Felix und Carlotta kosteten ihre jugendliche Begierde aufeinander aus, bis sie die Dreißig überschritten hatten. Fünf Jahre lang konnten nur ihr Job und das Läuten des Briefträgers an der Haustür sie aus dem Ehebett vertreiben, und als sich sogar Freundschaften auflösten, weil sie zu nichts anderem mehr Zeit hatten, brachte ihr Liebestreiben bei ihren Bekannten nur noch ein staunendes Kopfschütteln hervor. Fünf Jahre, das war eine Zeitspanne, die man mit kritischem Blick auch als eine langwierige Gewöhnungsphase und Entdeckungsreise bezeichnen kann, die in eine Art Abnutzung der Gefühle hinüberglitt. An ihrem Ende fiel Ihnen nichts ein, was sie gegen den Verbrauch ihrer Lust unternehmen konnten, und so wurde das Abflauen ihrer Gefühle von tötender Gewohnheit begleitet. Die stundenlange Hingabe zog immer längere Ruhephasen nach sich – Tage, nicht Stunden wie früher – , und irgendwann war ihr Sexleben so gewöhnlich und von Routine geprägt wie das eines jeden anderen Paares.
In Carlottas Augen war diese Entwicklung völlig normal. Gewöhnung killt jeden Reiz, pflegte sie zu sagen, das fängt schon beim Essen an. Sie tröstete sich fortan mit der Erinnerung an die wildesten Zeiten nach ihrer Eheschließung. Doch als ihr Liebesleben gänzlich zu Ende zu gehen drohte, kam ein Verdacht in ihr auf. Er war der schlimmste, den eine liebende Ehefrau haben konnte.
Sie rief einen Privatdetektiv an und bat um eine Konsultation.
„Und Sie glauben, dass …“
„Ja, ich bin sogar überzeugt davon, und ich will es beweisen können. Bitte beobachten Sie ihn und machen Sie eine detaillierte Aufstellung, wie und wo er seinen Tag verbringt. Er arbeitet in der Werbeagentur Textpool. Sie kennen bestimmt das Gebäude mit der gelben Fassade am Siemensplatz.“ Sie zahlte ohne nachzufragen den verlangten Vorschuss.
Nach einer Woche erschien der Detektiv und legte das Ergebnis seiner Observation vor. Er hatte alles schriftlich dokumentiert, und Carlotta begann sofort, Position für Position zu lesen:
Montag 13. 4., 9.05: F. auf dem Weg zur Agentur über Bergstraße und Heinrichsplatz. Fährt am Gebäude von Textpool vorbei, biegt ein in die Theaterstraße und hält vor dem Haus Nr. 32. F. drückt die unterste Klingel, die den Namen Amanda Burgk ausweist. Nach 65 Minuten verlässt er das Haus und begibt sich zu Fuß in das Café Teuber, sitzt allein am Tisch, liest Zeitung und verlässt das Café um 11.16h.
Fährt in Richtung Ortsausgang Hofstetten, parkt auf dem Joggerparkplatz, geht zu Fuß in die Waldstraße und betritt das Haus Nr. 16. Es wird allein bewohnt von Petra Kieling.
Kommt um 12.21h aus dem Haus, bleibt eine Viertelstunde im Auto sitzen, geht dann für 35 Minuten auf der Joggingtrasse spazieren und fährt wieder Richtung Innenstadt, parkt vor dem Wendelerhaus und klingelt gegenüber bei einer Frau Hildegard Sommer im Haus Nr. 4. Er verlässt das Haus um 15.43, fährt direkt in den Golfclub, unterhält sich mit einigen Golfern und verlässt den Club um 17.07h. Von da fährt er direkt nach Hause. Eintreffen 17.22.
Ähnliche Berichte legte der Detektiv für die Folgetage vor. Die Namen der besuchten Damen waren jeweils gelb markiert. Nach dem Besuch von Angelika Wittek fuhr er direkt in die Forstallee, hielt vor dem Gebäude Nr. 34 und betrat es, nachdem er sich umschauend vergewissert hatte, dass ihn niemand sah.
Diesen Bericht ergänzte er aber mit einer Beobachtung, die ihm merkwürdig vorkam: Er betrat ein Gebäude und stellte fest, dass sich in dem sich nur Gewerbebetriebe befanden. Warum ging er dahin?
