Der 25. Hochzeitstag

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Gherkin

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Das Geschenk zur Silberhochzeit




„Die Kubscharres haben uns zu ihrem 25. Hochzeitstag eingeladen. Ich habe Rita bereits zugesagt. Es wird eine Feier im kleinen Kreis werden, Corona bedingt.“

„Die Kubscharres sind gute Bekannte, aber keine Freunde. Die Silberhochzeit also? Hätte ich nicht gedacht, dass die schon so lange zusammen sind. Was bringen wir denen mit?“

„Das Geschenk muss passen. Es darf nicht zu protzig sein, aber auch nicht zu fimschig.“

„Was in aller Welt bedeutet fimschig?“

„Na, billig eben, peinlich, anrüchig, schlecht, minderwertiger Ramsch, lächerlich...“

„Warum schenken wir denen nicht einen 10er Pack Mund-Nasen-Schutz? In diesen Zeiten sehr beliebt als Mitbringsel.“

„Geht´s noch? Das ist doch kein Geschenk zum Hochzeitstag! Das kannst du zu einer Party mitbringen, als Gag oder so. Aber doch nicht zur Silberhochzeit, Konni!“

„In diesen besonderen Zeiten aber doch. Ich meinte ja nicht die Billig-Masken vom Discounter, ich spreche natürlich nur von der Königin aller Schutzmasken, der FFP3, mit Ventil, die Aura 6322 natürlich, von 3M.“

„Ich möchte das nicht. Wenn ich mit einem 10er Pack Masken komme, werden wir nie wieder von denen eingeladen. Und du weißt sehr wohl, wie gut Rita kochen kann. Rita Kubscharres gebackenes Lammkarree mit Rosmarin ist ein Gedicht. Wünschte, ich hätte nur ein Zehntel ihres Talents!“ (mehr zu sich selbst)

Konrad nickt bedächtig. Seine Frau schaut ihn leicht entrüstet an. Dann sagt der Gatte, um schnell abzulenken:

„Warum nähst du nicht ein paar Schutzmasken für die beiden? Das ist persönlich, das ist wenig Aufwand und kostet nicht viel, ist aber eine große Geste. Nimm dazu vielleicht deinen alten Bikini, in den passt du ja nun wirklich nicht mehr hinein...“ Ein entrüsteter Blick der Ehefrau streift das Gesicht des Gatten, Birgit meint dann kantig:

„Ach ja? Damit sich´s der feine Herr Konrad im Ohrensessel bequem machen und ein Bierchen schlürfen kann, während die Ehesklavin Schutzmasken fertigt? Kein Bedarf, mein lieber Gespons-Kompromiss! Kein Bedarf. Da werden wir schon mal in einige Geschäfte tingeln müssen und uns umsehen. Nach einem richtig guten und dennoch nicht überbordendem Geschenk zur Silberhochzeit. Es sind die Nachbarn, es sind gute Bekannte, aber keine Freunde. Was würde da passen?“

„Gehen wir es in Ruhe an. Budget? Frau Haushaltsvorstand? Budget?“

„Wir geben nicht mehr als 50 - 60 Euro aus. Auf gar keinen Fall mehr... Wären sie gute Freunde, müssten wir 150 - 180 Euro springen lassen. Aber da sie nur äußerst gute Bekannte sind, auf dem Sprung, Freunde zu werden, dereinst, können wir es bei 50 - 60 Euro belassen. Wichtig: Es muss ein Geschenk für BEIDE sein. Sie müssen unbedingt beide Spaß daran haben.“

„Also, das Limit ist gesetzt. Wie gehen wir es an? Ich meine, professionell?“

„Parfümerien und Drogerien scheiden aus!“

„Stop! Dieter Kubscharre nimmt doch diese ultrateuren B 12-Komplex-Vitamine ein. Hochdosiert, mit Depot-Wirkung. Ich glaube, rund 100 Kapseln kosten schon fette 30 Euro. Das hat mir Dieter mal erzählt. Er stöhnte über den satten Preis dieser Vitamin- Präparate. Will aber nicht davon lassen. Behauptet, es täte ihm gut, B 12 zu nehmen. Kaufen wir ihm doch 300 Kapseln von dem Zeug.“

„Und Rita? Ich sagte doch, es muss ein Geschenk für beide sein. Was hat Rita von diesen Kapseln? Die lehnt Nahrungsergänzungsmittel strikt ab.“

