Der Dechant

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Haarkranz

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Herr Dechant.

Herr Dechant wandte uns Messdienern den Rücken zu, breitet die Arme aus, wir legten ihm Chorhemd und Stola an. Dazu mussten wir auf die oberste, die vierte Altarstufe steigen, um seine Schultern zu erreichen. Groß war er, mächtig, ein Leib wie ein Pferd, Schultern wie Türbalken. Darauf der Kopf so klein und kahl wie ein Zierkürbis. Ohren, groß wie Fledermausflügel, ließen das Köpfchen noch kleiner erscheinen.
„So!“ sprach er von seiner Höhe herunter, hatten wir erst die weiße, gestärkte Spitze des Chorhemds zurechtgezupft. „So!“ Nichts sonst, nur dieses kurze Wort, das uns zurückdrängte, in die Knie zwang, uns „Gelobt sei Jesus Christus,“ mit halber Stimme singen ließ.
Mein Bruder Phillip behauptete, dies alles gehöre sich nicht. Ein Priester, der sich vorm Hochaltar von seinen Ministranten ankleiden, und sie „Gelobt sei Jesus Christus“ nach eigener Melodie psalmodieren lasse, frevle. Nur der konnt viel quatschen, wenn der Tag lang war. Was war der gegen Herrn Dechant? Mal bloß mein Bruder, das war weniger als nichts. Ich hab dem das nicht gesagt, der wartete nur darauf, ein endloses Palaver anzufangen über Kram, der mir absolut am Arsch vorbeiging. Unbefleckte Empfängnis, die nicht möglich wär, und son Blödsinn.

Wir folgten Herrn Dechant in die Sakristei, deren eine Wand von einem Bild des Gekreuzigten eingenommen wurde. Der Leib des Herrn war aus Gips erhaben ausgeführt. Das Kreuz flach mit brauner Farbe auf die Wand gemalt. Die Dornenkrone auf dem Haupte des Heilands war aus echten Dornen, die frühere Messdiener, als das Kunstwerk geschaffen wurde, aus wildem Rosengestrüpp geschnitten hatten. Herr Dechant hatte die Zweige gesegnet und eine Krone daraus geflochten, wobei er sich seine Finger an den spitzen Dornen blutig stach. So war das Blut auf der Stirn des Gekreuzigten nicht nur Farbe, sondern auch echtes Menschenblut, von Herrn Dechants Fingern nämlich.
Noch mal zurück zum Kopf vom Herrn Dechant, zu seinem Gesicht. Das war ein besonderes Gesicht. Erst einmal war da kaum Stirn. Einen Fingerbreit über den Augenbrauen fing seine Glatze an. Die mausgrauen Augen darunter standen ganz eng bei der scharfrückigen Nase. Guckte Herr Dechant dich an, und du sahst auf zu ihm, war das ein einziges großes Auge. Ja, so war das. Ein einziges großes Auge. Die messerscharfe Nase wie ein Grat dazwischen, nicht breit genug, um aus einem Auge zwei zu machen.
Sein Mund, mein Gott, was für ein Mund! Breite dicke Lippen, die immer aufstanden und die gelben, langen Zähne und das Zahnfleisch zeigten. Herr Dechant schien immer zu lachen. Ich glaube, der wusste das, deshalb legte er sein übriges Gesicht in lange fromme Falten, aber der Eindruck von dem grienenden Mund war nicht zu verwischen. Jetzt noch das Kinn. Aber dazu gibt es nichts zu sagen, es gab kein Kinn, war nicht vorgesehen, Herr Dechant hatte kein Kinn.
Also eine Schönheit war er nicht, aber er lebte nicht ohne irdischen Zuspruch.
Es gab Ede. Ede lebte in einem Messingring mit einem Radius von einem Meter oder so, an der Basis eine Stange mit je einem Napf für Wasser und Körner, links und rechts. Ede war ein perfekt, mehrere Sprachen beherrschender grosser, blaugelber Amazonasara mit einem Krummschnabel zum fürchten. Sein Heim, der Messingkreis, hing in der Sakristei gegenüber dem Gekreuzigten, mit dem sich der Papagei stets eifrig, wenn auch einseitig unterhielt.
