Der Judasbaum

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Bei diesem Text handelt sich um die überarbeitete Version einer Kurzgeschichte im Stile von Edgar Wallace, die ich für einen Wettbewerb in einem entsprechenden Forum erstellt habe und aus dessen Werk ich mich figurenmäßig auch bedient habe. Eine der bekanntesten Figuren von Edgar Wallace lebt hier ein weiteres Mal auf.

Der Judasbaum

Donner grollte als der ältliche Lord Woodgrouse die Tür zu dem Arbeitszimmer seines Anwesens aufschloss. Als er die Tür aufschloss wurde der Raum von einem gefährlich zuckenden Blitz erhellt. Wie von eben diesem getroffen blieb der Lord, der ansonsten gar nicht so schreckhaft war, im Türrahmen stehen und rang plötzlich nach Luft.
„Carpenter!“ gellte seine bellende Stimmen durch die hohen Räume von Woodgrouse Hall. „Carpenter!“ ertönte es abermals, lauter und heftiger als noch zuvor.
Für den Lord schien in seiner Agonie eine halbe Ewigkeit zu vergehen bis endlich sein Butler angerannt kam. „Mylord? Sie haben gerufen?“ fragte der knautschgesichtige, etwas in die Jahre gekommene Mann noch etwas atemlos. Seine Worte waren natürlich eine höfliche Untertreibung, hatte doch der Herr des Hauses ihn nicht einfach nur gerufen, sondern er hatte schon richtig nach ihm gebrüllt.
„Wo waren Sie denn so lange“, fuhr der Lord seinen Bediensteten auch sogleich an. „Sie müssen umgehend die Polizei verständigen. Ein Kapitalverbrechen!“
Der Butler runzelte die Stirn und schaute in das Zimmer. Zuerst entdeckte er nichts Verdächtiges, schon gar kein Kapitalverbrechen. Es hätte dazu ja schließlich eine Leiche gebraucht, die beim besten Willen nicht auszumachen war. Doch als ein weiterer Blitz den Raum erhellte konnte auch Carpenter es sehen: Der Safe war aufgebrochen worden und leer.
Woodgrouse war inzwischen auf einen nahe gelegenen Sessel zusammengesunken und öffnete sich seinen Kragen. Neben seiner körperlichen Verfassung schienen auch seine Umgangsformen gelitten zu haben. „Nun steh nicht so herum, John, mach schon. Und meine Herztropfen! Diese Aufregung …“
Der Lord stöhnte leise und starrte auf den ausgeräumten Safe, der ihm nun vorkam wie ein offener Brustkorb aus dem man das Herz herausgerissen hätte. Während der Diener sich entfernte fühlte Woodgrouse wie eine kalte Hand nun tatsächlich nach seinem Herzen zu greifen schien. Er wusste nicht wie lange er in der Stellung eines bleichen Denkmals auf seinem Thron verharrte, denn erst ein Donnergrollen ließ wieder Bewegung in ihn kommen und ihn zur Fensterfront schauen. Eine dunkle Gestalt war dahinter auszumachen. Der Lord richtete sich misstrauisch auf. Der nächste Blitz offenbarte ihm schließlich die wahre Natur des unerwarteten Besuchers: Ein leichenblasses, wie im Todeskampf verzerrtes Gesicht über einem dunkel gewandeten Körper. Mit einem erstickten Aufschrei fiel Woodgrouse in den Sessel zurück. Schwärze umfing seine Gedanken.

Als schließlich die Polizei eintraf hatte sich der Lord schon wieder soweit von seinem Schreck erholt, dass er den Beamten ohne groß zu zögern die Hölle heiß machen konnte.
„Inspektor, natürlich kann ich verstehen, dass alles seine Zeit braucht. Die Spurensicherung, Verhören der Verdächtigen, und so weiter. Trotzdem werden Sie kaum welche haben. Sie wissen doch sicher, dass ich regelmäßig mit Ihrem Vorgesetzten Golf spiele, nicht wahr?“
„Nein, Mylord. Dieser Umstand war mir bis jetzt entgangen“, antwortete der Inspektor freundlich.
„Nun gut. Dann wissen Sie es eben jetzt. Wenn Sie in den nächsten Tagen keine Ergebnisse vorweisen können, dann werde ich jedenfalls veranlassen, dass Sie von diesem Fall abgezogen werden und ein fähigerer Mann die Ermittlungen übernimmt. Haben wir uns verstanden, Inspektor… Wie war noch gleich Ihr Name?“
„Fraser“, stellte sich der Inspektor noch einmal vor. „Wir haben uns vollkommen verstanden. Und ich will auch gar keine Zeit verlieren. Ihre Auskünfte waren schon sehr hilfreich und während die Spurensicherung ihre Arbeit tut würde ich gerne jetzt mit Ihren Dienstboten sprechen. Sie können derweil eine genaue Aufstellung der fehlenden Gegenstände anfertigen.“
Woodgrouse nickte in Richtung des Nebenzimmers und gab einen leicht grunzenden Laut von sich. „Sie können den Salon dazu benutzen. Es wird ohnehin schnell gehen. Es sind nur der Butler und der Gärtner hier. Das Gesinde ist bei einem Volksfest im Dorf.“
Fraser nahm diese Information zur Kenntnis und begab sich also in den Salon während der Lord sich an den Tisch setzte und zu schreiben begann. Als der herbeigerufene Butler zu dem Inspektor stieß wendete sich dieser ihm zu.
„Sie heißen also John Carpenter und sind schon länger in den Diensten der Familie?“
„Ja, Sir. Fast 30 Jahre. Der ältere Bruder des jetzigen Lords hat mich noch eingestellt. Ruhe er in Frieden. War ein feiner Herr, immer höflich und freundlich. Die Güte in Person.“
Fraser zog die Augenbrauen hoch. „Wollen Sie damit sagen, dass sich das Arbeitsklima hier seither verändert hat?“
„Es steht mir nun wirklich nicht zu darüber zu urteilen“, wich Carpenter der Frage aus. „Ich begehe allerdings keine Indiskretion wenn ich Ihnen sage, dass die beiden Brüder immer schon recht unterschiedlich waren. Das ist allgemein bekannt.“
Fraser lächelte leicht. Diese Information genügte ihm doch schon. „Nun gut. Aber darum geht es ja eigentlich auch gar nicht. Kommen wir deshalb zu dem Diebstahl. Es gibt doch sicher einen Generalschlüssel oder einen Schlüsselbund mit den Schlüsseln zu allen Räumen, nicht wahr?“
„Natürlich, Inspektor. Ich weiß auch worauf Sie hinauswollen. Ich habe Zugriff auf sämtliche Schlüssel. Doch spätestens am Safe hätte auch ich kapitulieren müssen.“
„Nun gut. Wir werden sehen. Wo waren Sie in der Zeit als sich der Lord nicht mehr selbst im Arbeitszimmer befand?“
„Ich habe ihm zunächst im Salon den Tee serviert und war danach in der Küche bis ich die Rufe seiner Lordschaft gehört habe.“
„Gehört?“ brummte Woodgrouse, der nun in der Tür stand, in die Unterhaltung hinein. „Ein Hörgerät brauchen Sie, Carpenter. Die Küche ist doch wohl nah genug. Es ist derselbe Flur.“
„Oh, verzeihen Sie“, kam die eloquente Antwort des Butlers. „Ich befand mich in der Waschküche. Es war mein Fehler mich nicht korrekt genug ausgedrückt zu haben.“
„Mhm.“ Fraser notierte sich alles. „Das wäre es dann erstmal. Sie können gehen und dem Gärtner Bescheid sagen.“
Der Butler neigte sein Haupt demütig und entfernte sich dann so lautlos, wie es sich für solcherart dienstbare Geister schickte.
Der Lord trat aus der Tür und reichte Fraser das soeben erstellte Schriftstück.
Der Inspektor ließ kurz seinen Blick darüber schweifen. „Diese kleine Mahagonischatulle, was befindet sich darin?“
„Nichts“, so lautete die harte Antwort seines grauhaarigen, faltigen Gegenübers. „Es ist ein Erinnerungsstück. Nichts weiter. Hat einen sehr großen ideellen Wert für mich. Ich muss es zurückbekommen.“
„So? Wie mir scheint ist es das wertloseste Stück des Safeinhaltes.“
Ein böser Blick traf den Inspektor. „Sie halten also den Inhalt meines Safes für wertlos? Ich sagte bereits diese Schatulle hat einen großen ideellen Wert. Das Materielle ist ersetzbar. Erinnerungen nicht.“
„Soviel Romantik hätte ich Ihnen ehrlich gesagt gar nicht zugetraut, Mylord.“
„Nun werden sie mal nicht frech. Sie kennen meine Verbindungen. Noch mehr von Ihrer Impertinenz und sie stehen wieder am Trafalgar Square und regeln dort den Verkehr.“ Woodgrouse schaute den Inspektor hart an. Seine Augen waren mitleidlos. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe doch meine Pflicht nun getan, oder?“
„Fürs Erste“, nickte Fraser, faltete das Blatt Papier und steckte es in seine Brusttasche. „Danke, Mylord.“

***

Auf dem Flur stieß Woodgrouse fast mit seinem Gärtner zusammen. Der Lord ließ sein übliches missgünstiges Grunzen vernehmen und ging zielstrebig seiner Wege während der Gärtner an die Tür des Salons klopfte und diesen dann betrat. Inspektor Fraser blickte dem vierschrötigen Mann freundlich entgegen. „Archibald Miller, nicht wahr?“
„Selbiger.“ Miller hatte eine tiefe, dunkle Stimme. „Aber bitte machen sie es kurz. Ich stecke bis zur Hüfte in Schei… in Arbeit. Das Gewitter hat einen Großteil des Parks verwüstet.“
„Keine Sorge. Nur ein paar Fragen. Wo waren Sie während des Gewitters?“
„Im Gärtnerhaus natürlich. Wenn es wie aus Eimern schüttet kann ich nicht arbeiten. Und ich habe auch keine große Lust mich von einem Blitz erschlagen zu lassen.“
„Das habe ich auch nicht vermutet. Waren sie allein?“
„Überrascht sie das? Wir wohnen hier recht einsam. London ist ein paar Meilen weg und andere Hausangestellte als diesen vertrockneten Butler hat es hier auch nicht mit denen man Karten spielen oder würfeln hätte können. Oder hätte ich vielleicht das Schankmädchen aus dem Dorfgasthof entführen sollen nur um ein Alibi und etwas Spaß zu haben? Hätte ich natürlich gerne gemacht wenn ich das alles vorher gewusst hätte. Habe ich aber nicht. Pech für uns beide was?“ Miller lachte freudlos.
„Scheinbar.“ Fraser blieb unbeeindruckt. „Haben Sie vielleicht irgendetwas Verdächtiges bemerkt draußen?“
„Nein. Hat viel zu sehr gesaut. Und der Garten sieht auch aus als wäre eine ganze Mongolenherde durchgeritten. Suchen sie die und sie haben ihre Räuber. Ich helfe ihnen dann auch gerne beim Aufknüpfen derselbigen. An starkem Seil soll es nicht mangeln.“
„Nun gut. Ich werde darauf zurückkommen wenn dem Henker von London die Stricke ausgehen sollten.“ Frasers Blick ging zur Tür wo ein junger, dunkelhaariger Mann stand und dem Inspektor ein Zeichen gab. „Danke, Mr. Miller.“
Fraser ging zu dem jungen Mann und Miller verließ das Zimmer.
„Ein ziemlich derber Kerl, was?“ grinste der Dunkelhaarige den Inspektor an.
„Sie sagen es, Sergeant Baxter. Was gibt es denn?“
„Der Einbrecher ist durch das Fenster gekommen sagt die Spurensicherung. Ein Profi wie es aussieht.“
„Na dann wollen wir doch schnell mal in den Garten bevor unser feingeistiger Freund auch noch die paar Spuren vernichtet, die das Gewitter übrig gelassen hat.“
Fraser verließ den Raum. Baxter folgte schmunzelnd.

Während die Beamten in den Park des Anwesens gingen war Woodgrouse seinem Diener in die Küche gefolgt.
„Wünschen Sie etwas, Mylord?“ Carpenter schaute nicht auf. Er schnitt gerade Tomaten.
Woodgrouse ging zu ihm hin, packte ihn hart am Arm, zog ihn zu sich herum und ließ eine Reitgerte auf dessen Körper niedergehen. Der Butler verzog keine Miene, wehrte sich nicht und protestierte auch nicht.
„Du warst es!“ bellte der Lord, nun unbeobachtet und frei von jeglichem Zwang der Etikette, seinen Angestellten an. „Du kennst den Inhalt der Schatulle doch genau! Du bist Herr über die Schlüssel des Hauses! Sag es mir jetzt ins Gesicht wenn du mich erpressen willst, du Hund!“
„Ich war es nicht, Mylord. Auch bin ich bislang mit meiner Entlohnung auch immer zufrieden gewesen. Wenn Eure Lordschaft es aber unbedingt wünschen, dass ich ein paar Pfund mehr im Monat bekomme, dann…“
Ein weiterer Hieb mit der Reitgerte folgte. Carpenter blieb weiterhin regungslos.
„Ich war Ihnen damals schon loyal, als Sie noch im Schatten ihres Bruders standen und bin es auch heute noch, Mylord.“
„Dann solltest du dich nicht erdreisten mich vor dem Inspektor schlecht zu machen und meinen Bruder in den Himmel zu loben! Ich habe gelauscht!“
„Immerhin habe ich wie befohlen Ihre Phantasterei von der Leiche ihres Bruders am Fenster verschwiegen.“
Der Lord nahm den Einwand zur Kenntnis, schien aber trotzdem nicht beruhigt. Fast schon im Gegenteil. „Wehe ich komme dir auf die Schliche und du warst es doch, dann bringe ich dich um!“
Woodgrouse nahm seinem Diener das Messer aus der Hand, umklammerte es fest und stach es dann wie zur Untermauerung seiner Worte mit voller Kraft in die hölzerne Arbeitsplatte wo es leicht zitternd stecken blieb. Dann wandte er sich um und verließ die Küche.
Carpenter seufzte leise, zog das Messer wieder aus der Platte und schaute aus dem Küchenfenster, an dem gerade die beiden Polizeibeamten vorbei gingen.
„Sehr dürftig das Ganze, Inspektor“, urteilte der junge Baxter.
„Dürftig?“ erwiderte Fraser irritiert als sie an einigen mediterranen Gewächsen vorbeimarschierten. „Ich finde diesen Park im Gegenteil sehr üppig und recht exotisch.“
„Eigentlich meinte ich eher unsere Ausbeute“, stellte der junge Sergeant klar.
„Ach so, ja. Die ist in der Tat sehr dürftig. Und auch im höchstem Maße verdächtig, dass der Gärtner mit seiner Aufräumaktion genau in dem Teil des Parks begonnen hat in dem auch das Beet vor dem Arbeitszimmer liegt.“
„Natürlich. Das habe ich auch schon gedacht.“
„Aber uns bleiben ja noch die Fußspuren hinter dem Zaun auf dem Nachbargrundstück. Wer wohnt dort?“
„Moment.“ Im Weitergehen blätterte Baxter in seinen Notizen. „Ah, da. Ein jüdischer Akademiker. Doktor Ephraim Gruber. Zu Beginn der Dreißigerjahre aus Deutschland hierher emigriert. Werden Sie ihn aufsuchen?“
„Genau das hatte ich jetzt vor. Sie kommen hier doch allein zurecht, Sergeant, oder?“
„Selbstverständlich“, lächelte Baxter. Dann trennten sich ihre Wege und alles was der Sergeant noch hinter sich vernahm waren die immer leiser werdenden Schritte des Inspektors auf dem Kiesweg.