Carlotta sah schon ihre Ehe in Trümmern. Ausführlicher und unumstößlicher konnten die Beweise nicht sein. Für sie stand fest, und da gab es nichts zu rütteln, dass ihr Mann mit anderen Frauen das Leben fortführte, das bei ihr jahrelang die Grundlage überbordenden Glücks gewesen war. Sie war verzweifelt, und gleichzeitig triumphierte sie, weil sich ihr weiblicher Instinkt bestätigt hatte.
*
Als sie hörte, wie sich Felix´ Schlüssel im Schloss der Haustür drehte, holte sie tief Luft und konzentrierte sich darauf, keine Nervosität zu zeigen. Doch sie fühlte, wie ihre Hände schwitzten und ihre Mundwinkel vor Aufregung zuckten. Eine solche Anspannung war sie, die in jeder Hinsicht verwöhnte Ehefrau, der Felix bisher jedes Problem abgenommen hatte, nicht gewohnt.
„Hallo Liebling“, sagte er, als er das Wohnzimmer betrat.
„Hallo“, kam es kurz zurück.
Felix zuckte. Das war nicht die Reaktion, die er von ihr gewohnt war.
„Ich habe versucht, dich im Büro anzurufen“, bluffte sie. „Aber du warst nicht da. Warst wohl bei einem Kunden?“
„So ist es. Wir sind gehalten, bei unseren Besuchen das Telefon auszuschalten, damit wir im Gespräch mit dem Kunden nicht gestört werden.“
Sie schaute ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen an und ließ ihn, ohne ein Wort zu sagen, wissen, dass er gelogen hatte. „Ich weiß Bescheid, ich weiß alles“, attackierte sie ihn.
„Was weißt du? Du tust ja so, als wäre ich ein Verbrecher.“
„Nein, ein Verbrecher bist Du nicht. Du bist ein Betrüger!“
„Carlotta! Was sind das denn für Töne?“, empörte er sich. „Würdest du mir mal erklären, was das soll!“
Carlotta war am Zug, aber sie wusste nicht, wie sie die Unterhaltung weiterführen sollte. War es besser, gleich mit der ganzen Wahrheit herauszukommen, oder wäre es klüger, seine Ausreden abzuwarten? Sie entschied sich für Letzteres.
„Warum schickt man ausgerechnet dich den ganzen Tag zu Kunden? Dafür habt ihr doch Außendienstler?“
„Klar, haben wir die. Aber die sind nur für die Akquise zuständig.“ Das war eine haarige Ausrede, und Carlotta schaute so verdutzt, dass Felix sich ertappt fühlte. Das sah nicht so aus, als würde sie ihm das abnehmen.
Sie überlegte einen Moment, dann fragte sie, ganz auf Versöhnung gestimmt, nach dem Kern der Sache. „Felix, komm, raus mit der Sprache. Warum sind das alles Frauen, die du besuchen musst. Privatbesuche stehen doch gar nicht auf deiner Agenda. Erklär´s mir.“
„Es ist nicht so, wie du denkst“, hob er an. Aber bevor er weiterreden konnte, schnitt sie ihm das Wort ab.
„Das ist die dämlichste Erklärung, die ich kenne“, sagte sie aufbrausend. „Du musst gar nicht weiterreden. Komm mir bitte nicht so, hör auf, weiter zu lügen.“
„Also gut: Ich wollte es dir vor vierzehn Tagen schon sagen, aber ich wollte einen günstigen Zeitpunkt dafür abwarten. Meinen Job bei Textpool habe ich gekündigt, und jetzt bin ich Außendienstler bei Wolters MegaStore. Du wirst die Firma nicht kennen, sie ist eine deutsch-chinesische Kooperation und vertreibt Waren zu phantastischen Discountpreisen. Es sind in der Mehrzahl Artikel, die Frauen interessieren: Haushaltswaren, Artikel für Haus und Garten, Reinigungsmittel, Hygiene usw. Ich bekomme Adressen geliefert, die ich besuchen muss. So, jetzt weißt du´s.“
Das klang für Carlotta plausibel, aber nicht glaubhaft. Sie zeigte sich betroffen und nachgiebig, um den Hausfrieden zu retten und die Sache nicht zu überhitzen, und beließ es dabei. Aber alles änderte sich, als am Folgetag der Privatdetektiv bei ihr anrief und ankündigte, dass er sich eine sichere Taktik ausgedacht hätte, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Carlotta glühte vor Neugier, und sie trafen sich in einem Café in der Innenstadt.
