Der Fall der Heldin

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DER FALL DER HELDIN

1

Der Vorfall war ganz ungeheuerlich; je nach Sichtweise des Betrachters auch traurig, peinlich und komisch.
Die Heldin hatte den Beifall mit einer Reihe formvollendeter Verbeugungen entgegengenommen. Dabei gelang es ihr gleichzeitig Dankbarkeit wie Nachsicht, Bescheidenheit wie Stolz zu vermitteln, was gemessen an ihren eher beschränkten darstellerischen Möglichkeiten keine geringe Leistung war. Am Ende jeder Verbeugung versandt sie ihr weithin berühmtes Lächeln ins Publikum, abwechselnd schüchtern und verführerisch, sittsam und sinnlich; mit geschickter Professionalität zwischen Parkett, den Logen der lokale Prominenz und den (wichtigen) ersten Reihen verteilt, wo sich gewohnheitsmäßig ihre treuesten Anhänger eingefunden hatten. All dies war reichlich theatralisch, aber schließlich befand man sich im Theater. Die Gewissheit diesbezüglicher ironischer Kommentare in der morgigen Presse konnte ihre Hochstimmung angesichts der vielen Vorhänge und der Jubelstürme ihres Publikums nicht trüben.
Sie wusste, sie hatte gute Arbeit geleistet.
Die Inszenierung hatte die gespannten Erwartungen mehr als erfüllt. Bühnenbild und Kostüme verbreiteten die plüschig-gediegene Beschaulichkeit der Provinz; das Stück war anrührend und nicht übermäßig anspruchsvoll, mit wohl berechneten Spannungsbögen und Pointen, getreu der Regel, dass das Publikum durchaus überrascht werden will – jedoch nur durch das, was es schon zu kennen meint. Der Souffleur, ein unverzichtbarer Teil ihres Auftritts, war zuverlässig und diskret wie immer gewesen; das Ensemble harmonisch, kompetent und – worauf sie größten Wert legte – zurückhaltend, den Rang der Heldin nicht gefährdend, und der junge Regisseur, wiewohl beunruhigend ambitioniert und talentiert, lag ihr glücklicherweise zu Füßen.
Nachdem sie gleich zu Beginn der Proben die unvermeidliche Affäre mit einem Mitglied des Bühnenpersonals, für die sie bekannt war, hinter sich gebracht hatte, wand sie sich umgehend dem Regisseur zu; mit sicherem Instinkt, geschärft in langen Jahren, von kompromisslosem, durch keine Selbstzweifel getrübten Ehrgeiz geprägt. Mit kluger, angemessen koketter Bescheidenheit vermittelte sie ihm das Gefühl, ihr gleichrangig zu sein, was ihn nur umso unvermeidlicher in ihre Hand gab. Über die offensichtlichen Vorteile ihrer Wahl hinaus war er als Liebhaber so gut wie ein anderer; jedoch hatte er auf Grund seiner Jugend eine Reihe unschätzbarer Vorzüge: Er war auf eine noch unschuldige, jungenhafte Weise eitel und dementsprechend ebenso unermüdlich wie fantasielos. Die Eitelkeit von Menschen mit Ehrgeiz stimmte sie nachsichtig und stets ein wenig sentimental. Es kam nur darauf an, sich niemals an ihn – so wie er ist – zu wenden, sondern an die Person, die zu sein er vorspiegelt. Man wählt dabei in etwa dieselbe Methode, die man einem öffentlichen Würdenträger gegenüber anwendet: Erst lobt man seine Unbestechlichkeit, bis er ob der Vorstellung seiner selbst ausreichend gerührt erscheint, dann bietet man ihm eine finanzielle Anerkennung an.
