der alte mann

4,30 Stern(e) 13 Bewertungen

Cellist

Mitglied
Hallo Patrick,

ich hatte beim ersten Lesen zunächst Probleme mit deinem Text. Ich habe mich gefragt, ob man jemanden "lieb haben" muss, um sich mit ihm zu unterhalten.
Aber nach dem zweiten und dritten Lesen wurde mir klar, dass ich den Text viel zu verkopft angegangen bin und war froh, dass ich nicht zu schnell kommentiert habe.

Jetzt (meine Interpretation und Lesweise des Textes) lese ich hier eine ganz schwierige Beziehung zwischen Lyrich und einem alten Mann. Ich lese hier ein gestörtes Verhältnis zwischen Vater und Sohn (Mutter als Stichwort). Der Sohn hasst seinen Vater (vermutlich abgrundtief) und kann sich ihm so nicht nähern. Aber da ist nicht nur Hass, sondern auch noch so etwas wie Liebe zum Vater oder ein Bedauern, dass alles so verfahren, so zerstört ist. Da ist noch diese Sehnsucht zu reden, sich auszusprechen, überhaupt zu sprechen.

Und wenn LyrIch hier sagt, man müsste ihn "lieb haben", um mit ihm reden zu können, dann meint er (wieder meine Interpretation), dass er (der alte Mann) ihm (Lyrich) die Chance geben müsste, ihn lieb zu haben.

Ich finde, du hast hier einen sehr guten und intensiven Text geschrieben. Mir gefällt er mit jedem Lesen mehr.

Nur die letzte Zeile finde ich nicht prickelnd. Im Gegenteil, sie wirkt so aufgepfropft. Ich würde da vielleicht etwas Gewöhnlicheres nehmen. Sport wäre zu gewöhnlich, aber vielleicht über Restaurants, Biermarken oder ...


Sehr gern gelesen.
 

Vera-Lena

Mitglied
genau so ist es.

100%tig getroffen. Was mit wenigen Worten alles geht... das ganze Schicksal eines Menschen. Ich bin beeindruckt.

Liebe Grüße
Vera-Lena
 
Hi Cellist :)

Ich möchte mich ausnahmsweise mal kurz fassen: du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Und das in allem. :)

Danke dir, für die tolle Interpretation. Ich hätte nicht gedacht, dass der Text so gut ankommt.


L.G
Patrick

Hi Herbert. Hi Vera-Lena

Auch euch ein herzliches Danke. :)

L.G
Patrick
 

blackout

Mitglied
Es fällt mir schwer, diesen einen Satz als Gedicht anzusehen. Das ist lediglich eine Behauptung, und zwar eine ziemlich überhebliche. Wenn du nicht willst, dass dir Überheblichkeit unterstellt wird von mir, dann schreib das Gedicht weiter. Schreib, warum du dich mit dem Opa nicht unterhalten kannst, warum du ihn nicht liebhaben kannst, ich würde nämlich ganz gern dein Ich kennenlernen, deine Behauptung, und mehr ist dein Gedicht nicht, verstehen. Ohne dies bleibt für mich als Leserin nur Überheblichkeit des Jüngeren gegenüber dem alten, vielleicht sogar lästigen Menschen übrig. Alle, die hier dein Gedicht loben, raten dir schlecht zu, denn du scheinst deinen Opa gar nicht zu kennen, wenn du ihn nicht liebhast, wenn du mit ihm nicht sprechen kannst. Das dürfte logisch sein. Außerdem reihen sich diese wenigen Zeilen ein, auch wenn es dir nicht bewusst sein sollte, in die Redereien vom nutzlosen alten Menschen, der "uns" bloß auf der Tasche liegt.

blackout
 

blackout

Mitglied
Patrick Schuler, es muss dir entgangen sein: Du sagst in diesen wenigen Zeilen mehr aus über dich als über den alten Mann. Und das ist erschreckend.

blackout
 

revilo

Mitglied
Ich frage mich allen Ernstes, warum dieser durch Zeilenumbruch als Gedicht getarnter Satz so hohe Bewertungen bekommt......nicht, dass ich Dein Werk schlechtreden oder die Laudatoren herabsetzen will..........de gustibus est non disputandum....schönen Samstag wünscht revilo
 

Vera-Lena

Mitglied
Lieber Oliver,

Patrick war ja auch überrascht über die Bewertungen.