Das Landhaus des Doktors konnte bei weitem nicht mit dem Anwesen von Lord Woodgrouse mithalten, bestach aber durch ausgezeichnete Schmiedearbeiten an Tür, Fenster und Dach. Der Hausherr öffnete selbst als Inspektor Fraser klingelte. Jedenfalls schloss der Polizeibeamte dies aus der geschmackvollen und teuer aussehenden Kleidung des blassen, hoch gewachsenen Mannes.
„Sie wünschen?“ kam eine näselnde, fast unwirklich klingende Stimme aus dem schmallippigen Mund.
„Ich bin Inspektor Fraser von Scotland Yard.“ Er zeigte seine Dienstmarke vor. „Ich hätte einige Fragen an Sie. In der Nachbarschaft wurde eingebrochen. Sie sind Ephraim Gruber?“
Gruber nickte knapp. „Kommen Sie herein.“
„Danke.“
Fraser folgte dem Doktor in die Eingangshalle und schaute sich dort mit beruflicher Neugier um. Die Einrichtung war modern zu nennen. Kalter Stahl und kräftige Farben dominierten die Szenerie. An den Wänden hingen zahlreiche Fotos. Sie zeigten Gruber zusammen mit einem älteren, wettergegerbten Mann im Hafen von Sydney und im australischen Outback. Die Bilder schienen schon etwas älter zu sein, denn dem australischen Gruber fehlten noch die grauen Schläfen, die ihm nun eine Art von Erhabenheit verliehen.
„Ich hoffe Sie stören sich nicht an der Unordnung hier. Sie haben mich gerade bei der Ausübung meines Hobbys gestört“, entschuldigte sich der Doktor und ging in einen der Wohnräume.
„Keine Sorge“, entgegnete Fraser sofort und schaute sich auch dort um. Zahlreiche Schriftrollen lagen auf den Kommoden und den Sitzgelegenheiten während sich auf dem Tisch ein Vergrößerungsglas und ein hochwertiges Schreibset komplett mit Feder und verschiedenen Arten von Tinte befanden.
„Wie im Skriptorium eines Klosters“, murmelte der Inspektor.
Gruber nickte. „Ja, so ähnlich. Ich betreibe in meiner Freizeit Kalligraphie. Und ich habe viel davon. Aber nun zu Ihren Fragen bitte.“
„Gerne. Haben Sie während des Gewitters oder in der Zeit kurz davor irgendetwas Verdächtiges gehört oder gesehen?“
„Während des Gewitters beim besten Willen nicht. Da habe ich mich hier im Hause verkrochen. Ich bin sehr schreckhaft was laute Geräusche angeht. Und vor dem Gewitter ist der Einbruch bestimmt nicht passiert.“
„Was macht Sie da so sicher?“
„Ich war vor dem Regenguss noch im Garten und habe am Zaun mit dem Gärtner von Lord Woodgrouse ein paar Worte gewechselt. Mr. Miller ging schließlich zurück zum Gärtnerhaus, doch ich blieb draußen bis es anfing zu regnen. Diese Seite des Anwesens war in der ganzen Zeit vollkommen ruhig. Das kann ich ihnen sogar beeiden, Inspektor.“
„Und wenn der Täter auf der anderen Seite in das Haus eingestiegen ist?“
„Ach“, winkte Gruber ab. „Warum sollte er denn? Der Safe befindet sich auf dieser Seite des Anwesens. Warum sollte er es riskieren beim Herumschleichen im Haus entdeckt zu werden anstatt den kürzesten Weg zu nehmen? Außerdem ist das Arbeitszimmer immer verschlossen wenn sich niemand dort befindet.“
Fraser hob seine Augenbrauen. Das war bei ihm immer ein Ausdruck von besonderer Aufmerksamkeit. „Sie kennen sich bei Lord Woodgrouse scheinbar genauso gut aus wie in den Gedankengängen eines Einbrechers.“
Gruber schien die Spitze zu überhören und blieb ruhig. „Ich bin eben ein alter Freund der Familie. Wir sind schon viele Jahre Nachbarn. Ich kannte ja auch noch den alten Lord. Bin viel mit ihm umher gereist. Wir lernten uns in Australien in einem Buschkrankenhaus kennen.“
„Dann ist er der Mann auf den Bildern in der Halle?“
„Ja.“
„Deshalb kam er mir wohl auch so vertraut vor.“
„Die Familienähnlichkeit zu seinem jüngeren Bruder ist auch sehr ausgeprägt“, bestätigte der Doktor. „Äußerlich jedenfalls. Charakterlich trennte sie viel.“
„Das habe ich schon gehört“, nickte Fraser leicht. „Aber zurück zu Ihnen. Sie sind mit Mr. Miller ebenfalls gut bekannt?“
„Natürlich“, kam es ohne zu zögern von Gruber. „Archibald Miller steht schließlich in meinen Diensten als Gärtner und Hausmeister. Er ist derzeit nur an Lord Woodgrouse ausgeliehen weil dessen Gärtner im Krankenhaus liegt. Ein Unfall mit Fahrerflucht.“
„Nun gut. Das erklärt natürlich eine gewisse Vertrautheit. Ist Mr. Miller bei Ihnen denn schon länger angestellt?“
„Nein. Auch erst wenige Wochen.“
„Dann würden sie ihre Hand nicht für ihn ins Feuer legen?“
„Er ist fleißig und verlässlich. Mehr kann ich über ihn nicht sagen. Einbrechen hätte er allerdings auch schon bei mir können. Unvermögend bin ich auch nicht. Dass er mal bei Lord Woodgrouse arbeiten würde war ja nicht abzusehen.“
„Ein berechtigter Einwand“, gab Fraser zu, auch wenn sich in seinem Kopf gerade das Bild von Miller am Steuer eines Unfallwagens abzeichnete. „Gibt es noch andere Hausangestellte?“
„Eine Haushälterin habe ich noch, aber …“
„Aber sie befindet sich für dieses Wochenende im Dorf“, vervollständigte Fraser. Gruber nickte. „Das wäre es dann auch fürs Erste, Doktor. Danke.“
„Ich bringe Sie noch zur Tür, Inspektor.“
Das tat Gruber dann auch. Anschließend ging er rasch zu seinem Telefon und wählte hektisch eine Nummer.

***

Als Inspektor Fraser am nächsten Morgen sein Büro in Scotland Yard betrat lag auf seinem Schreibtisch schon ein Kuvert mit seinem Namen darauf und einer Notiz des Pförtners, dass ein Junge dies vor einer Stunde für ihn abgegeben hatte. Fraser setzte sich, nahm das Kuvert, öffnete es und entnahm ihm einen Brief.
„Ein Liebesbrief, Inspektor?“ Der junge Sergeant Baxter war hinzugetreten. Sie wollten zusammen den Fall und die bisherigen Ergebnisse besprechen.
„Nein. Wer sollte mir auch schon einen Liebesbrief schicken. Außer Ihnen natürlich.“
Baxter grinste. „Auch wieder wahr. Was ist es denn dann?“
„Ein Brief des verstorbenen Lord Woodgrouse an einen Bekannten in Australien.“
„Oh, wie unheimlich. Eine Nachricht aus der Gruft. Was schreibt er denn?“
„Mein lieber Freund“, las Fraser vor. „Ich wünschte du wärst jetzt hier. Die Stimmung im Haus wird von Tag zu Tag erdrückender. Mein Bruder schleicht mit düsterer Miene umher. Seine neue Freundlichkeit mir gegenüber ist zu übertrieben um glaubhaft und echt zu wirken. Ich war nie besonders furchtsam, doch nun fühle ich mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Wenn mich die Geschäfte nicht hier halten würden wäre ich schon längst zu dir nach Sydney gereist. Doch wahrscheinlich würde mein Bruder mir auch dorthin folgen. Kann ich dich nicht doch überreden nach England zurück zu kommen? Ich sitze gerade vor dem Fenster und schaue zum Nachbarhaus. Unheimliche Schatten scheinen dort drüben ihr Unwesen zu treiben. Dabei weiß ich doch ganz genau, dass es schon seit Kriegsbeginn leer steht. Der Krieg ist mittlerweile vorbei und noch immer ist es nicht wieder bezogen. Dabei könnte ich gerade jetzt mehr vertraute Gesichter um mich gebrauchen. Bitte kommt zurück nach England, alter Freund, ich werde hier sonst noch wahnsinnig“, schloss der Inspektor und schaute auf das Datum. „Geschrieben vor zwei Jahren. Kurz darauf muss er wohl verstorben sein.“
„Aus Angst?“
„Wir werden sehen, Baxter. Soweit ich weiß gab es damals eine gerichtliche Untersuchung.“ Fraser griff zu seinem Telefon und wählte die Nummer des Archivs. Dort forderte er die Akte Woodgrouse an. Als er auflegte fiel sein Blick auf den Boden. „Holla! Was haben wir denn da?“
Der Inspektor beugte sich hinunter und hob es auf.
Baxter runzelte die Stirn. „Was ist es?“
„Eine Art Visitenkarte. Muss wohl beim Öffnen des Briefes hinuntergefallen sein.“ Fraser schaute darauf. Seine Miene versteinerte sich.
„Inspektor?“
„Lord Woodgrouse wird bezahlen, Arthur Milton.“
Baxter zeigte sich unbeeindruckt. „Hört sich nach einem Racheakt an. Fragt sich nur wer dieser Mr. Milton ist.“
„Sie kennen ihn nicht, Sergeant? Haben Sie noch nie etwas vom Hexer gehört?“
Natürlich hatte Baxter schon von diesem kriminellen Genie gehört, doch war er natürlich noch viel zu jung um Details darüber zu wissen. „Das ist doch eine alte Polizeilegende, nicht wahr?“
„Mitnichten. Fragen Sie Superintendent Wembury. Er hätte ihn vor 30 Jahren beinahe erwischt.“
„Hm, na gut“, lenkte der Sergeant ein. „Aber was heißt das jetzt für uns? Müssen wir Wembury den Fall übertragen?“
„Ich werde mir diesen Fall sicher nicht nehmen lassen, Sergeant. Und es kann zweierlei bedeuten. Entweder in der geraubten Schatulle war etwas sehr Wertvolles und Lord Woodgrouse musste nun damit dafür bezahlen, dass er seinen Bruder terrorisiert hat, oder …“ Fraser hielt inne.
„Oder was, Inspektor?“
Fraser machte ein sehr ernstes Gesicht. „Oder der Lord hat seinen Bruder damals umgebracht und schwebt nun ebenfalls in Lebensgefahr.“
„Warum dann der Einbruch?“, wand der Sergeant ein.
„Ich nehme an, dass der Inhalt der Schatulle eine bedeutende Rolle bei dem Fall spielt.“
„Das ist gut möglich“, stimmte Baxter nachdenklich zu. „Auf jeden Fall ist der Raub gut geplant gewesen. Die meisten Bediensteten waren außer Haus. Und wie unsere Kollegen von der Landpolizei ermittelt haben können sie alle auch nichts weiter zu dem Fall beitragen. Das spricht für einen intelligenten Kopf. Ich weiß ja nicht inwieweit der Hexer …“ Doch seine Gedankengänge wurden jäh durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen.
Ein Mitarbeiter betrat das Büro und überreichte dem Inspektor die angeforderte Akte.
Fraser bedankte sich und studierte sie eine zeitlang. Baxter wartete geduldig ab und ließ den Inspektor erst einmal in Ruhe lesen.
„Interessant. Lord Woodgrouse hat die Untersuchung des Todesfalles selbst angeordnet“, kam es schließlich wieder von Fraser.
„Dann wird er seinen Bruder nicht umgebracht haben. Das wäre doch viel zu gefährlich gewesen“, schloss Baxter daraus.
„Es sei denn, dass er sicher war, dass man ihm nichts würde anhaben können. Das Ergebnis lautete schließlich auf natürlichen Tod. Obschon man im Körper des Toten Spuren von Arsen gefunden hat. Allerdings in zu geringer Dosis um tödlich zu sein. Man nahm an, dass der Fisch, den er zuvor gegessen hatte damit belastet gewesen war.“
„Ist das die einzige Unregelmäßigkeit?“
Fraser nickte. „Ja. Zumindest was seinen Tod betrifft. Er soll vorher mehrere Male geäußert haben, dass er seine Besitztümer verschiedenen Stiftungen vermachen würde. In seinem letzten Testament jedoch war sein Bruder als Alleinerbe eingesetzt. Das scheint jetzt nach diesem Brief von ihm natürlich sehr merkwürdig.“
„Dann hat Woodgrouse jetzt die Quittung dafür erhalten, dass er damals das Testament gefälscht hat“, schlussfolgerte Baxter stolz, wurde jedoch sofort in seiner Euphorie gebremst.
„Ich glaube nicht, dass es so einfach ist, Sergeant. Mich stört immer noch das Arsen. Das Testament ist sicherlich gefälscht und vielleicht befindet sich das echte sogar in der Schatulle, aber Lord Woodgrouse ist promovierter Chemiker“, nahm Fraser seinem jungen Kollegen den Wind aus den Segeln. „Das wird auch der Hexer wissen. Ich glaube der Lord befindet sich jetzt in Lebensgefahr. Arthur Milton hat ihn beraubt und er wird ihn auch töten. Wir müssen schnell handeln.“
„Wie alt ist Milton wohl jetzt? Existiert ein Foto von ihm?“
„Er wird wohl Mitte 60 sein. Ein Foto haben wir nicht. Nur Wemburys Beschreibung. Aber selbst wenn wir eines hätten würde uns das nicht viel nützen. Der Hexer ist ein Meister der Verwandlung. Wer immer den Einbruch begangen hat ist der Hexer.“
Baxter war nicht vollkommen überzeugt und fand seine eigene Theorie immer noch schlüssiger. Doch widersprach er Fraser nicht und hielt sich erstmal an das Wesentliche. „Dann kommen wir mal zu dem Einbruch zurück. Er muss vor dem Gewitter geschehen sein. Die Erdspuren im Arbeitszimmer, die die Spurensicherung gefunden hat, waren trocken.“
„Dann ist Dr. Gruber unser Mann. Er hat behauptet vor dem Gewitter den Garten beobachtet und nichts gesehen zu haben.“ Fraser stand auf, ging zur Garderobe und nahm seinen Mantel. „Kommen Sie, Baxter.“

***

Als die beiden Polizeibeamten schließlich das Haus des Doktors erreicht hatten, fanden sie die Haustür unverschlossen vor.
„Es scheint, der Vogel ist ausgeflogen, Inspektor.“
„Sollte das der Fall sein bin ich sicher, dass wir im Nachbarhaus die Leiche von Woodgrouse finden werden.“
„Der Hexer hat seine Tat vollbracht und uns durch den Brief die Rechtfertigung dafür geliefert?“
„Selbstverständlich. Wir waren halt einfach zu langsam.“
Fraser und Baxter hatten das Haus Grubers betreten und sahen sich nun darin um. Der Inspektor deutete auf die Fotos auf den Wänden. „Da haben wir die fotografischen Beweise für die Freundschaft der beiden. Wahrscheinlich haben die Brüder Woodgrouse Arthur Milton nur unter der Maske des Missionsarztes Dr. Gruber gekannt. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Hexer in die Rolle eines Mediziners geschlüpft ist. Vor 30 Jahren trat er als Polizeiarzt Dr. Lomond auf. Und er soll sich anschließend nach Australien abgesetzt haben.“
Baxter ging weiter. „Ich bin aber immer noch nicht ganz überzeugt, Inspektor. Für mich klingt das alles viel zu phantastisch. Außerdem hätte er dann ja 20 Jahre als Gruber leben müssen. Sie vergessen, dass er damals nach England emigriert ist.“
„Das ist doch durchaus möglich. Gruber ist als reisefreudig bekannt. Dem Brief des verstorbenen Lords können Sie ja entnehmen, dass sein Landhaus oft leer stand. Eine gute Tarnung und ein guter Stützpunkt wenn er mal wieder hier in England Verbrecher zu richten hatte.“
Baxter kräuselte die Nase. „Lassen wir das mal beiseite und kommen zu unserem derzeitigen Verbrechen zurück. Wie konnte der vermeintliche Hexer denn vor allen Dingen sicher sein, dass Mr. Miller nicht doch noch einmal umkehrt und ihn beim Einsteigen ins Haus erwischt?“
„Er liebt eben das Risiko.“
„Trotzdem. Mir wäre das zu unsicher.“ Der Sergeant arbeitete nun schon mehrere Jahre mit dem agilen Mittvierziger zusammen, dessen Karriere mit den Jahren langsam aber sicher in Routinearbeit erstickt war. Und er kannte auch Frasers Ehrgeiz und rechnete es diesem zu, dass sich sein Vorgesetzter jetzt so sehr in diese Hexergeschichte hineinsteigerte, in der Hoffnung nun endlich einmal einen dicken Fisch an der Angel zu haben. Allerdings mochte und achtete der junge Mann den jovialen Inspektor viel zu sehr, um jetzt seinen Bedenken noch stärker Luft zu machen. Und so schwieg Baxter und ging lieber weiter in den Wohnraum. „Wie passt das hier denn in ihre Theorie, Inspektor?“
„Hm?“ Fraser horchte auf und betrat nun ebenfalls das Zimmer. Es herrschte noch größere Unordnung als bei seinem gestrigen Besuch. Die Papiere, Schriftrollen und Pergamente lagen kreuz und quer im Raum verteilt, ein Beistelltisch war umgestoßen und der Arzt lag regungslos quer über seinem Schreibtisch, um seinen Hals ein Hanfseil und in der Hand ein Zweig mit rosa Blüten und runden, grünen Blättern.
„Soll ich Ihnen mal ausführen, wie es sich für mich darstellt, Inspektor?“
Fraser schaute nachdenklich auf die Szenerie. „Bitte.“
„Der Doktor war doch ein Kalligraph, oder?“
Der Inspektor nickte.
„Dann hat er den Brief gefälscht und uns zukommen lassen um uns auf eine falsche Fährte zu locken. Er hat den Einbruch zusammen mit dem Gärtner begangen. Während Mr. Miller ins Haus eingestiegen ist stand Gruber am Gartenzaun Schmiere. Und dann kam es hier zum Streit um die Beute bei dem der Doktor den Kürzeren zog. Ich wette wir finden noch mehr Hanfseil im Gärtnerhaus.“
„Möglich. Dennoch kann ich mich Ihrer Meinung nicht anschließen. Da war in der Tat etwas, dass ich übersehen hatte.“
Baxter runzelte die Stirn. „Und das wäre?“
„Das Testament vom verstorbenen Lord Woodgrouse. Das war es, was Gruber damals gefälscht hatte. Deshalb musste er jetzt sterben. Vielleicht half er dem Lord sogar bei der Entwicklung des Gifts.“
„Mit Verlaub, Inspektor. Wird das nicht langsam zu einer fixen Idee von Ihnen?“ Der junge Sergeant musste jetzt doch das Wort ergreifen. „Halten wir uns doch lieber an etwas Handfestes. Das Testament wurde immerhin als gültig anerkannt. Die Echtheit des Briefes hingegen ist noch nicht erwiesen.“
„Ich bin sicher die Analyse wird meine Vermutung bestätigen. Mr. Miller ist der Hexer.“
„Und wie soll Mr. Miller den Einbruch begangen haben wenn Dr. Gruber bis zum Einsetzen des Regens das Haus beobachtet hat? Die Erde im Arbeitszimmer war trocken.“
„Die Lösung ist einfach. Der Hexer hatte durch Gruber nun ein Alibi. Er hat die trockene Erde selbst mitgebracht. Bestimmt hat er heimlich die Schlüssel des Butlers nachmachen lassen. Das Fenster hat er dann anschließend manipuliert damit es so aussehen sollte als wäre der Täter von draußen gekommen.“
„Na ja. So abwegig ist das natürlich nicht.“ Baxter grinste schief. „Allein sprachlich ist es ja schon von Arthur Milton zu Archibald Miller nicht sehr weit.“
„Hören Sie lieber auf sich über mich lustig zu machen und verständigen Sie die Kollegen. Ich werde bei Lord Woodgrouse anrufen und mich nach seinem Wohlbefinden erkundigen. Er soll niemanden in seine Nähe lassen bis wir bei ihm sind. Dann durchsuchen wir das Gärtnerhaus. Ich bezweifle allerdings, dass wir Miller dort noch antreffen werden.“