Im Biologieunterricht löcherten wir Herrn Gecks, um alles über Amazonasaras zu erfahren, die wichtigste neue Erkenntnis war: Papageien konnten über hundert Jahre alt werden.
Herr Gecks kannte Ede und meinte, der hätte sicher seine siebzig Jahre auf dem Buckel. Das erklärte vielleicht sein für den frommen Ort so ungehöriges Vokabular.
In unserer Anwesenheit hatte Herr Dechant Ede Sprechverbot erteilt. Gelüstete es das Tier trotz Verbots etwas zu sagen, erkannte man das an vielen leisen Brabbellauten und verhaltenem Gezische, die einem längeren Satz vorauszugehen pflegten. Herr Dechant kam ihm, wenn er merkte, Ede würde gleich loslegen, mit einem weißen Tuch, das er über Reif und Hockstange warf, zuvor. Unter dem Tuch schwieg Ede meist. Manchmal jedoch, wenn ihn dringendes Sprechbedürfnis quälte, hörten wir ihn unter dem Tuch flüstern: „Alles Scheiße hier, verfickter Sauladen, wo bin ich gelandet!“
Wenn das geschah, stimmte Herr Dechant augenblicklich mit lauter Stimme ein Lied an, so die Obszönitäten des Vogels übertönend. Wir mussten mitsingen, Ede krähte dazu wie ein Hahn.
Natürlich wussten alle Kirchgänger von dem schlimmen Vogel des frommen Mannes. Gerüchte aller Art über seine Herkunft schwirrten durch den Sprengel. Eine wirklich abenteuerliche Geschichte kolportierte, Herr Dechant sei in jungen Jahren zur See gefahren, Ede ein Freund aus diesen Zeiten.
Fritz Pellworm, Pfleger im örtlichen Spital, äußerte sich sogar einmal über Tätowierungen an Stellen, über die er lieber schweige, die ihm, als Hochwürden im Krankenhaus lag, zu Gesicht gekommen seien. Erzählt hatte er das in Schultes Kneipe, nach einigen Runden Wachholder. Später wollte er nix mehr davon wissen. Ob Herr Dechant von diesen Flüstereien etwas ahnte oder sogar Kenntnis davon hatte, ist unbekannt.
Für ihn war alles eitel Sonnenschein, bis zum zehn Uhr Hochamt am Ostersonntag. Die Kirche war wie immer Ostern rappelvoll. Leute auch aus Nachbargemeinden kamen zu unserem Gottesdienst, weil Herr Dechant ein so begnadeter Prediger war.
Begnadeter Prediger stammt von Tante Ute aus Köln. Als die Ostern vor zwei Jahren auf Besuch bei uns war, hat sie ihn predigen hören. Wenn so was von Priester mal in unserem Dom aufträt, dort so zu Herzen gehend predigte, kämen auch mehr Leut, hat sie gemeint.
Also, wie gesagt, die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt, die Menschen standen bis draußen. Heute unvorstellbar, aber früher war das normal. Die Messe ging ihren Gang, alles war österlich geschmückt. Herr Dechant in hellem seidig glänzendem Umhang, keine Spur mehr vom traurigen Violett der Fastenzeit. Das Kreuz auf dem Rücken rot, in erhabener Stickerei wunderbar anzuschauen. Der Gottesdienst nahm seinen gang, Wandlung, Kommunion, Segnung und dann die Predigt.
Herr Dechant stieg auf die Kanzel, die in halber Kirchenschiffhöhe an einem Pfeiler hing. In gesammelter Andacht an der Brüstung stehend sah er hinunter auf uns, sein Kirchenvolk. Nachdem es still geworden war, hob er an:
„Liebe Gemeinde, liebe Frauen, Männer, Kinder, Freunde. Heut ist ein Tag des Jubels, wir feiern das Osterfest. Das Fest der Auferstehung des Herrn, seiner Verheißung des ewigen Lebens. Lasst uns, bevor ich weiterspreche, eine Minute verharren, eine Jede und ein Jeder sich klar machen, was diese Verheißung für sie, für ihn, für uns bedeutet.“
Die Erwachsenen falteten die Hände, ließen den Kopf auf die Brust sinken und sammelten sich. Auch ich versuchte mich zu sammeln, konnte aber mit der Verheißung und dem ewigen Leben, so recht nichts anfangen.
