam ihn ein gewisser Stolz. Das ist jetzt alles seins. Hier wollte er sich wohlfühlen, in Gedanken schwelgen, sinnieren und einfach er selbst sein. Er kam immer mit positiven Vibes die Treppen heruntergetänzelt und setzte sich in seinen Designerstuhl. Er war gut gepolstert und mit Kunstleder bezogen. Das mochte er. Wenn der Stuhl noch eine gewisse Kälte absonderte sobald man sich darauf niederließ. Oder wenn an ihm an besonders heißen Tagen der Abdruck seines Hinterns zu erkennen war sobald er sich wieder aufrichtete. Wie ein Fingerabdruck, nur eben mit seinen Arschbacken. Es bedeutete das er endlich daheim angekommen war. In seinem neuen Haus, mit englischem Vorgarten, einer Doppelgarage und rund zweihundert Quadratmetern Wohnfläche. Das ist ganz schön viel für nur eine Person und das war vielleicht auch der Grund weshalb er sich in der Anfangszeit nicht so wohl darin fühlte. Aber jetzt konnte er loslegen. Und wie er das tat.
Er stellte sich eine Flasche feinsten Single Malt Whiskey bereit, zündete sich seine Zigarre an und dachte drauflos. Und wie die Gedanken zu fliegen begannen…ja, sie erreichten beizeiten rekordverdächtige Geschwindigkeiten. Ein stetes auf und ab. Er verknotete seine Gedanken und versuchte sie wieder zu entwirren. Das machte ihm am meisten Spass, denn das so gelöste Konstrukt brachte ihm ein wohliges Gefühl, welches ihm Schauer über den Rücken jagte und Hitzewallungen bescherte. Er beschleunigte noch einmal und als er dann fast dabei war die Schallmauer zu durchbrechen, wurde ihm schwindelig und er stellte das Whiskeyglas beiseite bevor der große Knall kam.
Dann legte er sich flach auf den Boden und nüchterte bis zum nächsten Morgen auf einer Art Wollteppich aus. Gerade so flauschig, das es noch angenehm zu liegen war, jedoch hart genug um nicht weiterhin Gedankenkarussell zu fahren und womöglich das frisch eingerichtete Studio mit Kotze zu tapezieren. Das machte er schon seit längerem so. Früher hatte er sich nach einem Vollrausch immer in sein Bett mit mittelweicher Matratze gelegt und einen Fuß rausgehängt. Das klappte am Anfang noch ganz gut. Jedoch, nachdem er sich dazu verpflichtet fühlte, nach einigen Nächten das Bettlaken und den Bezug zu wechseln, weil er morgens nicht in seinem eigenen Erbrochenen aufwachen wollte, kam ihm die Idee die Nächte auf dem Fußboden zu verbringen. Das war einige Zeit noch etwas gewöhnungsbedürftig und letztlich hatte er dann den Einfall mit dem Studio und dem Wollteppich. Was hervorragend funktionierte.
Er wurde morgens immer mit einem kitzeln in der Nase geweckt, reckte sich, streckte sich und kontrollierte die Flasche Whiskey. Sie war zumeist bis auf den letzten Tropfen geleert. Er stellte sie zu den anderen Flaschen in seine Abstellkammer die er extra dafür vorgesehen hatte. Der Raum war inzwischen zu einer stattliche Sammlung Altglas angewachsen. Alles gute Jahrgänge. Und sie hatten ihm zu einigen Höhen und Tiefen verholfen. Der Vorteil, wenn man sich in den eigenen vier Wänden alleine betrinkt, besteht ja darin, dass man den Rausch völlig ohne äußere Einflüsse wahrnimmt. Und damit entfaltet er seine ganze eigene Wirkung. Wenn der Raum, in dem das grosse Trinken stattfindet dann auch noch schallisoliert ist und man mucksmäuschenstill ist, kann alles und auch nichts passieren. Meist passiert jedoch nichts. Zumindest nicht für Außenstehende. Hätte man jedoch die Möglichkeit einmal in die Gedanken eines sich so betrinkenden Individuums zu sehen, wäre man wahrscheinlich gleichermaßen abgestoßen und fasziniert. Überhaupt war es für ihn wichtig, die Leere in seinem Kopf mit Raum zu füllen. Mollig warm sollte es sein, ein wenig trübe vielleicht. Aber nicht so, dass man die Hand vor dem eigenen Auge nicht mehr erkennen konnte.
Er kam dem Gefühl immer näher, je mehr Tage ins Land zogen und je mehr Whiskey er trank. Jedoch sollte alles einmal ein Ende haben. Und als er dann eines Tages einmal nicht mehr durch das Kitzeln des Wollteppichs geweckt wurde, da er in der Nacht an einem Magendurchbruch verstarb, hatte er letztlich im Jenseits vielleicht genau wieder die Leere gefunden, die er im Diesseits in seinem Kopf immer zu füllen glaubte.
Vielleicht war er dadurch gar nie gestorben.
Vielleicht hat er aber auch nie wirklich gelebt...
 

Oben Unten