Der Durchbruch

3,80 Stern(e) 4 Bewertungen

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Mann, ist das heute ein Scheiß-Tag! Fühl mich die ganze Zeit schon so komisch. Jetzt wird’s immer schlimmer. Ist dunkel, die Luft wird knapp und dauernd höre ich fremde Stimmen. Nee, ich werd noch bekloppt, wenn das so weitergeht. Hab das Gefühl, als fahre ich Achterbahn. Dauernd werde ich gerüttelt und geschüttelt, irgendjemand redet furchtbar laut, der nervt echt und es ist so dunkel, dass ich die Hand nicht vor Augen sehen kann. Und wo ist eigentlich Mama? Ich hab mich immer auf ihre sanfte Stimme verlassen. Selbst die ist verschwunden. Hilf mir mal, ich kratz nämlich gleich ab, weil ich jetzt keine Luft mehr krieg! Ich bin in einem Tunnel, ganz klar jetzt für mich. Und ich will aus dem raus, sonst … wie gesagt, kratz ich ab.

Aber jetzt passiert irgendetwas, jetzt gibt es einen Ruck, jetzt … ja, jetzt wird es hell und ich bin durch den Tunnel durch! Ha, aber es ist ZU hell! Und zu laut! Einer packt mich fest an. Am Kopf! Hat der sie noch alle? Ich will ihn ausschimpfen, aber ich kann nur schreien! Ist aber schön, zu schreien. Ich schrei den Typ an, dass er mich loslassen soll, aber der lacht bloß und sagt: „Na, da haben Sie aber ein schönes großes Osterei bekommen!“ Wat? Ich bin ein Osterei? Nee, Ostern ist schon ein paar Monate her, das habe ich genau mitbekommen, als alle wie bekloppt Eier gesucht haben. Ich glaube, jetzt ist Sommer. Ich hab immer gehört, wie Mama draußen im Garten die Blumen gegossen und dabei gesummt hat. Genau, wo ist denn jetzt Mama? Plötzlich packen mich andere Hände, die sind aber ganz sanft und zart. „So, hier haben Sie Ihren Kleinen (wieso bin ich jetzt ein Kleiner, vorhin war ich ein großes Ei) “, sagt eine freundliche Stimme und dann – liege ich auf Mama. Klar, das ist sie, weiß ich sofort, ich höre ihr Herz, nichts ist mir vertrauter. Ach, ist das schön. Mama legt ihre Hände auf mich, küsst mich und redet unsinniges Zeug, aber ich kenn sie ja, sie ist jetzt ganz happy. „Ein gesunder Junge“, sagt die Freundliche und deckt mich mit einem Handtuch zu. Klar bin ich ein Junge! Was soll ich denn sonst sein? Ein Mädchen?! Iiih, mit denen werde ich noch früh genug zu tun haben.

Auf einmal höre ich noch eine andere Stimme, die ich auch gut kenne. Papa! Klar, den gibt es ja auch. Papa redet genauso unsinniges Zeug wie Mama vorhin, aber jetzt fängt er auch noch an zu heulen, dieses Weichei. Och nee, wieso heult der? Und jetzt heult auch Mama! Wieso freuen die sich denn nicht, dass ich da bin? Dass ich endlich mein Appartement verlassen habe? Obwohl – wollte ich ja nicht, war leider zu eng geworden, also musste ich. War cool in dem Ding, warm, immer geiles rotes Licht und den ganzen Tag ging ich schwimmen. Gott sei Dank gab es keinen anderen Mieter. Am besten war natürlich die All-Inclusive-Leitung, ich brauchte noch nicht mal zu schlucken. Au Mann, wie soll ich jetzt bloß an all das kommen? Hab nämlich gerade gehört, dass Papa die durchgeschnitten hat. Durchgeschnitten! Das muss man sich mal wegtun. Der will mich verhungern lassen.

Als ob Mama das gehört hätte, drückt sie mir plötzlich so ein komisches Ding in den Mund. Hä – wat ist dat? Fühlt sich aber gut an, so weich. Mal probieren. Komisch, ich weiß sofort, was ich machen muss. Und wie. Auf einmal kommt da ganz leckeres Zeug raus, gaaaaaanz süß. Hm, schmeckt gut. Durchaus mit der All-Inclusive-Leitung zu vergleichen. Auf einmal schiebt Mama mich rüber und guck – da ist noch so'ne Leitung. Jetzt gibt es Nachtisch. Ich glaub, ich hab demnächst mit dem Essen und Trinken auch keine Probleme.

