Der alte Paladin
„Ihr müsst ihn heilen!“, schallte es auf einmal durch den Saal. „Göttliches Licht. Das ist der erste Zauber, den Ihr lernt. Wirkt ihn, bevor er stirbt.“ Der alte Paladin machte seinem Lehrling die Hölle heiß. Er starrte auf seinen Freund, der gerade von einem Warzenwolf zerrissen wird. Seine Schreie waren ohrenbetäubend, doch für den jugendlichen Tholgir war es mehr, als das. Er war erstarrt. Nicht einmal seine Augen bewegten sich. Er war fixiert auf seinen Kindheitsfreund, der seinem brutalen Schicksal ausgeliefert war. Nur sein Herz hörte dumpf pochen. Erst rasend schnell, dann wurde es immer langsamer, so als würde er das Herz seines Freundes hören. Die Zeit schien langsamer zu laufen. Ihm rann der Schweiß über das gesamte Gesicht. Dann klatschte es. Der alte Paladin schlug Tholgir mit der flachen Hand ins Gesicht. Tholgir war überrascht und wusste für einen ganz kurzen Moment nicht, wo er war und was passiert ist. Der ziehende Schmerz erreichte sogar sein Auge, als er realisierte, dass sein bester Freund nicht mehr schrie. Der noch lebendige Körper zuckte. Sein Hals war mit Blut gefüllt, was aus dem Schreien ein Gurgeln machte. Er schaute Tholgir an, während das Leuchten aus seinen Augen wich.
„Ihr habt versagt.“, sprach der alte Paladin, während er den Warzenwolf erschlug. Das Tier jaulte laut auf und brach zusammen, als das Schwert seinen Körper durchbohrte. Der alte Paladin hatte das Herz verfehlt und der Wolf litt schreckliche Schmerzen. Er lag am Boden und atmete schwer während er langsam ausblutete. „Versucht Euch lieber als Kleriker. Zum Paladin taugt Ihr nicht.“ Der alte Paladin strich das Blut des Tieres von seinem Schwert. Tholgir hing noch immer an den toten Augen seines Freundes, die noch immer auf ihn gerichtet waren. Die Worte des alten Paladins gingen an ihm vorbei. Er hatte sie nicht einmal wahrgenommen. Nicht ein Gedanke füllte seinen Kopf. „Schert Euch davon! Und nehmt Euren toten Mitknappen mit.“ mit den Worten verließ der alte Paladin den kreisrunden Saal und ließ Tholgir allein. Es vergingen einige Minuten bis Tholgir aus der Starre erwachte und bemerken konnte, was geschah. Er hatte schon gehört, dass der alte Paladin seit Neustem alternative Methoden ausprobiert, aber das hatte er nicht erwartet. Er brach in Tränen aus und fiel vor dem Leichnam auf die Knie. Ein Tag, den Tholgir niemals vergessen wird.
Es vergingen zwei Tage seit dem Tod von Tholgirs Kindheitsfreund, als er sich entschloss dem heiligen Tribunal der Paladine den Vorfall vorzutragen, doch als er das riesige Kuppelgebäude betrat, wurde er überrascht. Er sah den alten Paladin und den Erzbischof Gundan. Ein alter Priester, der Teil des heiligen Tribunals war. Sie blickten sich gegenseitig gespannt an, sagten nichts. Doch dann fing der alte Paladin an laut zu sprechen. Er echauffierte sich über etwas. Tholgir konnte jedoch nicht ausmachen, worum es ging. Dann sah er, wie der alte Paladin sein Schwert zog und Tholgir stolperte brüllend auf die Beiden zu. Sie drehen sich in seine Richtung und sahen den vor Wut zitternden jungen Knappen auf sie zustürmen. „Was macht Ihr hier, Junge?“, rief der alte Paladin, während er sich auf den Angriff vorbereitete. „Euch aufhalten!“, nach diesen Worten sprang Tholgir mit einem Kampfschrei auf den alten Paladin. Dieser holte kurz aus und zog mit seinem Schwert einen Schnitt durch den fliegenden Jungpaladin. Tholgir knallte schreiend auf den Steinboden und hielt seine Hände direkt auf die blutende Wunde. „Wachen!“, rief Gundan. „Bringt sie nur her.“ erwiderte der alte Paladin.
