Der Fahrplan.
Es regnete Bindfäden.
Jörns T-Shirt klebte an seiner Haut. Seine nassen Socken schmatzten bei jedem Schritt in seinen schwarzen Sneakern. Immer mehr Regen floss langsam von der Naht seiner kurzen Hosen über die glatt rasierten Beine nach unten. Er hasste das Gefühl. Er hasste diesen Ort und diesen Tag. Seine Kiefer mahlten ununterbrochen wie Mühlsteine aufeinander.
Kurz gesagt: Seine Stimmung war beschissen.
Jörn versuchte, mit seinem Fingernagel dieses verdammte Graffiti abzukratzen. Vergeblich. So würde er auch nicht an seinen Fahrplan kommen.
Kacke!
Es kotzte ihn an, dass er einen Papierfahrplan hinter einer graffitibeschmierten Plexiglasscheibe zu lesen versuchen musste.
Nur weil es in diesem Dreckskaff keinen Handyempfang gab.
Er streckte wie ein Fackelträger sein iPhone hoch in die Luft.
Aber es blieb dabei: Dort, wo die Empfangsbalken sein sollten, sah Jörn nichts. Er seufzte und sah sich um.
Jörn stand in einer dieser typischen ländlichen Bushaltestellen. Einer kleinen, an der Straßenseite offenen Betonbude mit verwittertem Holzdach. Sprüche an der Wand. Jörn las: „Deutschland erwache!“ – darüber ein Aufkleber „FCK NZS“. „Ich war hier. 5. März 2002“ – „Ich auch“ – „Ich nicht!“.
Sein Blick wanderte weiter zu einer kleinen Holzbank in der Ecke.
Ein einfaches, umgekehrt u-förmiges Gestell, auf dem wohl einst zwei Holzsitze montiert waren. Einer war noch da.
Er spürte das Verlangen, diesen Scheißsitz abzutreten. Er wusste nicht wohin mit seiner Wut über dieses Scheißkaff, den Kackregen.
Er wollte hier weg, aber er wusste nicht, wann er das konnte. Denn er hatte keinen Fahrplan, verdammt!
Seine Kiefer mahlten nun so stark, dass sie fast zu bersten drohten.
Doch er entschied sich gegen Treten und für Sitzen. Er starrte nach draußen, ohne Fokus, ohne Ziel – einfach in die Bindfäden.
Klack – platsch. Klack – platsch. Klack – platsch.
Jörn schaute auf. Langsam schob sich etwas vor die Öffnung der Bushaltestelle. Mit dem nächsten „Klack“ sah Jörn zuerst einen grauen Stab.
An dessen Kopf festgeklammert sah er eine Hand, die aus einem beigebraunen Ärmel schaute. Hand und dazugehöriger Armansatz waren dünn und die Haut schrumpelig.
Eine Oberfläche wie Dünen in der Wüste.
Mit dem nächsten „Platsch“ folgte der Rest, wie vom Stock am Arm herangezogen. So, als würde ein Kind einen zu schweren Schlitten ziehen.
Die Gestalt betrat die Haltestelle.
Jörn musterte das Männlein, das dort vor ihm stand. Er sah ein Wesen, wie einer Sepiafotografie entsprungen. Hellbeige Schuhe in dunkelbeigen Socken. Ein kariertes Hemd, braun-beige, steckte in ebenso brauner Cordhose. Darüber: eine hellgraue Jacke. Eine Melange aus Braun und Beige. Wie ein ranziger Milchkaffee. Die Klamotten trieften. Alles nass.
Vermutlich sein Glück, dachte Jörn. Dann muss er sich wenigstens nicht die Mühe machen, seine Inkontinenz zu verbergen. Jörns Stimmung wechselte von Wut zu Abscheu. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Ein Opa, der ihn hier vollquatschen will. Was vom Krieg erzählen. Dass sie früher Schlimmeres erlebt hätten, oder so.
Dann wechselte Jörns Abscheu zu Ekel. Dieser vor ihm stehende menschliche Verfall widerte ihn an. Es schüttelte ihn. Hätte der Opa früher mal Sport machen sollen. So wie Jörn immer schön ins Gym ging. Unwillkürlich spannte er seine Oberarmmuskeln an und ließ seinen Brustkasten unter dem nassen T-Shirt zucken. Kurz wechselte seine Stimmung von Ekel zu Stolz.
Jörn scannte den Alten weiter.
Unter einer Schiebermütze, natürlich braun, ein Gesicht wie ein altes Frotteehandtuch: stoppelig und zerknittert. In der Mitte eine dicke Nase. Das Ganze eingerahmt von zwei glasigen Augen unter buschigen, grauen Augenbrauen, die auch hätten zwei sehr haarige Tausendfüßler sein können.
Die Augen sahen ihn an.
Jörn rotzte ihnen ein „Was?!“ entgegen. Formuliert als Frage, ausgesprochen als Drohung. Der Opa zuckte zurück, wandte seinen Blick ab und schob sich in die andere Ecke der Haltestelle – klack, klack.
Jörn guckte ihm hinterher.