„Zwei Dinge möchte ich loswerden“, begann er. „Es würde mir sehr, sehr leid tun, wenn Ihre Beziehung wegen meiner Ermittlungen in die Brüche ginge. Sie sind ein so sympathischer Mensch, Sie verdienen dieses Drama nicht, das eine Trennung mit sich bringt. Deshalb habe ich mir -zweitens- etwas überlegt, womit Sie die Wahrheit herausfinden und Ihrem Mann gleichzeitig eine Brücke bauen können. Mit Verlaub, ich habe mich ein wenig über Sie und Ihren Partner erkundigt. Das war nötig, um diesen Plan zu entwickeln. Ausschlaggebend für dieses Vorhaben ist allerdings, dass Sie Ihm verzeihen können und wollen.“
*
Eine attraktive, schlanke Frau in modischem Hosenanzug, auffällig geschminkt und mit kostbarem Schmuck an jeder Hand betrat das Gebäude Nr. 34 in der Forstallee. Vor dem Fahrstuhl öffnete sie ihre langen, tiefroten Haare, und orientierte sich an einer Werbetafel, auf der alle in diesem Haus ansässigen Firmen aufgelistet waren. Aber nur die im 2. Stock interessierte sie. Sie trug den klangvollen Namen „Papillon“, und in der Unterzeile hieß es kurz und bündig: Ihr diskreter Escort-Service.
Ihre Hände zitterten, als sie die Eingangstür zu dem protzig aufgemachten Empfangsraum öffnete. Die klotzen ganz schön für so ‘nen Schuppen, kam es ihr. Hoffentlich wird´s jetzt nicht zu peinlich. Sie hatte allergrößte Hemmungen, war aber entschlossen, ihr Vorhaben um jeden Preis durchzusetzen.
„Guten Tag“, sagte sie förmlich, und als die Angestellte hinter dem Tresen den Gruß erwiderte und sie fragend anschaute, fuhr sie fort. „Eine Kundin von Ihnen hat mir Ihr Unternehmen empfohlen. Ich bin hier auf einem Kongress und fahre erst morgen wieder zurück. Ich hätte für heute Abend Interesse an einem Ihrer Herren.“
„Gern. Wenn Sie mir beschreiben können, was Ihnen vorschwebt … wir können Ihnen verschiedene Typen und Temperamente anbieten. Suchen Sie jemanden zum Ausgehen?“
„Nein.“
„Dann ist es vielleicht am besten, wenn Sie selber schauen?“ Die Angestellte deutete mit ihrer Hand auf ein in Leder gebundenes Album.
„Oh ja, ich schau gern mal da rein“, sagte die Kundin.
„Wie alle.“ Die Dame hinter der Theke grinste höflich. „Jede Kundin möchte da mal hineinschauen. Ist ja auch verständlich. Hier, bitte. Sie können gern Platz nehmen und ihre Entscheidung in aller Ruhe treffen.“
Das war genau das, was die Kundin wollte. Sie setzte sich in einen der Sessel im Foyer und begann zu blättern. Jeder Mann war hier auf einer Doppelseite mit all seinen Qualitäten, seiner Eloquenz, dem Bildungsstand mit Fremdsprachenkenntnissen, Hobbys und weiteren besonderen Merkmalen beschrieben und mit Fotos illustriert. Auf Seite 16 stoppte sie, überflog die Buchungsbedingungen und blätterte nicht weiter.
Höchst aufmerksam studierte sie den Umfang der Dienstleistungen. „Ich würde mich für diesen Herrn entscheiden“, trug sie vor und legte das aufgeschlagene Album auf den Tresen.
„Sehr wohl, eine gute Entscheidung. René wäre auch meine Empfehlung gewesen.“
„Gut, dann würde ich gern für heute, 19 Uhr, für zwei Stunden buchen. Wäre das möglich?“
„Ich lasse das abklären“, antwortete die Mitarbeiterin. „Meine Kollegin kümmert sich darum. Es könnte ein paar Minuten dauern. Dort drüben sind Getränke, darf ich Ihnen etwas einschenken?“ Sie zeigte auf einen Kühlschrank mit durchsichtigen Türen.