Die vier Stadtwachen kamen mit gezogenem Schwert und Schild angelaufen. Der alte Paladin wirkte ein gleißendes Licht, welches die Wachen und auch Gundan und Tholgir so sehr blendete, dass sie den Blick abwenden mussten. Als das Licht nachließ, war der alte Paladin verschwunden. Die Wachen sahen sich verwirrt um, Tholgir war sauer auf sich. Er hätte nicht wutentbrannt auf ihn zustürmen dürfen. Völlig unüberlegt, ohne Strategie. Er war doch schließlich kein Barbar. Und der alte Paladin auch nicht. „Solange er sich in dieser Stadt befindet, werde ich ihn finden.“ sprach der Erzbischof und hob seinen rechten Arm in die Höhe.Auf einmal fing eine der Wachen an zu leuchten. Die anderen Wachen drehten sich zu ihm um. „Oh, verdammt.“ stammelte der alte Paladin, als er von Gundan enttarnt wurde. Er versuchte sie erneut mit einem Lichtblitz zu blenden, doch als er seine Hand hob, passierte nichts. „Das Licht hat Euch verlassen. Was Ihr tut ist nicht der richtige Weg.“ sprach der Erzbischof mit fester Stimme. „Einzig der eigene Weg ist der Richtige. Für Andere einstehen kostet Euch selbst das Leben. Das Licht hat mich verlassen? Schön, dann können sich meine neuen Kräfte endlich manifestieren.“ Der alte Paladin begann Worte in einer Sprache zu sprechen, die wohl niemand anderes jemals vernommen hat. Nicht einmal der Erzbischof war den Worten kundig. „Was tut ihr da?“, Gundan fragte ängstlich, aber auch besorgt, dann entdeckte er, dass sich die Finger des alten Paladins schwarz färbten. Langsam, aber stet, arbeitete sich diese Schwärze die Arme hoch. Die Wachen, Gundan und Tholgir waren starr vor Schock. Das sollte sich jedoch ändern, als sich der Körper des alten Paladins anfing in eine schwarze Flüssigkeit zu verwandeln. Als diese schwarze Färbung seine Ellenbogen erreichten, fingen seine Finger an zu tropfen. „Bei Gren, was passiert mit euch?“, Gundan fragte angewidert, doch der alte Paladin steckte in einer Art Gebet und reagierte nicht auf die Frage. „Nehmt ihn fest!“ befahl der Erzbischof mit eiserner Stimme. Die Wachen liefen auf ihn zu und versuchten ihn zu ergreifen, doch als der erste Wachmann seinen Arm über die schwarze Flüssigkeit am Boden bewegte, drang sie in diesen ein. Sie fraß sich in das Fleisch und hinterließ eine klaffende Wunde. Er schrie laut auf und seine Kameraden blieben stehen und beobachteten, was mit ihm geschah. Das schwarze Sekret bahnte sich seinen Weg durch den Körper der Wache und quälte ihn mit unvorstellbaren Schmerzen. Er schrie beinahe die ganze Zeit über, bis die Schreie von einem Gurgeln abgelöst wurden. Dann spuckte er Blut, welches sich mit diesem schwarzen Sekret vermischt hatte und brach schließlich zusammen. Seine Kameraden schauten wie gebannt, was geschah. Sie konnten den Blick nicht abwenden. Auch Gundan und Tholgir standen unter Schock. Etwas Derartiges haben sie noch nie gesehen. Nicht einmal Gundan wusste, was da geschah und er hatte schon vieles erleben müssen, das mit dunkler Magie zu tun hatte. Das jedoch, überforderte ihn.
Der alte Paladin ließ sich nicht davon irritieren und besprach die Finsternis weiter, während er sich immer weiter verflüssigte. Auf einmal begann der Körper des leblosen Wachmanns zu rotten. Rasend schnell verweste der Körper, als würde ihn die Dunkelheit zerfressen. Selbst die Rüstung wurde davon befallen. Nach nur wenigen Sekunden war er verschwunden.
„Das Licht wird euch verbrennen!“ rief einer der restlichen Garde und warf seinen Dolch in Richtung des alten Paladins, doch Dieser wurde von dieser merkwürdigen schwarzen Pfütze unter ihm beschützt. Sie wirft sich vor den alten Paladin und reflektiert den Dolch. Er flog mit einer solch hohen Geschwindigkeit zurück, dass der Hals des Werfers mühelos durchbohrt wurde und in der Wand hinter ihm steckenblieb. Die Lebensenergie des Wächters entwich. Er fiel auf die Knie und badete schließlich in seinem Blut. „Hört auf!“ rief Gundan „Greift ihn nicht an. Wir sind machtlos.“
Sie sahen zu wie der alte Paladin sich in seinem Beschwörungsgesang verlor und sich immer weiter in die schwarze Suppe verwandelte. Nach kurzer Zeit war er komplett verschwunden, doch der dunkle Fleck am Boden blieb bestehen. Tholgir stand langsam und stöhnend auf, dabei hielt er seine Hand auf die Wunde. Er humpelte zu Gundan, der noch immer, wie erstarrt, wirkte, doch gerade als Tholgir Luft holte, wurde er direkt von dem Erzbischof unterbrochen: „Schweigt, Sohn. Verschwindet von hier.“ Während er diese Worte sprach, lag Gundan die Hand auf Tholgirs Verletzung. Ein kurzer Lichtblitz erstrahlte und die Wunde war verheilt. „Nun geht. Ich muss mit dem König sprechen und ihm mitteilen, was hier soeben geschah.“
„Erzbischof Gundan, wir mü...“
„Schweigt!“, Gundan unterbrach Tholgir abrupt „Geht zurück in die Akademie. Wir haben ein großes Problem, um das wir uns nun kümmern müssen.“
„Aber...“, Tholgir versuchte zu widersprechen, doch Gundan hob die Hand und erneut erschien ein Lichtblitz. Tholgirs Gesicht entspannte sich sofort. Auch seine Körperhaltung wurde gelockert, als wäre sein Kopf komplett geleert worden. „Ich gehe in die Akademie zurück.“, sagte er geistesabwesend und begab sich zum Ausgang. Einer der Wachleute wandte sich Gundan zu: „Habt Ihr ihn verzaubert?“
„Das habe ich, junger Wärter. Sein Zorn wird uns in Dunkelheit stürzen. Der Zauber wird ihn hoffentlich beruhigen.“
„Hoffen wir es.“