dem dichter ist alles dichtung (sonett)

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Mondnein

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[ 4]dem dichter ist alles dichtung


der komponist des alle-welten-schwalls
baut straßenbahn-crescendi vor den tusch
bricht cannyon-kanons durch den hindukusch
zerrauscht im weißen rausch des regenfalls

fünf tausende verschmausten ihn als brot
er schlüpfte in der jungfrau schoß als fisch
das heißt: der herr der zeit wird zeitlos frisch
gezeugt und aufgebäumt - zehn sephirot

die seine namen sind verschweigen still
das was er ist und denkt und spricht und will
in ihrer schrift liest sich die melodie

nur nicht was dichter dichten - davon stirbt
er den sekunden-schlaf und -tod und zirpt
ein grillen-seufz und fällt in agonie
 

Walther

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lb mondnein,

für dieses sonett bedarf es einiger aufklärung, die ich mir selbst verschaffen mußte. :) entweder, du bist ein schlingel, oder du weißt von manchen dingen einfach zu viel.

also: sephirot - ziffer - sphäre: https://de.wikipedia.org/wiki/Sephiroth

nun kann der leser wenigstens weiterrätseln. ;)

lieber gruß W.
 

Mondnein

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10 sephirot

Lieber Walther!
Zunächst zu Deiner Frage: Zuviel wissen kann man nicht (zumal es sehr beliebt geworden ist, unsere Kultur als "jüdisch-christlich" zu bezeichnen, meistens von Leuten, die weder christlich noch jüdisch sind; ich kann aber ein bißchen Hebräisch und kenne den Kabbala-Lebensbaum, der hier mit "aufgebäumt" anvisiert wird; ansonsten meine ich, man muß die griechische Kulturwurzel bei der kulturellen Selbstidentifikation mit-erwähnen).
Also die Alternative: Ich bin ein Schlingel, das stimmt. Denn das ist jeder, der ein antipoetisches Gedicht schreibt und auf diese Weise eine Paradoxie pflegt, die "Rumpelstilzchen-Pointe".
Der Dichter, dem alles Dichtung ist - außer eben dem Zeug, was wir Dichter schreiben - ist der poetische Schöpfer der Himmel und der Erde, der Komponist dieser Symphonie. Ich hätte noch erwähnen können: "dem alles Musik ist - außer eben dem Krach, den wir Komponisten kompostieren", das ist hier mitgemeint. Ich bin nicht der erste, der das schreibt; es steht so, aber viel saftiger ausgedrückt, bei Jakob Böhme (ich sitze und schreibe dies hier in Görlitz) in der "Morgenröte im Aufgang (Aurora)".

Zu den Sephirot und dem Lebensbaum gibts Einiges in meinen zwölf Körben, z.B. in Interpretation der berühmten Jesajah-Stelle, wo einige von ihnen versammelt sind: http://12koerbe.de/phosphoros/jesaja.htm
 

Tula

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Hallo mondnein

JETZT habe ich es auch verstanden, d.h. wenigstens so mehr oder weniger, nachdem ich mir auch den wiki (Danke Walther) durchgelesen habe.

Wieder ein tiefsinniges Gedicht, aber auch schwer zu erarbeiten für jemanden, der in den Weltreligionen nicht so bewandert ist wie Du.

Also jetzt nochmal und gern gelesen. Beim:

baut straßenbahn-crescendi vor den tusch

denke ich nun an die Milchstrasse (?), rein intuitiv; aber da liege ich wahrscheinlich wieder falsch :)

LG
Tula
 

Mondnein

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Straßenbahn

Die Milchstraßenidee für die "Straßenbahn" des Lieds finde ich ganz ausgezeichnet. Sie ist ein guter Beweis dafür, daß der Leser das Gedicht "macht", nicht der angebliche Autor.
Du nimmst es als "Bahn" und als "Straße", und das paßt trefflich auf das himmlische Sternenband.

Ich empfinde die Klangseite, die Musik in einem Lied stark, so daß ich beim Schreiben vor allem an das gedacht habe, was die Orchster treiben: Crescendi, die zu einem Tusch anschwellen. Das verbindet sich mit dem Klanggewebe, Stimmenchaos und den Stadtgeräuschen in diesem Vers, der aus Quietschen, Kreischen, Rauschen, Stöhnen, Ächzen, Rumpeln und einem speziellen flötenartigen Fahrgeräusch zusammengesetzte komplexe Sound der Straßenbahnen. Ich liebe es, die Naturgeräusche und aber auch die technischen Stadtgeräusche und dann auch die Menschenstimmen als großes sinfonisches Geschehen aufzufassen, - viel zu selten von Komponisten eingesetzt.
Das Glanzstück solcher Kompositionen ist "Revolution Number Nine" auf dem weißen Beatles-Album, Seite D (von John Lennon und George Harrison komponiert, 1968).

Das ist viel wichtiger für dieses Gedicht als der Wiki-Artikel über Sephirot, schon allein deshalb, weil das Gedicht selbst die "Sephirot" beschreibt: Sie sind die Namen des unaussprechlichen Gottes, die ihn höchst kunstfertig verschweigen, wie es ihm ja auch angemessen ist. Sie sind die Worte des Gedichts des großen Dichters - sagt das Lied selbst, und nimmt sich am Ende zurück wie Wittgensteins berühmter "letzter" Satz am Ende des Tractatus (das lohnt sich in der Wiki nachzuschlagen): "Wovon man nicht sprechen kann, soll man schweigen".

Kurz: Die Wiki braucht man nicht zum Verständnis dieses Liedes, eher noch offene Ohren für die Musik der Stadt, offene Augen für Landschaftsgefüge, und Dein wunderbares Hineinhören in das Wort "Straßenbahn", um die Milchstraße darin zu finden, das ist es!
Dank Dir dafür!
 

Tula

Mitglied
:)
Dank auch an Dich für die ausführlichen Antworten, so macht es Spaß!

... und gut, dass es den wiki gibt, dort musste ich noch etwas nachschlagen - Revolution Number Nine von den Beatles, interessant...

LG
Tula
 

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