„Ruf Rita an. Dann plaudert ihr ein wenig. Dabei wird sie dir, ganz nebenbei, verraten, dass die Kaffeemaschine den Geist aufgegeben hat oder dass sie für den PC eine neue Maus braucht. Du weißt schon... Waffeleisen funktioniert nicht richtig, und die Mikrowelle hat Aussetzer. So etwas. Finde raus, wo es klemmt und zwickt. Und wir kaufen dann entsprechend ein. Fritteuse, ein Gigaset Trio-Haustelefon, analog, oder vielleicht einen Saug- oder Wischroboter...“

„Ich werde Rita nicht anrufen. Die checkt das sofort. Sie wird gleich wissen: Das ist einer dieser typischen Evaluations-Anrufe, das Ausspionieren, was im Haushalt evtl. Fehlt oder defekt ist. Nein, das werden wir nicht machen. Wir müssen uns schon selbst etwas einfallen lassen.“

„Als die zwei bei uns waren, zu Halloween, war Dieter ein wenig betrunken. Erinnerst du dich daran? Er hatte zu viel Schwiegermuttermilch. Ein teuflisches Zeug.“

„Latte di Suocera? Ja, du hast recht. Ein satanischer Kräuterlikör. Ich weiß es noch. 70 %. Dieter brachte ja diese urkomische Socken-Handpuppen-Nummer... Gleich, nachdem er gut die halbe Flasche getrunken hatte. Und, was war nun damals?“

„Er hat mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit geflüstert, dass er gerade mit Rita einige Passagen aus dem Buch „Fifty Shades of Grey“ ausprobieren möchte. Es ist da eine leichte BDSM-Affinität zu erkennen gewesen, denke ich. Schenken wir ihnen doch eine Peitsche, Handschellen und Elektro-Klammern für Hoden und Busen. Was meinst du?“

„Bitte bedenke, dass wir zwar im kleinen Kreis sind, aber doch sicherlich alle, auch die Familie, sehen können, was die beiden da an Geschenken auspacken. Willst du für hochrote Köpfe verantwortlich zeichnen, Götter-Gatte?“

„Gut gut... Das sehe ich ein. Es muss also ein politisch korrektes, für beide passend ausgesuchtes Geschenk sein, das zwischen 50 - 60 Euro kostet. Korrekt?“

„Ja, so passt es.“

„Dann suchen wir im Internet. Wir geben Suchbegriffe ein wie z.B. „Gute Bekannte, Geschenk zur Silberhochzeit, unter 100 Euro.“

Beide begeben sich zum PC. Das Ergebnis der Suche: Silber-Medaillon, Fußmatte de Luxe (personalisiert), eine Silber-Hochzeits-Laterne, Silberbestecke, versilberte Bilderrahmen, Kerzenhalter aus Silber, versilberte Etageren oder Silberschalen, funkelndes Lichterbild „25“, Fotoalbum im Metallic-Look oder eine Karikatur vom Hochzeitsfoto. Auch nett: Ein Silberhufeisen mit Gravur, ein graviertes Teetablett, natürlich in Silberoptik, und, sehr überzeugend: Eine eigene Hochzeitsbank, mit persönlicher Gravur (Rita und Dieter Kubscharre, jetzt schon 25 Jahre verheiratet), doch leider über 200 Euro teuer. Diese nette Idee wird letztlich verworfen.

„Was nehmen wir also?“ fragt Konrad.

„Ich denke, das funkelnde Lichterbild mit der „25“, das wäre was. Wie teuer?“

„60 Euro. Aber die Zahl „25“ brennt nur kurze 60 Sekunden. Pro Sekunde 1 Euro. Das ist nicht sonderlich effizient, oder? Nach dem Hochzeitstag wandert das Teil direktemang in die Tonne.“

„Na gut, lassen wir das Lichterbild. Wie wäre es dann mit der Karikatur? Ach so, liegt leider über dem Limit, 70 Euro. Wir müssen uns an die Vorgaben halten. Dann also das Silberhufeisen. Ich bestelle es gleich heute. 30 Euro. Dann können wir noch eine sündhaft teure Flasche Wein dazu geben. Was meinst du?“

