Der alte Kirschbaum

Monika M.

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Der Kirschbaum


Der Baum stand auf einer ungenutzten Wiese. Im Winter trug er Schnee auf seinen Ästen und sah aus, wie ein sehr alter Mann. Aber wenn der Frühling kam, wurde er wieder jung. Es war der Kirschbaum mit den schönsten Blüten weit und breit. Sie waren weiß, zart und erinnerten an den vergangenen Schnee. Und dann im Sommer war er nur noch unser Baum!
Wir Kinder saßen auf seinen Ästen und ließen die Füße ins Leere baumeln. Wir lagen in seinem Schatten und freuten uns auf seine Früchte. Die Kirschen waren jedes Jahr prall und rot. Nie wieder habe ich solche süßen Kirschen gegessen.
Es gab niemanden, dem der Baum gehörte, und so konnten wir uns ungehindert den Bauch voll schlagen. Viel zu schnell kam dann der Herbst mit seinen bunten Blättern. Auch in dieser Jahreszeit war der Baum wunderschön. Sein Laub glänzte in allen Farben. Wir sammelten seine Blätter auf und trockneten sie in vielen dicken Büchern. Dann stand er eines Morgens wieder kahl und alt auf seiner Wiese und wartete auf den Schnee, so wie wir Kinder auch.
Ich war gerade zehn geworden, als meine kleine Schwester Lina krank wurde. Über ein Jahr verbrachte sie im Krankenhaus, kam nur zwischen den einzelnen Therapien kurz nach Hause. Sie verlor ihre Haare, den wunderschönen Pferdeschwanz, auf den sie immer so stolz gewesen war, und nicht nur deshalb weinte sie oft.
Als sie endlich zu Hause bleiben durfte, ging es ihr nicht wirklich besser. Ihre Haut war weiß und blass geworden und ihre Augen wirkten in ihrem schmalen Gesicht unnatürlich groß und dunkel. Ich mochte Lina sehr, aber sie wurde jetzt so schnell müde, dass sie kaum noch aus dem Haus gehen konnte. Den ganzen Tag bei ihr zu sitzen und ihr die Zeit zu vertreiben war manchmal sehr anstrengend, und so stahl ich mich oft heimlich fort..
Dann lief ich zum Kirschbaum, denn dort trafen sich, so oft es nur ging, alle Kinder. Es war nun wieder Sommer geworden und die Kirschen waren gerade reif. Ein paar der Jungs saßen schon in den Ästen und pflückten alle Früchte, an die sie gelangen konnten. Sie spuckten die Kerne auf die, die um den Baum im Gras saßen oder miteinander spielten. Es waren schöne Stunden, die wir so verbrachten. Der Baum aber stand still und geduldig, und nur der Wind rauschte durch die Zweige. Er schien leise über unseren Übermut zu lachen, aber es war kein Spott dabei.
„Du“, bat mich meine Schwester eines Tages, als es ihr so schlecht ging, dass sie im Bett liegen bleiben musste, „bring mir ein Blatt mit von unserem Kirschbaum!“
Und ich brachte ihr das größte und schönste Blatt, das ich finden konnte. Danach wünschte sie sich einen kleinen Zweig. Den stellten wir in eine Vase und so auf ihren Nachtisch, dass sie ihn immer ansehen konnte.
Der Herbst kam und meiner Schwester ging es immer schlechter. Sie nahm noch mehr ab und wurde noch blasser. Längst ahnte ich, was keiner mir sagen wollte. Meine Schwester würde wohl nie wieder gesund werden!
Traurig ging ich zu dem Kirschbaum. Es war noch früh, und außer mir war noch niemand da. Ein paar Vögel zwitscherten leise. Der Wind flüsterte unverständlich. Mir war so elend zumute, zu Hause lag Lina und ich wünschte mir so inständig, sie könne jetzt hier bei mir sein.
Auch sie hatte sehr an dem Baum gehangen, wie oft hatte sie hier gelacht und gespielt. Da fiel mein Blick auf die Wiese unter dem Baum. Da wuchs ein kleines Pflänzchen, seltsam. Ich sah es mir näher an und stellte fest, dass es ein winzig kleiner Kirschbaum war. Einer der ausgespuckten Kerne hatte hier wahrscheinlich gekeimt und seine Wurzeln geschlagen. Ich konnte es kaum fassen.
Mit bloßen Händen grub ich so vorsichtig, wie nur möglich, das kleine Bäumchen aus. Mit klopfendem Herzen trug ich ihn nach Hause zu Lina. Wie leuchteten da ihre Augen, als sie mir zusah, wie ich das Pflänzchen in einen großen Blumentopf setzte.
„Nun habe ich meinen eigenen Kirschbaum“, flüsterte sie glücklich.
Bald darauf verloren die Bäume die ersten Blätter und auch unser kleiner Baum verlor sein spärliches Laub. Dürr und kahl stak der dünne Stamm in seinem Topf, doch Lina war glücklich. Ihre kleinen mageren Finger strichen zärtlich über das Stämmchen und in ihren Augen stand die Erinnerung an einen großen kräftigen Baum, in dessen Ästen sie oft gesessen hatte.
Der alte Kirschbaum hatte ihr ein wunderbares Geschenk gemacht, das ihr über den langen Winter half. Nur das Warten auf den Frühling und die ersten neuen Blätter gaben ihr Kraft. Der Arzt kam oft in dieser Zeit und schüttelte den Kopf. Seine Miene blieb bekümmert.
Dann endlich kam der ersehnte Frühling. Das kleine Bäumchen wurde von der Fensterbank, wo es überwintert hatte, wieder ins Zimmer herein geholt. Und wirklich kleine grüne Knospen verrieten, wo bald neue zarte Blätter sprießen würden. Lina war glücklich. Ihre Finger zitterten, als sie die zerbrechlichen Knospen berührten.
Als unser Kirschbaum in Blüten stand, starb meine Schwester. Sie schlief leise und zufrieden ein. Ihr Kampf gegen ihre Krankheit war endgültig zu Ende. Nun hatte sie Ruhe. Ich aber lief zu meinem Kirschbaum und suchte Trost in seinen starken Ästen.
Heute, nach vielen Jahren, gibt es den alten Baum nicht mehr, aber das kleine Bäumchen auf dem Grab meiner Schwester wächst noch immer der hellen Sonne entgegen!
 

hera

Foren-Redakteur
Teammitglied
*hera wischt sich eine Träne aus dem Auge*

Ich hatte den Beitrag schon vor ein paar Tagen gelesen. Aber irgedwas zieht mich an, an dieser Geschichte, ich musste sie heute noch mal lesen. Ich habe mich an so ein Thema noch nicht gewagt, mir fehlen da die Worte. Aber du hast so einfühlsam geschrieben. Ich würde die Geschichte gerne in der Anthologie sehen.

Viele Grüße, hera
 

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