Der Geburtstag

Monika M.

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Es war ein Morgen, wie jeder andere auch. Martha schlug die Augen auf und stellte fest, dass sie noch vor dem Wecker aufgewacht war. Sie hatte noch zwanzig Minuten Zeit, bis sie aufstehen mußte, um die Kinder zu wecken.
Martha seufzte. Normalerweise hätte sie die zwanzig Minuten genossen, hätte sich in ihre Decke gekuschelt und die Augen fest geschlossen. Noch zwanzig Minuten Frist bis das morgendliche chaos begann, noch zwanzig Minuten Frist bis zur täglichen Routine.
Doch heute waren diese Minuten erfüllt mit nagenden Gedanken. Ein Morgen, wie jeder andere? Weit gefehlt, heute wurde Martha vierzig!
Schon wieder ein Geburtstag, schon wieder ein Jahr vorüber. Hatte sie nicht letztes Jahr noch darüber gescherzt, hatte sie nicht über die nächste runde Zahl von Lebensjahren gelacht! Doch es war ein quälender Spaß gewesen, vierzig Jahre waren alles andere als ein Scherz für sie!
Martha zog die Decke über den Kopf. Jetzt hatte sie ihr Geburtstag eingeholt. Wieder nur ein Jahr älter, versuchte sie sich einzureden, doch diesmal war es ein Jahr zuviel für ihren Geschmack.
Jetzt bist du also vierzig, dachte sie, und was hast du vorzuweisen? Sie seufzte. Nichts, lautete die Antwort. Sie hatte einen Mann und Kinder, sie hatten ein Haus gebaut und fuhren jedes Jahr in Winterurlaub. Doch was war das schon? Nichts davon war ihr allein zuzuschreiben.
Als die Kinder auf die Welt kamen, hatte sie ihren Beruf aufgegeben. Sie war gerne Mutter und kümmerte sich um den Haushalt. Doch die Kinder wurden größer und irgendwann so selbständig, dass sie sich nun oft überflüssig fühlte.
Die Hausarbeit ging ihr gut von der Hand, doch immer mehr geriet sie in die Rolle einer Köchin, einer Putzfrau, kurzum einer Haushälterin. Sie war diejenige, die einkaufen ging, die den Mülleimer rarustrug. Sie wischte die Fußspuren der schmutzigen Turnschuhe fort, die die Freunde ihrer Söhne auf der 'Treppe hinterließen. Sie wusch und bügelte, und all dies war selbstverständlich für jedes ihrer drei Kinder und natürlich für ihren Mann.
Es war ewig her, dass er einmal freiwillig den Tisch abgeräumt oder sonst einen Handgriff in der Küche getan hatte. Früher, da hatte er abundzu für sie gekocht. Er konnte es gut, aber das war Jahre her. Jetzt dachte er nicht einmal mehr an so etwas!
Martha krabbelte langsam unter ihrer Decke hervor. Es war einfach zu warm darunter, und sie konnte sich nicht den ganzen Morgen hier verstecken. Ihre Frist war auf zwanzig Minuten beschränkt, und die waren gleich um. Sie mußte Kaffee kochen, Brote schmieren und - und - und!
Sie stand auf und vermied es in den Spiegel zu blicken. Veränderte man sich in einer Nacht? Wahrscheinlich nicht, aber immerhin war sie jetzt vierzig!
Oh Gott, dachte sie voll Grauen an eventuelle Gratulanten. Ihre Freundin würde wohl anrufen. Sie konnte sich ihren gutgemeinten Spott schon vorstellen. Na, jetzt bist du also vierzig, wie fühlt man sich denn jetzt? Wieder ein Jahr mehr, die Zeit läßt sich halt nicht aufhalten........Vielleicht sollte sie den Hörer aushängen?
Und dann sah sie doch noch in den Spiegel. Ihr Haar war zerzaust von der Nacht. Es wurde schon grau, doch gestern hatte sie dies noch nicht gstört. Martha sah sich lange an. Schließlich fand sie, dass sie genauso aussah, wie mit neununddreißig.
Was soll´s, dachte sie, mehr kann ich nicht erwarten. Wie neununddreißig auszusehen ist doch toll für eine Vierzigjährige. Zwanzig werde ich nie wieder sein!
Sie betrachtete ihren Bauch, der früher einmal flach und fest gewesen war. Nun ja, drei Schwangerschaften hatte ihre unübersehbaren Spuren hinterlassen. Sie mußte unwillkürlich lächeln. Drei Kinder hatte sie zur Welt gebracht, drei gesunde, wundervolle und manchmal anstrengende Kinder. Wer hatte da behauptet sie habe nichts zustande gebracht!
Wenn ich auch sonst nichts vorzuweisen habe, sagte sie zu sich, so habe ich doch drei Menschen in die Welt gesetzt und sie beschützt, so lange sie unter meinen Fittichen blieben. Und ein Gefühl von Stolz keimte auf einmal in ihr auf.
Der Wecker begann zu klingeln. Sie stellte ihn ab und ging in die Küche. "Aufstehen, es ist Zeit", schrie sie dabei die Treppe hinauf und hoffte, dass man sie hören konnte. Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen.
Sie hatte einen unordentlichen Küchentisch erwartet. Ihr Mann ging früh aus dem Haus. Er stand jeden Morgen als Erster auf und war schon fort, wenn ihr Wecker schrillte.
Sonst stand die benutzte Kaffeetasse auf einem mit Kaffeeflecken und Brotkrümeln übersäeten Tisch. Löffel und Messer lagen achtlos herum. Die Butter war inzwischen widerlich weich und die Wurst warm geworden. Doch heute war alles anders!
Der Tisch war abgeräumt und liebevoll gedeckt. Und mittendrin stand ein wunderschöner Rosenstrauß. Es waren gelbe Rosen, die langstieligen, die sie am liebsten mochte.
Da stand sie nun, überrascht und glücklich. Der Rosenstrauß schien mit ihr zu sprechen. Er trug eine Botschaft, nach der zu hören, sie sich gesehnt hatte. Ich liebe dich, sagten die Blumen. Ich brauche dich und ích weiß, was du für uns alle tust. Er sagte so unendlich viel, und es tat Martha so unendlich gut, ihm zuzuhören.
Sie sah lächelnd aus dem Fenster. Es war ein Morgen, wie jeder andere auch? Nicht ganz, es war ihr Geburtstag. Und es würde ein herrlicher Tag werden!
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
eine

wunderschöne geschichte. einfach gestrickt, gut erzählt, anrührend und feinfühlig und gegenwartsnah. möge es sehr vielen frauen so ergehen! ganz lieb grüßt
 

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