„Am Ende haben wir dann auf dem Geschenketisch 3 oder 4 Silberhufeisen, zudem mehrere Kerzenhalter aus Silber und mindestens 2 Hochzeitsfoto-Karikaturen. ALLE schauen sich das im Internet an. ALLE. Wir können diese Online-Suche vergessen, Birgit, komplett vergessen. Da jeder Eingeladene dort surft, selbst die Eltern der zwei Glücklichen, werden alle, außer uns, die angesprochenen Geschenke bringen. Keine Eigeninitiative, keine Fantasie, keinerlei echtes Engagement. Wir müssen uns daher vom tumben Pöbel abheben. Wir müssen ein extraordinäres Geschenk aussuchen. Eines, von dem die Familie Kubscharre noch in Jahren sprechen wird. Es soll Thema auf jeder Haus-Fete, auf jeder Feuerwasser-Feier, auf jeder Kubscharre’scher Home-Orgie sein. Es soll in aller Munde...“ (Birgit unterbricht)

„Schon gut, ist ja gut. Du echauffierst dich ja richtig. In Ordnung, ich bin mit diesem Vorschlag einverstanden. Wir haben exakt 3 Wochen Zeit. In dieser Zeit suchen wir täglich, gleich nach der Arbeit, unabhängig voneinander, in diversen Shops, Stores und Geschäften aller Art, außer Tankstellen, die Tanke ist tabu, nach einem wirklich passenden Geschenk. Am Abend vergleichen wir die Ergebnisse. Der Kauf wird erst dann getätigt, wenn wir ihm beide dann zustimmen. Spätestens in 20 Tagen muss eine Entscheidung gefallen sein. Einverstanden, Bärchen?“

Konrad nickte. „Das geht so in Ordnung!“

Birgit schien engagierter. Sie stöberte in bizarren Hobby-Höhlen, in exquisiten und viel zu teuren Gift-Shops, in allerlei kuriosen Antiquitäten-Läden, Candy-Shops und auch in sieben Weinhandlungen der gehobenen Klasse. Konrad schob, mit einigem Missmut, den dicken Bauch durch Büchereien, Gourmet-Spezialitäten-Geschäfte - und Sexshops. In letzteren hielt er sich stets extrem lange auf. Waren Sie schon einmal mit diesem heute obligatorischen Mund- und Nasen-Schutz in einem Sex-Shop, wenn Sie zudem Brillenträger sind? Nein? Die Brille beschlägt mitunter so stark, dass Sie kaum in der Lage sind, die Preise auf den Fetisch-Artikeln, den DVDs oder den Sex-Toys ausmachen zu können.

Zuhause klammerte er diese Besuche grundsätzlich aus, den mitunter hochroten Kopf konnte er jedoch nicht verstecken. Die sehr clevere Birgit wusste Bescheid. Ihr war aber auch klar, dass ihr „Bärchen“ gar keine Traute und, vor allem, keinerlei „kriminelle Energie“ zum Fremdgehen in sich trug. Er war harmlos. Und umschauen durfte er sich gern. Davon profitierte ja meist, in der Regel, auch ihr Sexleben.

Schließlich hatten sie nur noch 2 Tage Zeit. Ergebnisse hatte ihre mehr oder weniger intensive Suche nach einem passenden Geschenk nicht erbracht. Birgit spürte immer hektischer den wirklich guten Geschenk-Ideen nach, während Konrad, stetig träger und desinteressierter werdend, kaum noch wirklich engagiert nach einem Präsent suchte. Oberflächlich trieb er sich in den großen Kaufhäusern herum, argwöhnisch von den Sicherheitsangestellten beäugt. Stundenlang schlurfte Konrad durch all die Gänge und Etagen, mit seiner FFP3 unter der Brille, wusste nicht so recht, wohin ihn die Füße trugen. Treppauf und treppab, mal einen Schirm betrachtend, dann wieder einen Luxus-Rucksack. Heftig seufzte der dicke Konrad. „Geschenke... Ich hasse das. Geschenke aussuchen“, sagte er zu einer älteren Frau neben sich, die einen Pack Teelichte prüfte. „Nun, wir haben uns ja geschworen, uns nie wieder etwas zu schenken, Birgit und ich. Meine Frau. Das war eine gute Idee. Seither entfällt dieser Stress. Wenn Biggi mal einen Hunni nebenbei braucht, bekommt sie den eben. Kein Stress, keine Hektik, keinerlei Probleme mit dem Einpacken und dem Umtauschen. Alles easy...“ Die ältere Frau nickte zustimmend und ging zur Kasse. Was sie dabei dachte, wird uns für immer und alle Zeiten interessieren. Aber wir erhalten absolut keine Antwort auf diese Frage.