Das Leben selbst sowie eine ihr angeborene Schläue hatten sie gelehrt, dass der Kniff in neun von zehn Fällen gelingt – wenn nicht, erhöht man eben den Betrag. Natürlich war sie sich darüber im Klaren, dass, wiewohl die Jahre ihr Äußeres großmütig behandelt hatten, ihre viel gerühmte Schönheit zunehmend solcher oder ähnlicher tatkräftiger Hilfe bedürfen würde. Sie war älter als das aufwendigste, erlesenste Make-up dauerhaft zu verbergen imstande war. Kurz: Der erste Akt ging zu Ende, und im zweiten würde sie fünfzig sein. Der Betrag würde sich nicht beliebig erhöhen lassen. Trotz ihres Erfolgs und der damit verbundenen Unabhängigkeit gestand sie sich ehrlich ein, dass sie selbst auf die oberflächlichsten Schmeicheleien im Rahmen noch so unbedeutender gesellschaftlicher Konventionen weder verzichten wollte noch konnte. Nun, noch gab es keinen Anlass zu wirklicher Besorgnis, weshalb obige Erkenntnis auch das Äußerte war, was sie sich hin und wieder an Selbstbesinnung gestattete. Außerdem hatte ihr Rezept bis heute stets seine Wirkung erfüllt; auch der junge Regisseur, ihr aktuell einziger Liebhaber, stellte in dieser Hinsicht augenscheinlich noch kein Problem dar.
Dennoch war nun ein Problem aufgetaucht, welches ihre Aufmerksamkeit erforderte.
Seit einigen Tagen empfingen sie allmorgendlich vor Beginn der Proben anonyme Blumenarrangements in ihrer Garderobe – eine Gattung seltener, entsprechend teurer creme-weißer Rosen –, und sie hatte als Absender einen blendend aussehenden und offenbar gut situierten jungen Mann in Verdacht, dem sie ein paar Abende zuvor nach Ende der Proben am Hinterausgang des Theaters auf sein entzückend schüchternes Lächeln hin ein Autogramm gewährt hatte. Nun war dieser Verdacht Gewissheit geworden. Sie hatte ihn während einer Verbeugung direkt vor sich unterhalb der Bühne wiedererkannt; wie er gebannt dort stand, mit jenem schüchternen, ungläubigen Lächeln, und natürlich trug er, unbeholfen unter eine Achsel geklemmt, einen Strauß jener Rosen. (Ach, weiße Rosen!) Sie hatte vor, die heutige Nacht mit ihm zu verbringen. Während sie sich anschickte, ihm mit den Augen entsprechende Zeichen zukommen zu lassen, sann sie über ein Ablenkungsmanöver für den Regisseur nach, denn trotz allem beabsichtigte sie keineswegs, mit diesem schon zu brechen. Zweifellos war er auf dem Weg nach oben, und solange er noch in dem Glauben war, dies an ihrer Seite tun zu müssen, wäre dies in persönlicher Hinsicht überaus töricht und im übrigen höchst unprofessionell gewesen.
