Der brennende Mensch (Zwillingstext aus dem Museum Part II)

Im nächsten Raum treffe ich auf einen alten Bekannten.
Er ist jetzt schon 104 Jahre alt und immer noch nackt.
„Der brennende Mensch“ ist eine lebensgroße Plastik des Bildhauers Anton Hanak aus dem Jahr 1922. Noch so ein Trauma aus dem Weltkrieg N°1, das ein Künstler irgendwie verarbeiten musste.
Jahrelang stand diese Statue vor dem Eingang der zeitgenössischen Galerie, wo wir oft aufeinandertrafen, als ich noch ein Kind war. Nicht, dass meine Eltern mit mir ins Museum gegangen wären, aber zufällig wohnten wir dort, wo damals diese Galerie für moderne Kunst war. Die sogenannte Neue Galerie war zu dieser Zeit in einem profanen Gebäudekomplex samt angeschlossenem Einkaufszentrum untergebracht und noch nicht in diesem weiträumigen Bau mit Glasfassade wie heute.
Jedes Mal, wenn ich mit meiner Mutter zum Einkaufen ging, traf ich auf den riesigen nackten Mann.
Er machte mir instinktiv Angst. Der Mann war schwarz von Kopf bis Fuß und reckte die Hände seltsam nach oben. Im Sockel zu seinen Füßen steht geschrieben: „Du brennest und verbrennest“, das konnte ich als Kind aber noch nicht unbedingt lesen. Aber ich ahnte, auch wegen des leidenden Gesichtsausdrucks der Figur, dass hier jemand dargestellt war, der unsägliche Schmerzen ertragen muss. Verbrannt, verkohlt, aber noch nicht tot, zum Himmel ringend, als würde der Mann um eine Gnade flehen, die er nur nicht finden sollte.
Und ich wusste: Dort, wo Menschen lebendig verbrannt werden und wo es partout keine Gnade gibt, dort ist Krieg. Das ist schrecklich. Das darf nicht sein. Nie wieder. So bin ich groß geworden.
Im halbrunden Foyer der Neuen Galerie spielte ich mit meiner Schwester manchmal „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“. Ein altbekanntes Spiel, bei dem man sich in einem Raum gegenüber aufstellt und der Fänger stürmt los, um die anderen zu fangen. Der Fänger startete bei uns immer hinter der schwarzen Plastik. Das ging natürlich nur, wenn die Neue Galerie schon geschlossen hatte und uns niemand mehr schimpfen konnte, weil wir so böse mit der Kunst umgingen.
Der schwarze Mann aus dem Kinderspiel, das war für mich immer diese Figur aus dem Museum.
Zum Fürchten unheimlich und grauenhaft und gleichzeitig, das argwöhnte ich, war das Grauenhafte nicht der Mann selbst, sondern das, was ihm passiert war. Das sollte nie wieder jemandem passieren.
 



 
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