Vor mir in der Bank kniete Jutta Klein, zwei Klassen über mir, schon ein richtiges Fräulein. Plötzlich sah ich, wie die den Finger in den Mund steckte, mit ordentlich Spucke dran wieder rauszog und mit dem Finger unter ihrem Rock rumfuhrwerkte. Andacht war bei der Fehlanzeige. Ich wusste, die hielt den Finger unter ihrem Rock auf ihr Bein mit dem Nylonstrumpf gepresst, weil sich da eine Laufmasche gelöst hatte.
Ich guck so weiter rum, die Erwachsenen standen mit zusammengefalteten Gesichtern, scheinbar in tiefer Andacht, worum Herr Dechant ja gebeten hatte. Die Jüngeren, so zwei, drei Jahre älter als ich damals, telefonierten mit den Mädchen gegenüber, in Fingersprache, und schnitten Gesichter. Die Mädchen guckten dauernd weg, aber dann doch wieder hin, mit Verheißung war da auch wenig los.
Ein Seufzen bemächtigte sich nach einer Weile der Gemeinde, das Zeichen für Herrn Dechant: Wir sind genug in uns gegangen, lass uns weitermachen. Wir hatten ja alle Hunger. Ostern wurde mit zur Kommunion gegangen, dafür durfteste vorher nix gegessen haben.
Ich wusste, Herr Dechant erkannte die gewisse Unruhe sofort und würde gleich fortfahren mit seiner Predigt.
In dem Moment machte was: Klätsch! Woher kam das? Doch da sah ich die Bescherung schon. Hinten auf dem neuen Osterkostüm von Frieda Gerlach, in der Bank vor mir, am Rücken, direkt unter dem weißen Blusenkrägelchen, ein grauweißer, feuchtwässriger Klecks.
Mit Andacht war das in dem Moment bei mir vorbei. Vogelscheiße, schoß es mir durch der Kopp, und als nächstes: Ede! Ich plierte vorsichtig hoch, zuerst sah ich nix, obwohl, wenn die Scheiße nur einigermaßen senkrecht gefallen war, musste ein Vogel so ziemlich genau über uns sitzen. Noch sag ich ein Vogel, hatte Ede ja noch nicht gesehen, hätte sich ja eine Taube oder sonst was in die Kirche verfliegen können, das kam vor. Aber denken tat ich, Ede. Ich legte den Kopf nochmal vorsichtig ganz nach hinten in den Nacken und guckte hoch in das Halbdämmer. Da! Da saß er. Raffiniert ganz eng an einen Strebpfeiler gedrückt, an der Stelle, wo der mit dem gegenüberliegenden Pfeiler durch eine Querstange verbunden war. Auf dieser Stange konnt Ede nach Herzenslust hin und her turnen, hatte von da aus auch auf Frieda geschissen.
Was führte der im Schilde? Wie hatte er es geschafft, von der Kette loszukommen? Herr Dechant hatte offensichtlich nichts gemerkt. Ede musste also während der Heiligen Messe getürmt sein. Nur wie? Wie ist der aus der Sakristei rausgekommen? Als die Messe begann, ist Herr Dechant mit seinen Ministranten aus der Sakristei in die Kirche, die Sakristeitür haben die, wie immer, hinter sich zugemacht.
Doch egal, Ede saß hoch über unseren Köpfen und hatte uns, was immer er plante, im Griff. Das Schlimmste wäre, der würd seine Sauereien rausschreien. Ein Glück, solange Herr Dechant predigte, würd der still sein. War die Predigt jedoch zu Ende, ging das los. Also bisher hatte noch niemand was gemerkt.
