de profundis

5,00 Stern(e) 4 Bewertungen

wiesner

Mitglied
de profundis


aus erschöpfter Krone
fällt nun der Baum
in die Tiefe

es wird grau

hinter dem Birkenhain
das Kinderspielen
erstirbt im Unerhörten

und dunkler

er stellt den Einkauf ab
schließt auf und
dreht sich nicht mehr um

dann kalt

das ist der Moment
des Rufens ins leer
gelebte Haus

und still

bloß und einsam
zu speisen
wieder am Tisch

es wird grau

heiterer schon
geht der Kopf mit
in die Waschung

und heller

die Tür fällt zu
dort drüben fährt es los
das Polizeiauto

dann warm

das ist der Moment
den Anhänger zu fassen
an der Halskette



(endgültige Fassung)
 
Zuletzt bearbeitet:

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Béla,

bei "de profundis" denke ich an den Psalm 130.

Dieses Flehen und Steigen aus der Tiefe ist hier beeindruckend dargestellt.
Ein Gedicht, das nachhallt und eine Empfehlung mehr als verdient hat.

Liebe Grüße
Manfred
 

wiesner

Mitglied
Nach mehreren Anläufen und Korrekturen soll diese Fassung endgültig stehen, die Kämpfe um sie waren nicht einfach.
Psalm 130 war selbstverständlich der Urgrund, aber auch Oscar Wilde mit seiner Leidensgeschichte und Georg Trakl mit seiner 'kopfverlorenen' Affäre - oft als Schwesternliebe verharmlost - standen hier zur Seite, jedenfalls atmosphärisch oder gedanklich. Mir war das einfache Texten wichtig als Hinweis auf das Ungeheuerliche und sein Verdachtsmoment gegen einsame Menschen. Aber das Polizeiauto fährt dann doch woanders hin und die Erleichterung mag der Griff zur Halskette zeigen.

Herzlichen Dank an Chandrika und Manfred für das Nachdenken und die schöne Wertung!

Gruß
Béla
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Jetzt habe ich vorhin in der Euphorie doch glatt vergessen auf den Knopf für die Empfehlung zu drücken.

Liebe Grüße
Manfred
 

Ubertas

Mitglied
Lieber Béla,
noch bin ich immer weiter im Lesen deines Gedichts und lese in den letzten Strophen von Schuld, von Hoffnung und Erlösung so, wie ich einen Glauben lese und sein Irren darin. Das setzt es bei mir frei, konzentriert zu dem Moment, den Anhänger an der Halskette zu "fassen".
Ich danke dir für diese endgültige Fassung, jeder Kampf um sie hat sich gelohnt!
Du hast alles, was im Titel liegt, in deine Zeilen gelegt.
Und es überträgt sich unmittelbar.
Ganz großartig. Mir fehlt der Begriff. Ich lese lieber erneut.
Liebe Grüße,
ubertas.
 



 
Oben Unten