Der Eins entgegen

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Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Es ist keine große Kunst, den Maßstab zu ändern. Um etwas zu sehen, das zu winzig ist, kann man ein Mikroskop verwenden.
Und so nähere ich mich der Eins, einer Zahl, die extrem schmal sein soll, obwohl ich auf dem Zahlenstrahl einen Strich sehe.
Ich habe mir eine Mikroskopiermaschine gebaut, mit der ich mich der Eins annähern kann, wobei der Maßstab immer um das Zehnfache vergrößert wird, während ich selbst entsprechend schrumpfe.
Nun stehe ich noch einen Millimeter von der Eins entfernt, trete auf einem Strich, der Nullkommaneun. Ich bin schon ziemlich klein, und ich habe Angst, weggeweht zu werden bei meinem Experiment. Vorsichtshalber habe ich Türen und Fenster verschlossen. Niemand kann herein.
Ich trete auf dem Balken, der Nullkommaneun verkörpert. Die Eins ist in weiter Ferne und vor mir liegen Zahlen, unendlich viele Zahlen gar.
Aber ich will ja gar nicht die unendlich vielen Zahlen finden, sondern die eine, die, die gleich an der Eins liegt, die, die neben ihr steht.
Unmittelbar neben ihr.
Aber soweit ist es noch nicht. Ich nähere mich einen weiteren Schritt und verkleinere mich auf Mikrobengröße. Natürlich habe ich das Lineal abgewaschen, damit mich keine Mikrobe frisst, denn das wäre recht ungemütlich und ich könnte mich der Eins nicht mehr nähern, die fest an ihrem Platze liegt. Bei der nächsten Verkleinerungsstufe bin ich schon sehr dicht und ich kann die Umrisse der Farbkrümel erkennen, die die Eins darstellen. Sie schienen mir trocken, aber jetzt sehe ich, dass an vielen Stellen Wasser herauszuquellen scheint. Ich beginne, die Verkleinerung zu beschleunigen und erreiche die Größe eines Atomes. Das ist schon wirklich sehr klein. Licht ist nicht mehr zu erkennen, nur ganz selten kommen Impulse an. Meine Augen taugen in diesem Maßstab bereits nichts mehr und doch liegen noch unendlich viele Zahlen zwischen mir und der Eins. Ich bin Breit. Breit nicht im Sinne von schlapp, nein ich fühle mich verschmiert und kann nicht mehr erkennen, welcher Fuß welcher ist, alles wirkt unbestimmt und unbestimmbar.
Ich beschleunige die Verkleinerung und liege nunmehr unterhalb der Elementarlänge. Nun bin ich nur noch abstrakt, eine Entity, die so winzig ist, dass sie nicht mehr aufgespürt werden kann.
Die Eins scheint ihren Abstand zu behalten. Es ist verwirrend. Ich bin Nullkommanullnull mit zig Millionen Nullen eins von der Eins entfernt. und vor mir scheinen noch ebenso viele Zahlen zu wabern, wie ganz am Anfang.
Ich schlafe ein, mir ist schwindelig.
Ich vergrößere im Traum die Verkleinerungsgeschwindigkeit um das Unendlichfache. Da erblicke ich Zahlen, die nur um dx von der Eins entfernt sind. Aber auch das bringt mich immer nur ein Stückchen näher. In jedem Schritt scheint sich die Eins zu entfernen.

Ich rufe den Nachbarn der Eins und in weiter Ferne klingt eine Stimme: Das bin ich! Ich bin dichter an der Eins als jede reelle Zahl. Du kannst mich nicht erreichen, indem du den Maßstab verkleinerst. Komm und spring!

Ich versuchte, zu springen. Die Zahlen unter mir krümmten sich vor Schmerz. Die Eins reckte sich und strahlte, von ihr gingen viele Bögen aus und reichten weit in die komplexe Ebene.

Schließlich sagte mein Navigator: "Sie haben Ihr Ziel erreicht!"
Die Zahl neben der Eins rückte ein winziges Stück und da passte ich noch mit hin. Ich war jedoch so winzig, dass ich den Rückkehrknopf nicht mehr erreichen konnte.
Erst ein neuer Urknall kann mich aus diesem System wieder befreien.
Und der wird unendlich lange auf sich warten lassen, eher er aus mir ein neues All erschafft.
 

FrankK

Mitglied
:)

Von "Null" aus betrachtet geht "Eins" gegen unendlich.

Gott ist Eins - Gott ist unendlich.

Fast schon tiefere Philosophie in der höheren Mathematik.


Grüßend
Frank
 
Vor allem die Einstreuungen bzg. der Quantenmeschank machen das ganze großartig. Das steckt so voller Anspielungen, herrlich!

L.G
Patrick
 


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