Das Vorstellungsgespräch

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Um 10.00 Uhr sollte das Vorstellungsgespräch stattfinden. Ellie sah prüfend in den Spiegel: Sie war gut angezogen, die weiße Bluse war weder zu sportlich noch zu festlich, der schwarze Rock war weder zu lang noch zu kurz und nicht sexy. Hoffentlich nicht! Sie entschied sich für die Stiefel mit den ganz flachen Absätzen. Nur nicht den Eindruck erwecken, mit femininen Reizen punkten zu wollen! Sie fuhr sich noch einmal mit dem Kamm über die Haare und überprüfte das dezente Make-Up. Alles in Ordnung, eigentlich alles perfekt. Aber natürlich ließ sich die Nervosität nicht abstellen. Man hatte ja nicht alle Tage ein Vorstellungsgespräch als angehende Architektin.
„Ellie, kommst du?" Patrick saß bereits beim Frühstück und las die Zeitung. Sie ging auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Sorry, ich kann dich nicht küssen, mein Make-Up...."
Patrick lachte. „Klar. Aufgeregt?"
„Und wie."
„Das glaube ich. Aber setz dich erst mal hin und trink deinen Kaffee."
„Aber nur Kaffee. Sonst krieg ich nichts runter."
Sie setzte sich an den Tisch, schenkte sich eine Tasse Kaffee ein und nippte zögerlich daran. Vielleicht würde man ihr beim Vorstellungsgespräch welchen anbieten, dachte sie. Wenn das Gespräch gelaufen ist und man eingestellt worden ist, dann bieten sie einem doch eine Tasse Kaffee an. Oder vorher? Mein erstes Vorstellungsgespräch und ich denke über Kaffee nach....Ich sollte mir lieber nochmal meine Antworten überlegen.
Hastig stürzte sie den Kaffee hinunter und stand auf. „So, ich muss weg. Drück mir die Daumen."
„Mach ich." Patrick sah nur flüchtig von seiner Zeitung auf.
Du hättest auch sagen können, dass ich gut aussehe, dachte Ellie indigniert. Hast mich jetzt ja nicht mal richtig angesehen. Aber gut, das schaffe ich auch so.

Das Schild vor dem Büroeingang war in schlichtem Weiß gehalten, mit Buchstaben auf schwarzem Grund. Es gefiel ihr. „Jäger und Diehmer, Architekten" verkündete es. Ellie klingelte, wurde hereingelassen und gleich von der Sekretärin ins Büro geführt.
„Das ist Frau Gleinert", stellte die Sekretärin sie dem Mann, der hinter dem Schreibtisch saß, vor. Er stand auf und schüttelte ihr die Hand. „Mein Name ist Diehmer. Setzen Sie sich doch." Er wies mit der Hand auf einen Stuhl. Die Sekretärin verließ das Zimmer. Ellie setzte sich. Bildete sie es sich ein, oder starrte ihr der Typ in den Ausschnitt? Wenn, hatte es jedenfalls nur einige Sekunden gedauert. Jetzt schaute er ihr ins Gesicht.
„Wir haben Sie eingeladen, weil wir sehr daran interessiert sind, dass Sie für uns arbeiten", begann er. „Erzählen Sie doch einmal, was Sie von dieser Arbeit erwarten und warum Sie sich ausgerechnet bei uns beworben haben."
Ellie hatte mit solchen Fragen gerechnet und sich entsprechend vorbereitet. Es ging einfacher, als sie dachte. Nach einer Viertelstunde klopfte es an der Tür und der andere Architekt kam herein. „Jäger", stellte er sich vor und schüttelte ihr die Hand. Verflixt, starrte auch er ihr auf den Ausschnitt? Eindeutig, genau wie der andere vorhin. Aber auch bei ihm dauerte dies nur wenige Sekunden. Das Gespräch lief flüssig weiter. Schließlich wurde Ellie mit den Worten: „Sie hören von uns" entlassen.

„Na, wie war es?" fragte Patrick, kaum dass sie zuhause zur Tür hereingekommen war.
„Das Gespräch war gut. Aber ich weiß nicht, ob ich da arbeiten will. Die haben mir beide in den Ausschnitt gestarrt. Machos!"
„Oh!" Patrick sah sie betroffen an, dann brach er in Lachen aus. „Sieh dir mal selbst in den Ausschnitt!"
Ellie rannte vor den Spiegel. Und da sprang er ihr entgegen, prangte auf ihrer weißen Bluse, auf der linken Brust: ein fast kreisförmiger, auffallender Kaffeefleck.
 
