Das war real

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Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Am 11. September
kam ich von der Arbeit heim, wie immer.
Ich stieg aus der Straßenbahn aus, wie immer.

Die Anschlussbahn näherte sich.

"Einen CD-Player könnte ich kaufen!", fiel mir ein.
Ich lief über die Straße.
Die Tür zu Karstadt.
Die Rolltreppe hoch.
Die Elektronik-Abteilung.

Alle Fernseher zeigten einen SF-Film.

Ohne Ton.

Ein Fernseher am anderen.

Dort:
Ein Diskman am anderen.
Ein passender?
Ja, den.
Der kann auch MP3.

In den Fernsehern Qualm.
Es schien eine Antiutopie zu sein.
Ein Flugzeug prallte in ein Hochhaus.

Gute Tricks, dachte ich.

Immer mehr Menschen standen vor der Fernsehwand.
Überall Qualm.

Mehr und mehr Menschen.

Was ist es für ein Film?

Ich ging zur Kasse.
Langsam dämmerte es mir.

Das war real.
 
Bernd, du zeichnest hier den Prozess der allmählichen Erkenntnis des Realitätsgehalts gut nach. Unter anderen Voraussetzungen und in anderer Umgebung lief es strukturell in meinem Kopf auch ungefähr so ab. Ich war mit meinem Freund im Schwarzwald auf Urlaub, den Tag hatten wir getrennt verbracht. Als ich in die Ferienwohnung zurückkam, war er schon da und der Fernseher lief, mit den seither nur zu bekannten Bildern aus New York. Mein erster Gedanke: Muss er sich denn dieses Zeug gerade im Urlaub ansehen? Dann wollte ich wie üblich etwas von meinem Tag berichten, wurde aber dringend zum Schweigen aufgefordert. Und genau das machte in mir der Theorie vom üblichen Katastrophenfilm im Nu den Garaus. Es handelte sich also nicht um Unterhaltung? Das war wie eine Schockwelle im Gehirn.

Heute würde in vergleichbarer Situation wohl kaum noch einer innerlich so reagieren wie wir damals. Das allein zeigt schon den historischen Wandel an.

Arno Abendschön
 
S

Summoning Phantom

Gast
Das sind die eindeutigsten, nicht verschachtelten Sätze die ich von Bernd jemals las.
(okay "eindeutig" hat keinen Superlativ anscheinend)
Ich kam damals von ein paar Kumpels nach Haus und schaute mir das bei RTL an, schon früh bemerkte ich dass da ein Personalausweis eines Terroristen im Schutt in New York lag.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Entstanden ist das Gedicht, weil in einer Fernsehrunde behauptet wurde, dass man noch wisse, was man damals gemacht habe.
Und es stimmt. Vieles ist im Gedächtnis eingebrannt.

Im Gedicht habe ich es ein klein wenig vereinfacht und mich auf Wesentliches konzentriert.
 
S

Summoning Phantom

Gast
Ich hab mal die 1. Folge der Serie "24" gesehen,

die wurde im November 2001 ausgestrahlt. In der 1. Folge wird ein Flugzeug durch eine Terroristin in die Luft gesprengt. Ziemlich heikle Sache, glaub ich, damals.
Damals wurde ebenfalls gesagt, so ein schreckliches Ereignis, da wird es niemals einen Film o. ä. darüber geben. aber schon ein paar Jahre später kam der 1. Film.
Kritik an der Gesellschaft kann sich an dieser Stelle jeder selbst dazudichten.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Es war nicht lange vor dem Anschlag ein Katastrophenfilm mit Terroristen angekündigt. Der wurde dann abgesagt oder verschoben.
 

Mondnein

Foren-Redakteur
Teammitglied
Das sind die eindeutigsten, nicht verschachtelten Sätze die ich von Bernd jemals las.
vielleicht:
Das sind die eindeutigsten, nichtest verschachteltesten Sätzte die ich von Berndst jemalst last.
Welchen Bernd meinst Du eigentlich? Den Autor dieses Gedichts kannst Du kaum gemeint haben, oder Du hast in seinen tausend Gedichten vor langer Zeit, als ich noch nicht dabei war, etwas gelesen, das Du nicht begriffen hast, weil es "zu verschachtelt" war?? Kann ich mir nicht vorstellen.

Es muß ein anderer "Bernd" gemeint sein, eindeutigst.
 
S

Summoning Phantom

Gast
ich meine es so wie angegeben.
ich sage nicht dass ich Bernd vorher nicht verstanden habe.
alles hab ich nicht von ihm gelesen, ich glaube Bernd hat auch nicht alles von sich gelesen.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Genau, denn die Werke ändern sich mit gleichen Worten.
Sie gleichen einander, aber sind nie gleich.
 
S

Summoning Phantom

Gast
Ich kenne den Spruch noch so:

"Wir können nicht 2x in den gleichen Fluß springen, weil wir uns verändern und der Fluss auch."

Was wäre Zeit ohne ein Medium, welches Zeit empfindet. Wer will Raum von Zeit trennen.

Für mich war das immer ein Spruch der Hoffnung, dass wir zwar denken können das gleiche zu erleben in unserer eigenen Stagnation, aber im Grunde das Ereignis auch neu betrachten können, ohne Vorurteile.
 


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