Konrad schmunzelte. Solch eine Vereinbarung ist der reine Segen für eine Ehe. Die gute Birgit. Stets so pragmatisch, unkompliziert und rational. Die perfekte Ergänzung für einen großen, dicken Teddybären, der nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte zu sein scheint. Auch Birgit hatte das schon sehr früh gewusst: In ihrer Partnerschaft konnte das schwächste Glied der Kette nur einer sein: Konni. Und so ließ sie ihm die eine oder andere Dummheit durchgehen. Er war eben ihr großer, tapsiger Bär, auch etwas, wie sie es gern nannte, „langsam im Kopf“. Aber eben sehr lieb. Und treu. Sie liebte Konni, wusste sie doch ganz genau, was sie an ihm hatte. Es tat ihr auch gut, der Boss zu sein. Beide wussten es und beide akzeptierten diese Konstellation.

„Übermorgen ist die Feier. Was ist denn nun, Birgit? Wir haben endlos lange Zettel, auf denen ohne Ende die Ergebnisse unserer Sichtungs-Touren vermerkt sind. Aber wir haben keinen einzigen Favoriten. Vieles ist zu teuer, einiges zu billig. Die Torte mit der riesigen 25 hat dir nicht gefallen?“

„Nein. Weil Rita hervorragend kocht und bäckt. Es würde ihr Ego beschädigen, wenn wir mit einer Mega-Torte anrückten. Sie wäre ernsthaft beleidigt. Nein, das geht nicht. Versuchen wir es heute noch einmal. Mit gewaltiger Anstrengung. Schwärmen wir also aus. Ein letztes Mal. Treffen wir uns hier wieder, um 19 Uhr. Da bleiben uns jetzt noch exakt 5 Stunden. Gib dir Mühe, Bärchen. Wenn wir uns einigen, können wir das Geschenk morgen früh gleich kaufen gehen. Also? Bereit?“

Konrad nickte. Wie er mittlerweile diese Shopping-Touren hasste. Er hatte längst den Bezug komplett verloren. Und nutzte bereits seit sieben Tagen ein und dieselbe FFP3 Maske. Oftmals wusste er gar nicht mehr, was er in all den tausend Läden überhaupt suchte. Wenn er dann sinnend und leicht verloren wirkend einen silbernen Fingerhut hochnahm und lange betrachtete, hatte er den Eindruck, als sei er in einer Art abstrusen Zwischenwelt gefangen, von Parallel-Universum zu Parallel-Universum schlingernd. Unwirklich, wie benebelt, taumelte Konni von Shop zu Shop. Als er dann in einem 1-Euro-Shop angelangt war und eine Karte für, folgerichtig, 1 Euro sah, zum 25. Hochzeitstag, hätte er fast geweint. „Was mache ich hier? Ich sollte nach Hause gehen, es ist jetzt 18:30 Uhr. Biggi hat sicherlich etwas gefunden. Sie hat´s deutlich bessere Gespür für die zwischenmenschlichen Dinge. Ich geb auf. Hoffentlich hat die gute alte Birgit Erfolg gehabt.“ Müde und träge schlurfte Konrad nach Hause. Zurück zur cleveren, noblen und aufopferungsvollen Gattin. Recht bekümmert erwartete ihn Birgit. Schuld, Scham und Schwäche zeichneten sich im Gesicht ihres Gatten ab... Doch, leider, schien auch die Gesichtslandschaft der Gattin eher demoralisierend einzuwirken. Birgit, resignierend:

„Ja, schon gut. Du hast nichts gefunden, ich auch nicht. Zuletzt hatte ich eine dieser Schneekugeln, mit einer 25 drin, in Händen. Da hätte ich fast geheult...“ Ja, Konrad kannte das. Sie waren komplett gescheitert. 20 Tage der verbissenen Suche und des konzentrierten Wühlens, Glotzens und Stöberns - und kein Ergebnis. Was sollte da morgen überbracht, übergeben werden? Und wirklich Aller Augen würden auf das Geschenk gerichtet sein, wenn das Silber-Paar das Geschenkpapier zerfetzte. In bester Manier: gescheitert. Wie peinlich. Wie unerträglich peinsam.

