Der Codex - Intermezzo & Teil 6

jon

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Prolog & Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5



Intermezzo (2001)

Jannik war endlich eingeschlafen. Ines kam zu Erich herüber und legte sich neben ihn auf die Couch. Sie kuschelte sich an ihn, sie roch nach Baby. Gedankenverloren begann er, mit ihrem Haar zu spielen.
Manchmal sann er darüber nach, wer wohl ihre Mutter gewesen sein könnte. Vor ein paar Monaten hatte Ines gestanden, dass sie mit den Erinnerungen ihrer Mutter geboren worden war. Und dass sie Erich aus diesen Erinnerungen schon gekannt hatte, als sie ihn im Café ansprach. Er hatte gelächelt und gesagt: „Das erklärt einiges.“ Ines hatte ebenfalls gelächelt. Und dann hatten sie nie wieder darüber gesprochen. Er fragte nie, unter welchem Namen er sie gekannt hatte, es musste vor ihrem Leben als Johanna Johnson gewesen sein. Ines ihrerseits sprach nie über ihre Mutter. Nicht mit ihm jedenfalls.
„Woran denkst du?“, fragte sie.
Er wachte aus seinen Grübeleien auf.
„Was beschäftigt dich?“
Er richtete sich auf. Ob er wohl den Codex verletzte, wenn er sie nach etwas aus dem Leben von Johanna Johnson fragte? Gewissermaßen war ihr Leben ja Teil des Lebens ihrer Tochter.
„Was ist?“, hakte Ines nach.
„Erinnerst du dich an die Leute aus dem Umfeld deines Vaters?“
„Eric Newman? Sicher. Soweit Jo sie wahrgenommen hat.“
„Sagt dir in dem Zusammenhang der Name Queen etwas?“
„Queen?“
„Ja.“
Sie zögerte, über ihr Gesicht zog ein Schatten.
„Also sagt er dir was.“
„Ohne die Queen wäre Mutter noch am Leben.“
„Verstehe“, sagte er. „Ich wollte dich nicht erinnern. Nicht daran.“
„Schon gut. Es ist lange her.“


(Oktober 2004)

Als Tomann am Sonntagabend ohne Vorwarnung vor Inesʼ Tür stand, war Erich gerade im Begriff zu gehen. Er hatte wieder einmal versucht, ihr nahezulegen, für den Orden zu arbeiten, indem er ihr schilderte, wie der Ratskreis nach und nach zerfiel. Antonio, der glühendste Befürworter der Wiedererstarkung des Ordens unter christlicher Zielsetzung – so drückte Erich es tatsächlich aus – war charismatisch genug, die Unentschlossenen auf seine Seite zu ziehen. Er hatte immer wieder angedeutet, dass er von Jesus selbst den Auftrag erhalten habe, für eine friedliche Welt zu wirken. Caro könnte das Gegengewicht sein, behauptete Erich. Sie fragte nicht, was er glaubte, was sie gegen eine Begegnung mit Jesus hätte setzen können.
An Carolas Wohnungstür begegneten sich Tomann und Erich. Tomann musterte Erich missbilligend. Erich erwiderte den Blick mit Trotz. Als Tomann die Tür hinter sich geschlossen hatte, sah er Caro fragend an.
Sie versuchte, ernst zu bleiben. „Was? Bist du etwa eifersüchtig? Keine Sorge, Erich ist harmlos.“
„Ist er nicht“, widersprach Tomann und ging ins Wohnzimmer. Stirnrunzelnd registrierte er das Kaffeegeschirr.
Caro räumte ab.
„Du solltest wirklich vorsichtig bei ihm sein“, rief Tomann ihr in die Küche nach. „Vor allem, wenn das Kind dann da ist.“
Sie kam zurück ins Wohnzimmer. „Vor allem, wenn das Kind dann da ist? Was soll das denn heißen?“ Sie grinste breit. „Ist er ein Kinderfresser?“
Er blieb toternst.
„Ach komm schon, Peter! Ich kenne E… Hans schon lange. Was immer du da andeuten willst, es ist sicher nicht so schlimm, wie du vermutest. Er ist einer der Guten, glaub mir.“
„Ich muss nichts vermuten“, erwiderte er beleidigt.
Caro dachte an Erichs „Dinge, die du am liebsten nicht mal selbst von dir wüsstest“. Sie begann zu ahnen, dass er dies tatsächlich so gemeint hatte. Sie wollte das Thema wechseln, aber Tomann ließ es nicht zu.
„Dein Guter ist ein …“, setzte er an, unterbrach sich aber.
Caro fragte nicht. Sie wollte es nicht wissen. Was immer es war, es war lange her. Ein früheres Leben. Ein anderes Leben, in dem man Dinge getan … Sie stutzte. Ein anderes Leben? Von dem Tomann wusste? War er doch eingeweiht?
„Lass uns nicht streiten“, lenkte er ein. „Sei einfach vorsichtig.“ Er nahm sie in den Arm.
Sie nickte. „Versprochen.“
Dann küsste er sie.


