Der Clan oder : Nimm dir, was du kriegen kannst

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anemone

Mitglied
„Ich geh dann mal los um das Garagentor anzustreichen!“ Diesen Satz hatte sie zu Hause gesagt bevor sie losging, doch da wusste sie noch nicht, was sie jetzt wusste und vermutlich würde sie nie mehr in die Verlegenheit kommen dort auf dem einsamen Grundstück, welches mitten zwischen den Häusern lag ein Tor, welches blau gestrichen war und dessen Farbe schon abbröckelte und welches in der gepflegten Häuserreihe einen Schandfleck darstellte zu renovieren.

Denn heute war sie schlauer. Sie wusste inzwischen einiges. Sie wusste jetzt, dass die Wohnstraße von einem Familienclan bewohnt wurde, der überall und nirgends seine Nase reinsteckte, was zum Teil fatale Folgen haben konnte für einen Fremden, so wie sie es war und dass diese Großfamilie Kinder hatte und nicht so knapp und dass sie alle die gleiche dumme Angewohnheit besaßen: Sie waren ausgesprochen neugierig.

Arglos fuhr sie also in den Ort, bewaffnet mit einigen neuen Pinseln, einem Topf grüner Farbe, Sonne im Gepäck und jede Menge guter Laune, ohne die sie das ganze Unterfangen besser gelassen hätte.

Einen Strohhut hatte sie über ihren Kopf gestülpt und bevor sie mit der Arbeit begann inspizierte sie noch einmal das ganze Grundstück. Idyllisch lag es dort und stellte die Fläche für mindestens noch zwei Häuser dar, sofern diese Garage, dessen Tor zu streichen sie sich vorgenommen hatte abgerissen würde. Das Dumme an der Sache war, und das kam ihr erst jetzt zum Bewusstsein, dass sie zwar eine große Garage, aber keinen Strom hatte und damit war bereits der Ärger vorprogrammiert.

Eine neugierige erste Nase kam an den Zaun. „Ach, wird hier endlich einmal etwas getan?“ kam die Stimmer der freundlichen Nachbarin von gegenüber. Verlegen räusperte sie sich mit der Bemerkung: „Nunja, es sollte ja schon lange geschehen, aber es ist nicht einfach, so allein und noch dazu ohne Strom!“ „Das ist doch kein Problem, Strom können Sie von uns haben, wozu brauchen sie ihn denn?“ Ja wozu brauchte sie Strom? Sollte sie es ihr sagen, dass das mit dem Anstrich nur ein Vorwand war und sie eigentlich dieses Grundstück und die Garage nutzen wollte, weil sie sich dort ein Reitpferd halten wollte? Sie behielt es vorläufig erst einmal für sich und gab an, das hohe Gras schneiden zu wollen. Die junge Frau war bereit alles zu tun, wenn es nur endlich aufhören würde, wie letztens mit dem Löwenzahn, dass der Dreck sich durch ihren Zaun drängen würde und ihr ach so gepflegter englischer Rasen aussehen würde, wie eine ganz normale Kuhwiese. Das saß! Nun wusste sie woran sie war und ihr Entschluss stand fest: Niemals würde sie die Frau jemals bitten, ihr Strom zu leihen und sie täuschte Arbeitseifer vor.

Kaum hatte sie die Farbdose geöffnet stand auch schon die zweite neugierige Nase am Zaun: ein etwa 8-jähriger Junge „Was tust du da?“ seine überaus intelligente Frage. „Siehst du das nicht?“ kam es von ihr zurück und sie überlegte, während sie mit ruhigen Pinselstrichen über das Tor strich, ob ihre Stimme nicht ein wenig gereizt geklungen hatte.

„Willst du hier wohnen?“ fragte er sie allen Ernstes mit einer skeptischen Stimme. „Was denn, hier in der Garage? Das ist doch nicht dein Ernst!“ Sie bemerkte einen erleichterten Seufzer bei ihm. „Nö, ich dachte nur!“ „Lass es lieber, das Denken, Junge. Worum geht’s denn?“

„Ich finde es schade, dass du das Tor streichst!“ griff er wieder seine Überlegung auf, die noch nicht so recht abgeschlossen zu sein schien. „Es war immer so ein prima Fußballtor für uns.“ rückte er dann mit seiner Sprache heraus und allmählich ging ihr ein Licht auf.

„Aha“ antwortete sie sarkastisch und der Junge klärte sie darüber auf, dass sie dabei war ihm und seinen Freunden das schönste Vergnügen zu missgönnen und ihnen jetzt mit Sicherheit das Spiel dort verboten würde.

Sie steckte nachdenklich den Pinsel zurück in den Farbtopf und legte eine Pause ein. „Lass uns überlegen, was da zu tun ist!“ schlug sie dem Jungen vor und sie hockten sich mitten ins hohe Gras, welches zum Nachdenken Anlass genug gab. „Du willst also damit sagen, dass ihr dieses Grundstück als Spielplatz missbraucht, aber es ist doch abgezäunt und es gehört euch nicht.“ „Aber der Zaun hat ein Loch, jeder weiß es und hier spielen alle Kinder aus der Nachbarschaft!“ Kaum hatte er es ausgesprochen, kam das kleine neugierige Gesicht eines etwa 4-jährigen Mädchens durch das Loch im Zaun geschoben und ihr kleiner Körper presste sich geschickt durch die winzige Öffnung. Ja, was war da zu tun? Tanjas Gedanken waren noch mit dem Garagentor beschäftigt, welches mit Sicherheit selbst nach ihrer mühevollen Anstricharbeit nicht hübscher sein würde, wenn es weiterhin als Fußballtor benutzt würde. „Das geht aber nicht!“ versuchte sie es bei dem Jungen mit der Aufklärungsarbeit. In der Zwischenzeit hatte sich die Kleine zu ihnen gesetzt und dem Jungen lag etwas daran, dass sie den Mund hielt; er wollte sie sogleich wieder fort schicken. Tanja jedoch lag etwas daran, die ganze Wahrheit zu erfahren und die erhoffte sie sich eher von der Kleinen und naiv wie das Kind war, erfuhr sie sie jetzt auch, natürlich unter den finsteren Blicken ihres Vetters, dem die Wahrheit nicht so recht passte.

„Siehst du dahinten diesen Haufen mit Ästen?“ fragte das Kind. „die verbrennen wir manchmal, aber nur wenn es keiner von den Erwachsenen sieht.“ „Aha“ sagte sie nur und stocherte dabei mit dem Pinsel in dem Farbtopf herum, was der Kleinen Mut machte, weiteres zu erzählen. „und Benny und Lea treffen sich hier immer und sie wissen auch wie man in die Garage kommt, nämlich durch das Fenster, es schließt nicht richtig und Lullu und Andy klettern immer im Kirschbaum herum und Onkel Nick sagt immer, wenn wir so laut sind, „Geht nach nebenan! Und wir gehen dann immer mit unseren Puppen hierher und spielen Mutter, Vater, Kind.“

„Aha,“ sagte sie wieder nur und überlegte, ob sie sich geschlagen geben sollte. Und wo blieb ihr Traum vom Pferd und was war mit einer ansehnlichen Garage und was mit ihrer guten Laune? Noch während sie überlegte, erschien die Gestalt eines Erwachsenen am Zaun: „Hopp, hopp, Mittagessen!“ rief er seiner kleinen Tochter zu und hob sie über den Zaun.
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
hm,

eine der wenigen geschichten, wo mich das offene ende nicht stört, sondern anrührt. bin sehr angetan von deiner geschichte. schon, weil du die personen so klar und sauber gezeichnet hast. ganz lieb grüßt
 

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