Der Diamant

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Languedoc

Mitglied
Der Diamant

Zügig und konzentriert bucht sie Pierres Belege ein, da schießt ihr aus heiterem Himmel eine völlig deplatzierte Frage durch den Kopf:
„Wo ist mein Diamant?“
Sie legt den Kontoauszug, den sie gerade in Arbeit hat, zur Seite, und greift sich an die Schläfen: „Wo habe ich beim Einzug neulich den Diamanten versteckt? Oh heiliger Antonius, hilf! Ich will ihn jetzt sofort finden, sonst hab ich keine Ruhe mehr!“
An Buchhaltung ist nun nicht mehr zu denken. Sie steht vom Schreibtisch auf und läuft im Zimmer hin und her. Irgendwo muss das Döschen mit dem Diamanten sein, vielleicht im Kleiderschrank nebenan?
Der maßgeschreinerte Einbau ist das Schmuckstück ihrer ansonsten karg möblierten Wohnung. Auf seinen Regalabteilen im Inneren stapeln schuhkartongroße Schachteln, in denen sie ihre Garderobe-Accessoires und allerlei kuriose Erinnerungsstücke nach Themen sortiert aufbewahrt. Eine eigene Schmuckschatulle ist nicht darunter, denn da sie keinen Schmuck besitzt, braucht sie folglich keine Schmuckschatulle. Sie hat nur einen Diamanten und der liegt in einem antik anmutenden, mit purpurrotem Samt ausgeschlagenen Behältnis für Pillen, das sie mal auf einem Flohmarkt gefunden und gekauft hat.
„Wo nur habe ich das Döschen versteckt?“
Planlos durchwühlt sie die Schachteln und findet nichts. Endlich, der halbe Kleiderschrank ist schon umgepflügt, entdeckt sie das Döschen in jenem weiß gelackten Karton, in dem sie eine Wonderbra-Sammlung angelegt hat. Da sie die Bras nie anzieht – sie trägt überhaupt keinen BH, weder einen Wonder, noch einen normalen –, sind die Wäschestücke einzeln in Seidenpapier gewickelt in diese glänzende Schachtel geschlichtet, wo sie eine lichtlose Gegenwart fristen und einer ungewissen Zukunft harren. Im Körbchen eines roten, mit Spitzen besetzten BHs schließlich ertastet sie das Diamantendöschen. Dem Himmel sei Dank!
Ihr fällt ein Stein vom Herzen. Behutsam stellt sie die zarte Dose zunächst Mal zur Seite, denn als erstes wollen die in Unordnung geratenen Schachteln zurück in Reih und Glied gerückt werden. Nach getaner Pflicht legt sie sich mit dem Döslein in der Hand auf das Bett. Vorsichtig klappt sie den fein ziselierten Silberdeckel hoch – und da ist er, der Diamant.
Pierre schenkte ihn ihr, als sie sich zwanzig Jahre lang gekannt hatten. Die Geschenkübergabe damals erfolgte überraschend und verlief formlos, indem Pierre irgendwann im Laufe eines beliebigen Tages ein winziges rechteckiges Kästchen aus durchsichtigem Hartplastik in die Handfläche seiner besten Freundin drückte: „Ist für dich!“, strahlte er sie an.
„Was ist das?“
„Ein Drei-Karäter.“
„Was? Wie? Wo?“
Sie verstand gar nichts. Er schmunzelte nur und kostete ihre verdutzte Miene aus. Es dauerte, bis sie die Situation erfasste. Am Boden des Plastikkästchens – von der Art, wie sie eines in ihrer Nähschatulle hat zum Aufbewahren von Stecknadeln –, steckte ein Funkelstein eingedrückt in ein Kartonkärtchen, auf dem weight, color, clarity, proportions und finish genannt werden, darunter eine certification number, sowie der Name einer Schweizer Diamant-Prüfstelle.
Sie staunte, hatte sie doch noch nie einen Diamanten in ihren Händen gehalten.
„Du musst ihn nur noch fassen lassen“, sagte Pierre.