Auf zur Tankstelle. Dort wurde ein großes Pralinenschachtel-Herz gekauft, zu einem völlig überteuerten Preis, außerdem eine Flasche Whisky, der etwas besseren Sorte. Und weil all die Peinlichkeiten an diesem Tag einfach kein Ende zu nehmen gewillt schienen, kauften sie auch noch das neueste „Guinness Buch der Rekorde 2020“. Jetzt hatten sie 93,95 Euro für diese 3 Präsente ausgegeben. Beide waren sich da einig: Sie hätten unbedingt eine Flasche Latte di Suocera kaufen sollen, 70 %, und dieses blöde Silberhufeisen. War Rita nicht auch ein Fan von Florian Silbereisen?? Was wäre passender gewesen? Eben. Ein silbernes Hufeisen mit Gravur!


Nach der Feier küsste Rita ihren Dieter. Ein gelungener, wenngleich auch etwas steriler Silber-Hochzeitstag mit insgesamt 8 Gästen. Im eigenen Garten hatten die Kubscharres die festliche Tafel aufgebaut. Es gab ein wunderbares Mahl mit drei Gängen, eine Nachspeise, in die man sich hätte reinlegen können, so Onkel Max, und erlesene Weine aller Art. Natürlich alle mit Mund- und Nasen-Schutz-Masken, in angemessenem Abstand. Es sah lustig aus, wie alle zehn Anwesenden die Masken geringfügig herunter zogen, um sich das Futter einverleiben zu können, und um sie hernach gleich wieder, zum Kauen und Verdauen, hochzuziehen. Es gab auch drei Raucher, die entsprechend kurz, nur für das Einsaugen, die Masken herabzogen. Maske wieder hoch. Dann, zum Ausatmen, wieder runter damit. Alle wollten auf gar keinen Fall, wäre ein Ordnungsamt-Mitarbeiter auf der Feier aufgetaucht, getadelt werden. Es war, rein vom Faktor Corona-Krise aus betrachtet, eine einwandfreie Feier. Richtig Stimmung sollte jedoch nie aufkommen. Selbst dann nicht, als Max seine berühmte Hans-Albers-Persiflage brachte, nach der 6. Flasche Wein im Rund:

„Kleine Möwe, flieg nach Helgoland, bring dem Mädel, das ich liebe, einen Gruß, ich bin einsam und verlassen, und ich sehne mich nach ihrem Fuß...“ Nun, eigentlich sehnt sich der einsame Seemann nach einem Kuss von seinem fernen Mädel. Das wäre der Original-Text. Aber alle, wirklich alle wussten von Onkel Max und seinem Fuß-Fetisch. Schade, durch die Schutzmaske wirkte das Lied ein wenig kehlig und dumpf, seltsam verfremdet. Die „kleine Möwe“ blieb das einzige Highlight des trunkenen Onkels. Man hörte ihn hernach in einer Gartenliege schnarchen, nach diesen sechs Flaschen Wein. Dort mochte er von zierlichen Damen-Füßen träumen. Man gönnte es ihm, hatte der arme Mensch doch sonst nicht sonderlich viel von Meister Leben überlassen bekommen.

Rita fand, wie auch ihr Mann, die Feier zum 25. Hochzeitstag recht gelungen. Nicht übermäßig, kein Schenkelklopfer, sicher kein Highlight dieses Jahrzehnts, aber doch, sagen wir, ganz in Ordnung. Vor allem das Essen und der Wein wurden vielmundig gelobt. Und auch der Kuchen, Ritas Werk, wurde in den höchsten Tönen gepriesen. Hierfür wurden, nur ganz kurz, die Masken nach unten gezogen. So begeistert war man. Nach all dem Trubel, als alles aufgeräumt und wieder sauber war, meinte Rita dann, sehr glücklich über die gelungene Feier:

„Birgit und Konrad laden wir aber nicht mehr ein, was meinst du? Solch fantasielose Präsente hat sonst doch keiner gebracht. Da hat sich selbst Onkel Max mit seinem Silberhufeisen plus Gravur mehr Mühe gegeben. Allerdings haben wir jetzt gleich 4 Hochzeitsfoto-Karikaturen und 3 versilberte Bilderrahmen. Na, egal. Es zählt wirklich die liebevolle, intensive Suche nach einem passenden Geschenk. Birgit und Konrad? Von beiden war ich tief enttäuscht. Für mich sah es so aus, als hätten die das mal eben, auf den letzten Drücker, an der Tankstelle, hier nebenan, besorgt. Ich hab dort exakt diese Pralinenschachtel in Herzform gesehen. O ja, und die haben auch das Guinness-Buch der Rekorde 2020, für € 19,95. Das ist ja so peinlich... Es hat mich sehr enttäuscht. Freunde werden wir sicherlich nie werden. Eben nur Nachbarn und leidlich gute Bekannte. Ich war schon drauf und dran, Birgit als echte, gute Freundin zu betrachten. Und dann dieses Präsente-Fiasko. Ehrlich jetzt, Dieter, viel peinlicher geht´s nicht. Dann hätte ich doch lieber zwei der Silber-Hufeisen auf dem Geschenke-Tisch liegen gehabt.“

Man begegnete sich fortan deutlich reservierter, so man sich über den Weg lief. Das ist eigentlich sehr schade. Sage keiner, Birgit und Konrad hätten sich überhaupt gar keine Mühe gegeben. Es geht eben nicht immer ganz fair im Leben zu. Aber, merke auf: Unentschlossenheit kann Freundschaften verhindern und Einladungen zu opulenten Mahlzeiten kosten!!
 

hein

Mitglied
Hallo Gherkin,

das Ganze kommt mir irgendwie bekannt vor. Allerdings hatte ich erwartet das es am Ende einen Geschenk-Gutschein gibt.

Sehr gerne gelesen.

LG
hein
 

Gherkin

Mitglied
Hallo Hein,

höchstwahrscheinlich hast Du selbst die Jagd nach einem passenden
Geschenk eröffnet, irgendwann. Vielleicht zu einer Silberhochzeit? In
der Tat, auch ein Geschenk-Gutschein ging mir durch den Kopf. Aber
letztlich verwarf ich den Gedanken. Das war mir zu öde. Groetjes von

Gherkin (vielen herzlichen Dank!)
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Gherkin,

Ein lustiges Thema, in dem sich sicherlich sehr viele Leser auf irgendeine art wiederfinden, da diese verflixte Geschenke-Sucherei wirklich ein Horror Trip sein kann. Was mir unheimlich gut gefällt, sind deine Dialoge. Sie wirken auf mich locker, fliessend, und in gewisser Weise originell. An manchen Stellen, (besonders wenn es um den Preis des Geschenkes ging), musste ich schmunzeln. Du hast wirklich Dinge beschrieben, die sich sehr oft genauso zutragen

Was mir als Leser nicht so gefallen hat, ist dieser Teil hier unten, da er für mich lähmend wirkte, mit vielen Wiederholungen und ohne dass es die Geschichte wirklich vorantreibt. Ich habe einfach mal meinen Lese-Eindruck hinterlassen. Ist nur meine Meinung (Hein Z. B. hat nichts bemängelt)

Ich freue mich auf weitere Geschichten von Dir!

Mit Gruss, Ji

* * * * *


Konrad nickte. „Das geht so in Ordnung!“

Birgit schien engagierter. Sie stöberte in bizarren Hobby-Höhlen, in exquisiten und viel zu teuren Gift-Shops, in allerlei kuriosen Antiquitäten-Läden, Candy-Shops und auch in sieben Weinhandlungen der gehobenen Klasse. Konrad schob, mit einigem Missmut, den dicken Bauch durch Büchereien, Gourmet-Spezialitäten-Geschäfte - und Sexshops.------à Reicht, wenn dies einmal erwähnt wird. In letzteren hielt er sich stets extrem lange auf. Waren Sie schon einmal mit diesem heute obligatorischen Mund- und Nasen-Schutz in einem Sex-Shop, wenn Sie zudem Brillenträger sind? Nein? Die Brille beschlägt mitunter so stark, dass Sie kaum in der Lage sind, die Preise auf den Fetisch-Artikeln, den DVDs oder den Sex-Toys ausmachen zu können.
Zuhause klammerte er diese Besuche grundsätzlich aus, den mitunter hochroten Kopf konnte er jedoch nicht verstecken. Die sehr clevere Birgit wusste Bescheid. Ihr war aber auch klar, dass ihr „Bärchen“ gar keine Traute und, vor allem, keinerlei „kriminelle Energie“ zum Fremdgehen in sich trug. Er war harmlos. Und umschauen durfte er sich gern. Davon profitierte ja meist, in der Regel, auch ihr Sexleben.--------à Schweift alles sehr vom eigentlichen Thema ab.