Die Predigt, es war Ostern, würd so ne gute halbe Stunde dauern, die Zeit blieb, um was zu tun. Nur was? Niemand als Herr Dechant, konnte den Papagei da oben runterkriegen, dem parierte er wie ein gut erzogener Hund. Wie konnt ich dem signalisieren, dass Ede über unseren Köpfen hockte, am Ende der Predigt sicher selbst predigen würde.
Etwas von seinem Wortschatz hatten wir rausgekriegt. So gut konnte Herr Dechant garnicht auf Ede aufpassen, als dass wir Ministranten nicht Methoden entwickelt hätten, dem schönen Vogel die Vokabeln abzuhören.
Ein Beispiel: Elvira du Saustück! Fickst du nicht anständig, oder bist du zu alt für den Job? Hundert Mark die Stunde, willst du mich verarschen?! Das konnte Ede absolut verständlich, kaum von einer menschlichen Stimme zu unterscheiden, schreien. Danach unterstrich er den Satz mit minutenlangem, herrlich echtem Gefurze.
Von solchen Knallern, hatten wir ihm sicher zehn Stück rausgelockt. Herr Gecks war ganz sicher, ein Vogel dieses Alters verfüge über 500 Wörter, die er nach Belieben zu kombinieren im Stande war. Wir hatten Gecks natürlich nicht erzählt, was wir über Edes Möglichkeiten in Erfahrung gebracht hatten.
Bei 500 Wörtern und ungehemmter Plauderstunde da oben war Herr Dechant erledigt, da biss keine Maus den Faden ab. War Ede erst einmal in Fahrt und hatte Publikum, war er nicht mehr zu bremsen, das hatte Herr Dechant selbst berichtet. Er hatte uns erzählt, wie Ede ihm vor Jahren ausgerissen und ein Publikum von sicher hundert Menschen über eine Stunde unterhalten hatte, oben von nem Leitungsdraht runter, der über einen Marktplatz gespannt war. Womit Ede die Leute unterhalten hatte und wo das war, damit wollte Herr Dechant nicht rausrücken, da half alles Bohren nichts. Im Grunde konnt der seine Weisheit für sich behalten, wir wussten längst, was Ede drauf hatte.
Aber jetzt hier am Ostersonntag in unserer Kirche war Holland in Not. Ich musste dem ganz von seinen frommen Worten eingefangenem Mann da oben auf der Kanzel signalisieren, was Sache war! Hatte der erst kapiert was anlag, würde er wissen, was zu tun war.
Also fing ich erstmal an zu husten. Ich hustete und hustete, bis mir das Wasser aus den Augen schoss. Ich konnt überhaupt nicht mehr erkennen, ob Herr Dechant zu mir runterschaute durch all die Tränen. Also, das war sicher nicht die richtige Methode. Während ich noch überlegte, was noch zu machen war, ging mir eine Laterne auf. Das beste, Ede kackte weiter und traf richtig, auf gefaltete Hände oder meinetwegen einer der älteren Damen auf die Nas‘. Herrgott, das war es. Da wär der Übeltäter schnell enttarnt, Herr Dechant könnte seine Maßnahmen treffen, dann wär richtig was los in uns Kirch! O Gottogott! Ich blinzele noch mal hoch. Da saß er, eng an den Pfeiler gekuschelt und beknabberte seinen Fuß.
Unser Seelenhirte indes ließ sich nicht ablenken. Weder hatte er meinen Hustenanfall zur Kenntnis genommen, noch bemerkte er den Papagei.
In frommem Eifer war seine Umgebung für ihn nicht vorhanden, die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die meisten der zu ihm emporgewandten Gesichter kannte er nicht, wollte er auch nicht kennen, sie waren da, die Lauen, das war ihm Ansporn. Ihnen galten seine Worte, ihre Seelen mit dem Atem Gottes zu streifen, sein Begehr. Höchstens zweimal im Jahr gab’s diese Gelegenheit, öffneten diese Pharisäer die Tür zu ihrem Innersten einen winzigen Spalt.