Aber was ist das? Die Freundliche nimmt mich hoch und trägt mich weg. Bäh! Ich will bei Mama bleiben! „So, wir werden dich jetzt mal wiegen, messen und baden“, sagt sie. Wieso wir? ICH will das doch gar nicht. Dann höre ich wieder die fiese Stimme des Arztes: „Ich nähe Sie jetzt zusammen“, sagt er zu Mama. Der näht Mama zusammen? Bin ich das schuld? Ich hab Mama kaputt gemacht. Au weia, das fängt ja gut an. Bestimmt ist Mama sauer deswegen. Aber immerhin hat sie mir schon die leckeren neuen Leitungen gezeigt. Also kann sie nicht ganz so böse auf mich sein.
Die Freundliche ist gar nicht freundlich zu mir. Sie zieht mich aus, wiegt und misst mich, und ich schreie sie an, sie soll mich in Ruhe lassen. Aber sie versteht mich nicht, sie lächelt die ganze Zeit und sagt, ich sei ein Prachtkerl. Ha, klar bin ich das! Aber nun macht sie was Nettes: Sie legt mich in warmes Wasser. So schön – wie in meinem Appartement früher. Auf einmal ist auch Weichei wieder zur Stelle. Betascht mich und hilft der Freundlichen. Redet ganz lieb, wenn auch Quatsch, aber wenigstens heult er nicht mehr.

Jahre später – so kommt es mir vor – liegen Mama und ich alleine im Bett. Endlich! Wir kuscheln und Mama flüstert mir zu, dass ich Markus heißen soll. Au Schande, doch nicht so! So ein Allerweltsname! Ich protestiere, das heißt ich schreie, aber das kapiert jetzt selbst Mama nicht. Schließlich gebe ich es auf. Heiße ich eben Markus. Jetzt muss ich nur noch rauskriegen, wie ich weiter heiße. Hoffentlich nicht Meier, Müller, Schmidt oder so. Leider muss ich dann irgendwann auf die so genannte Kinderstation. Dort liegen noch mehr solche wie ich. Auch Mädchen! Sind schon richtige Zicken dabei, das höre ich am Schreien. Bäh! Auch die Schwester ist eine. Als erstes habe ich die mal so richtig vollgepinkelt beim Windelwechsel. Ha, das hat Spaß gemacht. Hab nämlich rausgekriegt, dass ich das gut kann.

Aber jetzt bin ich hundemüde. In einem Bettchen zu liegen ist gar nicht so schlecht, ist fast so gut wie bei Mama. Die Zickenschwester hat mich in eine warme Decke gewickelt und jetzt schlafe ich gleich ein. Freue mich schon auf Mama und ihre Leitungen. Und es war gar kein Scheiß-Tag heute, sondern mein Tag.
Welt, ich bin da!
 

Ironbiber

Foren-Redakteur
Bäääääääääääh

Doc! Da hast du meiner bescheidenen Meinung nach mal wieder einen Treffer der feinen Art gelandet. Aus dieser Sicht habe ich die erste Stunde des Daseins noch nicht gelesen. Aber gut gemacht, humorvoll in Szene gesetzt und aus Sicht der Hauptperson anschaulich rübergebracht. Gut gelungen ist dir der Spannungsaufbau. Erst so am Ende des zweiten Absatzes bekommt die Szene ein Gesicht und der Leser kann eine Zuordnung treffen. Das gibt einer Satire immer einen gewissen Touch.

Aprospos Touch:

Ein kleiner Korrekturvorschlag: Betatscht – nicht betascht.