Der Opa hielt an. Aber zum Stehen kam er nicht. Er schwankte auf seinen Klapperbeinen wie ein Seemann bei leichtem Wellengang. Festgeklammert an seinem Gehstock stierte er angestrengt vor sich hin. Jörns Ekel wuchs noch weiter.
Stirb mir hier jetzt bloß nicht weg, Opa, dachte er sich. Sonst muss ich dich noch hinten ins Gebüsch ziehen. Dann bist du wenigstens noch als Dünger nützlich. Deine guten Tage sind vorbei. Jetzt kostest du nur noch Rente und meine Nerven.
Jörns Kiefer mahlten wieder. Diesmal aber so, als wollten sie den Alten zu Asche zermalmen, damit Jörns Augen diesen Anblick nicht mehr ertragen müssen.
Plötzlich, ohne Ankündigung, hörten die Bindfäden auf. Als wäre ein zerfaserter Vorhang gefallen, konnte Jörn nun die vor ihm liegende Straße und die gegenüberliegende Häuserreihe sehen. In seinem Augenwinkel blendete ihn ein Sonnstrahl, der sich mühsam seinen Weg durch eine Wolke bohrte.
Wenigstens das wird besser, dachte Jörn. Er stand auf, ging vor die Haltestelle und reckte erneut sein Handy in den nun trockenen Himmel. Er starrte auf sein Display.
Komm schon! Wo sind die Balken?
Er drehte das Handy leicht nach links. Auf seinem Display sah er sein Spiegelbild. Und langsam – mit der Drehung seiner Hand – schob sich das Gesicht des alten Mannes aus dem Hintergrund über Jörns. Auf seinem Handy sah er nun, wie der Greis und er verschmolzen.
Und da konnte Jörn es sehen. Er sah alles!
Er sah, wie er von der Haltestelle aus weiterkam. Er sah die nächste Station, die übernächste, die danach. Er sah jeden Halt an sich vorbeiziehen. Jede Umleitung, die es geben würde. Er sah den ganzen Weg bis zur Endstation, an der der Alte auf ihn wartete. Jetzt endlich kannte er ihn: seinen Fahrplan.
Jörns Kiefer hörten auf zu mahlen. Und obwohl er nun seinen Weg gesehen hatte, war er orientierungslos.
Er fühlte sich unsicher – ja fast verletzlich.
Er steckte sein Handy in die Gesäßtasche, drehte sich um und fixierte den Alten.
Dieser schaute auf und zuckte wieder merklich zurück.
Jörns Mund öffnete sich und er sagte: „Dann setz dich halt!“
Es regnete Bindfäden.
Jörns T-Shirt klebte an seiner Haut. Seine nassen Socken schmatzten bei jedem Schritt in seinen schwarzen Sneakern. Immer mehr Regen floss langsam von der Naht seiner kurzen Hosen über die glatt rasierten Beine nach unten. Er hasste das Gefühl. Er hasste diesen Ort und diesen Tag. Seine Kiefer mahlten ununterbrochen wie Mühlsteine aufeinander.
Kurz gesagt: Seine Stimmung war beschissen.
Jörn versuchte, mit seinem Fingernagel dieses verdammte Graffiti abzukratzen. Vergeblich. So würde er auch nicht an seinen Fahrplan kommen.
Kacke!
Es kotzte ihn an, dass er einen Papierfahrplan hinter einer graffitibeschmierten Plexiglasscheibe zu lesen versuchen musste.
Nur weil es in diesem Dreckskaff keinen Handyempfang gab.
Er streckte wie ein Fackelträger sein iPhone hoch in die Luft.
Aber es blieb dabei: Dort, wo die Empfangsbalken sein sollten, sah Jörn nichts. Er seufzte und sah sich um.
Jörn stand in einer dieser typischen ländlichen Bushaltestellen. Einer kleinen, an der Straßenseite offenen Betonbude mit verwittertem Holzdach. Sprüche an der Wand. Jörn las: „Deutschland erwache!“ – darüber ein Aufkleber „FCK NZS“. „Ich war hier. 5. März 2002“ – „Ich auch“ – „Ich nicht!“.
Sein Blick wanderte weiter zu einer kleinen Holzbank in der Ecke.
Ein einfaches, umgekehrt u-förmiges Gestell, auf dem wohl einst zwei Holzsitze montiert waren. Einer war noch da.
Er spürte das Verlangen, diesen Scheißsitz abzutreten. Er wusste nicht wohin mit seiner Wut über dieses Scheißkaff, den Kackregen.
Er wollte hier weg, aber er wusste nicht, wann er das konnte. Denn er hatte keinen Fahrplan, verdammt!
Seine Kiefer mahlten nun so stark, dass sie fast zu bersten drohten.
Doch er entschied sich gegen Treten und für Sitzen. Er starrte nach draußen, ohne Fokus, ohne Ziel – einfach in die Bindfäden.
Klack – platsch. Klack – platsch. Klack – platsch.
Jörn schaute auf. Langsam schob sich etwas vor die Öffnung der Bushaltestelle. Mit dem nächsten „Klack“ sah Jörn zuerst einen grauen Stab.