Da ich selbst gewertet habe, will ich versuchen zu erklären, wie es dazu kam.

Dieser alte Mann (es betrifft ja nicht jeden) ist nicht mehr in der Lage, ein Gespräch zu führen, weil sein Gehirn die Mitteilungen nicht mehr verarbeiten kann. Er versteht auch keine ernsthaften "Anweisungen" mehr, die ihm und seinen Betreuern das Leben leichter machen könnten.

Wenn er geliebt wird, wird sich aber immer jemand finden, der unter Aufbietung all seiner geistigen Kräfte versuchen wird, doch durch Worte etwas in Gang zu setzen oder ein Gespräch mit ihm zu führen über weit zurück liegende Dinge, denn daran erinnert er sich noch und er möchte ja auch eine Kommunikation. Am besten funktionieren Gesten und natürlich zärtliche Berührungen.

Als ich den Satz von Patrick las, war ich dermaßen verblüfft, dass ich gar nicht anders konnte, als ihn gut zu bewerten.

So weit die Dinge, wie sie mich bei der Wertung betreffen.

Dir, lieber Oliver, einen schönen Samstag!

Liebe Grüße
Vera-Lena
 

Monochrom

Mitglied
Hi,

ich möchte mich oli anschließen.

Das ist ein sprachlich verdichteter Inhalt.

Kurzprosa vielleicht.

Die zeilenumbrüche finde ich zudem nicht gut gesetzt.

Ich glaube, der Reiz des Textes ist der Spannungsaufbau und die schonungslose Erzählung.

Lyrisch finde ich das nicht so.

Grüsse
Monochrom
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
Guten Morgen, revilo!

Die Frage, was ein Gedicht oder was lyrisch sei, erschöpft sich doch längst im Müßigen. Ein schlaues Kerlchen hat mal gesagt: Das, was wie ein Gedicht aussieht, ist auch eins! Da kommt dein Geschmacksargument ins Spiel und, ach, schon reden alle durcheinander oder die Welt schweigt, weil nichts zu sagen ist.

Hinter Enjambements versteckt sich kein Gedicht, sie sind Bestandteil desselben.

Patrick wirft uns einen Schnipsel hin, der enorme Explosivkraft besitzt: Hass zwischen Menschen, die auf untrennbare Weise miteinander verbunden sind - so elementar, dass Sprachlosigkeit der Ausweg scheint und doch alles nur viel schlimmer macht.

lieb hätte...unglaublich, wie der Autor hinter dieser Beiläufigkeit Liebe, nichts als Liebe einfordert, die es nicht geben kann. Aber den Krümel liebhaben festhalten, damit man wenigstens erstmal redet - wenn nicht über Mutter (oder uns!), dann über Politik (Wetter wäre auch gut!), Hauptsache REDEN!

Mich hat das Gedicht, jawohl: Gedicht!, sehr berührt.


Uns allen ein schönes Wochenende!
Dyrk
 
Hi revilo, Monochrom

Warum dieser Text so gut ankommt, kann ich euch natürlich nicht beantworten. Vielleicht liegt es daran, dass er kein Narrativ anbietet, wo dringend eins nötig wäre. Er lässt sich ja doppeldeutig lesen: entweder ich habe den alten Mann nicht "lieb" und kann nicht mit ihm reden, oder es ist eine Anklage, das man(jm. anderes) mit ihm reden könnte, wenn er sich "Mühe gäbe. Weil der Hintergrund unklar ist, lässt der Leser sich vielleicht eher auf den eigentlich rabiaten Satz ein. Das wäre zumindest meine Vermutung.

Danke dir Vera-Lena und Dyrk für die Verteidigung :)

L.G euch 4
Patrick
 

revilo

Mitglied
Hallo Patrik, hier gibt es nichts zu verteidigen....Ich gönne Dir die guten Bewertungen von Herzen.....vielen Dank auch für die persönlichen Erklärungen.....das zeigt doch , was Lyrik im positiven Sinne anrichten kann....es wird gelesen und diskutiert und jeder macht sich seinen eigenen Reim drauf....einen schönen Sonntag wünscht revilo, der gleich arbeiten geht....
 

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