„Wer war das, Carpenter?“ Lord Woodgrouse war in der Tat noch bei bester Gesundheit, wenn auch seit dem letzten Abend nervöser und angespannter als sonst, was ihn gleich doppelt unausstehlich machte.
„Es war der Inspektor, Mylord“, antwortete der Butler. „Er ist besorgt um Sie. Sie sollen niemanden einlassen bis er kommt.“
„Pah“, spie Woodgrouse aus. „Das hätte ich sowieso nicht getan. Ich habe ihn wieder gesehen. Sein bleiches, schmerzverzerrtes Gesicht am Fenster meines Schlafzimmers.“
„Wir wissen beide doch ganz genau, dass Ihr Bruder tot ist, Mylord. Ihre Nerven …“
Woodgrouse sprang aus seinem Sessel auf. „Was willst du damit andeuten, John?“ ereiferte er sich und packte den Butler am Kragen. „Hältst du mich etwa für verrückt? Irgendjemand spielt hier ein ganz böses Spiel. Aber nicht mit mir, verstanden? Nicht mit mir!“
Polizeisirenen ertönten.
Der Lord fand seine verlorene Fassung wieder und sank in seinen Sessel zurück. „Was ist da draußen los?“
Carpenter ging zum Fenster des Salons, zog den Vorhang etwas zur Seite und schaute hinaus. „Dr. Gruber wird auf einer Bahre aus seinem Haus getragen. Er sieht tot aus.“
„Auch das noch“, knurrte Woodgrouse.
Der Butler drehte seinen Kopf. „Und Mr. Miller wird gerade in Handschellen abgeführt. Der Sergeant trägt eine Art Figur unter dem Arm und eine Gummimaske in der Hand.“
„Ich habe dem Kerl schon seit jeher misstraut. Hab ihn doch nur die Vertretung machen lassen um dem Doktor einen Gefallen zu tun. Aber Hauptsache der Spuk ist jetzt vorbei.“
Der Lord tastete an seiner Brust nach einem kleinen Schlüssel und ballte seine Faust darum. Es war der Schlüssel zu der geraubten Schatulle.
Carpenter ließ vom Fenster ab und wendete sich Woodgrouse zu. „Wünschen sie jetzt Ihren Tee, Mylord?“
„Ja. Endlich haben wir wieder Ruhe, John.“

***

„Ich sage nichts ohne meinen Anwalt“, grollte Miller als man ihn abführte. Man hatte in seinem Haus tatsächlich Hanfseil gefunden. Dazu noch ein Schreiben seines Bewährungshelfers. Miller war wegen Einbruchs vorbestraft. Und man fand auch die Maske, die den verstorbenen Lord mit verzerrten Gesichtszügen darstellte.
Baxter war mit sich zufrieden. „Ich habe doch gesagt, die ganze Geschichte mit dem Hexer und der Rache aus dem Grab hinaus ist nur eine Ablenkung. Nichts für ungut für Ihre Theorie, Inspektor.“
„Ist schon okay, Sergeant.“
Fraser schaute seinem jungen Kollegen nach als dieser Miller zum Polizeiauto brachte und hing weiter seinen eigenen Gedanken nach. Er konnte einfach das Gefühl nicht loswerden noch irgendetwas Wichtiges übersehen zu haben. Sein Blick ging vom Polizeiauto hin zum Leichenwagen, dessen Hintertür gerade mit leisem Knall zufiel. Frasers Hand glitt in die Tasche seines Trenchcoats und förderte den kleinen Zweig zutage, den der Tote in den Fingern gehalten hatte. Er starrte die Blüte einen Moment lang an, dann kam Leben in ihn. Mit eiligen Schritten ging er zurück ins Gärtnerhaus und holte sich von dort eine Schaufel. So bewaffnet machte er sich auf in den Park von Woodgrouse Hall. Er orientierte sich kurz und ging dann zielstrebig in die Richtung der Fensterfront des Arbeitszimmers. Nicht weit von dieser entfernt stand ein Baum mit rosafarbenen Blüten. Gestern Abend war der Inspektor schon einmal an diesem vorbeigekommen. Nun beugte er sich zu dem kleinen Schild hinab, das vor dem Baum angebracht worden war. Cercis siliquastrum, Judasbaum. Die Erde um den Baum herum war vor kurzem noch bewegt worden. Fraser zögerte nicht das mitgebrachte Werkzeug zu benutzen und fing an zu graben. Da die Erde von dem Gewitterschauer noch aufgeweicht war ging ihm diese Arbeit leicht von der Hand. Dass er da nicht eher drauf gekommen war. Gruber war genauso gestorben wie Judas im Matthäus-Evangelium, mit einem Strick. Schon nach wenigen Spatenstichen wurde Fraser fündig und stieß auf einen unförmigen, länglichen Gegenstand. Vorsichtig legte er ihn weiter frei. Es war die Leiche des Butlers. Auch er hatte ein Hanfseil um den Hals geschlungen. Anders als der Doktor schien er allerdings schon seit mehreren Tagen tot zu sein. Zwei Verräter, hingerichtet wie Verräter. Der langjähriger Reisegefährte von Lord Woodgrouse Doktor Ephraim Gruber, der das Testament gefälscht, und sein getreuer Butler John Carpenter, der ihm im Auftrag seines Bruders das Gift verabreicht hatte. Fluchend sprang Fraser auf, alarmierte die anderen Beamten und brach dann die Tür von Woodgrouse Hall auf. Doch es war zu spät. Als man Lord Woodgrouse im Sessel in seinem Salon fand war der Brudermörder schon tot. In der Hand, die auf seinem Schoß lag, hielt er eine Teetasse und auf der Kommode neben ihm stand die gestohlene Schatulle aus dem Safe. Sie war geöffnet und enthielt eine Phiole mit einer trüben Flüssigkeit darin. Es war das von Lord Woodgrouse entwickelte Gift, das nun beide Brüder dahingerafft hatte. Von Arthur Milton fehlte jede Spur.
 
Bei diesem Text handelt sich um die überarbeitete Version einer Kurzgeschichte im Stile von Edgar Wallace, die ich für einen Wettbewerb in einem entsprechenden Forum erstellt habe und aus dessen Werk ich mich figurenmäßig auch bedient habe. Eine der bekanntesten Figuren von Edgar Wallace lebt hier ein weiteres Mal auf.

Der Judasbaum

Kapitel 1

Donner grollte als der ältliche Lord Woodgrouse die Tür zu dem Arbeitszimmer seines Anwesens aufschloss. Als er die Tür aufschloss wurde der Raum von einem gefährlich zuckenden Blitz erhellt. Wie von eben diesem getroffen blieb der Lord, der ansonsten gar nicht so schreckhaft war, im Türrahmen stehen und rang plötzlich nach Luft.
„Carpenter!“ gellte seine bellende Stimmen durch die hohen Räume von Woodgrouse Hall. „Carpenter!“ ertönte es abermals, lauter und heftiger als noch zuvor.
Für den Lord schien in seiner Agonie eine halbe Ewigkeit zu vergehen bis endlich sein Butler angerannt kam. „Mylord? Sie haben gerufen?“ fragte der knautschgesichtige, etwas in die Jahre gekommene Mann noch etwas atemlos. Seine Worte waren natürlich eine höfliche Untertreibung, hatte doch der Herr des Hauses ihn nicht einfach nur gerufen, sondern er hatte schon richtig nach ihm gebrüllt.
„Wo waren Sie denn so lange“, fuhr der Lord seinen Bediensteten auch sogleich an. „Sie müssen umgehend die Polizei verständigen. Ein Kapitalverbrechen!“
Der Butler runzelte die Stirn und schaute in das Zimmer. Zuerst entdeckte er nichts Verdächtiges, schon gar kein Kapitalverbrechen. Es hätte dazu ja schließlich eine Leiche gebraucht, die beim besten Willen nicht auszumachen war. Doch als ein weiterer Blitz den Raum erhellte konnte auch Carpenter es sehen: Der Safe war aufgebrochen worden und leer.
Woodgrouse war inzwischen auf einen nahe gelegenen Sessel zusammengesunken und öffnete sich seinen Kragen. Neben seiner körperlichen Verfassung schienen auch seine Umgangsformen gelitten zu haben. „Nun steh nicht so herum, John, mach schon. Und meine Herztropfen! Diese Aufregung …“
Der Lord stöhnte leise und starrte auf den ausgeräumten Safe, der ihm nun vorkam wie ein offener Brustkorb aus dem man das Herz herausgerissen hätte. Während der Diener sich entfernte fühlte Woodgrouse wie eine kalte Hand nun tatsächlich nach seinem Herzen zu greifen schien. Er wusste nicht wie lange er in der Stellung eines bleichen Denkmals auf seinem Thron verharrte, denn erst ein Donnergrollen ließ wieder Bewegung in ihn kommen und ihn zur Fensterfront schauen. Eine dunkle Gestalt war dahinter auszumachen. Der Lord richtete sich misstrauisch auf. Der nächste Blitz offenbarte ihm schließlich die wahre Natur des unerwarteten Besuchers: Ein leichenblasses, wie im Todeskampf verzerrtes Gesicht über einem dunkel gewandeten Körper. Mit einem erstickten Aufschrei fiel Woodgrouse in den Sessel zurück. Schwärze umfing seine Gedanken.

Als schließlich die Polizei eintraf hatte sich der Lord schon wieder soweit von seinem Schreck erholt, dass er den Beamten ohne groß zu zögern die Hölle heiß machen konnte.
„Inspektor, natürlich kann ich verstehen, dass alles seine Zeit braucht. Die Spurensicherung, Verhören der Verdächtigen, und so weiter. Trotzdem werden Sie kaum welche haben. Sie wissen doch sicher, dass ich regelmäßig mit Ihrem Vorgesetzten Golf spiele, nicht wahr?“
„Nein, Mylord. Dieser Umstand war mir bis jetzt entgangen“, antwortete der Inspektor freundlich.
„Nun gut. Dann wissen Sie es eben jetzt. Wenn Sie in den nächsten Tagen keine Ergebnisse vorweisen können, dann werde ich jedenfalls veranlassen, dass Sie von diesem Fall abgezogen werden und ein fähigerer Mann die Ermittlungen übernimmt. Haben wir uns verstanden, Inspektor… Wie war noch gleich Ihr Name?“
„Frisbee“, stellte sich der Inspektor noch einmal vor. „Wir haben uns vollkommen verstanden. Und ich will auch gar keine Zeit verlieren. Ihre Auskünfte waren schon sehr hilfreich und während die Spurensicherung ihre Arbeit tut würde ich gerne jetzt mit Ihren Dienstboten sprechen. Sie können derweil eine genaue Aufstellung der fehlenden Gegenstände anfertigen.“
Woodgrouse nickte in Richtung des Nebenzimmers und gab einen leicht grunzenden Laut von sich. „Sie können den Salon dazu benutzen. Es wird ohnehin schnell gehen. Es sind nur der Butler und der Gärtner hier. Köchin und Hausmädchen haben ihren freien Nachmittag und sind im Dorf.“
Frisbee nahm diese Information zur Kenntnis und begab sich also in den Salon während der Lord sich an den Tisch setzte und zu schreiben begann. Als der herbeigerufene Butler zu dem Inspektor stieß wendete sich dieser ihm zu.
„Sie heißen also John Carpenter und sind schon länger in den Diensten der Familie?“
„Ja, Sir. Fast 30 Jahre. Der ältere Bruder des jetzigen Lords hat mich noch eingestellt. Ruhe er in Frieden. War ein feiner Herr, immer höflich und freundlich. Die Güte in Person.“
Frisbee zog die Augenbrauen hoch. „Wollen Sie damit sagen, dass sich das Arbeitsklima hier seither verändert hat?“
„Es steht mir nun wirklich nicht zu darüber zu urteilen“, wich Carpenter der Frage aus. „Ich begehe allerdings keine Indiskretion wenn ich Ihnen sage, dass die beiden Brüder immer schon recht unterschiedlich waren. Das ist allgemein bekannt.“
Frisbee lächelte leicht. Diese Information genügte ihm doch schon. „Nun gut. Aber darum geht es ja eigentlich auch gar nicht. Kommen wir deshalb zu dem Einbruch. Es gibt doch sicher einen Generalschlüssel oder etwas Ähnliches, nicht wahr?“
„Natürlich, Inspektor. Ich weiß auch worauf Sie hinauswollen. Ich habe Zugriff auf sämtliche Schlüssel. Doch spätestens am Safe hätte auch ich kapitulieren müssen.“
„Nun gut. Wir werden sehen. Wo waren Sie in der Zeit als sich der Lord nicht mehr selbst im Arbeitszimmer befand?“
„Ich habe ihm zunächst im Salon den Tee serviert und war danach in der Küche bis ich die Rufe des Lords gehört habe.“
„Gehört?“ brummte Woodgrouse, der nun in der Tür stand, in die Unterhaltung hinein. „Ein Hörgerät brauchen Sie, Carpenter. Die Küche ist doch wohl nah genug. Es ist derselbe Flur.“
„Oh, verzeihen Sie“, kam die eloquente Antwort des Butlers. „Ich befand mich in der Waschküche. Es war mein Fehler mich nicht korrekt genug ausgedrückt zu haben.“
„Mhm.“ Frisbee notierte sich alles. „Das wäre es dann erstmal. Sie können gehen und dem Gärtner Bescheid sagen.“
Der Butler neigte sein Haupt demütig und entfernte sich dann so lautlos, wie es sich für solcherart dienstbare Geister schickte.
Der Lord trat aus der Tür und reichte Frisbee das soeben erstellte Schriftstück.
Der Inspektor ließ kurz seinen Blick darüber schweifen. „Diese kleine Mahagonischatulle, was befindet sich darin?“
„Nichts“, so lautete die harte Antwort seines grauhaarigen, faltigen Gegenübers. „Es ist ein Erinnerungsstück. Nichts weiter. Hat einen sehr großen ideellen Wert für mich. Ich muss es zurückbekommen.“
„So? Wie mir scheint ist es das wertloseste Stück des Safeinhaltes.“
Ein böser Blick traf den Inspektor. „Sie halten also den Inhalt meines Safes für wertlos? Ich sagte bereits diese Schatulle hat einen großen ideellen Wert. Das Materielle ist ersetzbar. Erinnerungen nicht.“
„Soviel Romantik hätte ich Ihnen ehrlich gesagt gar nicht zugetraut, Mylord.“
„Nun werden sie mal nicht frech. Sie kennen meine Verbindungen. Noch mehr von Ihrer Impertinenz und sie stehen wieder am Trafalgar Square und regeln dort den Verkehr.“ Woodgrouse schaute den Inspektor hart an. Seine Augen waren mitleidlos. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe doch meine Pflicht nun getan, oder?“
„Fürs Erste“, nickte Frisbee, faltete das Blatt Papier und steckte es in seine Brusttasche. „Danke, Mylord.“