„Nein, danke. Wie wird das mit der Bezahlung gehandhabt?“
„Sie zahlen an René, wenn es Ihnen recht ist. Und alles andere besprechen Sie auch direkt mit ihm.“
Nach wenigen Minuten kam eine junge Frau aus einem der Räume und bestätigte den Termin.
„Ich wohne im Hotel Merkur, Zimmer 204“, sagte sie mit aufgeregter Stimme.
„Ich werde ihn informieren.“
„Auf Wiedersehen.“
*
René erschien auf die Minute pünktlich. Er gab ein imponierendes Bild ab in seinem dunkelblauen Blazer, dem offenem weißen Hemd und den zurückgekämmten Haaren. Mit seinen ein Meter achtundachtzig und den breiten Schultern füllte er beinahe den gesamten Türrahmen aus. Die Frau ließ ihn erkennen, wie entzückt sie war. Der Typ sah tatsächlich so aus wie auf den Katalogfotos.
„Komm herein“, forderte sie ihn auf. „Magst du etwas trinken?“
„Ein Martini wäre recht.“
Sie setzten und beschnupperten sich und tauschten in dem nur spärlich beleuchtetem Zimmer Nettigkeiten aus. „Willst du noch duschen?“
„Alles schon erledigt.“
„Ich bin ein bisschen in Verlegenheit“, sagte sie mit einem Hauch von Zurückhaltung. „Das ist Neuland für mich; habe so etwas noch nie gemacht.“
„Nur keine Scheu! Hier passiert nur das, was du willst.“ Er schaute ihr in die Augen, soweit das gedimmte Licht dies zuließ. „Und da wären wir auch schon beim Thema. Hast du irgendwelche Wünsche, vielleicht besondere?“
„Wir sollten es ganz normal angehen, vielleicht später mehr.“
„Okay, du führst mich. Ein Wort oder ein Zeichen genügt. Und bleib locker. Mir liegt sehr viel daran, dass du diese Stunden genießt.“
„Dann sollten wir keine Zeit verlieren.“ Sie öffnete ihren Bademantel, unter dem sie nackt war, setzte sich auf die Bettkante und öffnete Renés Hosengürtel.
Ihr Sex war ausgiebig, gut, dauerhaft und ließ bei der Frau keinen Wunsch offen. „Du warst wirklich mein Geld wert“, gestand sie ihm mit einem Schmunzeln. „Schade, dass ich dich nicht mitnehmen kann.“
„Darüber ließe sich reden.“
Sie nippten aus ihren Gläsern, und es schien, als wollte die bisher so zwanglose, freundliche Unterhaltung versiegen. Da nahm sie seine Hand und schaute ihm in seine unruhigen Augen. „Wann hast du es gemerkt?“
„Was gemerkt? Ich verstehe nicht, was du meinst.“ Er zeigte Mühe, ihrer Frage zu folgen.
„Ach, stell dich doch nicht so dumm.“ Sie schenkte nach und reichte ihm sein Glas.
Schweigen.
„Nach drei Minuten, wenn ich ehrlich bin. Ich bin nur nicht dahintergekommen, warum du das machst.“
Carlotta brüllte vor Lachen. „Du hast es die ganze Zeit gewusst und spielst die Charade bis zum bitteren, hmm süßen Ende? Dann war das ja ein glatter Schuss in den Ofen.“
„Es war so amüsant, und es hatte einen wunderbaren Kitzel. Mir hat’s mächtig gefallen. Allerdings habe ich damit gerechnet, dass du irgendwann die Bombe platzen lässt. Wenn du mich fragst, wir sollten das öfter machen.“
„Haben wir eine neue Variante entdeckt? Das Rollenspiel?“, fragte sie und lächelte.