Und nun geschah folgendes: Wenn das Ensemble geschlossen vor den Vorhang tritt, weiß der erfahrene Theatergänger, dass die Zeit des Abschieds gekommen ist. Die Saallichter gehen an; Verehrer, Autogrammjäger, Claqueure und Fotografen drängen zum Bühnenrand. Der erfahrene Teil des Premierenpublikums macht sich mit betont gleichmütiger Miene gemessenen Schritts auf in Richtung der Ausgänge. Im abgetrennten Bereich des Foyers, in dem die Heldin den Honoratioren, der lokalen Prominenz sowie handverlesenen Vertretern der Presse bei Sekt und warmen Lachsbrötchen später ihre Aufwartung machen würde, verfallen Angestellte der Theatergastronomie in hektische Betriebsamkeit. Also rückt nun das Ensemble in geschlossener Linie vor in Richtung Bühnenrand, kaum einen Meter von der Heldin entfernt, die unermüdlich, mit nach wie vor formvollendeten Verbeugungen, die Gunstbezeugungen des Publikums entgegennimmt. Jetzt durfte man erwarten, dass sie sich in die Reihen des Ensembles eingliedert, um mit einer letzten gemeinsamen Verbeugung dem Publikum die abschließende Referenz zu erweisen – jedoch, sie macht dazu keinerlei Anstalten. Im Gegenteil: Plötzlich sinkt sie am Rand der Bühne auf die Knie, es scheint, als würde sie mit jemandem sprechen (oder diesem zuhören). Arme strecken sich ihr einladend entgegen. Ah, man will sie auffangen, auf Händen tragen! Sie erhebt sich; ihr Lächeln strahlt leuchtend in den Saal hinab, wie sie sich, sichtlich aufgewühlt, eine Hand an die Brust presst, die andere Hand in dramatischer Rührung huldvoll ausgestreckt. Sie tritt ein, zwei Schritte zurück, als sie gegen die dicht geschlossenen Reihen des Ensembles hinter sich stolpert und von jener künstlichen Wand, einem Gummiball gleich, in Richtung Bühnenrand prallt. Im Bruchteil einer Sekunde, als sie sich noch zu fangen versucht, rutscht sie mit dem Fuß auf den am Bühnenrand verstreuten Blumen aus und fällt – noch immer beharrlich lächelnd, mit ausgestreckten Armen – mit einem dumpfen Aufprall auf den Boden zwischen die Menschenmenge.
Bis man nun – inmitten von Aufschreien und nervösem Kichern der Gaffer am Bühnenrand – im hinteren Auditorium recht mitbekommt, was sich zugetragen hat, hat man die Heldin schon auf einer improvisierten Bahre aus dem Theatersaal in ihre Garderobe getragen. Dort wird sie von einem eilig herbeigerufenen Arzt untersucht, der eine erste, vorsichtige Diagnose stellt, auf Grund derer die mittlerweile ebenso eingetroffenen Sanitäter erste Hilfsmaßnahmen einleiten. Wie der Theatermanager endlich ins Theater (beziehungsweise auf die Bühne) zurückkehrt, um die nötigen Anweisungen zu erteilen, sowie ein paar allgemeine, in solchen Fällen übliche Beschwichtigungen zu verlesen, ist der verbliebene Teil des Publikum längst in aufgeregte Unterhaltungen verstrickt, sodass man ihm wenig Aufmerksamkeit erweist, womit dem Publikum wiederum nähere Informationen über den Zustand der Heldin entgehen. So steht man denn, nach sichtbarem wie eingebildeten sozialen Status getrennt, in kleinen Gruppen beisammen, den Abend wie den Vorfall besprechend, wobei die unterschiedlichen Ansichten ganz den Status der jeweiligen Gruppe widerspiegeln.
Verbindend aber kann gesagt werden, dass jedermann ganz allgemein das Gefühl haben durfte, für sein Geld etwas bekommen zu haben: Boulevard, Burleske, Posse, Drama, Lehrstück, Moritat , Tragödie – eben alles, was das Theater zu bieten hat.