Schließlich hatten sie nur noch 2 Tage Zeit. Ergebnisse hatte ihre mehr oder weniger intensive Suche nach einem passenden Geschenk nicht erbracht. Birgit spürte immer hektischer den wirklich guten Geschenk-Ideen nach, während Konrad, stetig träger und desinteressierter werdend, kaum noch wirklich engagiert nach einem Präsent suchte. Oberflächlich trieb er sich in den großen Kaufhäusern herum (----à Wurde schon erwähnt) , argwöhnisch von den Sicherheitsangestellten beäugt. Stundenlang schlurfte Konrad durch all die Gänge und Etagen,(-----àWurde schon erwähnt) mit seiner FFP3 unter der Brille, wusste nicht so recht, wohin ihn die Füße trugen. Treppauf und treppab, mal einen Schirm betrachtend, dann wieder einen Luxus-Rucksack. Heftig seufzte der dicke Konrad. „Geschenke... Ich hasse das. Geschenke aussuchen“, sagte er zu einer älteren Frau neben sich, die einen Pack Teelichte prüfte. „Nun, wir haben uns ja geschworen, uns nie wieder etwas zu schenken, Birgit und ich. Meine Frau. Das war eine gute Idee. Seither entfällt dieser Stress. Wenn Biggi mal einen Hunni nebenbei braucht, bekommt sie den eben. Kein Stress, keine Hektik, keinerlei Probleme mit dem Einpacken und dem Umtauschen. Alles easy...“ Die ältere Frau nickte zustimmend und ging zur Kasse. Was sie dabei dachte, wird uns für immer und alle Zeiten interessieren. Aber wir erhalten absolut keine Antwort auf diese Frage. (-----àSchweift vom Kern der Story sehr ab.

Konrad schmunzelte. Solch eine Vereinbarung ist der reine Segen für eine Ehe. Die gute Birgit. Stets so pragmatisch, unkompliziert und rational. Die perfekte Ergänzung für einen großen, dicken Teddybären, der nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte zu sein scheint. Auch Birgit hatte das schon sehr früh gewusst: In ihrer Partnerschaft konnte das schwächste Glied der Kette nur einer sein: Konni. Und so ließ sie ihm die eine oder andere Dummheit durchgehen. Er war eben ihr großer, tapsiger Bär, auch etwas, wie sie es gern nannte, „langsam im Kopf“. Aber eben sehr lieb. Und treu. Sie liebte Konni, wusste sie doch ganz genau, was sie an ihm hatte. Es tat ihr auch gut, der Boss zu sein. Beide wussten es und beide akzeptierten diese Konstellation.--à Wirkte auf mich endlos…..


„Übermorgen ist die Feier. Was ist denn nun, Birgit? Wir haben endlos lange Zettel, auf denen ohne Ende die Ergebnisse unserer Sichtungs-Touren vermerkt sind. Aber wir haben keinen einzigen Favoriten. (----à Ja, dies weiss der Leser schon) Vieles ist zu teuer, einiges zu billig. Die Torte mit der riesigen 25 hat dir nicht gefallen?“

„Nein. Weil Rita hervorragend kocht und bäckt. (-----à Wurde bereits irgendwo oben erwähnt) Es würde ihr Ego beschädigen, wenn wir mit einer Mega-Torte anrückten. Sie wäre ernsthaft beleidigt. Nein, das geht nicht. Versuchen wir es heute noch einmal. (----à Nein, bitte nicht noch einmal! Sie sind doch schon X mal losegzogen und haben kein Geschenk gefunden.) Mit gewaltiger Anstrengung. Schwärmen wir also aus. Ein letztes Mal. Treffen wir uns hier wieder, um 19 Uhr. Da bleiben uns jetzt noch exakt 5 Stunden. Gib dir Mühe, Bärchen. Wenn wir uns einigen, können wir das Geschenk morgen früh gleich kaufen gehen. Also? Bereit?“