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ThomasQu

Mitglied
Hallo Frau Delfine,

als im Text erwähnt wird, dass Ellie zum Frühstück nichts essen, sondern nur Kaffee nehmen möchte, ahnt man schon, worauf alles hinausläuft. Versuch doch mal, in dieser Frühstücksszene das Wort Kaffee zu vermeiden. Dieses Wort kommt sowieso ein wenig zu oft vor.
Ich glaube, du solltest auch ganz grundsätzlich bei all deinen Geschichten auf die Wortwiederholungen achten.
In der zweiten Zeile wäre elegant anstatt festlich möglicherweise das bessere Adjektiv.

Grüße, Th.
 

Ruriro

Mitglied
Hallo SilberneDelfine,

ich kann jetzt nicht behaupten, dass ich den Dreh direkt durchschaut hätte - ich musste lachen, als ich bei der Auflösung angekommen war! Allerdings stimmt es natürlich, dass der Kaffee sehr prominent ist. Andererseits kann ich mich da gut einfühlen, mir würde es wahrscheinlich ähnlich gehen und die Wiederholungen wirken so nicht lästig sondern sehr natürlich.
Festlich und elegant würde ich aber auch tauschen.

Liebe Grüße!
 
Hallo ThomasQu,

. Ich glaube, du solltest auch ganz grundsätzlich bei all deinen Geschichten auf die Wortwiederholungen achten.
Du hast wohl recht. Ich wollte hier allerdings besonders auf den Kaffee aufmerksam machen, das war wohl zuviel des Guten. Bei der nächsten Geschichte werde ich dran denken.

In der zweiten Zeile wäre elegant anstatt festlich möglicherweise das bessere Adjektiv.
An "elegant" hatte ich gar nicht gedacht. Danke für den Tipp!

Hallo Ruriro,

freut mich, dass du lachen musstest! :)

Danke euch beiden für euer Feedback!

LG SilberneDelfine
 

hein

Mitglied
Hallo SilberneDelfine,

für mich wäre letztlich nicht der Fleck relevant sondern die Frage, ob sie die Stelle trotzdem bekommen hat oder nicht.

So in etwa als letzten Satz: "Einige Tage später erhielt sie die Zusage/Absage".

LG
hein
 
Liest sich ausgesprochen flüssig, das schätze ich besonders, Delfine. Nein, ich habe vorher nicht geahnt, woran das Starren liegen kann. Richtig, dass das Wort "Kaffee" im ersten Teil zu oft vorkommt, andererseits ist es richtig, eine Spur zu legen. Also den Kaffee dort statt sechsmal vielleicht nur dreimal erwähnen. Der Schluss ist tatsächlich etwas knapp. Passen würde dazu am ehesten eine Absage, verbunden damit, dass dieses negative Ergebnis auf den Kaffeefleck geschoben wird.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
Lieber hein,
Lieber Arno,

vielen Dank für eure Antworten und eure Bewertungen.

Ich habe mit dem Schluss hier etwas ausprobiert. Wie ihr vielleicht schon wisst - ich habe es ab und an mal erwähnt - beschäftige ich mich immer wieder mal mit Büchern über kreatives Schreiben. Was mir besonders gut gefallen hat, ist das Buch: „Kurz und gut schreiben" von Roy Peter Clark. Unter anderem wird darin eine Übung empfohlen, auf ein Wort oder ein Satzfragment hin zu schreiben, das am Ende stehen soll, um Zielgenauigkeit zu üben. Die Strategie wird im Buch im Kapitel "Treffen und Versenken" beschrieben. Ich wollte das ausprobieren und hier auf die Worte "ein Kaffeefleck" hin schreiben. Deswegen dieser Schluss.

Aber ein Ende wie von euch vorgeschlagen wäre auch nicht schlecht, vor allem, wenn die Absage auf den Kaffeefleck geschoben wird. Allerdings nicht vom Chef der Firma ;) ich glaube, heutzutage wird als Absagegrund höchstens erwähnt: "Wir haben uns für einen anderen Bewerber entschieden."
Höchstens Patrick oder Ellie selbst könnten die Absage dann auf den Kaffeefleck schieben.

LG SilberneDelfine
 
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Ji Rina

Mitglied
Hallo SilberneDelfine,

An einen Kaffeefleck habe ich keinen Moment lang gedacht und bin am ende des Textes damit überrascht worden.
Das Wort Kaffee ist mir jetzt nicht so stark, als Wiederholung aufgefallen. Eher vielleicht das “war weder”.
Habs unten nochmal hinzugefügt. Aber da niemand sonst es erwähnt hat; ist’ s vielleicht gar nicht so auffällig, wie es mir beim lesen vorkam.
Mit Gruss,
Ji

Um 10.00 Uhr sollte das Vorstellungsgespräch stattfinden. Ellie sah prüfend in den Spiegel: Sie war gut angezogen, die weiße Bluse war weder zu sportlich noch zu festlich, der schwarze Rock war weder zu lang noch zu kurz und nicht sexy. Hoffentlich nicht! Sie entschied sich für die Stiefel mit den ganz flachen Absätzen. Nur nicht den Eindruck erwecken, mit femininen Reizen punkten zu wollen! Sie fuhr sich noch einmal mit dem Kamm über die Haare und überprüfte das dezente Make-Up. Alles in Ordnung, eigentlich (--->Nicht nötig) alles perfekt.

