Der Freispruch hilft nicht dem Gewissen

Rene Bote

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Annika wusste nicht, was sie geweckt hatte. Es war dunkel, die Wohnung still. Allzu lange geschlafen hatte sie noch nicht, der Wecker zeigte kurz nach Mitternacht.
„Alles gut!“, versuchte sie sich zu beruhigen. Wahrscheinlich irgendein Geräusch von draußen: eine Fehlzündung, eine zugeknallte Autotür, eine Katze, die reinwollte, damit sie wieder rauswollen konnte.
Trotzdem pochte Annikas Herz wie wild. Atemlos lauschte sie in die Dunkelheit. Doch was auch immer sie geweckt hatte, wiederholte sich nicht. „Du bist überreizt!“, rief sie sich nach ein paar Sekunden zur Ordnung. „Kein Wunder, nach so einem Tag.“
Hinter ihr lag eine Gerichtsverhandlung, die Anklage hatte auf fahrlässige Tötung gelautet. Drei Monate zuvor war ihr eine alte Frau vors Auto gelaufen, es war der schlimmste Tag in ihrem Leben gewesen, und die Verhandlung hatte alles wieder hochgeholt. Sicher nicht nur für sie, auch für die Angehörigen.
Sie war auf dem Rückweg vom Fitnessstudio gewesen, ausnahmsweise mit dem Auto, weil sie auf dem Rückweg noch beim Getränkemarkt hatte vorbeifahren wollen. Die alte Frau war unvermittelt zwischen zwei geparkten Autos auf die Fahrbahn getreten. Annika war nicht zu schnell gewesen und auch nicht müde oder abgelenkt. Trotzdem hatte sie nicht mehr rechtzeitig bremsen können, die Frau war gegen den Kühler geprallt und meterweit geschleudert worden.
Zeugen und Gutachten hatten Annika entlastet, das hatte nach der Beweisaufnahme auch der Staatsanwalt anerkennen müssen. Die Frau hatte nicht ausreichend nach rechts und links geschaut, vermutlich hatte sie den Bus erreichen wollen, der sich auf der anderen Straßenseite ein Stück weiter der Haltestelle genähert hatte. Annika war nichts vorzuwerfen, der Staatsanwalt hatte sich der Forderung der Verteidigung angeschlossen und einen Freispruch wegen erwiesener Unschuld beantragt.
Juristisch war der Unfall damit abgeschlossen. Doch Gefühle waren nicht logisch und scherten sich einen Teufel um Paragrafen, zumindest ihre. Das Erlebte hing ihr immer noch nach, und es würde wohl auch noch einige Zeit ins Land gehen, bis sie sich davon erholt hatte.
Annika lauschte noch einen Augenblick und wollte sich dann wieder so entspannt, wie sie es hinbekam, in die Kissen sinken lassen. Doch genau in diesem Moment vermeinte sie ein Wispern zu hören und schreckte direkt wieder hoch, der Puls raste.
Das Flüstern wiederholte sich. Erst schien es nur unklares Gemurmel zu sein, dann schälten sich Worte heraus: „Schuldig!“ und „Du hast sie totgefahren!“
Annika begann zu zittern. Was war das? Wurde sie verrückt? Einbildung, versuchte sie sich einzureden, die Flüsterstimme existierte nur in ihrem Kopf.
Doch es wollte nicht aufhören, und immer wieder das eine Wort: „Schuldig!“ Sie presste die Hände an den Kopf, rieb die Schläfen mit den Handballen, schaltete das Licht ein, versuchte, sich zu zwingen, an etwas anderes zu denken. Nichts half.
Raus! Sie musste raus! Der Raum schien sie zu erdrücken, die Stimme von überall zu kommen. Hastig zog sie sich an, griff sich den Wohnungsschlüssel und stürmte nach draußen. Die Stimme warf ihr ein letztes „Schuldig!“ hinterher, aber sie blieb drinnen.

Wie einfach es doch war, einen Menschen fertigzumachen! Gut, dass er damals den Wohnungsschlüssel hatte mitgehen lassen, als sie ihn rausgeworfen hatte! Bloß weil er einmal, bei der Party, mit dieser … Wie hieß sie doch gleich? Egal. Der Unfall hatte ihm natürlich perfekt in die Hände gespielt, da brauchte man gar nicht mehr viel nachzuhelfen, um sie fertigzumachen. Der Rest war einfach, ein bisschen Ahnung von Technik, und das Zeug gab’s billig im Internet. Sie würde leiden, und er hatte es in der Hand, wie sehr und wie lange. Die Rache war sein.
 



 
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