Der alte Muck

Anonym

Gast
I.
Der alte Muck, ein zierliches Männlein im Walde, wohnhaft hinter dem hässlichsten Busch weit und breit, fühlte sich schrecklich, weil er unzufrieden war.
Warum, wusste niemand, nicht einmal er selbst.
Er liebte rote Tücher. Er sammelte sie und fand Gefallen an dem Spiel, sich darin einzuwickeln und sich schön zu finden. Sozusagen unwiderstehlich.
Meistens beachtete ihn aber keiner, wie er das seiner Meinung nach verdient hätte. Da beschloss er einfach, sich stellvertretend zu rächen am Erstbesten, der ihm gleich über den Weg laufen würde. Egal wer, denn er verachtete alle aus tiefstem Herzen, weil … weil … ja, warum eigentlich? Das war, ist und bleibt sein Geheimnis.
Darum arbeitete er hinter seinem Busch fleißig an der nächsten Vergeltung. Eine Spiegelscherbe vor dem Gesicht haltend übte er wieder und wieder. Stundenlang öffnete er sein Mündchen und gab mühsam grollende Geräusche von sich, bis er sich selbst vor seinem Spiegelbild erschreckte und somit zufrieden mit dem Ergebnis war.
Dann versteckte er sich hinter einem Baumstamm und wartete.
Fröhlich trällernd kam ein Elfenmädchen daher.
Da näherte sie sich nun, seine heißgeliebte Genugtuung, und er freute sich diebisch, auch wenn er immer noch nicht ahnte, weswegen er dieses Ziel so eisern verfolgte.
Kaum war die Kleine bis auf wenige Meter heran, da sprang er voll boshafter Vorfreude hervor und öffnete sein Mündchen, um sein grausiges Grollen in die Freiheit zu entlassen.
Doch – oh weh! Bis auf einige schwache Staubwolken brachte er nichts hervor, so sehr er sich auch abmühte. Zunächst starrte das Elfenmädchen erschrocken zu ihm hin.
Dann begann sie zu lachen. Sie lachte und lachte und am Ende rannte sie zu ihm und riss ihm sein schönes rotes Tuch vom Leib und verschwand damit.
Der alte Muck erschrak sich furchtbar und lief beschämt nach Hause.
Jeder hörte ihn hinter seinem Busch bitterlich weinen.
 
Zuletzt bearbeitet:



 
Oben Unten