das war im August

Flori

Mitglied
Die Quiz-Show
„Welche der folgenden Städte liegt nicht am Meer?“ Als ich die Frage hörte zuckte es in meiner Oberlippe, das klang wirklich leicht. Obwohl, bei Halifax war ich mir nicht ganz sicher. „Das is leicht“ knurrte ich trotzdem und die Mädchen stimmten mir lachend zu- das war schön.
Die Kanidatin, deren Gesicht in Großaufnahme ständig mit dem des Moderators wechselte, schien aber von Küstenstädten wenig Ahnung zu haben. Schon bei Königsberg kam sie ins Stocken.
„Besonders helle is´ die auch nicht“ ,kommentierte ich und sah die Mädchen von der Seite an. Die Couch auf der wir saßen war weich, so dass wir alle in einer großen Kuhle eingesunken waren. Ein Scherzwort ergab dabei das andere und wir lachten. Tanja, die mir am nächsten saß, bekam davon richtige Grübchen. Die Fernsehkanidatin dagegen hatte vor lauter Grübeln Falten auf der Stirn. Dabei wusste doch jeder von uns, dass Split an der Adria lag. Daß weiß doch jeder, oder? Wir waren uns jedenfalls
einig.
Es machte Spaß klug zu sein. Als die Kanidatin endlich mit schweißigem Gesicht ihre Antwort abgab- die falsche natürlich- da waren wir auf dem Sofa die Gewinner. Ich glaube jeder von uns hob den Kopf etwas, als wir uns überlegen anlächelten. Mädchen können schön lächeln! Nicht so gequält, wie die Großaufnahme dieser glücklosen Quizshowkandidatin. Marseile eine Binnenstadt, wir grienten auf unserer Couch. Der Fernseher flimmerte.
Als aber die Kamera in die Totale zoomte um den Händedruck von Moderator und seiner Kandidatin im Rollstuhl zu zeigen, waren diese beiden die Einzigen die noch lächelten. Es war immer noch dieselbe Kandidatin, Marseile war immer noch der wichtigste Hafen in Frankreich, doch keiner lachte mehr. Keiner sagte etwas. Auf einmal war es unangenehm eng in der warmen Couchkuhle. Ich grübelte nach einer klugen Bemerkung die in die Stille gepasst hätte, doch mir viel nichts ein.
 
S

Sansibar

Gast
Hallo und guten Morgen Flori,
du beschreibst sehr schön die Peinlichkeit und Überheblichkeit, die den einen oder anderen bei diesen Schow´s glauben machen: Hach, ich bin ja sooo viel gescheiter. Vor dem Fernseher wissen wir alle auch mehr. Wenn du einmal in einem Studio warst, bekommst du erst richtig mit, wie anders und wie anstrengend die äußerliche Situation für den Kandidaten ist.Für meine Person habe ich es beantwortet: Ich könnte da nicht sitzen.
Gruß und einen schönen Quizabend!
Sansibar aus Sansibar
 

Elli K.

Mitglied
Integration

Hallo Flori!
Der Meinung von Sansibar kann ich mich uneingeschränkt anschließen.
Was ich jedoch nicht nachvollziehen kann: Wieso spielt es eine Rolle, ob die verlierende Quizkandidatin im Rollstuhl sitzt? Macht sie das per se zu einem besseren, nicht-kritisierbaren Menschen oder ist ihr ein "Versagen" in einer Fernsehsendung moralisch nicht zuzumuten? Ich gehe davon aus, daß die Frau da freiwillig hingegangen ist, auch auf die Gefahr hin - wie fast alle Kandidaten - nicht die Million mit nach Hause zu nehmen und sich evtl. wegen eines Blackouts bei einer einfachen Frage zu blamieren.
Für mich sind wir von einer wirklichen Integration behinderter Menschen noch sehr, sehr weit entfernt, wenn es zu solchen, von dir beschreibenen Reaktionen kommt. Wozu die Betroffenheit? Wem ist mit Behinderten-Bonuspunkten gedient? Die Frau hat sicherlich in ihrem Alltag mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, die ein Nichtbehinderter so nicht hat. Aber gerade ihr Mut zu einem Auftritt in der Sendung zeigt doch, daß sie "normal" ist und so "normal" wie möglich lebt. Und dazu gehört eben auch, mal ein Spiel zu verlieren. Ihr wird diese "Normalität" von uns Nichtbehinderten jedoch verwehrt, wenn wir sie lediglich mit Mitleid betrachten.
Ich weiß nicht, ob deine Geschichte eine Reaktion auf eine tatsächlich ausgestrahlte TV-Sendung ist oder Fiktion. Für meinen Kommentar spielt das keine Rolle.
Denk mal drüber nach.

Beste Grüße
Elli
 

Flori

Mitglied
ja äh

hallo elli, ich möchte dir gern auf deine gedanken eine reaktion zukommen lassen.
also erstens möchte ich sagen, daß es mir bei der geschichte nicht um die frau im rollstuhl ging, sondern um mich und meine bekannten. Du hast natürlich recht, daß jeglichen randgruppen auch mit einer positiven diskrimminierung nicht geholfen ist, das ist eigentlich auch meine meinung. Aber jenseits von der meinung, die man sich durch bewusstes überlegen bildet, sozusagen der rationalen meinung, gibt es noch die irrationale. es ist ein armutszeugniss für uns menschen, aber wenn wir einen fremden im rollstuhl sehen, einen farbigen ( solange es nicht die eigene hautfarbe ist) oder einen kleinen mann mit einer großen frau, immer wenn uns so etwas begegnet, ist der erste impuls des menschen "da stimmt etwas nicht". marg der mensch auch noch so aufgeklährt denken, mag er auch dem entsprechend handeln (und er tut gut daran) es bleibt doch immer dieser unterbewusste eindruck von fremdheit. genau diesen impuls habe ich versucht zu beschreiben, der ich erzähler ist ganz mit seiner alltagswelt, mit seinen wünschen beschäftigt, dann spührt er unvermittelt diesen kulturellen refelex. ich finde dass man sich solche unbewussten vorurteile bewusst machen muss, damit man sie bekämpfen kann.
ich bin gespannt ob du das einleuchtend findest!
dein (unser aller) flori
 

 
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