Konrad nickte. Wie er mittlerweile diese Shopping-Touren hasste. Er hatte längst den Bezug komplett verloren. Und nutzte bereits seit sieben Tagen ein und dieselbe FFP3 Maske. Oftmals wusste er gar nicht mehr, was er in all den tausend Läden überhaupt suchte. (---à Ach! Wirklich nicht? )Wenn er dann sinnend und leicht verloren wirkend einen silbernen Fingerhut hochnahm und lange betrachtete, hatte er den Eindruck, als sei er in einer Art abstrusen Zwischenwelt gefangen, von Parallel-Universum zu Parallel-Universum schlingernd. Unwirklich, wie benebelt, taumelte Konni von Shop zu Shop. Als er dann in einem 1-Euro-Shop angelangt war und eine Karte für, folgerichtig, 1 Euro sah, zum 25. Hochzeitstag, hätte er fast geweint. „Was mache ich hier? Ich sollte nach Hause gehen, es ist jetzt 18:30 Uhr. Biggi hat sicherlich etwas gefunden. Sie hat´s deutlich bessere Gespür für die zwischenmenschlichen Dinge. Ich geb auf. Hoffentlich hat die gute alte Birgit Erfolg gehabt.“ Müde und träge schlurfte Konrad nach Hause. Zurück zur cleveren, noblen und aufopferungsvollen Gattin. Recht bekümmert erwartete ihn Birgit. Schuld, Scham und Schwäche zeichneten sich im Gesicht ihres Gatten ab... Doch, leider, schien auch die Gesichtslandschaft der Gattin eher demoralisierend einzuwirken. Birgit, resignierend:
 

Gherkin

Mitglied
Hallo Ji,

da hast Du Dir aber eine Menge Arbeit gemacht. Vielen Dank für die ausführliche Kritik.
Ob ich es wage, einen weiteren Beitrag einzustellen? Ich weiß nicht, mir ist der Mut jetzt
in die Kniekehlen gesunken. Irgendwie traue ich mich nicht mehr an neue Texte heran.
Ich sehe ja, wie viel Fehler passieren und dann auch schonungslos offengelegt werden.
Da verlässt einen der Mut. Es ist wie beim Kampf David gegen Goliath. David wird vor
dem Kampf gefragt: Trauen Sie sich das zu? "Aber klar!" Dann taucht Goliath auf. "Nun
nicht mehr wirklich..." Selbstverständlich kann ich nicht jeden Text zuvor von Dir auf
Stimmigkeit und Fehlerfreiheit abklopfen lassen. Die Traute fehlt jetzt einfach. Bleibe
daher zukünftig stumm. Aber dennoch meinen herzlichen Dank an Dich. Du hast mehr
als deutlich aufgezeigt, dass es bei mir einfach nicht reicht. Vielleicht reife ich ein paar
Jährchen und melde mich dann erneut. Dir alles Liebe und Gute von Gherkin
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo??? Gherkin, ist das jetzt wirklich dein Ernst??
Ich glaube, du nimmst mich gerade ein bisschen aufs Korn, kann das sein?

Du musst doch erstmal schauen, ob du meine Kritik berechtigt findest! Es ist Dein Text.
Falls du sie berechtigt findest, brauchst du doch nur ein paar Kürzungen zu machen, diesen einen Absatz ein bisschen mehr konzentrieren und alles was in dem Satz schon einmal gesagt wurde - nicht noch einmal wiederholen. Et voilá!!:)

Ich hátte meine Kommentare in dem Absatz ein bisschen freundlicher gestalten können - aber es war so spät und ich konnte nicht mehr.

Der gesamte erste Teil hat mir gut gefallen! Das war nicht nur so ein Spruch in meinem Kommentar! Du hast all die Dialoge sehr "ehrlich" sehr lustig auch rübergebracht.
Deine Geschichte, mit dem Angebot im Restaurant, finde ich grossartig! Da hast du ein wunderbares Tempo drauf - und überhaupt, die ganze Geschichte, mit dem erwähnen all dieser Speisen und dann dieses Ende - hat mit sehr gut gefallen!

Wir sind doch hier nicht beim Fischer Verlag, wo wir unser Manuskript einrechen und eine Ablehnung bekommen. Hier präsentieren wir unsere Texte, holen uns Meinungen ein und arbeiten daran, wenn wir es zür sinnvoll halten.

Wehe, da kommt nix mehr von Dir!
Mit Gruss, Ji
 

Ji Rina

Mitglied
....Ich sehe gerade... Es war überhaupt nicht spät, als ich gestern meinen Kommentar schrieb....
Aber ich bin seit einer Woche unheimlich müde vor lauter Arbeit (Home Office)....

Noch was: Weisst du wie oft ich hier etwas einstelle - und es geht komplett in die Hose?
Nix wie weitermachen!
 

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