„Ich denke ja, und es lässt sich in unzähligen Varianten spielen. Jetzt erklär mir aber erst einmal, was das alles soll und wer dich so zugerichtet hat.“
„Was das soll? Das ist eine lange Geschichte, die damit anfängt, dass du fremde Damen beglückst. Und meine Aufmachung, die hat eine Maskenbildnerin vom Landestheater erledigt, wenn du schon danach fragst: Ich dachte, dir einfach eine Szene zu machen, wäre … ach, was soll das jetzt.“
„Und die tiefere Stimme?“
„Ein Mittelchen, dass die Synchronsprecher verwenden, um ihre Stimme tiefer klingen zu lassen. Aber dass du die Maskerade gleich nach ein paar Minuten entdeckt hast, das erstaunt mich jetzt!“
„Mein Liebling, ich kenne dich besser als du selbst. Das sollte dich nicht verwundern. Ein solches Versteckspiel kann nie funktionieren, aber es hat einen Heidenspaß gemacht.“
In Carlottas Augen war diese Entwicklung völlig normal. Gewöhnung killt jeden Reiz, pflegte sie zu sagen, das fängt schon beim Essen an. Sie tröstete sich fortan mit der Erinnerung an die wildesten Zeiten nach ihrer Eheschließung. Doch als ihr Liebesleben gänzlich zu Ende zu gehen drohte, kam ein Verdacht in ihr auf. Er war der schlimmste, den eine liebende Ehefrau haben konnte.
Sie rief einen Privatdetektiv an und bat um eine Konsultation.
„Und Sie glauben, dass …“
„Ja, ich bin sogar überzeugt davon, und ich will es beweisen können. Bitte beobachten Sie ihn und machen Sie eine detaillierte Aufstellung, wie und wo er seinen Tag verbringt. Er arbeitet in der Werbeagentur Textpool. Sie kennen bestimmt das Gebäude mit der gelben Fassade am Siemensplatz.“ Sie zahlte ohne nachzufragen den verlangten Vorschuss.
Nach einer Woche erschien der Detektiv und legte das Ergebnis seiner Observation vor. Er hatte alles schriftlich dokumentiert, und Carlotta begann sofort, Position für Position zu lesen:
Montag 13. 4., 9.05: F. auf dem Weg zur Agentur über Bergstraße und Heinrichsplatz. Fährt am Gebäude von Textpool vorbei, biegt ein in die Theaterstraße und hält vor dem Haus Nr. 32. F. drückt die unterste Klingel, die den Namen Amanda Burgk ausweist. Nach 65 Minuten verlässt er das Haus und begibt sich zu Fuß in das Café Teuber, sitzt allein am Tisch, liest Zeitung und verlässt das Café um 11.16h.
Fährt in Richtung Ortsausgang Hofstetten, parkt auf dem Joggerparkplatz, geht zu Fuß in die Waldstraße und betritt das Haus Nr. 16. Es wird allein bewohnt von Petra Kieling.
Kommt um 12.21h aus dem Haus, bleibt eine Viertelstunde im Auto sitzen, geht dann für 35 Minuten auf der Joggingtrasse spazieren und fährt wieder Richtung Innenstadt, parkt vor dem Wendelerhaus und klingelt gegenüber bei einer Frau Hildegard Sommer im Haus Nr. 4. Er verlässt das Haus um 15.43, fährt direkt in den Golfclub, unterhält sich mit einigen Golfern und verlässt den Club um 17.07h. Von da fährt er direkt nach Hause. Eintreffen 17.22.
Ähnliche Berichte legte der Detektiv für die Folgetage vor. Die Namen der besuchten Damen waren jeweils gelb markiert. Nach dem Besuch von Angelika Wittek fuhr er direkt in die Forstallee, hielt vor dem Gebäude Nr. 34 und betrat es, nachdem er sich umschauend vergewissert hatte, dass ihn niemand sah.
Diesen Bericht ergänzte er aber mit einer Beobachtung, die ihm merkwürdig vorkam: Er betrat ein Gebäude und stellte fest, dass sich in dem sich nur Gewerbebetriebe befanden. Warum ging er dahin?
Carlotta sah schon ihre Ehe in Trümmern. Ausführlicher und unumstößlicher konnten die Beweise nicht sein. Für sie stand fest, und da gab es nichts zu rütteln, dass ihr Mann mit anderen Frauen das Leben fortführte, das bei ihr jahrelang die Grundlage überbordenden Glücks gewesen war. Sie war verzweifelt, und gleichzeitig triumphierte sie, weil sich ihr weiblicher Instinkt bestätigt hatte.