Kapitel 2

Auf dem Flur stieß Woodgrouse fast mit seinem Gärtner zusammen. Der Lord ließ sein übliches missgünstiges Grunzen vernehmen und ging zielstrebig seiner Wege während der Gärtner an die Tür des Salons klopfte und diesen dann betrat. Inspektor Frisbee blickte dem vierschrötigen Mann freundlich entgegen. „Alan Miller, nicht wahr?“
„Selbiger.“ Miller hatte eine tiefe, dunkle Stimme. „Aber bitte machen sie es kurz. Ich stecke bis zur Hüfte in Schei… in Arbeit. Das Gewitter hat einen Großteil des Parks verwüstet.“
„Keine Sorge. Nur ein paar Fragen. Wo waren Sie während des Gewitters?“
„Im Gärtnerhaus natürlich. Wenn es wie aus Eimern schüttet kann ich nicht arbeiten. Und ich habe auch keine große Lust mich von einem Blitz erschlagen zu lassen.“
„Das habe ich auch nicht vermutet. Waren sie allein?“
„Überrascht sie das? Wir wohnen hier recht einsam. London ist ein paar Meilen weg und andere Hausangestellte als diesen vertrockneten Butler hat es hier heute auch nicht mit denen man hätte Karten spielen oder würfeln können. Oder hätte ich vielleicht das Schankmädchen aus dem Dorfgasthof entführen sollen nur um ein Alibi und etwas Spaß zu haben? Hätte ich natürlich gerne gemacht wenn ich das alles vorher gewusst hätte. Habe ich aber nicht. Pech für uns beide was?“ Miller lachte freudlos.
„Scheinbar.“ Frisbee blieb unbeeindruckt. „Haben Sie vielleicht irgendetwas Verdächtiges bemerkt draußen?“
„Nein. Hat viel zu sehr gesaut. Und der Garten sieht auch aus als wäre eine ganze Mongolenherde durchgeritten. Suchen sie die und sie haben ihre Räuber. Ich helfe ihnen dann auch gerne beim Aufknüpfen derselbigen. An starkem Seil soll es nicht mangeln.“
„Nun gut. Ich werde darauf zurückkommen wenn dem Henker von London die Stricke ausgehen sollten.“ Frisbees Blick ging zur Tür wo ein junger, dunkelhaariger Mann stand und dem Inspektor ein Zeichen gab. „Danke, Mr. Miller.“
Frisbee ging zu dem jungen Mann und Miller verließ das Zimmer.
„Ein ziemlich derber Kerl, was?“ grinste der Dunkelhaarige den Inspektor an.
„Sie sagen es, Sergeant Baxter. Was gibt es denn?“
„Der Einbrecher ist durch das Fenster gekommen sagt die Spurensicherung. Ein Profi wie es aussieht.“
„Na dann wollen wir doch schnell mal in den Garten bevor unser feingeistiger Freund auch noch die paar Spuren vernichtet, die das Gewitter übrig gelassen hat.“
Frisbee verließ den Raum. Baxter folgte schmunzelnd.

Während die Beamten in den Park des Anwesens gingen war Woodgrouse seinem Diener in die Küche gefolgt.
„Wünschen Sie etwas, Mylord?“ Carpenter schaute nicht auf. Er schnitt gerade Tomaten.
Woodgrouse ging zu ihm hin, packte ihn hart am Arm, zog ihn zu sich herum und ließ eine Reitgerte auf dessen Körper niedergehen. Der Butler verzog keine Miene, wehrte sich nicht und protestierte auch nicht.
„Du warst es!“ bellte der Lord, unbeobachtet und frei von jeglichem Zwang der Etikette, seinen Angestellten an. „Du kennst den Inhalt der Schatulle doch genau! Du bist Herr über die Schlüssel des Hauses! Sag es mir jetzt ins Gesicht wenn du mich erpressen willst, du Hund!“
„Ich war es nicht, Mylord. Auch bin ich bislang mit meiner Entlohnung auch immer zufrieden gewesen. Wenn Mylord es aber unbedingt wünschen, dass ich ein paar Pfund mehr im Monat bekomme, dann…“
Ein weiterer Hieb mit der Reitgerte folgte. Carpenter blieb weiterhin regungslos.
„Ich war Ihnen damals schon loyal, als Sie noch im Schatten ihres Bruders standen und bin es auch heute noch, Mylord.“
„Dann solltest du dich nicht erdreisten mich vor dem Inspektor schlecht zu machen und meinen Bruder in den Himmel zu loben! Ich habe gelauscht!“
„Immerhin habe ich wie befohlen Ihre Phantasterei von der Leiche ihres Bruders am Fenster verschwiegen.“
Der Lord nahm den Einwand zur Kenntnis, schien aber trotzdem nicht beruhigt. Fast schon im Gegenteil. „Wehe ich komme dir auf die Schliche und du warst es doch, dann bringe ich dich um!“
Woodgrouse nahm seinem Diener das Messer aus der Hand, umklammerte es fest und stach es dann wie zur Untermauerung seiner Worte mit voller Kraft in die hölzerne Arbeitsplatte wo es leicht zitternd stecken blieb. Dann wandte er sich um und verließ die Küche.
Carpenter seufzte leise, zog das Messer wieder aus der Platte und schaute aus dem Küchenfenster, an dem gerade die beiden Polizeibeamten vorbei gingen.
„Sehr dürftig das Ganze, Inspektor“, urteilte der junge Baxter.
„Dürftig?“ erwiderte Frisbee irritiert. „Ich finde diesen Teil des Parks im Gegenteil sehr üppig und recht exotisch.“
„Eigentlich meinte ich eher unsere Ausbeute“, stellte der junge Sergeant klar.
„Ach so, ja. Die ist in der Tat sehr dürftig. Und auch im höchstem Maße verdächtig, dass der Gärtner mit seiner Aufräumaktion genau in dem Teil des Parks begonnen hat in dem auch das Beet vor dem Arbeitszimmer liegt.“
„Natürlich. Das habe ich auch schon gedacht.“
„Aber uns bleiben ja noch die Fußspuren hinter dem Zaun auf dem Nachbargrundstück. Wer wohnt dort?“
„Moment.“ Im Weitergehen blätterte Baxter in seinen Notizen. „Ah, da. Ein jüdischer Akademiker. Doktor Ephraim Gruner. Zu Beginn der Dreißigerjahre aus Deutschland hierher emigriert. Werden Sie ihn aufsuchen?“
„Genau das hatte ich jetzt vor. Sie kommen hier doch allein zurecht, Sergeant, oder?“
„Selbstverständlich“, lächelte Baxter. Dann trennten sich ihre Wege und alles was der Sergeant noch hinter sich vernahm waren die immer leiser werdenden Schritte des Inspektors auf dem Kiesweg.

Das Landhaus des Doktors konnte bei weitem nicht mit dem Anwesen von Lord Woodgrouse mithalten, bestach aber durch ausgezeichnete Schmiedearbeiten an Tür, Fenster und Dach. Der Hausherr öffnete selbst als Inspektor Frisbee klingelte. Jedenfalls schloss der Polizeibeamte dies aus der geschmackvollen Kleidung des blassen, hoch gewachsenen Mannes.
„Sie wünschen?“ kam eine näselnde, fast unwirklich klingende Stimme aus dem schmallippigen Mund.
„Ich bin Inspektor Frisbee von Scotland Yard.“ Er zeigte seine Dienstmarke vor. „Ich hätte einige Fragen an Sie. In der Nachbarschaft wurde eingebrochen. Sie sind Ephraim Gruner?“
Gruner nickte knapp. „Kommen Sie herein.“
„Danke.“
Frisbee folgte dem Doktor in die Eingangshalle und schaute sich dort mit beruflicher Neugier um. Die Einrichtung war modern zu nennen. Kalter Stahl und kräftige Farben dominierten die Szenerie. An den Wänden hingen zahlreiche Fotos. Einige zeigten Gruner mit dunkelhäutigen Krankenschwestern in der afrikanischen Steppe, auf einem anderen war er zusammen mit einem älteren, wettergegerbten Mann im Hafen von Sydney. Die meisten Bilder schienen allerdings schon etwas älter zu sein, denn dem afrikanischen Gruner fehlten noch die grauen Schläfen, die ihm nun eine Art von Erhabenheit verliehen.
„Ich hoffe Sie stören sich nicht an der Unordnung hier. Sie haben mich gerade bei der Ausübung meines Hobbys gestört“, entschuldigte sich der Doktor und ging in einen der Wohnräume.
„Keine Sorge“, entgegnete Frisbee sofort und schaute sich auch dort um. Zahlreiche Schriftrollen lagen auf den Kommoden und den Sitzgelegenheiten während sich auf dem Tisch ein Vergrößerungsglas und ein hochwertiges Schreibset komplett mit Feder und verschiedenen Arten von Tinte befanden.
„Wie im Skriptorium eines Klosters“, murmelte der Inspektor.
Gruner nickte. „Ja, so ähnlich. Ich betreibe in meiner Freizeit Kalligraphie. Und ich habe viel davon seit ich die Reisen in die armen, medizinisch unterversorgten Regionen der Welt gesundheitlich nicht mehr schaffe. Aber nun zu Ihren Fragen bitte.“
„Gerne. Haben Sie während des Gewitters oder in der Zeit kurz davor irgendetwas Verdächtiges gehört oder gesehen?“
„Während des Gewitters beim besten Willen nicht. Da habe ich mich hier im Hause verkrochen. Ich bin sehr schreckhaft was laute Geräusche angeht. Und vor dem Gewitter ist der Einbruch bestimmt nicht passiert.“
„Was macht Sie da so sicher?“
„Ich war vor dem Regenguss noch im Garten und habe am Zaun mit dem Gärtner von Lord Woodgrouse ein paar Worte gewechselt. Mr. Miller ging schließlich zurück zum Gärtnerhaus, doch ich blieb draußen bis es anfing zu regnen. Diese Seite des Anwesens war in der ganzen Zeit vollkommen ruhig. Das kann ich ihnen sogar beeiden, Inspektor.“
„Und wenn der Täter auf der anderen Seite in das Haus eingestiegen ist?“
„Ach“, winkte Gruner ab. „Warum sollte er denn? Der Safe befindet sich auf dieser Seite des Anwesens. Warum sollte er es riskieren beim Herumschleichen im Haus entdeckt zu werden anstatt den kürzesten Weg zu nehmen? Außerdem ist das Arbeitszimmer immer verschlossen wenn sich niemand dort befindet.“
Frisbee hob seine Augenbrauen. Das war bei ihm immer ein Ausdruck von besonderer Aufmerksamkeit. „Sie kennen sich bei Lord Woodgrouse scheinbar genauso gut aus wie in den Gedankengängen eines Einbrechers.“
Gruner schien die Spitze zu überhören und blieb ruhig. „Ich bin eben ein alter Freund der Familie. Wir sind schon viele Jahre Nachbarn. Ich kannte ja auch noch den alten Lord. Habe mit ihm zusammen Australien bereist. Wir lernten uns dort in einem Buschkrankenhaus kennen. Er hat mir auch dieses Haus vermittelt als ich nach England gezogen bin.“
„Dann ist er der Mann auf dem Bild in der Halle?“
„Ja.“
„Deshalb kam er mir wohl auch so vertraut vor.“
„Die Familienähnlichkeit zu seinem jüngeren Bruder ist auch sehr ausgeprägt“, bestätigte der Arzt. „Äußerlich jedenfalls. Charakterlich trennte sie viel.“
„Das habe ich schon gehört“, nickte Frisbee leicht. „Aber zurück zu Ihnen. Sie sind mit Mr. Miller ebenfalls gut bekannt?“
„Natürlich“, kam es ohne zu zögern von Gruner. „Alan Miller steht schließlich in meinen Diensten als Gärtner und Hausmeister. Er ist derzeit nur an Lord Woodgrouse ausgeliehen weil dessen Gärtner im Krankenhaus liegt. Ein Unfall mit Fahrerflucht.“
„Nun gut. Das erklärt natürlich eine gewisse Vertrautheit. Ist Mr. Miller bei Ihnen denn schon länger angestellt?“
„Nein. Auch erst wenige Wochen. Ich stellte ihn ein im Zuge eines Programms für die Rehabilitierung von Strafgefangenen.“
„Dann würden sie ihre Hand nicht für ihn ins Feuer legen?“
„Er war stets fleißig und verlässlich. Mehr kann ich über ihn nicht sagen. Einbrechen hätte er jedenfalls auch schon bei mir können. Ich bin auch nicht ganz unvermögend. Dass er einmal bei Lord Woodgrouse arbeiten würde war ja nicht abzusehen.“
„Ein berechtigter Einwand“, gab Frisbee zu, auch wenn sich in seinem Kopf gerade das Bild von Miller am Steuer eines Unfallwagens abzeichnete. „Gibt es noch andere Hausangestellte?“
„Eine Haushälterin habe ich noch, aber …“
„Aber sie befindet sich im Dorf, da sie ihren freien Nachmittag hat“, vervollständigte Frisbee. Gruner nickte. „Das wäre es dann auch fürs Erste, Doktor. Danke.“
„Ich bringe Sie noch zur Tür, Inspektor.“
Das tat Gruner dann auch. Anschließend ging er rasch zu seinem Telefon und wählte hektisch eine Nummer.

Kapitel 3

Als Inspektor Frisbee am nächsten Morgen sein Büro in Scotland Yard betrat lag auf seinem Schreibtisch schon ein Kuvert mit seinem Namen darauf und einer Notiz des Pförtners, dass ein Junge dies vor einer Stunde für ihn abgegeben hatte. Frisbee setzte sich, nahm das Kuvert, öffnete es und entnahm ihm einen Brief.
„Ein Liebesbrief, Inspektor?“ Der junge Sergeant Baxter war hinzugetreten. Sie wollten zusammen den Fall und die bisherigen Ergebnisse besprechen.
„Nein. Wer sollte mir auch schon einen Liebesbrief schicken. Außer Ihnen natürlich.“
Baxter grinste. „Auch wieder wahr. Was ist es denn dann?“
„Ein Brief des verstorbenen Lord Woodgrouse an einen Bekannten in Australien.“
„Oh, wie unheimlich. Eine Nachricht aus der Gruft. Was schreibt er denn?“
„Mein lieber Freund“, las Frisbee vor. „Ich wünschte du wärst jetzt hier. Die Stimmung im Haus wird von Tag zu Tag erdrückender. Mein Bruder schleicht mit düsterer Miene umher. Seine neue Freundlichkeit mir gegenüber ist zu übertrieben um glaubhaft und echt zu wirken. Ich war nie besonders furchtsam, doch nun fühle ich mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Wenn mich die Geschäfte nicht hier halten würden wäre ich schon längst zu dir nach Sydney gereist. Doch wahrscheinlich würde mein Bruder mir auch dorthin folgen. Kann ich dich nicht doch überreden nach England zurück zu kommen? Ich sitze gerade vor dem Fenster und schaue zum Nachbarhaus. Unheimliche Schatten scheinen dort drüben ihr Unwesen zu treiben. Dabei weiß ich doch ganz genau, dass es schon seit Kriegsbeginn leer steht. Der Krieg ist mittlerweile vorbei und noch immer ist es nicht wieder bezogen. Dabei könnte ich gerade jetzt mehr vertraute Gesichter um mich gebrauchen. Bitte komm zurück nach England, alter Freund, ich werde hier sonst noch wahnsinnig“, schloss der Inspektor und schaute auf das Datum. „Geschrieben vor zwei Jahren. Kurz darauf muss er wohl verstorben sein.“
„Aus Angst?“
„Wir werden sehen, Baxter. Soweit ich weiß gab es damals eine gerichtliche Untersuchung.“ Frisbee griff zu seinem Telefon und wählte die Nummer des Archivs. Dort forderte er die Akte Woodgrouse an. Als er auflegte fiel sein Blick auf den Boden. „Holla! Was haben wir denn da?“
Der Inspektor beugte sich hinunter und hob es auf.
Baxter runzelte die Stirn. „Was ist es?“
„Eine Art Visitenkarte. Muss wohl beim Öffnen des Briefes hinuntergefallen sein.“ Frisbee schaute darauf. Seine Miene versteinerte sich.
„Inspektor?“
„Lord Woodgrouse wird bezahlen, Arthur Milton.“
Baxter zeigte sich unbeeindruckt. „Hört sich nach einem Racheakt an. Fragt sich nur wer dieser Mr. Milton ist.“
„Sie kennen ihn nicht, Sergeant? Haben Sie noch nie etwas vom Hexer gehört?“
Natürlich hatte Baxter schon von diesem kriminellen Genie gehört, doch war er natürlich noch viel zu jung um Details darüber zu wissen. „Das ist doch eine alte Polizeilegende, nicht wahr?“
„Mitnichten. Fragen Sie Superintendent Wembury. Er hätte ihn vor 30 Jahren beinahe erwischt.“
„Hm, na gut“, lenkte der Sergeant ein. „Aber was heißt das jetzt für uns? Müssen wir Wembury den Fall übertragen?“
„Ich werde mir diesen Fall sicher nicht nehmen lassen, Sergeant. Und es kann zweierlei bedeuten. Entweder in der geraubten Schatulle war etwas sehr Wertvolles und Lord Woodgrouse musste nun damit dafür bezahlen, dass er seinen Bruder terrorisiert hat, oder …“ Frisbee hielt inne.
„Oder was, Inspektor?“
Frisbee machte ein sehr ernstes Gesicht. „Oder der Lord hat seinen Bruder damals umgebracht und schwebt nun ebenfalls in Lebensgefahr.“
„Warum dann der Einbruch?“, wand der Sergeant ein.
„Ich nehme an, dass der Inhalt der Schatulle eine bedeutende Rolle bei dem Fall spielt.“
„Das ist gut möglich“, stimmte Baxter nachdenklich zu. „Auf jeden Fall ist der Raub gut geplant gewesen. Die Hälfte der Bediensteten war außer Haus. Das spricht für einen intelligenten Kopf. Ich weiß ja nicht schlau der Hexer damals …“ Doch seine Gedankengänge wurden jäh durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen.
Ein Mitarbeiter betrat das Büro und überreichte dem Inspektor die angeforderte Akte.
Frisbee bedankte sich und studierte sie eine zeitlang. Baxter wartete geduldig ab und ließ den Inspektor erst einmal in Ruhe lesen.
„Interessant. Lord Woodgrouse hat die Untersuchung des Todesfalles selbst angeordnet“, kam es schließlich wieder von Frisbee.
„Dann wird er seinen Bruder nicht umgebracht haben. Das wäre doch viel zu gefährlich gewesen“, schloss Baxter daraus.
„Es sei denn, dass er sicher war, dass man ihm nichts würde anhaben können. Das Ergebnis lautete schließlich auf natürlichen Tod. Obschon man im Körper des Toten Spuren von Arsen gefunden hat. Allerdings in zu geringer Dosis um tödlich zu sein. Man nahm an, dass der Fisch, den er zuvor gegessen hatte damit belastet gewesen war.“
„Ist das die einzige Unregelmäßigkeit?“
Frisbee nickte. „Ja. Zumindest was seinen Tod betrifft. Er soll vorher mehrere Male geäußert haben, dass er seine Besitztümer verschiedenen Stiftungen vermachen würde. In seinem letzten Testament jedoch war sein Bruder als Alleinerbe eingesetzt. Das scheint jetzt nach diesem Brief von ihm natürlich sehr merkwürdig.“
„Dann hat Woodgrouse jetzt die Quittung dafür erhalten, dass er damals das Testament gefälscht hat“, schlussfolgerte Baxter stolz, wurde jedoch sofort in seiner Euphorie gebremst.
„Ich glaube nicht, dass es so einfach ist, Sergeant. Mich stört immer noch das Arsen. Das Testament ist sicherlich gefälscht und vielleicht befindet sich das echte sogar in der Schatulle, aber Lord Woodgrouse ist promovierter Chemiker“, nahm Frisbee seinem jungen Kollegen den Wind aus den Segeln. „Das wird auch der Hexer wissen. Ich glaube der Lord befindet sich jetzt in Lebensgefahr. Arthur Milton hat ihn beraubt und er wird ihn auch töten. Wir müssen schnell handeln.“
„Wie alt ist Milton wohl jetzt? Existiert ein Foto von ihm?“
„Er wird wohl Mitte 60 sein. Ein Foto haben wir nicht. Nur die Beschreibung des alten Wembury. Aber selbst wenn wir eines hätten würde uns das nicht viel nützen. Der Hexer ist ein Meister der Verwandlung. Wer immer den Einbruch begangen hat muss der Hexer sein.“
Baxter war nicht vollkommen überzeugt und fand seine eigene Theorie immer noch schlüssiger. Doch widersprach er Frisbee nicht und hielt sich erstmal an das Wesentliche. „Dann kommen wir mal zu dem Einbruch zurück. Er muss vor dem Gewitter geschehen sein. Die Erdspuren im Arbeitszimmer, die die Spurensicherung gefunden hat, waren trocken.“
„Dann ist Gruner unser Mann. Er hat behauptet vor dem Gewitter den Garten beobachtet und nichts gesehen zu haben.“ Frisbee stand auf, ging zur Garderobe und nahm seinen Mantel. „Kommen Sie, Baxter.“