Dann erzählte er, er habe den Diamenten vor vielen Jahren auf einer seiner Asienreisen in Singapur gekauft und möchte ihn nun ihr, seiner „getreuen Vertrauten“ schenken. „Getreue Vertraute“ – genauso nannte er sie, das weiß sie noch ganz genau. „Als Dankeschön für die lange Zeit des Miteinanderseins“, fügte er hinzu, „und weil du Ordnung in mein bewegtes Leben gebracht hast.“
Sagte er tatsächlich „bewegtes Leben“? Oder doch vielmehr „chaotisches Leben“, was der Sachlage genauer entsprochen hätte, findet sie, aber da dieser Tag der Beschenkung nun auch wieder bereits zehn Jahre zurückliegt, könnte sie nicht beschwören, wie Pierre sein Tausendsassa-Dasein näher bezeichnet hatte.
Sie klemmt den vielfacettig geschliffenen Stein zwischen Zeigefinger und Daumen, rollt ihn langsam vor und zurück und denkt nach. Es will ihr partout nicht einfallen, was an jenem Tag sonst noch gesagt und getan wurde. Sie starrt in den glitzernden Stein, starrt und grübelt, aber nichts regt sich im Gedächtnis, kein Bild, keine Szene, noch nicht mal ein Wort. Nur Schwärze und Stille im Kopf.
Auf einmal scheint ihr das entgegen blitzende Feuer des Brillanten unheimlich. Sie lässt ihn in ihren Handteller fallen, wo er weiterfunkelt, nun sanft und milde strahlt, bildet sie sich ein, und plötzlich kommt ihr ein Satz in den Sinn: „Pierre, mein lieber bester Freund, ich danke dir, und wenn wir mal fünfzig Jahre zusammen gewesen sein werden, dann, im fernen Jahre 2030, schenke ich dir diesen Schatz zurück!“
Hat sie das damals wirklich gesagt? Oder hat sie die Worte soeben erfunden, hier auf dem Bett liegend erdichtet, einem Schelmenstreich der Phantasie aufgesessen? Sie schüttelt den Kopf, als wolle sie von einer Sache nichts mehr hören, und drückt den Kegelspitz des Steines zurück in die Kartonperfomierung. Ihr Blick gleitet über die vom Gutachter ermittelten Qualitätswerte, die sauber auf das Kärtchen gedruckt sind. Die Daten sagen ihr nichts. Nur das Gewicht des Diamanten, das hat sie sich gemerkt. Es beträgt, so schreibt die Schweizer Prüfstelle, die gewiss richtig gewogen hatte, 2,99 carat. Pierre hatte ein bisschen aufgerundet.
Sie springt von der Matratzenkante hoch. Kurz bleibt sie in der Mitte des Schlafzimmers stehen, als wisse sie nicht, wohin. In der linken Faust hält sie die Pillendose eingeschlossen und während sie mit dem rechten Handrücken flüchtig über ihre Wange wischt, schimpft sie laut: „Sei nicht albern, du rührselige alte Jungfer, du!“ Die Worte verklingen, danach ist es so still im Raum, dass sie erschrickt.
Sie strafft die Schultern und ruft sich zur Raison. Pierre, der erst vor zwei Tagen von einer längeren Reise aus Südafrika zurückgekehrt ist, wird heute Abend vorbeischauen und das erste Mal die neue Wohnung seiner besten Freundin sehen, vor allem aber, wie vereinbart, die aktuelle Saldenliste und andere administrative Angelegenheiten besprechen. Es ist höchste Zeit, mit den Buchungen fortzufahren, um die Arbeit fertig zu bekommen. Bevor sie zum Computer an ihren Schreibtisch zurückkehrt, bettet sie das Döschen mit dem nie gefassten Brillanten zurück in das BH-Körbchen, glättet das zerknitterte Seidenpapier, faltet es genau auf Linie und stellt die Wonderbra-Schachtel in mittige Höhe ihres Garderobenschrankes, damit sie ins Blickfeld gerät jedes Mal beim Öffnen der Flügeltür.
 