Draußen war es längst dunkel beziehungsweise wäre es dunkel gewesen, wenn sie Straßenlaternen den Abend nicht in schummriges Orange gefärbt hätten. Durch die Jalousien der Schlafzimmerfenster geisterte außerdem ab und an das Scheinwerferlicht vorbeifahrender Autos.
Tomann legte seine Hand auf Caros Bauch. „Ist schon komisch. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass du schwanger werden könntest.“
„Warum?“
„Kein Freund, das Alter.“
„Man braucht keinen Freund. Irgendein Kerl reicht.“
Er drehte sich verwundert zu ihr. „Du hast es darauf angelegt? Das hätte ich nicht vor dir gedacht.“
„Du denkst eine Menge nicht von mir. Aber nein“, sie sah ihn an, „ich hatte es nicht darauf angelegt. Aber als ich es merkte, war es okay. Ich meine … so viele Chancen habe ich meinem Alter nicht mehr.“
„Was sagt er dazu?“
Sie wich aus, indem sie wieder zur Decke hochschaute. „Was soll er schon sagen.“
„Wir Männer sind da echt schlecht dran. Am Ende entscheiden die Frauen.“
„Er hätte ja nicht mit mir schlafen müssen. Oder verhüten können.“
„Wie habt ihr euch kennengelernt?“
Sie drehte sich zu ihm. „Peter, ich werde mit dir nicht über ihn sprechen.“
„Was soll ich dem Kind sagen, später?“
„Du?“
„Ja. Wenn es ein Junge wird, wird er eher mit …“ Er unterbrach sich.
„Wird er eher was?“
„Ich wollte sagen ,mit seinem Vater reden’, was aber Quatsch ist.“
„Dann sag doch Ziehvater.“
Auch der Gedanke schien einen Haken zu haben.
„Was?“, fragte Carola nach.
„Habe ich eben angedeutet, dass ich das Kind mit dir zusammen großziehen will?“ Er schien darüber wirklich sehr erstaunt zu sein.
Caro versuchte, nicht zu lächeln. „Ja, ich glaube, das hast du.“
Er setzte sich auf. „Hu.“
Caro setzte sich neben ihn. „Keine Sorge, ich nagele dich nicht darauf fest.“ Sie versuchte zu lächeln, in Wirklichkeit erschreckte sie der Gedanke. Eine Familie mit ihm? Wann immer sie sich das ausgemalt hatte, endete das Szenario in einem Desaster.
Tomann stand auf und schlüpfte in seine Shorts. Dann drehte er sich zu Caro und sagte: „Weißt du, das war so nicht geplant.“
„Was war wie nicht geplant?“
„So weit hatte ich nicht gedacht. Ich …“
Caro wusste, dass sie sich jetzt eigentlich verletzt fühlen sollte. Stattdessen sagte sie: „Lass mich raten: Es ging gar nicht um mich, du wolltest nur einen Grund haben, dich von Olivia zu trennen. Ich war nur die erfolgversprechendste Kandidatin.“
Er setze offenbar zu einem Widerspruch an, schwieg dann aber.
„Und?“, hakte Caro nach. „Hat es geklappt? Hat sie sich von dir getrennt?“
Er schüttelte den Kopf.
„Wow! Sie ist echt leidensfähig, oder?“
„Ich werde mit ihr Schluss machen“, sagte er. „Du hast recht, darum ging es am Anfang.“
Caro dachte: ,Weil du mit dem Fälschergeschäft ihr Geld nicht mehr brauchst‘, und fragte: „Und worum geht es jetzt?“
„Aber es ging nicht nur darum.“ Er setzte sich auf das Bett. „Ich wollte wirklich mit dir zusammensein.“ Er lächelte noch immer nicht. „Ein Weilchen. Bis du merken würdest, dass ich zu sowas nicht gut tauge.“
„Das hat ja bei Olivia auch schon gut geklappt …“
Jetzt lächelte er doch ein wenig. „Sie … hängt eben an mir.“
„Das tue ich auch, Peter. Obwohl ich weiß, dass du – wie du es ausdrückst – zu sowas nicht gut taugst. Und seien wir ehrlich: Das mit uns wird nicht gutgehen.“
Jetzt lächelte er ganz deutlich sein unwiderstehliches Lausbubenlächeln, sagte „Wetten?“ und küsste sie.
Während sie den Kuss erwiderte, wusste sie, dass er sich irrte. Er verdrängte völlig, was er von ihr wusste beziehunsgweise dass er offenkundig Wichtiges nicht von ihr wusste. Oder fragte er absichtlich nicht nach? Hatte ihre Drohung gewirkt? Auch auf so einer Basis ließ sich nur schwer so etwas wie ein gemeinsames Leben aufbauen.
Er löste sich von ihr. „Wo warst du gerade?“
„Mit den Gedanken? Ich weiß nicht. Es ist nur alles ein wenig kompliziert. Deine illegalen Geschäfte, die Andeutungen über Hans …“
„… deine Morddrohung gegen mich“, ergänzte er.
„… die dich scheinbar gar nicht stört.“
Er stand auf. Während er sich anzog, erklärte er: „Seit Pater Christoffer mich das erste Mal um einen Gefallen bat, habe ich mehrfach Situationen erlebt, die auf etwas ähnliches hinausliefen. Nicht gerade offene Morddrohungen, aber auf die Andeutung ernster Konsequenzen, wenn ich zu weit gehen würde. Bis jetzt ist nichts davon passiert.“ Er sah sie an. „Ich weiß nicht, was du mit all dem zu tun hast und was dieses All-Das eigentlich ist. Und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, es interessiere mich auch nicht. Aber ich hänge an meinem Leben und ich habe gelernt, mit solchen Wissenslücken zu leben. Also …“, er ging zur Schlafzimmertür, „… entweder du gewöhnst dich auch daran oder du beginnst, mit offenen Karten mit mir zu spielen.“
Carola schluckte. So fühlte es sich also an, auf der anderen Seite zu stehen.
„Ich komme übrigens morgen nicht in die Firma“, sagte Tomann und lächelte dann. „Aber halte dir den Nachmittag frei, ich habe eine Überraschung für dich.“



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Epilog
 
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