2
Am Morgen des dritten Tags in der Klinik fühlte sie sich matt und ausgelaugt, was sie zu gleichen Teilen den Schmerzmitteln wie dem Regisseur zuschrieb. Er hatte sie an den vergangenen Tagen erst lange nach Mitternacht verlassen; was sie beide – in Phasen der Erholung – zu bereden hatten, erregte und erschöpfte sie jedoch weit mehr als seine Leidenschaft.
Ohnehin waren die beiden letzten Tage anstrengend gewesen.
Die Tür zu ihrem Privatzimmer schien sich kaum jemals zu schließen. Der Krisenstab, bestehend aus Presseagent und Manager, hatte beinahe pausenlos getagt. Dann waren da die Ärzte und Pflegerinnen; Boten mit Post, Blumen und Geschenken; einige handverlesene Mitglieder von Fanclubs; ihr Anwalt, der die Möglichkeit einer Klage (gegen wen auch immer) in Aussicht stellte; der Regisseur natürlich; schließlich ihre Mutter, die – wie sie argwöhnte – verstimmt darüber war, nicht zur Premiere gebeten worden zu sein, um stattdessen ihre vier jungen Möpse zu beaufsichtigen. Auf Rat des Krisenstabs jedoch vorerst keine Fotografen und Reporter (sehr zu ihrem Unwillen). Zwar war man sich rasch darüber einig, dass die erlittene Hüftgelenkluxation im Licht der Publicity betrachtet ein Geschenk war und reichlich Kompensation bot für die eher gewöhnliche, nichtssagende Bänderdehnung; dennoch galt zu berücksichtigen, dass Fotos von einem Gips, hinter dem sich kaum Spektakuläres tat – wie ihr Presseagent sich ungerührt ausdrückte –, nur mehr oder weniger spöttische Kommentar heraufbeschwören mussten, zumal die Presse, die unmittelbar am Morgen nach dem Vorfall noch voller Mitgefühl berichtete, nun anscheinend nicht mehr von einem bloßen unglücklichen Zufall ausging. Es war in bunter Folge die Rede von einem Schwächeanfall, Schwangerschaft, Medikamentenmissbrauch und/oder Trunkenheit, .
Die Umstände erforderten also genaueste, fehlerfreie Planung, weshalb man nunmehr für den Nachmittag ein Exklusivinterview verabredet hatte. Es galt dabei unter anderem auch die Tatsache zu berücksichtigen, dass ihre zweite Besetzung inzwischen wohlwollende bis ausgezeichnete, in einem Fall geradezu überschwängliche Kritiken erhalten hatte. Ihrem Wunsch, schon in den nächsten Tagen wieder aufzutreten – im Rollstuhl, wie Sarah Bernhardt! –, durfte schon aus versicherungstechnischen Gründen nicht entsprochen werden, wollte man sich zum Beispiel mögliche Klagen (gegen wen auch immer) vorbehalten.
Außerdem war sie tatsächlich ernsthaft verletzt.
Die Dehnung der Bänder des umgeknickten Knöchels würde sich unter dem Schutz der Gipsmanschette wohl rasch zurückbilden, die wieder eingerenkte Hüfte ihr jedoch nach Ansicht der Ärzte noch einige Zeit Schmerzen bereiten, von der Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit ganz zu schweigen. Des Weiteren sollte in wenigen Tagen die auf drei bis vier Wochen angesetzte Rehabilitation beginnen; Massagen, Krankengymnastik, Muskelaufbautraining und dergleichen. Den jungen Mann zu empfangen hatte sie sich geweigert; ja, sie hatte sich nicht einmal erkundigt, ob er darum ersucht hatte, vorgelassen zu werden. Der Rausch der Vorfreude war durch die Vorkommnisse vollständig verflogen. (Jener Rausch, welcher, wie sie sich verdrossen zu erinnerten glaubte, ohnehin der einzig verlässliche Lohn der Begierde ist. Die Ausführung, die Erfüllung der Leidenschaft, ist demgegenüber nur eine routinierte, zeitaufwändige und oftmals ernüchternde Pflichterfüllung.)
Sie hatte sich also für den heutigen Tag Ruhe ausbedungen.
Es galt nachzudenken, Entscheidungen zu treffen. Die Möpse lagen dösend in einer Ecke ihres privaten Krankenzimmers; sie würden regelmäßig von einer Pflegerin gefüttert und ausgeführt werden. Sie selbst wollte außer Obst und Gemüsesäften – womit sie ausreichend versorgt war – und Medikamente nichts zu sich nehmen; die morgendliche ärztliche Visite hatte man kurzerhand auf den späten Abend verschoben. Besucher würden – abgesehen vom Krisenstab – nicht vorgelassen werden.