*
Als sie hörte, wie sich Felix´ Schlüssel im Schloss der Haustür drehte, holte sie tief Luft und konzentrierte sich darauf, keine Nervosität zu zeigen. Doch sie fühlte, wie ihre Hände schwitzten und ihre Mundwinkel vor Aufregung zuckten. Eine solche Anspannung war sie, die in jeder Hinsicht verwöhnte Ehefrau, der Felix bisher jedes Problem abgenommen hatte, nicht gewohnt.
„Hallo Liebling“, sagte er, als er das Wohnzimmer betrat.
„Hallo“, kam es kurz zurück.
Felix zuckte. Das war nicht die Reaktion, die er von ihr gewohnt war.
„Ich habe versucht, dich im Büro anzurufen“, bluffte sie. „Aber du warst nicht da. Warst wohl bei einem Kunden?“
„So ist es. Wir sind gehalten, bei unseren Besuchen das Telefon auszuschalten, damit wir im Gespräch mit dem Kunden nicht gestört werden.“
Sie schaute ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen an und ließ ihn, ohne ein Wort zu sagen, wissen, dass er gelogen hatte. „Ich weiß Bescheid, ich weiß alles“, attackierte sie ihn.
„Was weißt du? Du tust ja so, als wäre ich ein Verbrecher.“
„Nein, ein Verbrecher bist Du nicht. Du bist ein Betrüger!“
„Carlotta! Was sind das denn für Töne?“, empörte er sich. „Würdest du mir mal erklären, was das soll!“
Carlotta war am Zug, aber sie wusste nicht, wie sie die Unterhaltung weiterführen sollte. War es besser, gleich mit der ganzen Wahrheit herauszukommen, oder wäre es klüger, seine Ausreden abzuwarten? Sie entschied sich für Letzteres.
„Warum schickt man ausgerechnet dich den ganzen Tag zu Kunden? Dafür habt ihr doch Außendienstler?“
„Klar, haben wir die. Aber die sind nur für die Akquise zuständig.“ Das war eine haarige Ausrede, und Carlotta schaute so verdutzt, dass Felix sich ertappt fühlte. Das sah nicht so aus, als würde sie ihm das abnehmen.
Sie überlegte einen Moment, dann fragte sie, ganz auf Versöhnung gestimmt, nach dem Kern der Sache. „Felix, komm, raus mit der Sprache. Warum sind das alles Frauen, die du besuchen musst. Privatbesuche stehen doch gar nicht auf deiner Agenda. Erklär´s mir.“
„Es ist nicht so, wie du denkst“, hob er an. Aber bevor er weiterreden konnte, schnitt sie ihm das Wort ab.
„Das ist die dämlichste Erklärung, die ich kenne“, sagte sie aufbrausend. „Du musst gar nicht weiterreden. Komm mir bitte nicht so, hör auf, weiter zu lügen.“
„Also gut: Ich wollte es dir vor vierzehn Tagen schon sagen, aber ich wollte einen günstigen Zeitpunkt dafür abwarten. Meinen Job bei Textpool habe ich gekündigt, und jetzt bin ich Außendienstler bei Wolters MegaStore. Du wirst die Firma nicht kennen, sie ist eine deutsch-chinesische Kooperation und vertreibt Waren zu phantastischen Discountpreisen. Es sind in der Mehrzahl Artikel, die Frauen interessieren: Haushaltswaren, Artikel für Haus und Garten, Reinigungsmittel, Hygiene usw. Ich bekomme Adressen geliefert, die ich besuchen muss. So, jetzt weißt du´s.“
Das klang für Carlotta plausibel, aber nicht glaubhaft. Sie zeigte sich betroffen und nachgiebig, um den Hausfrieden zu retten und die Sache nicht zu überhitzen, und beließ es dabei. Aber alles änderte sich, als am Folgetag der Privatdetektiv bei ihr anrief und ankündigte, dass er sich eine sichere Taktik ausgedacht hätte, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Carlotta glühte vor Neugier, und sie trafen sich in einem Café in der Innenstadt.
