Der Flohtanz

derMicha1972RE

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Der Flohtanz

An einem nebeligen Herbsttag vor vielen vielen Jahren, als noch nicht einmal eure Großeltern geboren waren,
und noch bevor es überhaupt Autos gab,
da saß der alte Johann vorn auf seinem alten, hölzernen Zirkuswagen. Dieser wurde von der warmblütigen und gutmütigen Stute Rosinante über einen Waldweg gezogen.

Johann war der Direktor von dem wohl kleinsten Wanderzirkus der Welt, denn außer Johann und Rosinante gab es noch die etwas mürrische Ziege Einhorn, das Zweite war ihr vor lauter Übermut an einem Stein abgebrochen. Sie konnte auf den Hinterbeinen tanzen und auf einem Seil balancieren.
Dann waren da noch die beiden Katzen Mausi und Ferkelchen und zwei braune Mäuschen, die sich untereinander wirklich sehr gut verstanden. Zusammen führten sie in der Manege einen Dressurritt vor. Zum Glück hatten sie sich so geeinigt, dass dabei die Mäuse in ihren Cowboykostümchen auf den Katzen ritten, und nicht andersherum, denn die Kostüme hätten den Katzen gar nicht gepasst.

Als Johann einst einmal in Marokko seinen Onkel besuchte, brachte er von dort drei kleine Äffchen mit.
Eines davon, das Äffchen Flohrian, wurde von Hand mit der Flasche aufgezogen und lernte dabei, die Menschen ganz ohne Worte zu verstehen. Flohrian war Johanns ganzer Stolz und fleißiger Gehilfe bei dem Auf- und Abbau der kleinen Manege, beim Füttern der Tiere und beim Einsammeln der Taler bei den Zuschauern.

Mit seinem Flohzirkus war Flohrian die heimliche Attraktion des Wanderzirkus. Die Flöhe machten dabei aus zwei Metern Höhe Kopfsprünge in eine Nussschale mit Wasser, fuhren auf einem winzigen Tandem über ein Drahtseil und zeigten sogar Weitsprünge durch einen echten Feuerring. Nach der Vorstellung verbrachten die Flöhe die meiste Zeit in ihrem gemütlich eingerichteten Holzschächtelchen.
Damit war der Zirkus auch schon komplett.

So fuhren sie wie eine kleine Familie über das Land, von Dorf zu Dorf und von Fest zu Fest. Gerade waren sie auf dem Weg zum größten aller Feste im ganzen Jahr, wo sie für zwei Wochen bleiben wollten, um die Besucher mit ihrer allabendlichen Vorstellung zu begeistern, wie auch schon viele Jahre zuvor.

Als sie den Festplatz erreichten, stellte Johann voller Entsetzen fest, dass ihr Stellplatz bereits besetzt war - von dem Wagen eines Händlers mit Stoffen und Gewändern, Hemden und Hosen.
Oh nein ! Johann suchte und suchte, schaute verzweifelt in jede Gasse, doch alle Plätze waren vergeben.
So blieb ihnen nichts weiter, als außerhalb des Dorfes in einem dunklen, schmalen Feldweg ihr Nachtlager aufzuschlagen.

Als die anderen Tiere bereits schliefen, beobachtete Flohrian im Kerzenschein heimlich, wie Johann in die Futterkiste schaute. Er klappte sie wieder zu und seine Schultern sanken herab.
Als er danach dann auch den Deckel der Talerkiste schloss, hatte er eine Träne im Augenwinkel, denn auch die Kiste war wohl leer.

Was Johann nicht ahnte war, dass das schlaue Äffchen ihn beobachtet hatte, die Notlage erkannte und noch in der gleichen Nacht seine Freunde weckte, um sich mit ihnen zu beraten.
So schmiedeten sie einen Plan, was zu unternehmen sei, um den Zirkus zu retten.