Der Regisseur hatte in seiner unbedachten, selbstgefälligen, wenn auch harmlosen Art die Leistung der zweiten Besetzung wortreich gelobt. Selbstverständlich hatte ihn nämliche Leistung keineswegs überrascht, war sie doch, wie er gänzlich unbescheiden mit ungerührter kundtat, zum größten Teil seinen Belehrungen und Anweisungen, seiner Führung zu verdanken. Während die Heldin, innerlich alarmiert, nach außen eine gelangweilte, gleichmütige Miene aufsetzte, ab und zu ein zerstreutes Ach, ja? einwerfend, plapperte der Regisseur derart angespornt in einem fort, und so erhielt sie nahezu ungesiebt alle nötigen Informationen. Anscheinend war dieses linkische, dumme Gänschen wirklich gut gewesen, und hübsch und jung war sie obendrein. Nun verdächtigte sie ihren Liebhaber nicht der Untreue; noch nicht. Ihrer Erfahrung nach war es jedoch naiv anzunehmen, das Gänschen würde sich nicht den (zwischenmenschlichen) Gepflogenheiten der Branche nach verhalten, ebenso wie ihr eitler, geiler Mentor. Sie konnte sich demnach leicht ausmalen, was geschehen musste. Also überlegte sie kurz, ob sie ihn angesichts dieser Umstände heute doch empfangen sollte. Dann jedoch entschied sie sich frohen Mutes dagegen: Niemals stieß sie eine einmal getroffene Entscheidungen um. Außerdem hatte sie am frühen Nachmittag ein wichtiges Interview zu geben, und darauf gedachte sie sich nunmehr vorzubereiten.
Sie hatte, auf größtmögliche Wirkung bedacht, darauf bestanden, den Reporter alleine zu empfangen; ihre Leute würden das Interview ohnehin vor der Veröffentlichung durchsehen. Jener ausgewählte Reporter war ihr schon während ihres Aufstiegs eine unschätzbare Hilfe gewesen; aber auch er hatte dabei profitiert. Trotz seines raschen beruflichen Erfolgs – er konnte es sich längst schon leisten, freiberuflich zu arbeiten – durfte sie sich nach wie vor seiner Loyalität sicher sein. Nicht einmal eine – für ihn weitgehend unerfreuliche – kurze Affäre, die sie zu Beginn ihrer Bekanntschaft miteinander hatten, vermochte daran über die Jahre hinweg etwas zu ändern. Sie ging davon aus, dass er noch immer in sie verliebt war. Außerdem war er gut in seiner Arbeit. Er hatte ein Gespür für stimmungsvolle Sätze voller Andeutungen, für die großen, übergreifenden Gefühle. Er fand – oder erfand, je nach dem – den Subtext einer Geschichte mit unfehlbarem Gespür; kaum einmal musste man ihn darauf stoßen, was seine Berichterstattung stets weniger abgeschmackt als die der Konkurrenz erscheinen ließ. Der Krisenstab war sich bewusst, dass man, angesichts des Niveaus der Leser, damit eine mächtige Waffe zur Hand hatte. Natürlich würde sie auch ein wenig spielen müssen; jedermann erwartet schließlich von einer Schauspielerin, dass sie spielt – und spielen konnte sie! –, wenn auch nicht ständig, so doch zur gebotenen Zeit. (Die unreflektierte Annahme, dass eine Schauspielerin immer und überall spielt, ist so töricht wie zu glauben, dass eine Tänzerin nicht auf der Straße zu gehen vermag, ohne Pirouetten zu drehen.) Die meisten Menschen haben nun einmal leichtfertige, oberflächliche und ungereimte Vorstellungen, sodass man sich in einem fort dazu bemüßigt fühlt, ihnen zu erklären, wie und warum man dieses oder jenes tut, beziehungsweise man zu dem wurde, welcher man ist. Zum Glück geben sie sich trotz dieser Hartnäckigkeit dennoch mit den einfachsten Antworten zufrieden, weil sie im Grunde nur hören wollen, was ihr Vorstellungsvermögen ihnen gestattet. (Diese Erkenntnis – darüber war sich die Heldin durchaus bewusst – hat zu allen Zeiten den Wunsch, Schauspielerin zu werden, beflügelt; ebenso mag sie eine der Voraussetzungen sein, will man sich in der schreibenden Zunft behaupten. Ich versichere Dir, mein Freund, es ist im Wesentlichen nicht viel anders als bei einem…sagen wir, heimlichen Geliebten: Wohl macht man es anfangs mal zum eigenen Vergnügen, mal zu dessen Unterhaltung, um schließlich eines Tages jemanden zu finden, der einem die Mühe bezahlt; und so macht man dann weiter.)