Um 10.00 Uhr sollte das Vorstellungsgespräch stattfinden. Ellie sah prüfend in den Spiegel: Sie war gut angezogen, die weiße Bluse war weder zu sportlich noch zu festlich, der schwarze Rock weder zu lang noch zu kurz, auch nicht zu sexy.
 
Hallo Ji Rina,

danke für deinen Kommentar! Schön, dass dich das Ende mit dem Kaffeefleck überrascht hat.

Das "weder noch" sollte darauf hinweisen, dass Ellie sehr genau darauf achtet, dass alles im richtigen Maß gehalten ist und sie mit dem Outfit keinen Fehler macht, deswegen hatte ich es wiederholt geschrieben. Aber ich glaube, du hast recht, das hätte man auch anders lösen können.
"Eigentlich" ist unnötig, stimmt.

LG SilberneDelfine
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Silberne Delfine,

eine kleine feine Geschichte mit Lacheffekt! Habe ich gern gelesen.

Nur die Sache mit dem Ausschnitt will mir nicht so recht einleuchten. In der Beschreibung der Kleidung heißt es:



Über einen eventuellen
Sie war gut angezogen, die weiße Bluse war weder zu sportlich noch zu festlich, der schwarze Rock war weder zu lang noch zu kurz und nicht sexy.
Über einen Ausschnitt der Bluse erfährt der Leser nichts. Ich stelle mir hier eine normale Hemdbluse mit durchgehender Knopfleiste vor, der oberste Knopf geöffnet.

Später heißt es

Bildete sie es sich ein, oder starrte ihr der Typ in den Ausschnitt?
Der Mann starrt ihr IN den Ausschnitt. Aber in welchen? Gibt ja vorher keine Beschreibung. Wenn er dorthin starren kann, müsste der Ausschnitt ja doch ein bisschen etwas hergeben. :)


Verflixt, starrte auch er ihr auf den Ausschnitt?
Der nächste Mann starrte dann AUF den Ausschnitt. Wie soll ich mir den Ausschnitt nun vorstellen? Klein, groß ... ? Verwirrend.


Und da sprang er ihr entgegen, prangte auf ihrer weißen Bluse, auf der linken Brust: ein fast kreisförmiger, auffallender Kaffeefleck.
Am Schluss die Auflösung: Der Fleck hat nichts mit einem Ausschnitt zu tun, sondern er ist direkt auf der linken Brust. Das würde ja bedeuten, die Männer haben eher direkt auf die Brust gestarrt. Was noch unangenehmer als in den ominösen Ausschnitt wäre.

Vielleicht kannst Du hier Klarheit schaffen. Entweder die Bluse eindeutiger beschreiben oder erzählen, dass die Männer eher direkt auf ihre Brust starren.

Die Sekretärin hatte auch Tomaten auf den Augen. :)

LG

DS
 

ThomasQu

Mitglied
Hallo Frau Delfine!

Jetzt noch mal zur Vorhersehbarkeit:
Als du die weiße Bluse angesprochen und danach mit Nachdruck auf den Kaffee aufmerksam gemacht hattest, roch ich sofort Lunte.
Aber schön, dass es all den anderen Lesern nicht so erging.
Trotz all der Kritik eine gute Geschichte, das hatte ich anfangs vergessen zu erwähnen.

Grüße, Th.
 
Vielen Dank, Thomas, das Kompliment freut mich! :)

Hallo Doc Schneider,

"auf den Ausschnitt" ist natürlich falsch, das sollte hier auch "in den Ausschnitt" heißen, das ist ein Tippfehler.
Aber bei uns meint man, wenn man sagt "in den Ausschnitt" schauen, auf die Brüste schauen. Ich wollte aber auch nicht schreiben: "Verdammt, starrte er ihr etwa auf die Brüste", weil das irgendwie so nach Erotik geklungen hätte, ich wollte mich dezenter ausdrücken und die Dinge nicht so rabiat beim Namen nennen.

.Die Sekretärin hatte auch Tomaten auf den Augen. :)
Vielleicht hat sie sich klammheimlich ja drüber gefreut.... Aber ich würde mir als Sekretärin auch nichts anmerken lassen, wenn mir so etwas auffallen würde.

Danke für deinen Kommentar!

LG SilberneDelfine
 
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