Der Abschied

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Jott Pe

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Sie meinten, sie sei nicht mehr bei Bewusstsein. Einen Unterschied machte das für mich nicht. Was hätte ich schon sagen sollen? Vielleicht "Danke, dass es dich gab". Das ist gut – kurz, prägnant, trifft den Kern.

Es war schon recht spät am Nachmittag und im Zimmer war noch kein Licht angeknipst. Dadurch lag ein sepiafarbener Ton über allem. Mittig im Raum stand das Bett, die Vorhänge halb zugezogen, ließen ein schwächelndes Licht durchschimmern. Meine Oma lag dort schon fast 4 Wochen, laut den Ärzten würde sie bald sterben. Einen genauen Zeitpunkt konnten sie natürlich nicht nennen, aber ihre Werte verschlechterten sich schnell. Meine Mutter stand am Fuße des Bettes, ich an der Seite, ohne zu reden oder uns zu regen, den Blick in Richtung des Bettes gerichtet.

Die Person, die dort lag, war mir fremd. Es kam mir eher so vor, als wäre dort eine Frau, die zufälligerweise eine seltsame Ähnlichkeit mit meiner Oma hatte, ansonsten aber viel dünner und älter war und nahezu keine Haaren mehr hatte. Die Augen fest verschlossen mit tiefen Falten in ihrem Gesicht.

Meine Oma war eine Lebefrau. Sie wurde groß in einer ärmlichen Stadt, die der Krieg stark verwüstet hatte. Ihre Generation erfreute sich an dem was übrig geblieben war, oft war das nicht viel mehr als das blanke Leben. Sie trank Alkohol und davon nicht zu wenig und rauchte mindestens genauso viel. In den verqualmten, kleinen Provinz-Kneipen trafen die Besatzungssoldaten auf Einheimische. Deren Väter hatten sich noch um die Zukunft der Welt bekriegt, ihre Generation aber versuchte wieder bei null anzufangen und in erster Linie das Erlebte zu vergessen. Einer der Soldaten, machte in einer dieser Spelunken einen besonders charmanten Auftritt und wurde später mein Opa.

Ich wunderte mich über die blaugrünen Schläuche, die aus dem farblosen Krankenhausraum hervorstachen. Sie führten aus ihrem Körper in komische Apparate, die ich nicht benennen konnte. Beutel mit Flüssigkeiten, die offenbar entweder in ihren Körper oder aber aus ihren Körper fließen mussten, hingen an einem Metallgestell neben dem Bett. Meine Mutter bereitete mich vor dem Krankenhausbesuch darauf vor, dass meine Oma anders aussehen würde. Sie meinte, dass sie ihre Beine hätten amputieren müssen, da ihre Nieren nicht mehr richtig arbeiteten. Eine Folge ihrer schweren Diabetes-Krankheit. Doch davon sah ich erst einmal nichts. Eine Decke war über sie vom Bauch an abwärts ausgebreitet. Teils ungläubig, teils neugierig drückte ich das Laken an der Stelle vorsichtig runter, an der eigentlich ihre Beine hätten sein sollen und fühlte keinen Widerstand, bis ich die Matratze erreichte. Ein Schauer überkam mich und breitete sich langsam, beginnend vom Nacken an über meinen Kopf hin aus, der bis in meine Gliedmaßen fuhr. Es war ein bedrückendes Gefühl, sie so zu sehen. Denn selbstverständlich lag dort keine Fremde, sondern meine Oma.

Sie hatte drei Kinder von drei unterschiedlichen Männern. Die Idee eines Opas war immer vage für mich und setzt sich aus dem zusammen, was ich aus Büchern und Filmen gelernt, oder von Freunden erzählt bekommen hatte. Denn ich lernte meinen Eigenen nie kennen. Bis ich da war, war mein Opa schon lange nicht mehr im Land und zurück in den USA.

Für meine Mutter hieß das, sie wurde ohne einen Vater groß und ein bisschen auch ohne ihre Mutter. Denn Oma war oft fort: mit neuen Männern unterwegs oder auf Reisen oder sonst wo. Auf ihrem Esszimmertisch stand immer ein halbvoller Aschenbecher, der selbstverständlich nicht nur von ihr befüllt wurde. Tanten, Onkel und Cousines, oder einfach nur Bekannte kamen gerne vorbei. In der kleinen 2-Zimmer-Wohnung mit einem alten Kohleofen in der Mitte am Rande der Stadt. Fabrikarbeiter, Handwerker, manche davon Alkoholiker und viele wohnten nur einige Straßen weit weg. Es wurde gelacht, getrunken, geraucht und Karten gespielt, nächtelang. So wurde es mir erzählt.