An dieser Stelle hielt sie inne, um ihr Haar zu richten, bis ihr einfiel, dass es heute noch keine Fotos geben würde. Der Krisenstab hatte ihr dies eingeschärft; man wolle zuerst abwarten, wie das Exklusivinterview ankommen würde, und danach, wenn nötig, die entsprechenden Bilder auswählen. Sie fühlte sich nun zunehmend frischer und verspürte nur noch leichte Schmerzen im Beckenbereich; diese sollten nach Auskunft der Pflegerin bis in die frühen Nachmittagsstunden anhalten. Danach würde eine weitere Dosis des Schmerzmittels nötig sein. Die Heldin aber war fest entschlossen, darauf zu verzichten, um sich in ihrem schauspielerischen Bemühen nicht zu verzetteln. Es konnte nicht schaden, eine wahrhaft Leidende abzugeben. Und sie litt ja auch in Wirklichkeit, besonders wenn sie daran dachte, was vorgefallen war.
Sie war nicht gefallen!
Eine Heldin fällt nicht einfach so. Wohl mag sie taumeln, straucheln, stürzen; alles jedoch unter dem Aspekt der glorreichen Wiederauferstehung: Die Heldin war zum Schein gestürzt, doch da! – sie erhebt sich aus der Asche ihres Unglücks und schwebt wie Phönix über ihren Spöttern und Neidern! Ja, mein lieber Freund, ich verrate Dir ein Geheimnis: Man hat mich gestoßen, jawohl, gestoßen! Sie wusste, dass es so gewesen war; sie hatte den schäbigen Stoß gespürt, den abgefeimten Plan sehr wohl erkannt. Und nun wollte sie dies mit Hilfe dezent gestreuter, verschleierter Anspielungen offenbaren, wie im Krisenrat besprochen. Dabei würde sie sich in nachdenklichen, melancholischen Betrachtungen über den Neid in ihrer Branche ergehen; eine traurige Angelegenheit, nicht wahr? Natürlich muss die zweite Besetzung mit ein paar knappen, beiläufigen Worten wohlwollend erwähnt werden; es gilt dabei, trotz des verständnisvollen Bedauerns ihrer jugendlichen Unausgereiftheit, keinen gönnerhaften Tonfall anzuschlagen. So etwas hätte eine Konkurrentin nötig, nicht aber die Heldin.
Der Zeitpunkt des Interviews stand nun kurz bevor, und sie ging im Geiste rasch noch einmal alle weiteren Punkte durch, die zu erwähnen der Krisenstab sie angewiesen hatte. Ja, selbstverständlich würde sie weiterspielen, so bald als möglich, das schuldete sie ihrem Publikum, vielleicht schon in fünf oder sechs Tagen, wenn es sein sollte, sogar im Rollstuhl! Und danach, wenn das Stück auslief, würde sie nur noch…jawohl, Tragödien spielen! In unzähligen Briefen hatte ihr Publikum dies immerzu gefordert, sie über die Jahre hinweg darin bestärkt, dies vor allem anderen ihrer Kunst schuldig zu sein. Ja, der Regisseur habe ihr einen Heiratsantrag gemacht, und ja, sie sei sich sicher, ihn zu lieben. Er wolle so gerne Kinder haben, natürlich sie auch, aber leider – kokettes Lächeln – wäre sie dafür wohl schon zu alt; aber vielleicht würde sie sich dafür mehr ihm und seiner Karriere widmen, sich allmählich gar von der Bühne zurückziehen können, sobald sie im Stande sein würde mit dem Gefühl zu leben, ihr Publikum im Stich zu lassen. Und nun – denk Dir nur, mein Freund! – hatte man ihm angeboten, eine Regie an der renommiertesten Bühne des Landes zu übernehmen, und man hatte sie gebeten, geradezu angefleht, die Hauptrolle zu spielen, man stehe schon in Verhandlungen, und es wäre eine Rolle für eine Heldin.
Draußen im Flur vor ihrem Zimmer waren Schritte zu hören.
Sie zog den Ausschnitt ihres Nachthemds tiefer; sie schätzte ihre Aussichten nach wie vor gut ein.