Es grüßt der Ironbiber
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Mann, ist das heute ein Scheiß-Tag! Fühl mich die ganze Zeit schon so komisch. Jetzt wird’s immer schlimmer. Ist dunkel, die Luft wird knapp und dauernd höre ich fremde Stimmen. Nee, ich werd noch bekloppt, wenn das so weitergeht. Hab das Gefühl, als fahre ich Achterbahn. Dauernd werde ich gerüttelt und geschüttelt, irgendjemand redet furchtbar laut, der nervt echt und es ist so dunkel, dass ich die Hand nicht vor Augen sehen kann. Und wo ist eigentlich Mama? Ich hab mich immer auf ihre sanfte Stimme verlassen. Selbst die ist verschwunden. Hilf mir mal, ich kratz nämlich gleich ab, weil ich jetzt keine Luft mehr krieg! Ich bin in einem Tunnel, ganz klar jetzt für mich. Und ich will aus dem raus, sonst … wie gesagt, kratz ich ab.

Aber jetzt passiert irgendetwas, jetzt gibt es einen Ruck, jetzt … ja, jetzt wird es hell und ich bin durch den Tunnel durch! Ha, aber es ist ZU hell! Und zu laut! Einer packt mich fest an. Am Kopf! Hat der sie noch alle? Ich will ihn ausschimpfen, aber ich kann nur schreien! Ist aber schön, zu schreien. Ich schrei den Typ an, dass er mich loslassen soll, aber der lacht bloß und sagt: „Na, da haben Sie aber ein schönes großes Osterei bekommen!“ Wat? Ich bin ein Osterei? Nee, Ostern ist schon ein paar Monate her, das habe ich genau mitbekommen, als alle wie bekloppt Eier gesucht haben. Ich glaube, jetzt ist Sommer. Ich hab immer gehört, wie Mama draußen im Garten die Blumen gegossen und dabei gesummt hat. Genau, wo ist denn jetzt Mama? Plötzlich packen mich andere Hände, die sind aber ganz sanft und zart. „So, hier haben Sie Ihren Kleinen (wieso bin ich jetzt ein Kleiner, vorhin war ich ein großes Ei) “, sagt eine freundliche Stimme und dann – liege ich auf Mama. Klar, das ist sie, weiß ich sofort, ich höre ihr Herz, nichts ist mir vertrauter. Ach, ist das schön. Mama legt ihre Hände auf mich, küsst mich und redet unsinniges Zeug, aber ich kenn sie ja, sie ist jetzt ganz happy. „Ein gesunder Junge“, sagt die Freundliche und deckt mich mit einem Handtuch zu. Klar bin ich ein Junge! Was soll ich denn sonst sein? Ein Mädchen?! Iiih, mit denen werde ich noch früh genug zu tun haben.

Auf einmal höre ich noch eine andere Stimme, die ich auch gut kenne. Papa! Klar, den gibt es ja auch. Papa redet genauso unsinniges Zeug wie Mama vorhin, aber jetzt fängt er auch noch an zu heulen, dieses Weichei. Och nee, wieso heult der? Und jetzt heult auch Mama! Wieso freuen die sich denn nicht, dass ich da bin? Dass ich endlich mein Appartement verlassen habe? Obwohl – wollte ich ja nicht, war leider zu eng geworden, also musste ich. War cool in dem Ding, warm, immer geiles rotes Licht und den ganzen Tag ging ich schwimmen. Gott sei Dank gab es keinen anderen Mieter. Am besten war natürlich die All-Inclusive-Leitung, ich brauchte noch nicht mal zu schlucken. Au Mann, wie soll ich jetzt bloß an all das kommen? Hab nämlich gerade gehört, dass Papa die durchgeschnitten hat. Durchgeschnitten! Das muss man sich mal wegtun. Der will mich verhungern lassen.

Als ob Mama das gehört hätte, drückt sie mir plötzlich so ein komisches Ding in den Mund. Hä – wat ist dat? Fühlt sich aber gut an, so weich. Mal probieren. Komisch, ich weiß sofort, was ich machen muss. Und wie. Auf einmal kommt da ganz leckeres Zeug raus, gaaaaaanz süß. Hm, schmeckt gut. Durchaus mit der All-Inclusive-Leitung zu vergleichen. Auf einmal schiebt Mama mich rüber und guck – da ist noch so'ne Leitung. Jetzt gibt es Nachtisch. Ich glaub, ich hab demnächst mit dem Essen und Trinken auch keine Probleme.