Mutter wechselte noch das Wasser der Blumen, die wir bei einem vorherigen Besuch auf dem Beistelltisch neben dem Bett gelassen hatten. Im Zimmer befand sich ein Waschbecken, in das sie das alte Wasser abgoss und neues aus dem Hahn in das Gefäß ließ. Ihre Schritte schnitten scharf durch die Stille. Sie machten mir erkenntlich, dass es Zeit war zu gehen.

Meine Gedanken waren bei meiner Oma in ihrer Wohnung im kleinen Haus am Stadtrand. Ich berührte die Hand der Frau im Bett vorsichtig. Die Aussicht aus dem Krankenhauszimmer war ausgezeichnet. Man hatte einen weiten Blick über die Stadt und konnte das alte Haus fast sehen. Heute war der Abendhimmel besonders hübsch. Ein sanfter Verlauf von Babyblau hin zu einem satten Purpur mit scheibenförmigen Wölkchen. Ich griff zum Vorhang und schob ihn für uns zur Seite.
 
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DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Jott Pe,

deine Geschichte bietet viele Facetten, die zum Nachdenken anregen und das ist ihr großes Plus!

Ein paar Verbesserungsvorschläge:

Meine Oma hatte sicherlich gelebt und genossen.
Das ist missverständlich, denn gelebt hat sie ja. Du meinst sicher: Sie hat ihr Leben gelebt im Sinne von "viel erlebt".


Einer der Soldaten, machte in einer dieser Spelunken einen besonders charmanten Auftritt und wurde später mein Opa.

Verschiedenfarbige Schläuche führten aus ihrem Körper in komische Apparate, die ich nicht benennen konnte.

Dieser Wechsel vom Opa zu den Schläuchen ist zu abrupt und der Leser fragt sich unwillkürlich, welche Schläuche Opa sein Eigen nannte. Hier musst du den Abschnitt anders beginnen lassen.


Für meine Mutter heißt das
Tempusfehler: Für meine Mutter hieß das ...


Zwei Mal "ließ" falsch geschrieben:


Mittig im Raum stand das Bett, die Vorhänge halb zugezogen, liesen ein schwächelndes Licht durchschimmern.
und

Im Zimmer befand sich ein Waschbecken, in das sie das alte Wasser abgoss und neues aus dem Hahn in das Gefäß lies.


Ich griff zu der Hand der Frau im Bett

Besser: Ich ergriff einer Hand meiner Oma.


Heute war der Abendhimmel besonders hübsch. Ein sanfter Verlauf von Babyblau hin zu einem satten Purpur mit scheibenförmigen Wölkchen. Ich griff zum Vorhang und riss ihn für uns auf.

Das ist ein besonders gelungener Schluss, wie ich finde. Erstens ist er offen, zweitens vermittelt er ein schönes Bild - Oma erwartet vielleicht ein sanftes Hinübergleiten in Anwesenheit ihres Enkels.

Nur das "riss" ist zu hart - hier wäre "schob ihn für uns beiseite" besser.

Es sind noch ein paar Kommafehler vorhanden.

Gruß DS
 

VeraL

Mitglied
Hallo Jott Pe,
vielen Dank für deine Geschichte. Sie hat mich sehr berührt.
Viele Grüße
Vera
 

Jott Pe

Mitglied
Hallo DocSchneider, hallo VeraL,

danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt, meine Geschichte zu lesen. Ich habe das Schreiben erst neu für mich entdeckt und das bekräftigt mich darin, damit weiter zu machen :)

Besonderes Danke an DocSchneider für die Anmerkungen. Ich werde Einiges davon einfließen lassen.

LG JP
 
Ich habe das Schreiben erst neu für mich entdeckt und das bekräftigt mich darin, damit weiter zu machen
Vielversprechender Anfang, JP. Text mit bedeutendem Stoff und Blick fürs Wesentliche, formal noch leicht verbesserungsfähig. Allerdings hat mich die Lektüre als Ganzes eben so mitgenommen, dass ich mich zu stilistischer Detailkritik jetzt kaum imstande sehe. (Spricht vielleicht für den Text und gegen mich.)

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 
Halt, etwas Kritisches kann ich doch schon sagen: Der Titel ist wenig geeignet, großes Leserinteresse zu erzeugen, zu schlicht und allgemein. Vielleicht besser: Oma stirbt / Oma muss sterben / Am Sterbebett o.ä.
 

Jott Pe

Mitglied
Halt, etwas Kritisches kann ich doch schon sagen: Der Titel ist wenig geeignet, großes Leserinteresse zu erzeugen, zu schlicht und allgemein. Vielleicht besser: Oma stirbt / Oma muss sterben / Am Sterbebett o.ä.
Guter Punkt, da es eher ein Arbeitstitel war, den ich irgendwann nicht mehr hinterfragt hatte. Ich habe einen neuen gewählt, den ich passend finde und der bestimmt ansprechender wirkt - "Der Abschied". Leider kann man das bei diesem Beitrag aber anscheinend nicht mehr ändern.

Viele Grüße
JP
 
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