Languedoc

Mitglied
Der Diamant

Zügig und konzentriert bucht sie Pierres Belege ein, da schießt ihr aus heiterem Himmel eine völlig deplatzierte Frage durch den Kopf: „Wo ist mein Diamant?“

Sie legt den Kontoauszug, den sie gerade in Arbeit hat, zur Seite, und greift sich an die Schläfen: „Wo habe ich beim Einzug neulich den Diamanten versteckt? Oh heiliger Antonius, hilf! Ich will ihn jetzt sofort finden, sonst ist meine Ruh’ dahin!“

An Buchhaltung ist nun nicht mehr zu denken. Sie steht vom Schreibtisch auf und läuft ziellos im Zimmer umher. Irgendwo muss das Döschen mit dem Diamanten ja sein, aber wo? Vielleicht im Kleiderschrank?

Dieser Schrank, ein maßgeschreinerter, raumhoher Einbau aus massiver Zirbelkiefer, ist das Schmuckstück ihrer im Übrigen karg möblierten Wohnung. Auf seinen Regalbrettern im Inneren stapeln sich schuhkartongroße Schachteln, in denen sie ihre Garderobe-Accessoires und allerlei kuriose Erinnerungsgegenstände nach Themen sortiert aufbewahrt. Eine Schmuckschatulle ist nicht darunter, denn sie besitzt keinen Schmuck und braucht folglich keine Schmuckschatulle. Sie hat bloß einen Diamanten und der liegt in einem antik anmutenden, mit purpurrotem Samt ausgeschlagenen Behältnis für Pillen, das sie mal auf einem Flohmarkt gefunden und gekauft hat.

„Wo hab ich nur das Döschen versteckt?“
Hektisch wühlt sie in den Schachteln und findet nichts. Endlich, der halbe Kleiderschrank ist schon umgepflügt, entdeckt sie das Döschen in jenem weiß gelackten Karton, in dem sie eine Wonderbra-Sammlung angelegt hat. Da sie die Bras nie anzieht – sie trägt überhaupt keinen BH, weder einen Wonder, noch einen normalen –, sind die Wäscheteile einzeln in Seidenpapier gewickelt in diese glänzend glatte Box geschlichtet, wo sie eine lichtlose Gegenwart fristen und einer ungewissen Zukunft harren. Im gepolsterten Körbchen eines roten, mit Spitzen besetzten BHs schließlich ertastet sie das Diamantendöschen. „Gedankt sei dir, Antonius, du Wundermann zu Padua!“ Ihr fällt ein Riesenstein vom Herzen.

Zunächst stellt sie die zarte Dose zur Seite, denn als Erstes wollen die aus dem rechten Lot geratenen Schachteln zurück in Reih und Glied gerückt werden – Ordnung muss sein. Nach getaner Pflicht legt sie sich mit dem Döslein in der Hand auf das Bett im Schlafzimmer. Vorsichtig klappt sie den fein ziselierten Silberdeckel hoch – und hier ist er, der Diamant.

Pierre schenkte ihn ihr, als sie sich zwanzig Jahre lang gekannt hatten. Die Übergabe des Geschenkes erfolgte in einer überraschenden Weise und sie verlief formlos, indem Pierre irgendwann im Laufe eines beliebigen Tages ein winziges, rechteckiges Gehäuse aus durchsichtigem Hartplastik in die Hand seiner besten Freundin drückte: „Ist für dich!“, strahlte er sie an.
„Was ist das?“
„Ein Dreikaräter.“
„Was? Wie? Wo?“

Sie verstand gar nichts. Er schmunzelte, sagte nichts weiter und kostete ihre verdutzte Miene aus. Es dauerte, bis sie die Situation erfasste. Am Boden des Plastikkästchens – von der Art, wie sie eines in ihrer Nähschatulle hat zum Aufbewahren von Stecknadeln – befand sich ein Funkelstein eingedrückt in ein Kärtchen aus schneeweiß beschichtetem, knickfestem Papier, auf welchem weight, color, clarity, proportions und finish angegeben waren, darunter eine certification number sowie der Name einer Schweizer Diamant-Prüfstelle.

Sie staunte, hatte sie doch nie zuvor einen Diamanten in ihren Händen gehalten.