„Zwei Dinge möchte ich loswerden“, begann er. „Es würde mir sehr, sehr leid tun, wenn Ihre Beziehung wegen meiner Ermittlungen in die Brüche ginge. Sie sind ein so sympathischer Mensch, Sie verdienen dieses Drama nicht, das eine Trennung mit sich bringt. Deshalb habe ich mir -zweitens- etwas überlegt, womit Sie die Wahrheit herausfinden und Ihrem Mann gleichzeitig eine Brücke bauen können. Mit Verlaub, ich habe mich ein wenig über Sie und Ihren Partner erkundigt. Das war nötig, um diesen Plan zu entwickeln. Ausschlaggebend für dieses Vorhaben ist allerdings, dass Sie Ihm verzeihen können und wollen.“
*
Eine attraktive, schlanke Frau in modischem Hosenanzug, auffällig geschminkt und mit kostbarem Schmuck an jeder Hand betrat das Gebäude Nr. 34 in der Forstallee. Vor dem Fahrstuhl öffnete sie ihre langen, tiefroten Haare, und orientierte sich an einer Werbetafel, auf der alle in diesem Haus ansässigen Firmen aufgelistet waren. Aber nur die im 2. Stock interessierte sie. Sie trug den klangvollen Namen „Papillon“, und in der Unterzeile hieß es kurz und bündig: Ihr diskreter Escort-Service.
Ihre Hände zitterten, als sie die Eingangstür zu dem protzig aufgemachten Empfangsraum öffnete. Die klotzen ganz schön für so ‘nen Schuppen, kam es ihr. Hoffentlich wird´s jetzt nicht zu peinlich. Sie hatte allergrößte Hemmungen, war aber entschlossen, ihr Vorhaben um jeden Preis durchzusetzen.
„Guten Tag“, sagte sie förmlich, und als die Angestellte hinter dem Tresen den Gruß erwiderte und sie fragend anschaute, fuhr sie fort. „Eine Kundin von Ihnen hat mir Ihr Unternehmen empfohlen. Ich bin hier auf einem Kongress und fahre erst morgen wieder zurück. Ich hätte für heute Abend Interesse an einem Ihrer Herren.“
„Gern. Wenn Sie mir beschreiben können, was Ihnen vorschwebt … wir können Ihnen verschiedene Typen und Temperamente anbieten. Suchen Sie jemanden zum Ausgehen?“
„Nein.“
„Dann ist es vielleicht am besten, wenn Sie selber schauen?“ Die Angestellte deutete mit ihrer Hand auf ein in Leder gebundenes Album.
„Oh ja, ich schau gern mal da rein“, sagte die Kundin.
„Wie alle.“ Die Dame hinter der Theke grinste höflich. „Jede Kundin möchte da mal hineinschauen. Ist ja auch verständlich. Hier, bitte. Sie können gern Platz nehmen und ihre Entscheidung in aller Ruhe treffen.“
Das war genau das, was die Kundin wollte. Sie setzte sich in einen der Sessel im Foyer und begann zu blättern. Jeder Mann war hier auf einer Doppelseite mit all seinen Qualitäten, seiner Eloquenz, dem Bildungsstand mit Fremdsprachenkenntnissen, Hobbys und weiteren besonderen Merkmalen beschrieben und mit Fotos illustriert. Auf Seite 16 stoppte sie, überflog die Buchungsbedingungen und blätterte nicht weiter.
Höchst aufmerksam studierte sie den Umfang der Dienstleistungen. „Ich würde mich für diesen Herrn entscheiden“, trug sie vor und legte das aufgeschlagene Album auf den Tresen.
„Sehr wohl, eine gute Entscheidung. René wäre auch meine Empfehlung gewesen.“
„Gut, dann würde ich gern für heute, 19 Uhr, für zwei Stunden buchen. Wäre das möglich?“
„Ich lasse das abklären“, antwortete die Mitarbeiterin. „Meine Kollegin kümmert sich darum. Es könnte ein paar Minuten dauern. Dort drüben sind Getränke, darf ich Ihnen etwas einschenken?“ Sie zeigte auf einen Kühlschrank mit durchsichtigen Türen.
„Nein, danke. Wie wird das mit der Bezahlung gehandhabt?“
„Sie zahlen an René, wenn es Ihnen recht ist. Und alles andere besprechen Sie auch direkt mit ihm.“
Nach wenigen Minuten kam eine junge Frau aus einem der Räume und bestätigte den Termin.
„Ich wohne im Hotel Merkur, Zimmer 204“, sagte sie mit aufgeregter Stimme.