Kapitel 4

Als die beiden Polizeibeamten schließlich das Haus des Doktors erreicht hatten, fanden sie die Haustür unverschlossen vor.
„Es scheint, der Vogel ist ausgeflogen, Inspektor.“
„Sollte das der Fall sein bin ich sicher, dass wir im Nachbarhaus die Leiche von Woodgrouse finden werden.“
„Der Hexer hat seine Tat vollbracht und uns durch den Brief die Rechtfertigung dafür geliefert?“
„Selbstverständlich. Wir waren halt einfach zu langsam.“
Frisbee und Baxter hatten das Haus Gruners betreten und sahen sich nun darin um. Der Inspektor deutete auf die Fotos auf den Wänden. „Da haben wir den fotografischen Beweis für die Freundschaft der beiden. Wahrscheinlich haben die Brüder Woodgrouse Arthur Milton nur unter der Maske des Missionsarztes Dr. Gruner gekannt. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Hexer in die Rolle eines Mediziners geschlüpft ist. Vor 30 Jahren trat er als Polizeiarzt Dr. Lomond auf. Und er soll sich anschließend nach Australien abgesetzt haben.“
Baxter ging weiter. „Ich bin aber immer noch nicht ganz überzeugt, Inspektor. Für mich klingt das alles viel zu phantastisch. Außerdem hätte er dann ja 20 Jahre als Gruner leben müssen. Sie vergessen, dass er damals nach England emigriert ist.“
„Das ist doch durchaus möglich. Gruner ist als reisefreudig bekannt. Dem Brief des verstorbenen Lords können Sie ja entnehmen, dass sein Landhaus oft leer stand. Eine gute Tarnung und ein guter Stützpunkt wenn er mal wieder hier in England Verbrecher zu richten hatte.“
Baxter kräuselte die Nase. „Lassen wir das mal beiseite und kommen zu unserem derzeitigen Verbrechen zurück. Wie konnte der vermeintliche Hexer denn vor allen Dingen sicher sein, dass Mr. Miller nicht doch noch einmal umkehrt und ihn beim Einsteigen ins Haus erwischt?“
„Er liebt eben das Risiko.“
„Trotzdem. Mir wäre das zu unsicher.“ Der Sergeant arbeitete nun schon mehrere Jahre mit dem agilen Mittvierziger zusammen, dessen Karriere mit den Jahren langsam aber sicher in Routinearbeit erstickt war. Und er kannte auch Frisbees Ehrgeiz und rechnete es diesem zu, dass sich sein Vorgesetzter jetzt so sehr in diese Hexergeschichte hineinsteigerte, in der Hoffnung nun endlich einmal einen dicken Fisch an der Angel zu haben. Allerdings mochte und achtete der junge Mann den jovialen Inspektor viel zu sehr, um jetzt seinen Bedenken noch stärker Luft zu machen. Und so schwieg Baxter und ging lieber weiter in den Wohnraum. „Wie passt das hier denn in ihre Theorie, Inspektor?“
„Hm?“ Frisbee horchte auf und betrat nun ebenfalls das Zimmer. Es herrschte noch größere Unordnung als bei seinem gestrigen Besuch. Die Papiere, Schriftrollen und Pergamente lagen kreuz und quer im Raum verteilt, ein Beistelltisch war umgestoßen und der Arzt lag regungslos quer über seinem Schreibtisch, um seinen Hals ein Hanfseil und in der Hand ein Zweig mit rosa Blüten und runden, grünen Blättern.
„Soll ich Ihnen mal ausführen, wie es sich für mich darstellt, Inspektor?“
Frisbee schaute nachdenklich auf die Szenerie. „Bitte.“
„Der Doktor war doch ein Kalligraph, oder?“
Der Inspektor nickte.
„Dann hat er den Brief gefälscht und uns zukommen lassen um uns auf eine falsche Fährte zu locken. Er hat den Einbruch zusammen mit dem Gärtner begangen. Während Mr. Miller ins Haus eingestiegen ist stand Gruner am Gartenzaun Schmiere. Und dann kam es hier zum Streit um die Beute bei dem der Doktor den Kürzeren zog. Ich wette wir finden noch mehr Hanfseil im Gärtnerhaus.“
„Möglich. Dennoch kann ich mich Ihrer Meinung nicht anschließen. Da war in der Tat etwas, dass ich übersehen hatte.“
Baxter runzelte die Stirn. „Und das wäre?“
„Das Testament vom verstorbenen Lord Woodgrouse. Das war es, was Gruner damals gefälscht hatte. Deshalb musste er jetzt sterben. Vielleicht half er dem Lord sogar bei der Entwicklung des Gifts.“
„Mit Verlaub, Inspektor. Wird das nicht langsam zu einer fixen Idee von Ihnen?“ Der junge Sergeant musste jetzt doch das Wort ergreifen. „Halten wir uns doch lieber an etwas Handfestes. Das Testament wurde immerhin als gültig anerkannt. Die Echtheit des Briefes hingegen ist noch nicht erwiesen.“
„Ich bin sicher die Analyse wird meine Vermutung bestätigen. Mr. Miller ist der Hexer.“
„Und wie soll Mr. Miller den Einbruch begangen haben wenn Dr. Gruner bis zum Einsetzen des Regens das Haus beobachtet hat? Die Erde im Arbeitszimmer war trocken.“
„Die Lösung ist einfach. Der Hexer hatte durch Gruner nun ein Alibi. Er hat die trockene Erde selbst mitgebracht. Bestimmt hat er heimlich die Schlüssel des Butlers nachmachen lassen. Das Fenster hat er dann anschließend manipuliert damit es so aussehen sollte als wäre der Täter von draußen gekommen.“
„Na ja. So abwegig ist das natürlich nicht.“ Baxter grinste schief. „Allein sprachlich ist es ja schon von Arthur Milton zu Alan Miller nicht sehr weit.“
„Hören Sie lieber auf sich über mich lustig zu machen und verständigen Sie die Kollegen. Ich werde bei Lord Woodgrouse anrufen und mich nach seinem Wohlbefinden erkundigen. Er soll niemanden in seine Nähe lassen bis wir bei ihm sind. Dann durchsuchen wir das Gärtnerhaus. Ich bezweifle allerdings, dass wir Miller dort noch antreffen werden.“

„Wer war das, Carpenter?“ Lord Woodgrouse war in der Tat noch bei bester Gesundheit, wenn auch seit dem letzten Abend nervöser und angespannter als sonst, was ihn gleich doppelt unausstehlich machte.
„Es war der Inspektor, Mylord“, antwortete der Butler. „Er ist besorgt um Sie. Sie sollen niemanden einlassen bis er kommt.“
„Pah“, spie Woodgrouse aus. „Das hätte ich sowieso nicht getan. Ich habe ihn wieder gesehen. Sein bleiches, schmerzverzerrtes Gesicht am Fenster meines Schlafzimmers.“
„Wir wissen beide doch ganz genau, dass Ihr Bruder tot ist, Mylord. Ihre Nerven …“
Woodgrouse sprang aus seinem Sessel auf. „Was willst du damit andeuten, John?“ ereiferte er sich und packte den Butler am Kragen. „Hältst du mich etwa für verrückt? Irgendjemand spielt hier ein ganz böses Spiel. Aber nicht mit mir, verstanden? Nicht mit mir!“
Polizeisirenen ertönten.
Der Lord fand seine verlorene Fassung wieder und sank in seinen Sessel zurück. „Was ist da draußen los?“
Carpenter ging zum Fenster des Salons, zog den Vorhang etwas zur Seite und schaute hinaus. „Dr. Gruner wird auf einer Bahre aus seinem Haus getragen. Er sieht tot aus.“
„Auch das noch“, knurrte Woodgrouse.
Der Butler drehte seinen Kopf. „Und Mr. Miller wird gerade in Handschellen abgeführt. Der Sergeant trägt eine Art Schaufensterpuppe unter dem Arm und eine Gummimaske in der Hand.“
„Ich habe dem Kerl schon seit jeher misstraut. Hab ihn doch nur die Vertretung machen lassen um dem Doktor einen Gefallen zu tun. Aber Hauptsache der Spuk ist jetzt vorbei.“
Der Lord tastete an seiner Brust nach einem kleinen Schlüssel und ballte seine Faust darum. Es war der Schlüssel zu der geraubten Schatulle.
Der Butler ließ vom Fenster ab und wendete sich Woodgrouse zu. „Wünschen sie jetzt Ihren Tee, Mylord?“
„Ja. Endlich haben wir wieder Ruhe, Carpenter.“

Epilog

„Ich sage nichts ohne meinen Anwalt“, grollte Miller als man ihn abführte. Man hatte in seinem Haus tatsächlich Hanfseil gefunden. Dazu noch ein Schreiben seines Bewährungshelfers. Miller war wegen Einbruchs vorbestraft. Und man fand auch die Maske, die den verstorbenen Lord mit verzerrten Gesichtszügen darstellte.
Baxter war mit sich zufrieden. „Ich habe doch gesagt, die ganze Geschichte mit dem Hexer und der Rache aus dem Grab hinaus ist nur eine Ablenkung. Nichts für ungut für Ihre Theorie, Inspektor.“
„Ist schon okay, Sergeant.“
Frisbee schaute seinem jungen Kollegen nach als dieser Miller zum Polizeiauto brachte und hing weiter seinen eigenen Gedanken nach. Er konnte einfach das Gefühl nicht loswerden noch irgendetwas Wichtiges übersehen zu haben. Sein Blick ging vom Polizeiauto hin zum Leichenwagen, dessen Hintertür gerade mit leisem Knall zufiel. Frisbees Hand glitt in die Tasche seines Trenchcoats und förderte den kleinen Zweig zutage, den der Tote in den Fingern gehalten hatte. Er starrte die Blüte einen Moment lang an, dann kam Leben in ihn. Mit eiligen Schritten ging er zurück ins Gärtnerhaus und holte sich von dort eine Schaufel. So bewaffnet machte er sich auf in den Park von Woodgrouse Hall. Er orientierte sich kurz und ging dann zielstrebig in die Richtung der Fensterfront des Arbeitszimmers. Nicht weit von dieser entfernt stand ein Baum mit rosafarbenen Blüten. Gestern Abend war der Inspektor schon einmal an diesem vorbeigekommen. Nun beugte er sich zu dem kleinen Schild hinab, das vor dem Baum angebracht worden war. Cercis siliquastrum, Judasbaum. Die Erde um den Baum herum war vor kurzem noch bewegt worden. Frisbee zögerte nicht das mitgebrachte Werkzeug zu benutzen und fing an zu graben. Da die Erde von dem Gewitterschauer noch aufgeweicht war ging ihm diese Arbeit leicht von der Hand. Dass er da nicht eher drauf gekommen war. Gruner war genauso gestorben wie Judas im Matthäus-Evangelium, mit einem Strick. Schon nach wenigen Spatenstichen wurde Frisbee fündig und stieß auf einen unförmigen, länglichen Gegenstand. Vorsichtig legte er ihn weiter frei. Es war die Leiche des Butlers. Auch er hatte ein Hanfseil um den Hals geschlungen. Anders als der Doktor schien er allerdings schon seit mehreren Tagen tot zu sein. Zwei Verräter, hingerichtet wie Verräter. Der langjährige Reisegefährte von Lord Woodgrouse Doktor Ephraim Gruner, der das Testament gefälscht, und sein getreuer Butler John Carpenter, der ihm im Auftrag seines Bruders das Gift verabreicht hatte. Fluchend sprang Frisbee auf, alarmierte die anderen Beamten und brach dann die Tür von Woodgrouse Hall auf. Doch es war zu spät. Als man Lord Woodgrouse im Sessel in seinem Salon fand war der Brudermörder schon tot. In der Hand, die auf seinem Schoß lag, hielt er eine Teetasse und auf der Kommode neben ihm stand die gestohlene Schatulle aus dem Safe. Sie war geöffnet und enthielt eine Phiole, die eine trübe Flüssigkeit umschloss. Es war das von Lord Woodgrouse und Dr. Gruner entwickelte Gift, das nun beide Brüder dahingerafft hatte. Von Arthur Milton fehlte jede Spur.
 
Bei diesem Text handelt sich um die überarbeitete Version einer Kurzgeschichte im Stile von Edgar Wallace, die ich für einen Wettbewerb in einem entsprechenden Forum erstellt habe und aus dessen Werk ich mich figurenmäßig auch bedient habe. Eine der bekanntesten Figuren von Edgar Wallace lebt hier ein weiteres Mal auf.