Ich, von meinem Platz unter der Kanzel, sah seine weiten Ärmel beim Gestikulieren wie Vogelflügel flattern, und dachte nur an das Verhängnis, den bunten Vogel hoch über unseren Köpfen. Ede verhielt sich ruhig, hockte ungerührt am gleichen Platz und betrieb Fußpflege. Vielleicht ging ja doch alles gut. Vielleicht ließ der liebe Gott nicht zu, dass sein Haus besudelt würde. Ich guckte auf das Kostüm von Frieda Gerlach, der Kackfleck war ausgelaufen, doppelt groß geworden, aber niemand hatte bis jetzt was bemerkt.
Plötzlich tat der Dechant etwas noch nie Dagewesenes. Er verhielt in seiner Predigt und klingelte mit dem kleinen Wandlungsglöckchen. Alle Köpfe drehten sich zur Kanzel. Es herrschte völlige Ruhe, noch nicht einmal ein Huster war zu hören. In die Stille hinein sagte der Dechant:
„Liebe Christen, ich habe meine Predigt für mich unterbrochen. Auch ich bin ein fehlbarer Mensch, schieße leicht über das Ziel hinaus. Ich bemerke eben, wie gut mir meine Predigt gefiel, und bitte Euch, mir eine kleine Pause zu gewähren, in der ich mit mir zu Rat gehen, mich zur Ordnung rufe.“ Dann ertönte wieder das Glöckchen, der Dechant kniete auf der Kanzel nieder, schloß die Augen und betete nur für sich.
Das war noch nie vorgekommen, man drehte sich um, stieß seinen Nachbarn, wenn man den kannte, mit dem Ellenbogen, schüttelte vorsichtig den Kopf, aber es blieb andächtig und ruhig.
Der Dechant betete. Da passierte es. Mitten in die andächtige Stille ein einziges Wort: „Hurenscheiße!“ Und nochmal: „Verdammte Hurenscheiße!“
Nicht, dass jemand empört gewesen wäre, Ruhe geschrien hätte, oder raus aus der Kirche. Nix. Es blieb ruhig, mucksmäuschen still. Still genug, Ede zu ermutigen, eine ganze Salve empörenster Schimpfworte in den heiligen Raum zu ballern. Die Gemeinde duckte sich, kroch in sich hinein vor der nie dagewesenen Blasphemie.

Anders Herr Dechant. Der stand hochaufgerichtet auf der Kanzel, den einen Arm gebieterisch Richtung Ede ausgestreckt. Ich konnte durch den geifernden Obzönitätenstrom aus dem Schnabel des Vogels nicht hören, was der Dechant ihm befahl, nur bemerkte ich, Ede verweigerte den Gehorsam, spreizte die schillernden Schwingen und strich Richtung Altar ab. Kurz vor der Landung exerzierte er eine kleine Drehung und klammerte sich in mittlerer Höhe an die Kette des ewigen Lichts. Die Lampe drehte sich von der etwas heftigen Landung. Ede schien das zu gefallen, er schlug mit den Flügeln, und das ewige Licht fing an, wie ein Karussel durch den Altarraum zu sausen.
Der Dechant, wie der Blitz von der Kanzel runter, rannte mit langen Schritten durch den Mittelgang, wobei das Wandlungsglöckchen, das er in der Hand behalten hatte, jeden Schritt mit einem jämmerlichen Bimmeln begleitete. Er hielt direkt auf das ewige Licht zu, versuchte, die von dem Vogel in immer schnellere Drehung versetzte Lampe zu schnappen. Daraus wurd nix. Ede war wie besessen, die Lockrufe seines Herrn beantwortete er mit immer neuen Furchtbarkeiten. Päderast, Arschficker, Kinderschänder, schrie er zu ihm runter. Damit nicht genug, nach einer kleinen Pause sang er laut und täuschend echt mit Frauenstimme: Hoch das Bein, die Liebe winkt, der Kaiser braucht Solda-a-ten, vier Strophen ohne Unterbrechung.
Die Stimmung in der Kirche wandelte sich zusehenst. Erst gab es nur einen verhaltenen Lacher. Doch dann kam ein Glucksen aus den hinteren Bänken, das steckte die daneben an, und haste nicht gesehen, war die eben noch andächtige Gemeinde ausser Rand und Band.