Aber was ist das? Die Freundliche nimmt mich hoch und trägt mich weg. Bäh! Ich will bei Mama bleiben! „So, wir werden dich jetzt mal wiegen, messen und baden“, sagt sie. Wieso wir? ICH will das doch gar nicht. Dann höre ich wieder die fiese Stimme des Arztes: „Ich nähe Sie jetzt zusammen“, sagt er zu Mama. Der näht Mama zusammen? Bin ich das schuld? Ich hab Mama kaputt gemacht. Au weia, das fängt ja gut an. Bestimmt ist Mama sauer deswegen. Aber immerhin hat sie mir schon die leckeren neuen Leitungen gezeigt. Also kann sie nicht ganz so böse auf mich sein.
Die Freundliche ist gar nicht freundlich zu mir. Sie zieht mich aus, wiegt und misst mich, und ich schreie sie an, sie soll mich in Ruhe lassen. Aber sie versteht mich nicht, sie lächelt die ganze Zeit und sagt, ich sei ein Prachtkerl. Ha, klar bin ich das! Aber nun macht sie was Nettes: Sie legt mich in warmes Wasser. So schön – wie in meinem Appartement früher. Auf einmal ist auch Weichei wieder zur Stelle. Betatscht mich und hilft der Freundlichen. Redet ganz lieb, wenn auch Quatsch, aber wenigstens heult er nicht mehr.

Jahre später – so kommt es mir vor – liegen Mama und ich alleine im Bett. Endlich! Wir kuscheln und Mama flüstert mir zu, dass ich Markus heißen soll. Au Schande, doch nicht so! So ein Allerweltsname! Ich protestiere, das heißt ich schreie, aber das kapiert jetzt selbst Mama nicht. Schließlich gebe ich es auf. Heiße ich eben Markus. Jetzt muss ich nur noch rauskriegen, wie ich weiter heiße. Hoffentlich nicht Meier, Müller, Schmidt oder so. Leider muss ich dann irgendwann auf die so genannte Kinderstation. Dort liegen noch mehr solche wie ich. Auch Mädchen! Sind schon richtige Zicken dabei, das höre ich am Schreien. Bäh! Auch die Schwester ist eine. Als erstes habe ich die mal so richtig vollgepinkelt beim Windelwechsel. Ha, das hat Spaß gemacht. Hab nämlich rausgekriegt, dass ich das gut kann.

Aber jetzt bin ich hundemüde. In einem Bettchen zu liegen ist gar nicht so schlecht, ist fast so gut wie bei Mama. Die Zickenschwester hat mich in eine warme Decke gewickelt und jetzt schlafe ich gleich ein. Freue mich schon auf Mama und ihre Leitungen. Und es war gar kein Scheiß-Tag heute, sondern mein Tag.
Welt, ich bin da!
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hey Ironbiber, vielen Dank. Da wir alle nicht mehr so genau wissen oder uns erinnern, wie es war - hab ich mir erlaubt, Markus mal so richtig zu Wort kommen zu lassen.
Den Fehler hab ich verbessert.
LG Doc
 

Ironbiber

Foren-Redakteur
Die ersten Jahre ...

Nein die ersten Stunden, Tage, Wochen und Monate sind nebulös.
Meine Eltern haben mir aber erzählt, dass ich nach der Mutterbrust gleich auf Kartoffelsuppe umsteigen musste, da in den Nachkriegsjahren Alete, Hipp und andere Leckereien noch keine Option waren.

Gruss vom Ironbiber
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich glaube, das Erinnerungsvermögen setzt ab dem 4. Lebensjahr ein.
Wenn du lange gestillt worden bist (Stillzeit ist auf jeden Fall 6 Monate, früher aber deutlich länger, weil das Stillen auch der Verhütung diente), ist es kein Problem gewesen, Kartoffelsuppe zu essen. Ab dem 1. Geburtstag sollte ein Kind sowieso vom Tisch mitessen können, natürlich etwas weichgeknetet.

Die ganze Kinderkost ist bloß Geldmacherei der Industrie. Welches Baby braucht ab der 6. Lebenswoche Karotten?!? Keines. Und später kann man selbst kochen. Kartoffeln zettbe.
So nach meinen Erfahrungen mit dem eigenen Kindergarten hier. ;-)

Hach, ich sollte einen neuen Artikel über die richtige Kinderkost schreiben. ;-))))

LG Doc
 


Oben Unten