An dessen Kopf festgeklammert sah er eine Hand, die aus einem beigebraunen Ärmel schaute. Hand und dazugehöriger Armansatz waren dünn und die Haut schrumpelig.
Eine Oberfläche wie Dünen in der Wüste.
Mit dem nächsten „Platsch“ folgte der Rest, wie vom Stock am Arm herangezogen. So, als würde ein Kind einen zu schweren Schlitten ziehen.
Die Gestalt betrat die Haltestelle.
Jörn musterte das Männlein, das dort vor ihm stand. Er sah ein Wesen, wie einer Sepiafotografie entsprungen. Hellbeige Schuhe in dunkelbeigen Socken. Ein kariertes Hemd, braun-beige, steckte in ebenso brauner Cordhose. Darüber: eine hellgraue Jacke. Eine Melange aus Braun und Beige. Wie ein ranziger Milchkaffee. Die Klamotten trieften. Alles nass.
Vermutlich sein Glück, dachte Jörn. Dann muss er sich wenigstens nicht die Mühe machen, seine Inkontinenz zu verbergen. Jörns Stimmung wechselte von Wut zu Abscheu. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Ein Opa, der ihn hier vollquatschen will. Was vom Krieg erzählen. Dass sie früher Schlimmeres erlebt hätten, oder so.
Dann wechselte Jörns Abscheu zu Ekel. Dieser vor ihm stehende menschliche Verfall widerte ihn an. Es schüttelte ihn. Hätte der Opa früher mal Sport machen sollen. So wie Jörn immer schön ins Gym ging. Unwillkürlich spannte er seine Oberarmmuskeln an und ließ seinen Brustkasten unter dem nassen T-Shirt zucken. Kurz wechselte seine Stimmung von Ekel zu Stolz.
Jörn scannte den Alten weiter.
Unter einer Schiebermütze, natürlich braun, ein Gesicht wie ein altes Frotteehandtuch: stoppelig und zerknittert. In der Mitte eine dicke Nase. Das Ganze eingerahmt von zwei glasigen Augen unter buschigen, grauen Augenbrauen, die auch hätten zwei sehr haarige Tausendfüßler sein können.
Die Augen sahen ihn an.
Jörn rotzte ihnen ein „Was?!“ entgegen. Formuliert als Frage, ausgesprochen als Drohung. Der Opa zuckte zurück, wandte seinen Blick ab und schob sich in die andere Ecke der Haltestelle – klack, klack.
Jörn guckte ihm hinterher.
Der Opa hielt an. Aber zum Stehen kam er nicht. Er schwankte auf seinen Klapperbeinen wie ein Seemann bei leichtem Wellengang. Festgeklammert an seinem Gehstock stierte er angestrengt vor sich hin. Jörns Ekel wuchs noch weiter.
Stirb mir hier jetzt bloß nicht weg, Opa, dachte er sich. Sonst muss ich dich noch hinten ins Gebüsch ziehen. Dann bist du wenigstens noch als Dünger nützlich. Deine guten Tage sind vorbei. Jetzt kostest du nur noch Rente und meine Nerven.
Jörns Kiefer mahlten wieder. Diesmal aber so, als wollten sie den Alten zu Asche zermalmen, damit Jörns Augen diesen Anblick nicht mehr ertragen müssen.
Plötzlich, ohne Ankündigung, hörten die Bindfäden auf. Als wäre ein zerfaserter Vorhang gefallen, konnte Jörn nun die vor ihm liegende Straße und die gegenüberliegende Häuserreihe sehen. In seinem Augenwinkel blendete ihn ein Sonnstrahl, der sich mühsam seinen Weg durch eine Wolke bohrte.
Wenigstens das wird besser, dachte Jörn. Er stand auf, ging vor die Haltestelle und reckte erneut sein Handy in den nun trockenen Himmel. Er starrte auf sein Display.
Komm schon! Wo sind die Balken?
Er drehte das Handy leicht nach links. Auf seinem Display sah er sein Spiegelbild. Und langsam – mit der Drehung seiner Hand – schob sich das Gesicht des alten Mannes aus dem Hintergrund über Jörns. Auf seinem Handy sah er nun, wie der Greis und er verschmolzen.
Und da konnte Jörn es sehen. Er sah alles!
Er sah, wie er von der Haltestelle aus weiterkam. Er sah die nächste Station, die übernächste, die danach. Er sah jeden Halt an sich vorbeiziehen. Jede Umleitung, die es geben würde. Er sah den ganzen Weg bis zur Endstation, an der der Alte auf ihn wartete. Jetzt endlich kannte er ihn: seinen Fahrplan.
Jörns Kiefer hörten auf zu mahlen. Und obwohl er nun seinen Weg gesehen hatte, war er orientierungslos.
Er fühlte sich unsicher – ja fast verletzlich.
Er steckte sein Handy in die Gesäßtasche, drehte sich um und fixierte den Alten.
Dieser schaute auf und zuckte wieder merklich zurück.
Jörns Mund öffnete sich und er sagte: „Dann setz dich halt!“