Der Judasbaum

Kapitel 1

Donner grollte als der ältliche Lord Woodgrouse die Tür zu dem Arbeitszimmer seines Anwesens aufschloss. Als er die Tür aufschloss wurde der Raum von einem gefährlich zuckenden Blitz erhellt. Wie von eben diesem getroffen blieb der Lord, der ansonsten gar nicht so schreckhaft war, im Türrahmen stehen und rang plötzlich nach Luft.
„Carpenter!“ gellte seine bellende Stimmen durch die hohen Räume von Woodgrouse Hall. „Carpenter!“ ertönte es abermals, lauter und heftiger als noch zuvor.
Für den Lord schien in seiner Agonie eine halbe Ewigkeit zu vergehen bis endlich sein Butler angerannt kam. „Mylord? Sie haben gerufen?“ fragte der knautschgesichtige, etwas in die Jahre gekommene Mann noch etwas atemlos. Seine Worte waren natürlich eine höfliche Untertreibung, hatte doch der Herr des Hauses ihn nicht einfach nur gerufen, sondern er hatte schon richtig nach ihm gebrüllt.
„Wo waren Sie denn so lange“, fuhr der Lord seinen Bediensteten auch sogleich an. „Sie müssen umgehend die Polizei verständigen. Ein Kapitalverbrechen!“
Der Butler runzelte die Stirn und schaute in das Zimmer. Zuerst entdeckte er nichts Verdächtiges, schon gar kein Kapitalverbrechen. Es hätte dazu ja schließlich eine Leiche gebraucht, die beim besten Willen nicht auszumachen war. Doch als ein weiterer Blitz den Raum erhellte konnte auch Carpenter es sehen: Der Safe war aufgebrochen worden und leer.
Woodgrouse war inzwischen auf einen nahe gelegenen Sessel zusammengesunken und öffnete sich seinen Kragen. Neben seiner körperlichen Verfassung schienen auch seine Umgangsformen gelitten zu haben. „Nun steh nicht so herum, John, mach schon. Und meine Herztropfen! Diese Aufregung …“
Der Lord stöhnte leise und starrte auf den ausgeräumten Safe, der ihm nun vorkam wie ein offener Brustkorb aus dem man das Herz herausgerissen hätte. Während der Diener sich entfernte fühlte Woodgrouse wie eine kalte Hand nun tatsächlich nach seinem Herzen zu greifen schien. Er wusste nicht wie lange er in der Stellung eines bleichen Denkmals auf seinem Thron verharrte, denn erst ein Donnergrollen ließ wieder Bewegung in ihn kommen und ihn zur Fensterfront schauen. Eine dunkle Gestalt war dahinter auszumachen. Der Lord richtete sich misstrauisch auf. Der nächste Blitz offenbarte ihm schließlich die wahre Natur des unerwarteten Besuchers: Ein leichenblasses, wie im Todeskampf verzerrtes Gesicht über einem dunkel gewandeten Körper. Mit einem erstickten Aufschrei fiel Woodgrouse in den Sessel zurück. Schwärze umfing seine Gedanken.

Als schließlich die Polizei eintraf hatte sich der Lord schon wieder soweit von seinem Schreck erholt, dass er den Beamten ohne groß zu zögern die Hölle heiß machen konnte.
„Inspektor, natürlich kann ich verstehen, dass alles seine Zeit braucht. Die Spurensicherung, Verhören der Verdächtigen, und so weiter. Trotzdem werden Sie kaum welche haben. Sie wissen doch sicher, dass ich regelmäßig mit Ihrem Vorgesetzten Golf spiele, nicht wahr?“
„Nein, Mylord. Dieser Umstand war mir bis jetzt entgangen“, antwortete der Inspektor freundlich.
„Nun gut. Dann wissen Sie es eben jetzt. Wenn Sie in den nächsten Tagen keine Ergebnisse vorweisen können, dann werde ich jedenfalls veranlassen, dass Sie von diesem Fall abgezogen werden und ein fähigerer Mann die Ermittlungen übernimmt. Haben wir uns verstanden, Inspektor… Wie war noch gleich Ihr Name?“
„Frisbee“, stellte sich der Inspektor noch einmal vor. „Wir haben uns vollkommen verstanden. Und ich will auch gar keine Zeit verlieren. Ihre Auskünfte waren schon sehr hilfreich und während die Spurensicherung ihre Arbeit tut würde ich gerne jetzt mit Ihren Dienstboten sprechen. Sie können derweil eine genaue Aufstellung der fehlenden Gegenstände anfertigen.“
Woodgrouse nickte in Richtung des Nebenzimmers und gab einen leicht grunzenden Laut von sich. „Sie können den Salon dazu benutzen. Es wird ohnehin schnell gehen. Es sind nur der Butler und der Gärtner hier. Köchin und Hausmädchen haben ihren freien Nachmittag und sind im Dorf.“
Frisbee nahm diese Information zur Kenntnis und begab sich also in den Salon während der Lord sich an den Tisch setzte und zu schreiben begann. Als der herbeigerufene Butler zu dem Inspektor stieß wendete sich dieser ihm zu.
„Sie heißen also John Carpenter und sind schon länger in den Diensten der Familie?“
„Ja, Sir. Fast 30 Jahre. Der ältere Bruder des jetzigen Lords hat mich noch eingestellt. Ruhe er in Frieden. War ein feiner Herr, immer höflich und freundlich. Die Güte in Person.“
Frisbee zog die Augenbrauen hoch. „Wollen Sie damit sagen, dass sich das Arbeitsklima hier seither verändert hat?“
„Es steht mir nun wirklich nicht zu darüber zu urteilen“, wich Carpenter der Frage aus. „Ich begehe allerdings keine Indiskretion wenn ich Ihnen sage, dass die beiden Brüder immer schon recht unterschiedlich waren. Das ist allgemein bekannt.“
Frisbee lächelte leicht. Diese Information genügte ihm doch schon. „Nun gut. Aber darum geht es ja eigentlich auch gar nicht. Kommen wir deshalb zu dem Einbruch. Es gibt doch sicher einen Generalschlüssel oder etwas Ähnliches, nicht wahr?“
„Natürlich, Inspektor. Ich weiß auch worauf Sie hinauswollen. Ich habe Zugriff auf sämtliche Schlüssel. Doch spätestens am Safe hätte auch ich kapitulieren müssen.“
„Nun gut. Wir werden sehen. Wo waren Sie in der Zeit als sich der Lord nicht mehr selbst im Arbeitszimmer befand?“
„Ich habe ihm zunächst im Salon den Tee serviert und war danach in der Küche bis ich die Rufe des Lords gehört habe.“
„Gehört?“ brummte Woodgrouse, der nun in der Tür stand, in die Unterhaltung hinein. „Ein Hörgerät brauchen Sie, Carpenter. Die Küche ist doch wohl nah genug. Es ist derselbe Flur.“
„Oh, verzeihen Sie“, kam die eloquente Antwort des Butlers. „Ich befand mich in der Waschküche. Es war mein Fehler mich nicht korrekt genug ausgedrückt zu haben.“
„Mhm.“ Frisbee notierte sich alles. „Das wäre es dann erstmal. Sie können gehen und dem Gärtner Bescheid sagen.“
Der Butler neigte sein Haupt demütig und entfernte sich dann so lautlos, wie es sich für solcherart dienstbare Geister schickte.
Der Lord trat aus der Tür und reichte Frisbee das soeben erstellte Schriftstück.
Der Inspektor ließ kurz seinen Blick darüber schweifen. „Diese kleine Mahagonischatulle, was befindet sich darin?“
„Nichts“, so lautete die harte Antwort seines grauhaarigen, faltigen Gegenübers. „Es ist ein Erinnerungsstück. Nichts weiter. Hat einen sehr großen ideellen Wert für mich. Ich muss es zurückbekommen.“
„So? Wie mir scheint ist es das wertloseste Stück des Safeinhaltes.“
Ein böser Blick traf den Inspektor. „Sie halten also den Inhalt meines Safes für wertlos? Ich sagte bereits diese Schatulle hat einen großen ideellen Wert. Das Materielle ist ersetzbar. Erinnerungen nicht.“
„Soviel Romantik hätte ich Ihnen ehrlich gesagt gar nicht zugetraut, Mylord.“
„Nun werden sie mal nicht frech. Sie kennen meine Verbindungen. Noch mehr von Ihrer Impertinenz und sie stehen wieder am Trafalgar Square und regeln dort den Verkehr.“ Woodgrouse schaute den Inspektor hart an. Seine Augen waren mitleidlos. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe doch meine Pflicht nun getan, oder?“
„Fürs Erste“, nickte Frisbee, faltete das Blatt Papier und steckte es in seine Brusttasche. „Danke, Mylord.“

Kapitel 2

Auf dem Flur stieß Woodgrouse fast mit seinem Gärtner zusammen. Der Lord ließ sein übliches missgünstiges Grunzen vernehmen und ging zielstrebig seiner Wege während der Gärtner an die Tür des Salons klopfte und diesen dann betrat. Inspektor Frisbee blickte dem vierschrötigen Mann freundlich entgegen. „Alan Miller, nicht wahr?“
„Selbiger.“ Miller hatte eine tiefe, dunkle Stimme. „Aber bitte machen sie es kurz. Ich stecke bis zur Hüfte in Schei… in Arbeit. Das Gewitter hat einen Großteil des Parks verwüstet.“
„Keine Sorge. Nur ein paar Fragen. Wo waren Sie während des Gewitters?“
„Im Gärtnerhaus natürlich. Wenn es wie aus Eimern schüttet kann ich nicht arbeiten. Und ich habe auch keine große Lust mich von einem Blitz erschlagen zu lassen.“
„Das habe ich auch nicht vermutet. Waren sie allein?“
„Überrascht sie das? Wir wohnen hier recht einsam. London ist ein paar Meilen weg und andere Hausangestellte als diesen vertrockneten Butler hat es hier heute auch nicht mit denen man hätte Karten spielen oder würfeln können. Oder hätte ich vielleicht das Schankmädchen aus dem Dorfgasthof entführen sollen nur um ein Alibi und etwas Spaß zu haben? Hätte ich natürlich gerne gemacht wenn ich das alles vorher gewusst hätte. Habe ich aber nicht. Pech für uns beide was?“ Miller lachte freudlos.
„Scheinbar.“ Frisbee blieb unbeeindruckt. „Haben Sie vielleicht irgendetwas Verdächtiges bemerkt draußen?“
„Nein. Hat viel zu sehr gesaut. Und der Garten sieht auch aus als wäre eine ganze Mongolenherde durchgeritten. Suchen sie die und sie haben ihre Räuber. Ich helfe ihnen dann auch gerne beim Aufknüpfen derselbigen. An starkem Seil soll es nicht mangeln.“
„Nun gut. Ich werde darauf zurückkommen wenn dem Henker von London die Stricke ausgehen sollten.“ Frisbees Blick ging zur Tür wo ein junger, dunkelhaariger Mann stand und dem Inspektor ein Zeichen gab. „Danke, Mr. Miller.“
Frisbee ging zu dem jungen Mann und Miller verließ das Zimmer.
„Ein ziemlich derber Kerl, was?“ grinste der Dunkelhaarige den Inspektor an.
„Sie sagen es, Sergeant Baxter. Was gibt es denn?“
„Der Einbrecher ist durch das Fenster gekommen sagt die Spurensicherung. Ein Profi wie es aussieht.“
„Na dann wollen wir doch schnell mal in den Garten bevor unser feingeistiger Freund auch noch die paar Spuren vernichtet, die das Gewitter übrig gelassen hat.“
Frisbee verließ den Raum. Baxter folgte schmunzelnd.

Während die Beamten in den Park des Anwesens gingen war Woodgrouse seinem Diener in die Küche gefolgt.
„Wünschen Sie etwas, Mylord?“ Carpenter schaute nicht auf. Er schnitt gerade Tomaten.
Woodgrouse ging zu ihm hin, packte ihn hart am Arm, zog ihn zu sich herum und ließ eine Reitgerte auf dessen Körper niedergehen. Der Butler verzog keine Miene, wehrte sich nicht und protestierte auch nicht.
„Du warst es!“ bellte der Lord, unbeobachtet und frei von jeglichem Zwang der Etikette, seinen Angestellten an. „Du kennst den Inhalt der Schatulle doch genau! Du bist Herr über die Schlüssel des Hauses! Sag es mir jetzt ins Gesicht wenn du mich erpressen willst, du Hund!“
„Ich war es nicht, Mylord. Auch bin ich bislang mit meiner Entlohnung auch immer zufrieden gewesen. Wenn Mylord es aber unbedingt wünschen, dass ich ein paar Pfund mehr im Monat bekomme, dann…“
Ein weiterer Hieb mit der Reitgerte folgte. Carpenter blieb weiterhin regungslos.
„Ich war Ihnen damals schon loyal, als Sie noch im Schatten ihres Bruders standen und bin es auch heute noch, Mylord.“
„Dann solltest du dich nicht erdreisten mich vor dem Inspektor schlecht zu machen und meinen Bruder in den Himmel zu loben! Ich habe gelauscht!“
„Immerhin habe ich wie befohlen Ihre Phantasterei von der Leiche ihres Bruders am Fenster verschwiegen.“
Der Lord nahm den Einwand zur Kenntnis, schien aber trotzdem nicht beruhigt. Fast schon im Gegenteil. „Wehe ich komme dir auf die Schliche und du warst es doch, dann bringe ich dich um!“
Woodgrouse nahm seinem Diener das Messer aus der Hand, umklammerte es fest und stach es dann wie zur Untermauerung seiner Worte mit voller Kraft in die hölzerne Arbeitsplatte wo es leicht zitternd stecken blieb. Dann wandte er sich um und verließ die Küche.
Carpenter seufzte leise, zog das Messer wieder aus der Platte und schaute aus dem Küchenfenster, an dem gerade die beiden Polizeibeamten vorbei gingen.
„Sehr dürftig das Ganze, Inspektor“, urteilte der junge Baxter.
„Dürftig?“ erwiderte Frisbee irritiert. „Ich finde diesen Teil des Parks im Gegenteil sehr üppig und recht exotisch.“
„Eigentlich meinte ich eher unsere Ausbeute“, stellte der junge Sergeant klar.
„Ach so, ja. Die ist in der Tat sehr dürftig. Und auch im höchstem Maße verdächtig, dass der Gärtner mit seiner Aufräumaktion genau in dem Teil des Parks begonnen hat in dem auch das Beet vor dem Arbeitszimmer liegt.“
„Natürlich. Das habe ich auch schon gedacht.“
„Aber uns bleiben ja noch die Fußspuren hinter dem Zaun auf dem Nachbargrundstück. Wer wohnt dort?“
„Moment.“ Im Weitergehen blätterte Baxter in seinen Notizen. „Ah, da. Ein jüdischer Akademiker. Doktor Ephraim Gruner. Zu Beginn der Dreißigerjahre aus Deutschland hierher emigriert. Werden Sie ihn aufsuchen?“
„Genau das hatte ich jetzt vor. Sie kommen hier doch allein zurecht, Sergeant, oder?“
„Selbstverständlich“, lächelte Baxter. Dann trennten sich ihre Wege und alles was der Sergeant noch hinter sich vernahm waren die immer leiser werdenden Schritte des Inspektors auf dem Kiesweg.

