das Tier

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Lastro

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das Tier

Nur das Hinterteil und der Schwanz daran sind sichtbar. Der Rest versteckt sich. Dort, gegenüber, hinter der rückwärtigen Hausecke des Gehöftes. Hartmut ist seltsam zumute, denn es kommt ihm fremd vor. Nicht, weil er es sofort als nicht zum Dorf zugehörig erkennt, wie einen zugelaufenen Ziegenbock oder ein Schaf. Nein, er kennt diese Art Tier überhaupt nicht. Das ist ihm schlagartig klar, obwohl er dort nur das hintere Ende sieht. Wer weiß, was das Vorderteil so zu bieten hat. Krallen und scharfe Zähne unter Umständen. Wenn man ein Tier nicht kennt, sagt einem auch keine Erfahrung, ob es ein friedlicher Zeitgenosse ist oder eher zur angriffslustigen Sorte gehört. Hartmut fühlt sich unsicher. Das Tier ist mittelgroß, es ginge ihm ungefähr bis zur Hüfte, schätzt er. Ähnlich wie ein Hund hat es kurze, hellbraune Haare und einen langen, buschigen Schwanz, der geschwungen nach hinten wegsteht.

Das unbekannte Biest scheint sich an die Hausecke zu lehnen, als ruhe es sich für einen Moment aus. Vielleicht juckt ihm ja auch das Fell, und es scheuert sich an den Mauersteinen, kommt Hartmut in den Sinn. Das wäre ja ganz normal in dieser Gegend. Die Viecher fangen sich schon mal Zecken ein. Sie kratzen sie weg oder rubbeln sie an rauen Steinen kaputt. Manchmal wälzen sie sich deswegen auch im Staub. Das machen Tiere so. Es sei denn, ein Mensch hilft und durchsucht ihnen das Fell nach diesen Blutsaugern. Hartmut macht das öfter mit Mimi. Das ist ihre Katze. Sie mag das gern und schnurrt dabei behaglich. Er zieht ihr die Zecke raus, und auch Hartmut spürt sofort ein Gefühl der Erleichterung. Fast so, als hätte ihm selber die Zecke im Fell gesessen, das er, so bedauert er mitunter, leider nicht hat.

Ab und zu fängt sich auch selber so einen Blutsauger ein. Meist, nachdem er durchs Gebüsch gekrochen ist, auf der Suche nach Pilzen vielleicht, oder um ein verirrtes Lamm herauszuholen. Die Zecke zieht ihm gewöhnlich seine Frau Elfriede mit einer Pinzette heraus, eine Lupe vor dem Auge, damit sie das winzige Monster besser sehen kann. Zuerst wird es mit Öl betropft. Das schmeckt ihm nicht, und es lässt sein Opfer los. Der Rest ist einfach. Es ziept nur ein bisschen, nicht so schlimm, und die Zecke hängt an der Pinzette.

Was für ein Vieh mag das da an der Hausecke bloß sein? Wenn er vorsichtig vor dem Haus nach rechts ginge, könnte er vielleicht zur Rückseite schleichen und aus der anderen Richtung auf das Tier zukommen. Dann sähe er es von vorn. Es würde ihn dann aber ebenfalls sehen. Das wäre nicht gut. Er hat Bammel. Sozusagen Respekt aus Erfahrung. Nicht jeder Hund ist freundlich und Ziegenböcke sind manchmal unberechenbar. Vielleicht ist es eine unbekannte Hundesorte, ein streunender Köter, ein entlaufener. Und wenn der bissig wäre, hätte er schlechte Karten. Die haben einen ruckzuck an der Wade. Da hat man keine Chance. Die sind immer schneller. Er bleibt besser erstmal, wo er ist.

Er könnte auch einen Stein werfen, der das Tier aufschreckt. Dann würde es sich bewegen. Aber, nein! Vermutlich würde es dann ganz hinter dem Haus verschwinden und er würde nie erfahren, was es ist. Käme es aber auf ihn zu, könnte er schnell hinter der Tür verschwinden, von der aus er gerade späht.

Da hat doch eben der Schwanz gezuckt. Vielleicht lauert es ja auch einer möglichen Beute auf und steht deswegen so still. Wie ein Fuchs, der starr wie eine Steinsäule eine Maus anvisiert, um sie dann plötzlich mit einem Satz zu erhaschen. Aber so lange lauert kein Fuchs. Füchse haben auch rote Haare oder ein rötlich braunes Fell. Und kürzere Beine. Der Schwanz könnte aber hinkommen. Bis auf die Farbe.