„Idealer Schliff“, sagte Pierre. „Du musst ihn nur noch fassen lassen.“

Dann erzählte er, er habe den Diamenten vor Jahren auf einer seiner Handelsreisen in Singapur gekauft und möchte ihn nun ihr, seiner „getreuen Vertrauten“, schenken. „Getreue Vertraute“ – genauso nannte er sie, das weiß sie definitiv und ohne den geringsten Zweifel. „Als Dankeschön für die lange Zeit des Miteinanderseins“, fügte er hinzu, „und weil du Ordnung in mein bewegtes Leben gebracht hast.“

Sagte er tatsächlich „bewegtes Leben“? Oder doch vielmehr „chaotische Verhältnisse“, was der Sachlage genauer entsprochen hätte, findet sie; aber weil seit dieser Beschenkung bereits zehn Jahre vergangen sind, könnte sie nicht beschwören, wie Pierre sein Tausendsassa-Dasein näher bezeichnet hatte damals, beiläufig, inmitten irgendeiner Arbeit.

Sie klemmt den edlen Stein zwischen Zeigefinger und Daumen, rollt ihn langsam vor und zurück und denkt nach. Es will ihr partout nicht einfallen, was an jenem sonderbaren Tag sonst noch gesagt und getan wurde. Sie starrt in die glitzernden Facetten, starrt und grübelt, schaut und lauscht, allein es regt sich nichts in der Erinnerung, kein Bild taucht im Gedächtnis auf, keine Szene, die sich vor dem inneren Auge entfaltet hätte; und stumm schweigt das Gehör im Kopf – dort herrschen nur Schwärze und Stille.

Auf einmal scheint ihr das entgegenblitzende Feuer des Brillanten unheimlich. Sie lässt ihn in ihren gekrümmten Handteller gleiten, wo er in der Höhlung weiterfunkelt, nun sanft und milde strahlt, bildet sie sich ein; und plötzlich kommt ihr ein Satz in den Sinn: „Pierre, mein lieber bester Freund, ich danke dir, ich danke dir wirklich sehr, und wenn wir dereinst fünfzig Jahre zusammen gewesen sein werden, dann, im fernen Jahre 2030, schenke ich dir diesen Schatz zurück!“
Hat sie das damals tatsächlich gesagt: „zurückschenken“?
Und: „Schatz“?
Oder hat sie die Worte soeben erfunden, hier auf dem Bett liegend erdichtet, aufgesessen einem Schelmenstreich der Phantasie? Sie schüttelt den Kopf, als wolle sie von einer Sache nichts mehr hören, und presst mit Nachdruck den Kegelspitz des Steines in das aus dem dicken Papier gestanzte, kreisrunde Löchlein.

Rechts daneben sind die vom Gutachter ermittelten Qualitätswerte aufgedruckt. Die Daten sagen ihr nichts. Das Gewicht des Diamanten allerdings, das hat sie sich gemerkt. Es beträgt, so schreibt die Schweizer Prüfstelle, die bestimmt richtig gewogen hatte, 2,99 carat. Pierre hatte ein bisschen aufgerundet.

Sie springt von der Matratzenkante hoch. Kurz bleibt sie in der Mitte des Schlafzimmers stehen, als wisse sie nicht, wohin. In der linken Faust hält sie die Pillendose eingeschlossen und während sie mit dem rechten Handrücken flüchtig über ihre Wange wischt, schimpft sie laut: „Sei nicht albern, du rührselige alte Jungfer, du!“ Die Worte verklingen, danach ist es so still im Raum, dass sie erschrickt.

Sie strafft die Schultern und ruft sich zur Vernunft. Pierre, der vor zwei Tagen von einer längeren Reise aus Südafrika zurückgekehrt ist, wird heute Abend vorbeischauen und das erste Mal die neue Wohnung seiner besten Freundin sehen, vor allem aber, wie vereinbart, die aktuelle Saldenliste und diverse administrative Angelegenheiten besprechen. Es ist höchste Zeit, mit den Buchungen fortzufahren, um die Arbeit fertig zu bekommen. Bevor sie zum Computer an ihren Schreibtisch geht, bettet sie das Döschen mit dem nie gefassten Brillanten zurück in das BH-Körbchen, glättet das zerknitterte Seidenpapier und faltet es genau auf Linie, und stellt die Box voll Wonderbras in den zirbenduftenden Garderobenschrank; wohl bedacht auf mittige Höhe, damit sie ins Blickfeld tritt jeweils beim Öffnen und Schließen der massiven, gänzlich oberflächenunbehandelten, geflügelten Türen.
 

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