Das Landhaus des Doktors konnte bei weitem nicht mit dem Anwesen von Lord Woodgrouse mithalten, bestach aber durch ausgezeichnete Schmiedearbeiten an Tür, Fenster und Dach. Der Hausherr öffnete selbst als Inspektor Frisbee klingelte. Jedenfalls schloss der Polizeibeamte dies aus der geschmackvollen Kleidung des blassen, hoch gewachsenen Mannes.
„Sie wünschen?“ kam eine näselnde, fast unwirklich klingende Stimme aus dem schmallippigen Mund.
„Ich bin Inspektor Frisbee von Scotland Yard.“ Er zeigte seine Dienstmarke vor. „Ich hätte einige Fragen an Sie. In der Nachbarschaft wurde eingebrochen. Sie sind Ephraim Gruner?“
Gruner nickte knapp. „Kommen Sie herein.“
„Danke.“
Frisbee folgte dem Doktor in die Eingangshalle und schaute sich dort mit beruflicher Neugier um. Die Einrichtung war modern zu nennen. Kalter Stahl und kräftige Farben dominierten die Szenerie. An den Wänden hingen zahlreiche Fotos. Einige zeigten Gruner mit dunkelhäutigen Krankenschwestern in der afrikanischen Steppe, auf einem anderen war er zusammen mit einem älteren, wettergegerbten Mann im Hafen von Sydney. Die meisten Bilder schienen allerdings schon etwas älter zu sein, denn dem afrikanischen Gruner fehlten noch die grauen Schläfen, die ihm nun eine Art von Erhabenheit verliehen.
„Ich hoffe Sie stören sich nicht an der Unordnung hier. Sie haben mich gerade bei der Ausübung meines Hobbys gestört“, entschuldigte sich der Doktor und ging in einen der Wohnräume.
„Keine Sorge“, entgegnete Frisbee sofort und schaute sich auch dort um. Zahlreiche Schriftrollen lagen auf den Kommoden und den Sitzgelegenheiten während sich auf dem Tisch ein Vergrößerungsglas und ein hochwertiges Schreibset komplett mit Feder und verschiedenen Arten von Tinte befanden.
„Wie im Skriptorium eines Klosters“, murmelte der Inspektor.
Gruner nickte. „Ja, so ähnlich. Ich betreibe in meiner Freizeit Kalligraphie. Und ich habe viel davon seit ich die Reisen in die armen, medizinisch unterversorgten Regionen der Welt gesundheitlich nicht mehr schaffe. Aber nun zu Ihren Fragen bitte.“
„Gerne. Haben Sie während des Gewitters oder in der Zeit kurz davor irgendetwas Verdächtiges gehört oder gesehen?“
„Während des Gewitters beim besten Willen nicht. Da habe ich mich hier im Hause verkrochen. Ich bin sehr schreckhaft was laute Geräusche angeht. Und vor dem Gewitter ist der Einbruch bestimmt nicht passiert.“
„Was macht Sie da so sicher?“
„Ich war vor dem Regenguss noch im Garten und habe am Zaun mit dem Gärtner von Lord Woodgrouse ein paar Worte gewechselt. Mr. Miller ging schließlich zurück zum Gärtnerhaus, doch ich blieb draußen bis es anfing zu regnen. Diese Seite des Anwesens war in der ganzen Zeit vollkommen ruhig. Das kann ich ihnen sogar beeiden, Inspektor.“
„Und wenn der Täter auf der anderen Seite in das Haus eingestiegen ist?“
„Ach“, winkte Gruner ab. „Warum sollte er denn? Der Safe befindet sich auf dieser Seite des Anwesens. Warum sollte er es riskieren beim Herumschleichen im Haus entdeckt zu werden anstatt den kürzesten Weg zu nehmen? Außerdem ist das Arbeitszimmer immer verschlossen wenn sich niemand dort befindet.“
Frisbee hob seine Augenbrauen. Das war bei ihm immer ein Ausdruck von besonderer Aufmerksamkeit. „Sie kennen sich bei Lord Woodgrouse scheinbar genauso gut aus wie in den Gedankengängen eines Einbrechers.“
Gruner schien die Spitze zu überhören und blieb ruhig. „Ich bin eben ein alter Freund der Familie. Wir sind schon viele Jahre Nachbarn. Ich kannte ja auch noch den alten Lord. Habe mit ihm zusammen Australien bereist. Wir lernten uns dort in einem Buschkrankenhaus kennen. Er hat mir auch dieses Haus vermittelt als ich nach England gezogen bin.“
„Dann ist er der Mann auf dem Bild in der Halle?“
„Ja.“
„Deshalb kam er mir wohl auch so vertraut vor.“
„Die Familienähnlichkeit zu seinem jüngeren Bruder ist auch sehr ausgeprägt“, bestätigte der Arzt. „Äußerlich jedenfalls. Charakterlich trennte sie viel.“
„Das habe ich schon gehört“, nickte Frisbee leicht. „Aber zurück zu Ihnen. Sie sind mit Mr. Miller ebenfalls gut bekannt?“
„Natürlich“, kam es ohne zu zögern von Gruner. „Alan Miller steht schließlich in meinen Diensten als Gärtner und Hausmeister. Er ist derzeit nur an Lord Woodgrouse ausgeliehen weil dessen Gärtner im Krankenhaus liegt. Ein Unfall mit Fahrerflucht.“
„Nun gut. Das erklärt natürlich eine gewisse Vertrautheit. Ist Mr. Miller bei Ihnen denn schon länger angestellt?“
„Nein. Auch erst wenige Wochen. Ich stellte ihn ein im Zuge eines Programms für die Rehabilitierung von Strafgefangenen.“
„Dann würden sie ihre Hand nicht für ihn ins Feuer legen?“
„Er war stets fleißig und verlässlich. Mehr kann ich über ihn nicht sagen. Einbrechen hätte er jedenfalls auch schon bei mir können. Ich bin auch nicht ganz unvermögend. Dass er einmal bei Lord Woodgrouse arbeiten würde war ja nicht abzusehen.“
„Ein berechtigter Einwand“, gab Frisbee zu, auch wenn sich in seinem Kopf gerade das Bild von Miller am Steuer eines Unfallwagens abzeichnete. „Gibt es noch andere Hausangestellte?“
„Eine Haushälterin habe ich noch, aber …“
„Aber sie befindet sich im Dorf, da sie ihren freien Nachmittag hat“, vervollständigte Frisbee. Gruner nickte. „Das wäre es dann auch fürs Erste, Doktor. Danke.“
„Ich bringe Sie noch zur Tür, Inspektor.“
Das tat Gruner dann auch. Anschließend ging er rasch zu seinem Telefon und wählte hektisch eine Nummer.

Kapitel 3

Als Inspektor Frisbee am nächsten Morgen sein Büro in Scotland Yard betrat lag auf seinem Schreibtisch schon ein Kuvert mit seinem Namen darauf und einer Notiz des Pförtners, dass ein Junge dies vor einer Stunde für ihn abgegeben hatte. Frisbee setzte sich, nahm das Kuvert, öffnete es und entnahm ihm einen Brief.
„Ein Liebesbrief, Inspektor?“ Der junge Sergeant Baxter war hinzugetreten. Sie wollten zusammen den Fall und die bisherigen Ergebnisse besprechen.
„Nein. Wer sollte mir auch schon einen Liebesbrief schicken. Außer Ihnen natürlich.“
Baxter grinste. „Auch wieder wahr. Was ist es denn dann?“
„Ein Brief des verstorbenen Lord Woodgrouse an einen Bekannten in Australien.“
„Oh, wie unheimlich. Eine Nachricht aus der Gruft. Was schreibt er denn?“
„Mein lieber Freund“, las Frisbee vor. „Ich wünschte du wärst jetzt hier. Die Stimmung im Haus wird von Tag zu Tag erdrückender. Mein Bruder schleicht mit düsterer Miene umher. Seine neue Freundlichkeit mir gegenüber ist zu übertrieben um glaubhaft und echt zu wirken. Ich war nie besonders furchtsam, doch nun fühle ich mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Wenn mich die Geschäfte nicht hier halten würden wäre ich schon längst zu dir nach Sydney gereist. Doch wahrscheinlich würde mein Bruder mir auch dorthin folgen. Kann ich dich nicht doch überreden nach England zurück zu kommen? Ich sitze gerade vor dem Fenster und schaue zum Nachbarhaus. Unheimliche Schatten scheinen dort drüben ihr Unwesen zu treiben. Dabei weiß ich doch ganz genau, dass es schon seit Kriegsbeginn leer steht. Der Krieg ist mittlerweile vorbei und noch immer ist es nicht wieder bezogen. Dabei könnte ich gerade jetzt mehr vertraute Gesichter um mich gebrauchen. Bitte komm zurück nach England, alter Freund, ich werde hier sonst noch wahnsinnig“, schloss der Inspektor und schaute auf das Datum. „Geschrieben vor zwei Jahren. Kurz darauf muss er wohl verstorben sein.“
„Aus Angst?“
„Wir werden sehen, Baxter. Soweit ich weiß gab es damals eine gerichtliche Untersuchung.“ Frisbee griff zu seinem Telefon und wählte die Nummer des Archivs. Dort forderte er die Akte Woodgrouse an. Als er auflegte fiel sein Blick auf den Boden. „Holla! Was haben wir denn da?“
Der Inspektor beugte sich hinunter und hob es auf.
Baxter runzelte die Stirn. „Was ist es?“
„Eine Art Visitenkarte. Muss wohl beim Öffnen des Briefes hinuntergefallen sein.“ Frisbee schaute darauf. Seine Miene versteinerte sich.
„Inspektor?“
„Lord Woodgrouse wird bezahlen, Arthur Milton.“
Baxter zeigte sich unbeeindruckt. „Hört sich nach einem Racheakt an. Fragt sich nur wer dieser Mr. Milton ist.“
„Sie kennen ihn nicht, Sergeant? Haben Sie noch nie etwas vom Hexer gehört?“
Natürlich hatte Baxter schon von diesem kriminellen Genie gehört, doch war er natürlich noch viel zu jung um Details darüber zu wissen. „Das ist doch eine alte Polizeilegende, nicht wahr?“
„Mitnichten. Fragen Sie Superintendent Wembury. Er hätte ihn vor 30 Jahren beinahe erwischt.“
„Hm, na gut“, lenkte der Sergeant ein. „Aber was heißt das jetzt für uns? Müssen wir Wembury den Fall übertragen?“
„Ich werde mir diesen Fall sicher nicht nehmen lassen, Sergeant. Und es kann zweierlei bedeuten. Entweder in der geraubten Schatulle war etwas sehr Wertvolles und Lord Woodgrouse musste nun damit dafür bezahlen, dass er seinen Bruder terrorisiert hat, oder …“ Frisbee hielt inne.
„Oder was, Inspektor?“
Frisbee machte ein sehr ernstes Gesicht. „Oder der Lord hat seinen Bruder damals umgebracht und schwebt nun ebenfalls in Lebensgefahr.“
„Warum dann der Einbruch?“, wand der Sergeant ein.
„Ich nehme an, dass der Inhalt der Schatulle eine bedeutende Rolle bei dem Fall spielt.“
„Das ist gut möglich“, stimmte Baxter nachdenklich zu. „Auf jeden Fall ist der Raub gut geplant gewesen. Die Hälfte der Bediensteten war außer Haus. Das spricht für einen intelligenten Kopf. Ich weiß ja nicht schlau der Hexer damals …“ Doch seine Gedankengänge wurden jäh durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen.
Ein Mitarbeiter betrat das Büro und überreichte dem Inspektor die angeforderte Akte.
Frisbee bedankte sich und studierte sie eine zeitlang. Baxter wartete geduldig ab und ließ den Inspektor erst einmal in Ruhe lesen.
„Interessant. Lord Woodgrouse hat die Untersuchung des Todesfalles selbst angeordnet“, kam es schließlich wieder von Frisbee.
„Dann wird er seinen Bruder nicht umgebracht haben. Das wäre doch viel zu gefährlich gewesen“, schloss Baxter daraus.
„Es sei denn, dass er sicher war, dass man ihm nichts würde anhaben können. Das Ergebnis lautete schließlich auf natürlichen Tod. Obschon man im Körper des Toten Spuren von Arsen gefunden hat. Allerdings in zu geringer Dosis um tödlich zu sein. Man nahm an, dass der Fisch, den er zuvor gegessen hatte damit belastet gewesen war.“
„Ist das die einzige Unregelmäßigkeit?“
Frisbee nickte. „Ja. Zumindest was seinen Tod betrifft. Er soll vorher mehrere Male geäußert haben, dass er seine Besitztümer verschiedenen Stiftungen vermachen würde. In seinem letzten Testament jedoch war sein Bruder als Alleinerbe eingesetzt. Das scheint jetzt nach diesem Brief von ihm natürlich sehr merkwürdig.“
„Dann hat Woodgrouse jetzt die Quittung dafür erhalten, dass er damals das Testament gefälscht hat“, schlussfolgerte Baxter stolz, wurde jedoch sofort in seiner Euphorie gebremst.
„Ich glaube nicht, dass es so einfach ist, Sergeant. Mich stört immer noch das Arsen. Das Testament ist sicherlich gefälscht und vielleicht befindet sich das echte sogar in der Schatulle, aber Lord Woodgrouse ist promovierter Chemiker“, nahm Frisbee seinem jungen Kollegen den Wind aus den Segeln. „Das wird auch der Hexer wissen. Ich glaube der Lord befindet sich jetzt in Lebensgefahr. Arthur Milton hat ihn beraubt und er wird ihn auch töten. Wir müssen schnell handeln.“
„Wie alt ist Milton wohl jetzt? Existiert ein Foto von ihm?“
„Er wird wohl Mitte 60 sein. Ein Foto haben wir nicht. Nur die Beschreibung des alten Wembury. Aber selbst wenn wir eines hätten würde uns das nicht viel nützen. Der Hexer ist ein Meister der Verwandlung. Wer immer den Einbruch begangen hat muss der Hexer sein.“
Baxter war nicht vollkommen überzeugt und fand seine eigene Theorie immer noch schlüssiger. Doch widersprach er Frisbee nicht und hielt sich erstmal an das Wesentliche. „Dann kommen wir mal zu dem Einbruch zurück. Er muss vor dem Gewitter geschehen sein. Die Erdspuren im Arbeitszimmer, die die Spurensicherung gefunden hat, waren trocken.“
„Dann ist Gruner unser Mann. Er hat behauptet vor dem Gewitter den Garten beobachtet und nichts gesehen zu haben.“ Frisbee stand auf, ging zur Garderobe und nahm seinen Mantel. „Kommen Sie, Baxter.“

Kapitel 4

Als die beiden Polizeibeamten schließlich das Haus des Doktors erreicht hatten, fanden sie die Haustür unverschlossen vor.
„Es scheint, der Vogel ist ausgeflogen, Inspektor.“
„Sollte das der Fall sein bin ich sicher, dass wir im Nachbarhaus die Leiche von Woodgrouse finden werden.“
„Der Hexer hat seine Tat vollbracht und uns durch den Brief die Rechtfertigung dafür geliefert?“
„Selbstverständlich. Wir waren halt einfach zu langsam.“
Frisbee und Baxter hatten das Haus Gruners betreten und sahen sich nun darin um. Der Inspektor deutete auf die Fotos auf den Wänden. „Da haben wir den fotografischen Beweis für die Freundschaft der beiden. Wahrscheinlich haben die Brüder Woodgrouse Arthur Milton nur unter der Maske des Missionsarztes Dr. Gruner gekannt. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Hexer in die Rolle eines Mediziners geschlüpft ist. Vor 30 Jahren trat er als Polizeiarzt Dr. Lomond auf. Und er soll sich anschließend nach Australien abgesetzt haben.“
Baxter ging weiter. „Ich bin aber immer noch nicht ganz überzeugt, Inspektor. Für mich klingt das alles viel zu phantastisch. Außerdem hätte er dann ja 20 Jahre als Gruner leben müssen. Sie vergessen, dass er damals nach England emigriert ist.“
„Das ist doch durchaus möglich. Gruner ist als reisefreudig bekannt. Dem Brief des verstorbenen Lords können Sie ja entnehmen, dass sein Landhaus oft leer stand. Eine gute Tarnung und ein guter Stützpunkt wenn er mal wieder hier in England Verbrecher zu richten hatte.“
Baxter kräuselte die Nase. „Lassen wir das mal beiseite und kommen zu unserem derzeitigen Verbrechen zurück. Wie konnte der vermeintliche Hexer denn vor allen Dingen sicher sein, dass Mr. Miller nicht doch noch einmal umkehrt und ihn beim Einsteigen ins Haus erwischt?“
„Er liebt eben das Risiko.“
„Trotzdem. Mir wäre das zu unsicher.“ Der Sergeant arbeitete nun schon mehrere Jahre mit dem agilen Mittvierziger zusammen, dessen Karriere mit den Jahren langsam aber sicher in Routinearbeit erstickt war. Und er kannte auch Frisbees Ehrgeiz und rechnete es diesem zu, dass sich sein Vorgesetzter jetzt so sehr in diese Hexergeschichte hineinsteigerte, in der Hoffnung nun endlich einmal einen dicken Fisch an der Angel zu haben. Allerdings mochte und achtete der junge Mann den jovialen Inspektor viel zu sehr, um jetzt seinen Bedenken noch stärker Luft zu machen. Und so schwieg Baxter und ging lieber weiter in den Wohnraum. „Wie passt das hier denn in ihre Theorie, Inspektor?“
„Hm?“ Frisbee horchte auf und betrat nun ebenfalls das Zimmer. Es herrschte noch größere Unordnung als bei seinem gestrigen Besuch. Die Papiere, Schriftrollen und Pergamente lagen kreuz und quer im Raum verteilt, ein Beistelltisch war umgestoßen und der Arzt lag regungslos quer über seinem Schreibtisch, um seinen Hals ein Hanfseil und in der Hand ein Zweig mit rosa Blüten und runden, grünen Blättern.
„Soll ich Ihnen mal ausführen, wie es sich für mich darstellt, Inspektor?“
Frisbee schaute nachdenklich auf die Szenerie. „Bitte.“
„Der Doktor war doch ein Kalligraph, oder?“
Der Inspektor nickte.
„Dann hat er den Brief gefälscht und uns zukommen lassen um uns auf eine falsche Fährte zu locken. Er hat den Einbruch zusammen mit dem Gärtner begangen. Während Mr. Miller ins Haus eingestiegen ist stand Gruner am Gartenzaun Schmiere. Und dann kam es hier zum Streit um die Beute bei dem der Doktor den Kürzeren zog. Ich wette wir finden noch mehr Hanfseil im Gärtnerhaus.“
„Möglich. Dennoch kann ich mich Ihrer Meinung nicht anschließen. Da war in der Tat etwas, dass ich übersehen hatte.“
Baxter runzelte die Stirn. „Und das wäre?“
„Das Testament vom verstorbenen Lord Woodgrouse. Das war es, was Gruner damals gefälscht hatte. Deshalb musste er jetzt sterben. Vielleicht half er dem Lord sogar bei der Entwicklung des Gifts.“
„Mit Verlaub, Inspektor. Wird das nicht langsam zu einer fixen Idee von Ihnen?“ Der junge Sergeant musste jetzt doch das Wort ergreifen. „Halten wir uns doch lieber an etwas Handfestes. Das Testament wurde immerhin als gültig anerkannt. Die Echtheit des Briefes hingegen ist noch nicht erwiesen.“
„Ich bin sicher die Analyse wird meine Vermutung bestätigen. Mr. Miller ist der Hexer.“
„Und wie soll Mr. Miller den Einbruch begangen haben wenn Dr. Gruner bis zum Einsetzen des Regens das Haus beobachtet hat? Die Erde im Arbeitszimmer war trocken.“
„Die Lösung ist einfach. Der Hexer hatte durch Gruner nun ein Alibi. Er hat die trockene Erde selbst mitgebracht. Bestimmt hat er heimlich die Schlüssel des Butlers nachmachen lassen. Das Fenster hat er dann anschließend manipuliert damit es so aussehen sollte als wäre der Täter von draußen gekommen.“
„Na ja. So abwegig ist das natürlich nicht.“ Baxter grinste schief. „Allein sprachlich ist es ja schon von Arthur Milton zu Alan Miller nicht sehr weit.“
„Hören Sie lieber auf sich über mich lustig zu machen und verständigen Sie die Kollegen. Ich werde bei Lord Woodgrouse anrufen und mich nach seinem Wohlbefinden erkundigen. Er soll niemanden in seine Nähe lassen bis wir bei ihm sind. Dann durchsuchen wir das Gärtnerhaus. Ich bezweifle allerdings, dass wir Miller dort noch antreffen werden.“