Am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, startete ihre Mission. Die Äffchen nahmen das kleine Holzschächtelchen und schlichen sich, geschützt von Bäumen und Sträuchern, in Richtung des Festplatzes. Am Stand des Stoffhändlers angekommen, öffneten sie das Kästchen, bloß einen ganz schmalen Spalt, legten es am Fensterbrett ab, und zogen sich unbemerkt zurück.

Nachdem im Dorf die ersten Hähne gekräht hatten, öffneten sich am Stand die Fensterläden und es wurde aufgebaut. Holzgestelle mit Kleidern, Hemden und Hosen wurden herausgestellt. Nun regte sich auch in der Holzschachtel etwas, die Flöhe bereiteten sich auf ihren Einsatz vor.
Als die ersten Leute kamen und den Stand besuchten, die Kleidungsstücke begutachteten und anprobierten, da legten die Flöhe los !

Aus der Schachtel sprangen sie in hohem Bogen, kreuz und quer in die Menge, zwickten hier und zwackten da, piesackten die Leute wie sie nur konnten. Das blieb nicht lange unbemerkt, die Leute kratzten und juckten sich, schubberten an Armen, Beinen und im Nacken herum, sodass schnell die erste Dame angewidert ausrief: „Uhh, iihh, bähh, hier wimmelt es ja von Getier !“
und ein Mann quiekte: “Pfui, nichts wie weg hier !“.

So rissen sich die Leute die Kleider von den Leibern und warfen sie achtlos auf den Boden, liefen geschwind und lauthals schimpfend quer über den Festplatz und zum Dorfweiher um sich von den Tierchen sauber zu waschen, doch die Flöhe waren schon längst abgesprungen und zurück, in ihrer sicheren Schachtel verschwunden.

Das Geschehen sprach sich schnell wie ein Lauffeuer herum, und so hielten sich die Leute fern von dem Stand des Kleiderhändlers, kein Kunde mehr weit und breit. Der Händler war völlig verdutzt und konnte sich nicht erklären, was denn eigentlich geschehen war. Doch ihm dämmerte: auf diesem Fest würde er keinen Stoffetzen mehr verkaufen und keinen Taler mehr verdienen können. So blieb ihm nur, einzuräumen und das Fest zu verlassen, um anderswo sein Glück zu versuchen. In diesem ganzen Durcheinander war es den Äffchen ein Leichtes gewesen, ungesehen das Holzschächtelchen wieder abzuholen und sich klammheimlich zurück zu ziehen.

Am Zirkuswagen angekommen machten Flohrian und alle anderen dann einen echten Affenzirkus, Einhorn blökte dazu so laut sie nur konnte, sodass Johann aufgescheucht herbei eilte. Dabei sah er gerade noch, wie der Wagen des Kleiderhändlers am Ende der Straße abbog und – verschwunden war. Schnell begriff Johann, dass dies ihre Chance auf den Stellplatz war, und so packten sie im Nu alles ein.

Im gestreckten Galopp zog Rosinante den Wagen zum Festplatz, dass sich hinter ihnen eine beachtliche Staubwolke bildete. Ihr ursprünglicher Stellplatz war nun tatsächlich frei.
Überglücklich darüber und mit vereinten Kräften fiel es ihnen nun leicht, die kleine Manege auf zu bauen. Johann spielte am Nachmittag noch einige Lieder auf seiner Trompete und Einhorn vollführte dazu einen Wirbeltanz, bei dem sie sich in einem bunten Röckchen und auf den Hinterbeinen stehend drehte wie ein Derwisch. Das lockte dann auch die Besucher des Festes wieder herbei.

Die Abendvorstellung konnte nun doch noch stattfinden, alle Plätze waren belegt. Die Zirkusgäste waren von der Vorstellung so begeistert, dass der Applaus nur langsam und nach einer Zugabe nachließ, und als Flohrian dann mit dem Hut durch die Reihen sprang, konnte er ihn zum Ende kaum nach tragen, so viele Taler kamen zusammen ! Der Zirkus war gerettet.

„Das war doch wirklich ein gelungener Flohtanz!“, dachte Flohrian.

— Ende —
 



 
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