Hartmut wird unruhig. Eigentlich hatte er ja vor, seinen Sohn Olaf im Dorf zu besuchen, wegen der Geburtstagsfeier. Und nun steht er hier wie angewurzelt, genauso wie das Tier gegenüber, wie verhext.

Aha! Das ist es. Das Tier hat ihn verhext, ihn selbst steif werden lassen. Durch einen Zauber. Es kann vorkommen, dass Zauberer eine Tiergestalt annehmen. Wie es wahrscheinlich mit der Echse im alten Brunnen der Fall war. Dann hat man Pech, weil man nicht weiß, dass das Tier ein verwandelter Zauberer ist. Der macht sich dann einen Jux daraus und treibt mit einem Schabernack, wie er Lust und Laune hat, und man ahnt nicht, dass man der Hampelmann ist. Womöglich lässt er einen ganz verschwinden, wie die Echse neulich sich selber.

Dieser Gedanke lässt ihn innerlich verstummen, für einen Moment. Er fühlt sich zunehmend unwohl. Was sollte er machen, wenn es tatsächlich so wäre? Er überlegt. Besser, er verhält sich auf keinen Fall so, wie das Tier dort es tut und ihn damit angesteckt hat. Er sollte auf jeden Fall nicht so regungslos dastehen. Er könnte die Schultern bewegen. Das macht kein Geräusch und ist trotzdem eine Bewegung. Er zuckt mit den Schultern. Erst mit der linken, danach mit der rechten. Tatsächlich. Es funktioniert! Er ist wahrscheinlich doch nicht verhext, stellt er erleichtert fest.

Aber vielleicht hat das Tier ja auch mit seinen Schultern gezuckt. Das kann er von der Tür aus ja nicht sehen. Wenn er hier stehenbleibt, kommt er mit der ganzen Angelegenheit irgendwie nicht weiter. Das macht ihn unwirsch. Dieses Tier dort drüben hält ihn davon ab, den Tag zu beginnen. Er steht hier immer noch herum und kommt nicht vom Fleck. Hartmut macht einen vorsichtigen Schritt nach vorn. Dann noch zwei. Dort gegenüber rührt sich nichts. Auch kein Piepsen oder Fauchen oder Bellen oder so etwas Ähnliches ist zu hören. Stille. Mit einem klammen Gefühl verlässt er sein Haus und geht auf der Dorfstraße in Olafs Richtung. Dabei schaut er über die Schulter zurück, jederzeit bereit loszulaufen.

Und dann ist es plötzlich weg. Wie weggezaubert. Er bleibt stehen. Soll er nachschauen gehen? Doch es könnte dort aus einem Versteck heraus auf ihn lauern, in geduckter Haltung. Wahrscheinlich hat es gemerkt, dass es beobachtet wird. Tiere haben ein Feingefühl für so etwas. Oder soll er weitergehen? Tapfer geht Hartmut die Dorfstraße hinunter, als ob nichts wäre.
 

hein

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Hallo Lastro,

schöne Geschichte, irgendwie bin ich ein wenig enttäuscht: die ganze Zeit habe ich darauf hingefiebert was es denn wohl ist, und dann dieses Ende.

Außerdem: Hartmut ist doch offensichtlich ein Bauer. Der verläßt seinen Hof nicht wenn er in der Nähe ein Untier vermutet, das möglicherweise seinen Tieren gefährlich werden könnte. Er würde sich mit einem Knüppel oder einer Forke bewaffnen und nachsehen.

LG
hein
 

Lastro

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Hallo hein,

da weist du mich auf eine Lücke für die Leser hin, die ohne Kenntnis des Zusammenhanges nicht zu füllen ist.
Die Geschichte ist aus einem Buch, das ich gerade überarbeite.
Hartmut ist darin kein Bauer, sondern der Bürgermeister des kleinen Dorfes und betreibt keine Landwirtschaft.
In der Entstehung war es übrigens zuerst das Teil eines Schaukelpferdes, das er ängstlich als unbekanntes Tier identifiziert.
Schön, dass sie dir gefällt.

Danke für die Sternchen und dein Interesse!
Lastro
 

Tissop

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Lieber Lastro,

gut gefallen mir die Verdichtung deiner Handlung und das offene Ende der Geschichte. Alles in allem habe ich sie so gerne gelesen, dass fünf Sterne dafür sein müssen. Wünsche dir eine schöne Nacht.
Tissop
 

Lastro

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Hi Tissop,

freut mich sehr, dass sie dir gefällt.
Es hat mir auch sehr viel Spaß gemacht, die Geschichte zu schreiben!

LG Lastro
 

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