„Ich werde ihn informieren.“
„Auf Wiedersehen.“
*
René erschien auf die Minute pünktlich. Er gab ein imponierendes Bild ab in seinem dunkelblauen Blazer, dem offenem weißen Hemd und den zurückgekämmten Haaren. Mit seinen ein Meter achtundachtzig und den breiten Schultern füllte er beinahe den gesamten Türrahmen aus. Die Frau ließ ihn erkennen, wie entzückt sie war. Der Typ sah tatsächlich so aus wie auf den Katalogfotos.
„Komm herein“, forderte sie ihn auf. „Magst du etwas trinken?“
„Ein Martini wäre recht.“
Sie setzten und beschnupperten sich und tauschten in dem nur spärlich beleuchtetem Zimmer Nettigkeiten aus. „Willst du noch duschen?“
„Alles schon erledigt.“
„Ich bin ein bisschen in Verlegenheit“, sagte sie mit einem Hauch von Zurückhaltung. „Das ist Neuland für mich; habe so etwas noch nie gemacht.“
„Nur keine Scheu! Hier passiert nur das, was du willst.“ Er schaute ihr in die Augen, soweit das gedimmte Licht dies zuließ. „Und da wären wir auch schon beim Thema. Hast du irgendwelche Wünsche, vielleicht besondere?“
„Wir sollten es ganz normal angehen, vielleicht später mehr.“
„Okay, du führst mich. Ein Wort oder ein Zeichen genügt. Und bleib locker. Mir liegt sehr viel daran, dass du diese Stunden genießt.“
„Dann sollten wir keine Zeit verlieren.“ Sie öffnete ihren Bademantel, unter dem sie nackt war, setzte sich auf die Bettkante und öffnete Renés Hosengürtel.
Ihr Sex war ausgiebig, gut, dauerhaft und ließ bei der Frau keinen Wunsch offen. „Du warst wirklich mein Geld wert“, gestand sie ihm mit einem Schmunzeln. „Schade, dass ich dich nicht mitnehmen kann.“
„Darüber ließe sich reden.“
Sie nippten aus ihren Gläsern, und es schien, als wollte die bisher so zwanglose, freundliche Unterhaltung versiegen. Da nahm sie seine Hand und schaute ihm in seine unruhigen Augen. „Wann hast du es gemerkt?“
„Was gemerkt? Ich verstehe nicht, was du meinst.“ Er zeigte Mühe, ihrer Frage zu folgen.
„Ach, stell dich doch nicht so dumm.“ Sie schenkte nach und reichte ihm sein Glas.
Schweigen.
„Nach drei Minuten, wenn ich ehrlich bin. Ich bin nur nicht dahintergekommen, warum du das machst.“
Carlotta brüllte vor Lachen. „Du hast es die ganze Zeit gewusst und spielst die Charade bis zum bitteren, hmm süßen Ende? Dann war das ja ein glatter Schuss in den Ofen.“
„Es war so amüsant, und es hatte einen wunderbaren Kitzel. Mir hat’s mächtig gefallen. Allerdings habe ich damit gerechnet, dass du irgendwann die Bombe platzen lässt. Wenn du mich fragst, wir sollten das öfter machen.“
„Haben wir eine neue Variante entdeckt? Das Rollenspiel?“, fragte sie und lächelte.
„Ich denke ja, und es lässt sich in unzähligen Varianten spielen. Jetzt erklär mir aber erst einmal, was das alles soll und wer dich so zugerichtet hat.“
„Was das soll? Das ist eine lange Geschichte, die damit anfängt, dass du fremde Damen beglückst. Und meine Aufmachung, die hat eine Maskenbildnerin vom Landestheater erledigt, wenn du schon danach fragst: Ich dachte, dir einfach eine Szene zu machen, wäre … ach, was soll das jetzt.“
„Und die tiefere Stimme?“
„Ein Mittelchen, dass die Synchronsprecher verwenden, um ihre Stimme tiefer klingen zu lassen. Aber dass du die Maskerade gleich nach ein paar Minuten entdeckt hast, das erstaunt mich jetzt!“
„Mein Liebling, ich kenne dich besser als du selbst. Das sollte dich nicht verwundern. Ein solches Versteckspiel kann nie funktionieren, aber es hat einen Heidenspaß gemacht.“