© 2020
 

John Wein

Mitglied
Hallo Gerold Senftle,

Wonderful! Nachdem ich mich am und im Stoff orientiert hatte, machte es mir großen Spaß, weiter zu lesen. Hier schreibt vielleicht einer vom Fach, ansonsten wäre es außerordentlich gut recherchiert. Eine Diva kommt hier zum Vorschein, die du psychologisch entblätterst, feinfühlig, hinterhältig und sarkastisch. Aber auch die anderen Figuren fand ich wunderbar beschrieben. Man kann sich die Gockel und Diven im Betrieb gut vorstellen. Ich denke, man muss es zweimal lesen, um alles zu verstehen und es richtig zu genießen.
Die Einleitung verriet nichts und hielt die Spannung bis weit ins Geschehen, und auch der Schlusssatz stimmt.

Ein paar Anmerkungen:

manche Sätze sind sehr lang, ich würde bspw. hier 3 draus machen:
Zwar war man sich rasch darüber einig, dass die erlittene Hüftgelenkluxation im Licht der Publicity betrachtet ein Geschenk war und reichlich Kompensation bot für die eher gewöhnliche, nichtssagende Bänderdehnung; dennoch galt zu berücksichtigen, dass Fotos von einem Gips, hinter dem sich kaum Spektakuläres tat – wie ihr Presseagent sich ungerührt ausdrückte –, nur mehr oder weniger spöttische Kommentar heraufbeschwören mussten, zumal die Presse, die unmittelbar am Morgen nach dem Vorfall noch voller Mitgefühl berichtete, nun anscheinend nicht mehr von einem bloßen unglücklichen Zufall ausging
warum die vielen Klammern? Ich würde sie weglassen und den Inhalte einbauen.

und den (wichtigen) ersten Reihen verteilt,
Wie der Theatermanager endlich ins Theater (beziehungsweise auf die Bühne) zurückkehrt,
(Die unreflektierte Annahme, dass eine Schauspielerin immer und überall spielt, ist so töricht wie zu glauben, dass eine Tänzerin nicht auf der Straße zu gehen vermag, ohne Pirouetten zu drehen.)
(Diese Erkenntnis – darüber war sich die Heldin durchaus bewusst – hat zu allen Zeiten den Wunsch, Schauspielerin zu werden, beflügelt; ebenso mag sie eine der Voraussetzungen sein, will man sich in der schreibenden Zunft behaupten. Ich versichere Dir, mein Freund, es ist im Wesentlichen nicht viel anders als bei einem…sagen wir, heimlichen Geliebten: Wohl macht man es anfangs mal zum eigenen Vergnügen, mal zu dessen Unterhaltung, um schließlich eines Tages jemanden zu finden, der einem die Mühe bezahlt; und so macht man dann weiter.)
mögliche Klagen (gegen wen auch immer) vorbehalten.
Da die Geschichte sehr lang ist, hätte ich sie unter der Rubrik Erzählungen gepostet, aber alles fließt.

Prima!
 

klauskuckuck

Mitglied
Hi lieber Senftle,
das ist viel zu viel Wörterlärm um nichts. Und von bescheiden eingestreutem Humor umgeben das Lärmige. Es gibt im Buchhandel ein paar lesenswerte Sammlungen von Theater-Anekdoten: zügig durchgestaltet und pointensicher abgerundet. Da mal reingucken! Und dann deine Geschichte auf ein Drittel kürzen (auf – nicht um). Nichts für ungut.
Gruß KK
 
Vielen Dank für Lob wie Kritik!
Für beides bin ich - als relativer Neuling in der Literatur wie in der Leselupe - uneingeschränkt empfänglich.
Besonders die Anmerkungen zu (über-) langen Sätzen fallen auf (hoffentlich bald) fruchtbaren Boden - ich gestehe einen Hang zu solchen Sätzen, den ich augenscheinlich nicht immer im Zaum zu halten vermag.
Etwas ist mir beim Überarbeiten meiner Geschichte aufgefallen - und nein, ich bin nicht vom "Fach", und die Inspiration stammt so wenig von Theateranekdoten wie es meine Absicht war, solche vordringlich zu erzählen -: Ich habe im Grunde viel Sympathie für meine "Heldin", und wenn dies nicht so herüberkommt, so muss ich mir allein dies als Fehler anrechnen.
Zur Länge der Geschichte: Ich tue mich ein wenig schwer mit der Bestimmung, was unter "Kurzgeschichte" und "Erzählung" korrekt zu posten ist (bei einer Novelle sollte es etwas leichter sein), und bin deshalb für Hinweise und Ratschläge dankbar.
Gruß, Gerold
 

klauskuckuck

Mitglied
Hi Gerold,
in der Leselupe gibt es das Forum Textbaustelle – hier der Link: Textbaustelle – dort kannst du deine Texte zur Diskussion stellen. In diesem Forum bekommst du Anregungen und Kritik.
Gruß Klaus
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Gerold,

in der Tat ist der Text sehr lang - zwei Möglichkeiten:

Ich verschiebe ihn zu den Erzählungen oder Du beherzigst Klauskuckucks Ratschläge und kürzt ihn - es ist nämlich sehr viel "Füllmaterial" vorhanden - dann bleibt er hier.
 

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