Der Aufstand der Bäume

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Swiet Piet

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Eines Tages erhoben sich die Bäume. Niemand konnte sich erklären, wie es geschah, doch die Bäume wurden lebendig.
Langsam zogen sie ihre dicken Wurzeln wie klobige Stiefel aus der Erde und unternahmen ihre ersten unsicheren Schritte auf dem modrigen Waldboden. Wobei, Schritte konnte man es nicht nennen. Die Bäume bewegten sich eher mit graziler Geschmeidigkeit fort, wie Oktopusse, die sanft über den Meeresboden gleiten. Als wäre jede Wurzel ein Tentakel, mit dessen Hilfe sie sich Zentimeter für Zentimeter vorwärts schlängeln. Fast hätte man glauben können, sie schweben.
Als ich es zum ersten Mal sah, traute ich meinen Augen nicht. Ich dachte, ich würde fantasieren. Wie konnte der Wald plötzlich lebendig werden? Das ergab doch keinen Sinn!
Ich musste unweigerlich an Shakespeares Macbeth denken, dem die Hexen prophezeit hatten, er würde König sein, bis der Wald zum Leben erwacht und gegen seine Burg marschiert. War jeder von uns Menschen also ein todgeweihter König Macbeth? Waren unsere Häuser unsere Burgen und diese Bäume das Heer, das gekommen, um uns zu richten und die rechtmäßige Herrscherin des Erdenreichs zurück auf ihren Thron zu befördern?
Andere glaubten, in dem Ereignis den natürlichen Lauf der Politik zu erkennen. Die Säugetiere hatten die Reptilien vor Millionen von Jahren als unangefochtene Herrscherspezies des Planeten abgelöst. Die Menschen hatten sich unter ihnen hervorgetan und die alleinige Macht an sich gerissen. Allerdings erfüllten sie ihre bedeutende Aufgabe weitaus weniger würdevoll als die Donnerechsen, weshalb sie in ihrer Regierungsgewalt nun von der scheinbar primitivsten aller Lebensformen abgelöst wurden: den Pflanzen.
Egal, wie man die Vorkommnisse interpretierte: Es änderte nichts an den Fakten.
Die Bäume wurden lebendig.
Und so sah ich an diesem düsteren Tag, an dem die brasilianische Regierung beschlossen hatte, das letzte Stück Regenwald im Amazonasbecken an den Meistbietenden zu verkaufen, aus meinem Fenster und blickte auf ein Heer von Fichten, Kiefern und Eichen, das sich, kommandiert von einer Gruppe adeliger Birken, nach allen Himmelsrichtungen bis zum Horizont erstreckte und meine bescheidene Heimatstadt in fast schon phlegmatischer Ruhe einkesselte.
Irgendwie sprach aus diesem Ereignis auch eine gewisse Ironie. Seit jeher hatten wir uns gegen jeden erdenklichen Feind gerüstet. Sogar unliebsame Besucher aus dem All konnten wir in der Area 51 willkommen heißen. Doch waren wir nicht auf die Idee gekommen, den Millionen und Milliarden von Giganten zu misstrauen, die uns nun fast überall auf der Welt umzingelten wie bei einer sorgfältig geplanten Militäroperation.
Natürlich warben diverse hitzköpfige Politiker angesichts der Bedrohung sofort für einen militärischen Gegenschlag. Allerdings konnten sie dabei nicht einmal bei ihren kriegslüsternsten Generälen auf Unterstützung hoffen. Es sei praktisch unmöglich, so lautete die Begründung, irgendeine Aktion gegen die Bäume auszuführen, ohne, dass dies massive Verluste in der Zivilbevölkerung nach sich ziehen würde. Auch war völlig unklar, wie die Bäume auf eine solche Provokation reagieren würden. Bisher hatten sie mit ihrem Handeln nämlich weder Schaden angerichtet noch Gesetze gebrochen.
Zwar kam es zu vereinzelten Scharmützeln zwischen Baum und Mensch, an denen meist Waldarbeiter und Möchtegern-Rambos beteiligt waren. Die endeten jedoch in der Regel damit, dass die Sägeblätter der Kettensägen und die Projektile der Feuerwaffen in den Baumstämmen stecken blieben und die selbsternannten Freiheitskämpfer panikartig ihr Heil in der Flucht suchten.
Ich für meinen Teil versuchte erst gar nicht, den Helden zu spielen. In meiner Panik schloss ich sofort die gläserne Haustür ab, in dem absurden Glauben, diese Maßnahme würde die Bäume in meinem Vorgarten davon abhalten, sich umzudrehen und wie Berserker über mich herzufallen. Als hätten sie die Tür nicht einfach, genau wie jedes Fenster, mit ihren mächtigen Pranken zertrümmern und sich auf diese Weise Zutritt zu meinem Haus verschaffen können, um mich in tausend Stücke zu reißen. Ich erschauderte bei diesem Gedanken.
Mir schlotterten die Knie, als ich durch die verschwommene Glastür die Silhouette eines Baumes erkannte, der sich gemächlich dem Hauseingang näherte. Instinktiv vergrub ich das Gesicht in den Händen, um nicht Zeuge meiner eignen Hinrichtung werden zu müssen. Ich erwartete, jeden Moment durch ein grauenhaftes Splittergeräusch aufgeschreckt und dann von einem dicken Ast gepackt und in meiner Einfahrt mit dem Kopf voraus in den Boden gerammt zu werden.
Doch nichts von alldem geschah. Nach ein paar Sekunden der Stille wagte ich es, meine Augen zu öffnen und machte eine wundersame Entdeckung: Der Baum war direkt vor der Tür stehengeblieben und rührte sich nicht mehr. Fast so, als wäre er plötzlich eingeschlafen.
Aufgeregt eilte ich von Zimmer zu Zimmer, um mir einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Ich stellte fest, dass die übrigen Bäume sich vor meinen Fenstern und der Gartentür postiert hatten. Ich war in meinem eigenen Haus festgesetzt.
Meinen sämtlichen Nachbarn erging es nicht anders, wie ich vom unbesetzten Dachfenster aus sehen konnte. Die Bäume in ihren Gärten hatten sie ebenfalls unter Hausarrest gestellt. Wir waren ihnen schutzlos ausgeliefert.
Ich fürchtete mich. Ich fürchtete mich wahnsinnig. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Bäume einen anderen Grund hatten sich zu erheben, als Rache an uns zu üben. Rache für die unzählbaren Verbrechen, die die Menschheit seit Jahrtausenden an ihnen und ihren Brüdern und Schwestern begangen hatte.
Aber ich irrte mich. Die Bäume sannen nicht auf Rache. Im Gegenteil.
Sie strebten nach Versöhnung.
Ihre eindrucksvolle, weltweit koordinierte Darbietung wollten die Bäume als friedlichen Protest gegen die Abholzung in Brasilien und auch sonst jede Art ungerechtfertigter Tötung von Bäumen verstanden wissen. Experten für Baumkommunikation vermuteten das, weil die Anführer der Bäume mit ihren Ästen überall auf der Welt primitive Zeichnungen in den Boden kritzelten, die zwei verschiedene Situationen darstellten: Menschen, die einen Wald umzingelten und Bäume, die dasselbe mit einer Gruppe von Häusern taten.
Sowie die Forstarbeiten im Amazonasbecken aufgegeben wurden, lösten die Bäume ihre Belagerung auf und steckten die Wurzeln zurück in die Erde. Fortan beschränkte sich die Menschheit darauf, nur noch alte und kranke Bäume zu fällen, wodurch der Holzpreis stieg und Holz zu einem wertvolleren Rohstoff wurde als Gold. Die auf das Holz erhobenen Steuern wurden in einem gemeinsamen Fond gebündelt, der der Wiederaufforstung entvölkerter Gebiete diente. Da sich seither nie wieder auch nur ein einziger Baum von seinem Platz erhoben hat, wurde diese Handhabung als von der Natur gebilligt erachtet.
Nichtsdestotrotz wird diese Geschichte nun als Mahnung an die Jugend von Generation zu Generation weitergegeben, um an den friedlichen Aufstand der Bäume zu erinnern.
 