Das Bild vor dem Altar: Herr Dechant hinter der sich drehenden Lampe herstolperternd, dabei jämmerlich Ede, Ede blöcktend. Der Vogel, der sich auf halber Höhe zum Dach amüsierte und singend an der Kette vom ewigen Licht rauf und runter kletterte. Immer, wenn es wieder runter ging, schöpfte sein Herr Hoffnung. Ein Bild für die Götter, wie der da im Meßgewand in gold, weiß und rot stand, die Arme hinauf zu seinem Papagei gereckt, um Gnade flehend.
Plötzlich, aus heiterem Himmel, wurd die Szene zum Tribunal. Sakristan Schmitz kam mit einer Luftbüchse aus der Sakristei. Man sah wie auf einer Bühne, wie er den Dechant am Arm packte, ihn hinderte hinter, der roten Lampe herzulaufen. Dann deutete er auf die Luftbüchse, den Vogel, und gab Hochwürden das Gewehr in die Hand. Das Lachen in der Kirche verstummte, war wie weggeblasen. Herr Dechant stand da mit der Büchse in der Hand und guckte zu seinem Vogel hoch. Sagen tat er nichts.
Nicht so Ede, mit seinem Lied war er fertig. Jetzt befahl er:
Sonja, Christel, Anita: Ein Schiff ist eingelaufen. Flugzeugträger! Die Preise rauf. Keine Nummer unter fünfzig Märker. Auch fürn Quickie an der Latern en Fuffziger, mindestens fünf Jungens pro Stund, werden abgemolken! Heidewitzka Herr Kapitän, die blauen Scheinchen haben wir so jän, sang er, nachdem er seine Anweisungen gegeben hatte, wieder los.
Der Sakristan nahm Hochwürden die Büchse aus der Hand, legte auf Ede an. Man sah, wie er sorgfältig zielte, sah, wie sein Zeigefinger sich um den Abzugshahn krümmte, jetzt....in dem Augenblick stürzte sich der Dechant auf ihn, schlug den Lauf der Büchse hoch und donnerte: „In meinem Gotteshaus keinen Mord!“ Der Schmitz ließ das Gewehr fallen und verschwand in der Sakristei. Für den Dechant schien nichts mehr zu existieren als Ede.
Da stand er vor seinem Altar, der blasphemische bunte Vogel, hoch über seinem Kopf kreischend und fluchend, und er betete fast zu ihm hinauf: „Edechen, liebes Vögelchen, komm Papa auf de Finger, komm Papa auf de Finger, komm bring Papa Küsschen, komm Kleiner komm, komm, komm.“
Und man sollt es nicht glauben, auf einmal kletterte der Ede ganz gemächlich von seinem Hochsitz Fuß über Fuß, die Kette runter, bis er auf eine Höhe mit Herrn Dechant war und sich auf dessen zu ihm hingestreckte Hand setzen konnte. Angekommen ruckte er sich mit zwei, drei Trippelschrittchen zurecht und säuselte bis in die letzte Bank hörbar:„Liebe, liebe Papa, gib Ede Küsschen, komm gib Ede Küsschen.“
Der Dechant ging mit dem Gesicht ganz nah an den Schnabel von dem Tier, spitzte die dicken Lippen und drückte sie seinem Ede auf den mächtigen Krummschnabel. Der Vogel flüsterte: „ Danke, liebe Papa, Ede hat Hunger, bring Ede nach Haus.“
Der Dechant verschwand mit Ede auf der Hand in der Sakristei, war aber ruck-zuck wieder da, zog ein Tuch aus der Hose, die er unter seinem Meßgewand trug, schneuzte sich, ging durch das Kirchenschiff, kletterte rauf zur Kanzel und setzte seine Predigt mit den Worten fort: „Gottes Werk und Tun ist unergründlich. Hier aber hat er exemplarisch an einem, der sich für seinen Diener hielt gezeigt, wie Hochmut zu Fall kommt.“
Ja, dat war et dann. Der Herr Dechant predigte zu Ende, die Orgel brauste, die Gemeinde sang aus vollem Halse, alle wussten, die Kirch ist gleich aus, das Frühstück wartet.
 


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