Der Geldmacher

Trug ist ein seltener süddeutscher Name. Er kommt nur im Gebiet der Donauversickerung häufig vor. Goldstrand ist ein kleiner Kurort an der Nordsee. Suchen Sie ihn nicht im Atlas, er ist nur auf Spezialkarten zu finden. Der Kurdirektor von Goldstrand heißt Trug, die Leute nennen ihn Bäder-Trug, zur Unterscheidung von dem anderen. Es ist nicht bekannt, welches Parteibuch Bäder-Trug hat, falls er überhaupt eins besitzt.

Der Filialleiter der Sparkasse in Goldstrand heißt auch Trug. Er ist etwas jünger als Bäder-Trug und einige Zeit nach ihm aus dem Süden heraufgekommen. Es ist nicht bekannt, ob die beiden näher miteinander verwandt sind. Es bleibt ebenfalls offen, ob Sparkassen-Trug ein Parteibuch besitzt.

Seit Sparkassen-Trug in Goldstrand ist, haben zwei früher vernachlässigte Branchen sich dort gut entwickelt: Bauwirtschaft und Bankwesen. Die Kreditvergabe hat stark zugenommen. Die Hypotheken haben sich vermehrt. Die Terminkalender der Notare sind gut gefüllt. Und die Baukräne drehen sich.

Einer der Bauherren ist A. Lias aus Stuttgart. Er hat Bauland in Goldstrand von einer Tante geerbt. Auf ihm werden jetzt Ferien- und Zweitwohnungen hochgezogen. A. Lias bekommt sein Bauvorhaben erstmals beim Richtfest zu sehen. Bis dahin ist Sparkassen-Trug fast jeden Tag auf der Baustelle, um alles zu überwachen. Gewiss, die Errichtung von Wohnblocks gehört nicht zu den eigentlichen Aufgaben einer Sparkasse … Nun ja.

Es gibt auch einen Architekten. Sparkassen-Trug hat den billigsten seiner Zunft ausgesucht. Der Architekt sagt: „Ich bin geschieden, ich muss Unterhalt für fünf Kinder zahlen, ich nehme jeden Auftrag an.“ Sparkassen-Trug sagt über den Architekten: „Ich muss ihm jeden Tag in den Hintern treten, aber er lacht mich immer freundlich an.“

Ein Generalunternehmer aus Paris hat die Ausschreibung gewonnen. Die leeren Rotweinflaschen neben der Baugrube sind aus Spanien und die Bauarbeiter zu zwei Dritteln aus Nordafrika. Die Kripo braucht zwei Busse, um die Illegalen aus Marokko und Algerien zur Vernehmung zu fahren. Die Pariser Firma zieht sofort ab. Es ist Winter, die Wohnungen sollen in sechs Wochen bezugsfertig sein. Jetzt kommt eine einheimische Baufirma doch noch zum Zug. In den kleinen Wohnungen treten die ersten Möbelpacker den vielen Handwerkern auf die Füße, die noch lange nicht fertig sind.

Insgesamt verkaufen sich die Wohnungen nur schleppend. Sparkassen-Trug führt immer neue Interessenten in eines der „Objekte“. Wenn sie so einen Ladenhüter besichtigen, sagt Sparkassen-Trug: „Kaufen Sie nur ruhig, es ist kein Risiko dabei – diese Wohnung werden Sie doch jederzeit mit Kusshand wieder los.“ Und nach dem Akt beim Notar gehen die Preise für Wohnungen am Ort langsam in den Keller.

Einer seiner Kunden sagt später von Sparkassen-Trug: „Ein eiskalter Lügner.“ Wenn’s nur die Bilanz vergoldet hat.
 

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