hein

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Hallo Piet,

schöner Traum.

Hier in Nordfriesland haben wir die Gefahr schon seit langem erkannt und deshalb nur einen sehr geringen Waldanteil. Und den lassen wir auch noch von den Stürmen regelmäßig dezimieren.
Was uns mehr bedroht sind der Anstieg des Meeresspiegels und die Sturmfluten. Wenn die Deiche anfangen zu wandern ist die K.... wirklich am Dampfen. Darüber solltest du schreiben!

Ansonsten gerne gelesen.

lg
hein
 

Languedoc

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Hallo Swiet Piet,

eleganter Schreibstil, schön zu lesen.

Die Geschichte hat mich angesprochen, weil ich tatsächlich auch mal so was Ähnliches vom Losmarschieren der Bäume träumte, und mir Baumwurzeln, die aus der Erde rausschauen, immer leicht unheimlich sind.

Nur diese Passage:

Ich musste unweigerlich an Shakespeares Macbeth denken, dem die Hexen prophezeit hatten, er würde König sein, bis der Wald zum Leben erwacht und gegen seine Burg marschiert. War jeder von uns Menschen also ein todgeweihter König Macbeth? Waren unsere Häuser unsere Burgen und diese Bäume das Heer, das gekommen, um uns zu richten und die rechtmäßige Herrscherin des Erdenreichs zurück auf ihren Thron zu befördern?
Andere glaubten, in dem Ereignis den natürlichen Lauf der Politik zu erkennen. Die Säugetiere hatten die Reptilien vor Millionen von Jahren als unangefochtene Herrscherspezies des Planeten abgelöst. Die Menschen hatten sich unter ihnen hervorgetan und die alleinige Macht an sich gerissen. Allerdings erfüllten sie ihre bedeutende Aufgabe weitaus weniger würdevoll als die Donnerechsen, weshalb sie in ihrer Regierungsgewalt nun von der scheinbar primitivsten aller Lebensformen abgelöst wurden: den Pflanzen.
war mir doch etwas zu "moralisch", bzw. auch unrund: Wen wollen die Bäume als rechtmäßige Herrscherin des Erdenteiches zurück auf ihren Thron befördern?
Und nach dem natürlichen Lauf der Politik folgen Sätze über Erdkunde (von den Reptilien) und Biologie (von Menschen, Pflanzen, Donnerechsen) - das alles braucht Deine Geschichte nicht unbedingt.

Ist aber nur ein Kritteln am Rande ...

Bin gespannt auf weitere Werke von Dir.

Liebe Grüße

Languedoc
 
Eine sehr interessante Geschichte, dazu noch mit Happy End. Der Schreibstil gefällt mir auch und die Anspielungen auf Shakespeare finde ich jedenfalls nicht schlecht. Wenn Du Zeit hast lies doch mal was von mir, ist allerdings nicht so toll geschrieben wie bei dir, aber Kritik würde mich interessieren.
 

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