„Wer war das, Carpenter?“ Lord Woodgrouse war in der Tat noch bei bester Gesundheit, wenn auch seit dem letzten Abend nervöser und angespannter als sonst, was ihn gleich doppelt unausstehlich machte.
„Es war der Inspektor, Mylord“, antwortete der Butler. „Er ist besorgt um Sie. Sie sollen niemanden einlassen bis er kommt.“
„Pah“, spie Woodgrouse aus. „Das hätte ich sowieso nicht getan. Ich habe ihn wieder gesehen. Sein bleiches, schmerzverzerrtes Gesicht am Fenster meines Schlafzimmers.“
„Wir wissen beide doch ganz genau, dass Ihr Bruder tot ist, Mylord. Ihre Nerven …“
Woodgrouse sprang aus seinem Sessel auf. „Was willst du damit andeuten, John?“ ereiferte er sich und packte den Butler am Kragen. „Hältst du mich etwa für verrückt? Irgendjemand spielt hier ein ganz böses Spiel. Aber nicht mit mir, verstanden? Nicht mit mir!“
Polizeisirenen ertönten.
Der Lord fand seine verlorene Fassung wieder und sank in seinen Sessel zurück. „Was ist da draußen los?“
Carpenter ging zum Fenster des Salons, zog den Vorhang etwas zur Seite und schaute hinaus. „Dr. Gruner wird auf einer Bahre aus seinem Haus getragen. Er sieht tot aus.“
„Auch das noch“, knurrte Woodgrouse.
Der Butler drehte seinen Kopf. „Und Mr. Miller wird gerade in Handschellen abgeführt. Der Sergeant trägt eine Art Schaufensterpuppe unter dem Arm und eine Gummimaske in der Hand.“
„Ich habe dem Kerl schon seit jeher misstraut. Hab ihn doch nur die Vertretung machen lassen um dem Doktor einen Gefallen zu tun. Aber Hauptsache der Spuk ist jetzt vorbei.“
Der Lord tastete an seiner Brust nach einem kleinen Schlüssel und ballte seine Faust darum. Es war der Schlüssel zu der geraubten Schatulle.
Der Butler ließ vom Fenster ab und wendete sich Woodgrouse zu. „Wünschen sie jetzt Ihren Tee, Mylord?“
„Ja. Endlich haben wir wieder Ruhe, Carpenter.“

Epilog

„Ich sage nichts ohne meinen Anwalt“, grollte Miller als man ihn abführte. Man hatte in seinem Haus tatsächlich Hanfseil gefunden. Dazu noch ein Schreiben seines Bewährungshelfers. Miller war wegen Einbruchs vorbestraft. Und man fand auch die Maske, die den verstorbenen Lord mit verzerrten Gesichtszügen darstellte.
Baxter war mit sich zufrieden. „Ich habe doch gesagt, die ganze Geschichte mit dem Hexer und der Rache aus dem Grab hinaus ist nur eine Ablenkung. Nichts für ungut für Ihre Theorie, Inspektor.“
„Ist schon okay, Sergeant.“
Frisbee schaute seinem jungen Kollegen nach als dieser Miller zum Polizeiauto brachte und hing weiter seinen eigenen Gedanken nach. Er konnte einfach das Gefühl nicht loswerden noch irgendetwas Wichtiges übersehen zu haben. Sein Blick ging vom Polizeiauto hin zum Leichenwagen, dessen Hintertür gerade mit leisem Knall zufiel. Frisbees Hand glitt in die Tasche seines Trenchcoats und förderte den kleinen Zweig zutage, den der Tote in den Fingern gehalten hatte. Er starrte die Blüte einen Moment lang an, dann kam Leben in ihn. Mit eiligen Schritten ging er zurück ins Gärtnerhaus und holte sich von dort eine Schaufel. So bewaffnet machte er sich auf in den Park von Woodgrouse Hall. Er orientierte sich kurz und ging dann zielstrebig in die Richtung der Fensterfront des Arbeitszimmers. Nicht weit von dieser entfernt stand ein Baum mit rosafarbenen Blüten. Gestern Abend war der Inspektor schon einmal an diesem vorbeigekommen. Nun beugte er sich zu dem kleinen Schild hinab, das vor dem Baum angebracht worden war. Cercis siliquastrum, Judasbaum. Die Erde um den Baum herum war vor kurzem noch bewegt worden. Frisbee zögerte nicht das mitgebrachte Werkzeug zu benutzen und fing an zu graben. Da die Erde von dem Gewitterschauer noch aufgeweicht war ging ihm diese Arbeit leicht von der Hand. Dass er da nicht eher drauf gekommen war. Gruner war genauso gestorben wie Judas im Matthäus-Evangelium, mit einem Strick. Schon nach wenigen Spatenstichen wurde Frisbee fündig und stieß auf einen unförmigen, länglichen Gegenstand. Vorsichtig legte er ihn weiter frei. Es war die Leiche des Butlers. Auch er hatte ein Hanfseil um den Hals geschlungen. Anders als der Doktor schien er allerdings schon seit mehreren Tagen tot zu sein. Zwei Verräter, hingerichtet wie Verräter. Der langjährige Reisegefährte von Lord Woodgrouse Doktor Ephraim Gruner, der das Testament gefälscht, und sein getreuer Butler John Carpenter, der ihm im Auftrag seines Bruders das Gift verabreicht hatte. Fluchend sprang Frisbee auf, alarmierte die anderen Beamten und brach dann die Tür von Woodgrouse Hall auf. Doch es war zu spät. Als man Lord Woodgrouse im Sessel in seinem Salon fand war der Brudermörder schon tot. In der Hand, die auf seinem Schoß lag, hielt er eine Teetasse und auf der Kommode neben ihm stand die gestohlene Schatulle aus dem Safe. Sie war geöffnet und enthielt eine Phiole, die eine trübe Flüssigkeit umschloss. Es war das von Lord Woodgrouse und Dr. Gruner entwickelte Gift, das nun beide Brüder dahingerafft hatte. Von Arthur Milton fehlte jede Spur.
 

Marc Freund

Mitglied
Hallo Thorsten,

nach wie vor gefällt mir deine Wallace-like-Story ausgezeichnet, weil sie einfach viele Wallace-typische Elemente enthält und dadurch auch die wohlige Atmosphäre schafft.

Ein paar Dinge sind mir aufgefallen, die ich nachstehend mal aufführe:

Donner grollte als der ältliche Lord Woodgrouse die Tür zu dem Arbeitszimmer seines Anwesens aufschloss. Als er die Tür aufschloss wurde der
[blue]Die Begriffe "Tür" und "aufschloss" folgen zu dicht aufeinander.[/blue]

Seine Worte waren natürlich eine höfliche Untertreibung, hatte doch der Herr des Hauses ihn nicht einfach nur gerufen, sondern er hatte schon richtig nach ihm gebrüllt.
[blue]... nicht einfach nur gerufen, sondern regelrecht gebrüllt.[/blue]


Der Butler runzelte die Stirn und schaute in das Zimmer. Zuerst entdeckte er nichts Verdächtiges, schon gar kein Kapitalverbrechen. Es hätte dazu ja schließlich eine Leiche gebraucht, die beim besten Willen nicht auszumachen war.
[blue]Eine Leiche ist keine Voraussetzung für ein Kapitalverbrechen. Ich würde den Satz mit der Leiche einfach weglassen. Auf mich wirkt er hier irritierend.[/blue]

„Nun werden sie mal nicht frech. Sie kennen meine Verbindungen. Noch mehr von Ihrer Impertinenz und [strike]s[/strike][blue]S[/blue]ie stehen wieder am Trafalgar Square...
„Überrascht sie das? Wir wohnen
[blue]Sie[/blue]


Suchen sie die und sie haben ihre Räuber. Ich helfe ihnen dann auch gerne beim Aufknüpfen derselbigen.
[blue]Sie und Ihnen groß[/blue]


Woodgrouse nahm seinem Diener das Messer aus der Hand, umklammerte es fest und stach es dann wie zur Untermauerung seiner Worte mit voller Kraft in die hölzerne Arbeitsplatte wo es leicht zitternd stecken blieb.
[blue]Ich würde ihn das Messer hinein rammen lassen. Stechen passt m. E. hier nicht..[/blue]


„Ich hoffe Sie stören sich nicht an der Unordnung hier. Sie haben mich gerade bei der Ausübung meines Hobbys gestört“, entschuldigte sich der Doktor und ging in einen der Wohnräume.
[blue]Zwei Dinge:
1)Wortdoppel "stören"
2) Die Aussage Gruners, dass ihn der Inspektor gerade gestört hat, ist meiner Meinung nach keine Entschuldigung, sondern eher ein Vorwurf.[/blue]

Das spricht für einen intelligenten Kopf. Ich weiß ja nicht schlau der Hexer damals …“
[blue]Klingt so, als würde hier etwas fehlen..[/blue]


Viele Grüße,

Marc
 

Billyboy

Mitglied
Hallo Thorsten,

ich möchte auch einige Bemerkungen zu Deinem Text machen, meine Hinweise sind bestimmt nicht vollständig, sondern stehen beispielhaft für bestimmte Dinge, die ich erwähnen möchte.

Donner grollte[red],[/red] als der ältliche Lord Woodgrouse die Tür zu dem Arbeitszimmer seines Anwesens [red]aufschloss. Als er die Tür aufschloss[/red]
[blue]Als er die Tür öffnete[/blue]

Wie von eben diesem getroffen blieb der Lord, der ansonsten gar nicht so schreckhaft war, im Türrahmen
[blue]blieb der Lord, ansonsten gar nicht schreckhaft, im Türrahmen[/blue]

Ewigkeit zu vergehen[red],[/red] bis endlich sein Butler
Seine Worte waren natürlich eine höfliche Untertreibung, hatte doch der Herr des Hauses ihn nicht einfach nur gerufen, sondern er hatte schon richtig nach ihm gebrüllt.
Das wissen wir doch schon, Du hast ja deutlich und mehrmals beschrieben, wie der Lord den Butler laut ruft.

Ein Kapitalverbrechen!“
Der Butler runzelte die Stirn und schaute in das Zimmer. Zuerst entdeckte er nichts Verdächtiges, schon gar kein Kapitalverbrechen
hatte ich schon im Forum darauf hingewiesen: ein Kapitalverbrechen ist per Definition ein Tötungsdelikt am Menschen, es kommt nicht von Kapital oder Geld oder Wert oder dergleichen. Da hat Marc in seinem Hinweis leider nicht recht.

und öffnete [strike]sich[/strike] seinen Kragen. Neben seiner körperlichen Verfassung schienen auch seine Umgangsformen gelitten zu haben. „Nun steh nicht so herum, John,
John? der Butler heißt doch Carpenter, Butler werden i.d.R. beim Vornamen genannt, also ist Carpenter entweder ein ungewöhnlicher Vorname oder der Nachname, dann immer John. Aber Butler heißen nicht John.

ein offener Brustkorb[red],[/red] aus dem man das Herz herausgerissen [strike]hätte[/strike]
[blue]hatte[/blue]

Während der Diener sich entfernte[red],[/red] fühlte Woodgrouse wie eine kalte Hand nun tatsächlich nach seinem Herzen zu greifen schien.
[blue]fühlte der alte Lord eine kalte Hand nach seinem Herzen greifen[/blue]

Er wusste nicht[red],[/red] wie lange er in der Stellung eines bleichen Denkmals
ich werde jetzt keine Kommafehler mehr bringen, aber die fehlenden Kommta sind sicher korrigierbar.

Schwärze umfing seine Gedanken.
[blue]Dunkelheit umfing seine Sinne.[/blue] oder

[blue]Er schien in ein großes schwarzes Loch zu fallen.[/blue]

Demnächst kommen weitere Hinweise, ich arbeite mich Schritt für Schritt durch.
 
Erst einmal vielen Dank für eure Korrekturvorschläge. Da kann man mal sehen wieviel einem selbst beim Durchschauen immer noch durchgeht. Ein paar Anmerkungen habe ich aber auch.

1.) Das doppelte [red]aufschließen[/red] ist in der Tat ein Fehler, der mir gestern Abend selbst schon aufgefallen ist. Ich wollte beim zweiten Mal bestimmt [blue]aufstieß[/blue] schreiben und war mit den Gedanken irgendwie woanders. Sind sich ja auch ziemlich ähnlich die Worte.

2.) Den Satz mit der [red]Leiche[/red] habe ich extra eingefügt weil Billyboy nach dem Lesen der ersten Fassung angemerkt hatte, dass Kapitalverbrechen immer ein Tötungsdelikt wäre. Aber ihr habt wohl beide Recht, dies sagt mir wikipedia:

(...)Ursprünglich bezeichnete der Begriff mit dem Verlust des Lebens zu ahndende Straftaten.

Da der Begriff Kapitalverbrechen in der heutigen Kriminalistik und Rechtswissenschaft nicht mehr verwendet wird, existiert keine klare Definition.(...)
Da die Geschichte aber vor über 50 Jahren spielt denke ich auch, dass man die ursprüngliche Definition anwenden und den Satz mit der Leiche drin lassen sollte. Zumal damals die Todesstrafe in England ja noch galt. Wahrscheinlich wurde auch so etwas wie Landesverrat oder dergleichen ebenfalls noch mit dem Tod geahndet, so dass die Leiche wohl nicht zwangsläufig aber doch am häufigsten Tatbestandteil ist.

3.) Das kommt davon, wenn man in der Fassung [red]ohne groß geschriebene Höflichkeitsanreden[/red] geschrieben hat, da entgehen einen beim Korrigieren dann doch ein paar.

4.) Was [blue]Gruners Aussage zum Inspektor zwecks der Unordnung[/blue] betrifft so ist denke ich beides möglich und hängt wohl vom Charakter des Doktors ab ob er sich für die Unordnung entschuldigt oder sich vom Inspektor bei seinem Hobby gestört sieht. Da der Lord ja schon recht unausstehlich ist, denke ich, dass Gruner durchaus höflich reagieren kann um einen Gegensatz zu schaffen.

5) An der zitierten Stelle fehlt tatsächlich etwas (deshalb die "..."). Das Klopfen und die Ankunft der Akte unterbrechen Baxters laut ausgesprochenen Gedankengänge.

6) Zur [blue]Anrede des Butlers[/blue]: Der Butler heißt in der Geschichte John (= Vorname) Carpenter (= Nachname). Ich kenne genug Filme in denen Butler mit Nachnamen angeredet werden (Beddoes in "Mord im Orientexpress", Barnstable in "Tod auf dem Nil", Cavendish in "Moonraker", Jennings in "Gosford Park"). Besonders Gosford Park würde ich in der Hinsicht als gute Quelle betrachten, da sich der Film hauptsächlich mit dem "Oben" (= Herrschaften) und "Unten" (= Dienstpersonal) in einem Herrenhaus beschäftigt (alle Diener und Lakaien unterhalb des Butlers und der Kammerdiener werden dort übrigens mit Vornamen angeredet). Selbst in der deutschen Wallace-Reihe gibt es den "Todesbutler" Parker (in "Das Rätsel der roten Orchidee"), allerdings auch Ambrose in "Zimmer 13", was wiederum ein Vorname ist. Meine sonstige Recherche zu dem Thema im Internet hat leider noch nichts Definitives gebracht. Oder kennst du eine Quelle, die das mit dem Vornamen für Butler belegt? Und warum sollten Butler nicht John heißen? Bis auf Weiteres werde ich also erstmal bei der derzeitigen Fassung bleiben, in der der Lord seinen Butler mit Carpenter anspricht, bzw. in den Szenen wo er die Fassung verliert und auf die frühere Vertrautheit der beiden angespielt werden soll als er noch kein Lord war, zum unstandesgemäßen John wechselt. Bei ausreichenden Gegenargumenten bin ich aber durchaus für Änderungen offen.

7.) Bei allen weiteren Anmerkungen, bzw. gefundenen Fehlern stimme ich euch zu und werde sie bei Gelegenheit korrigieren.
 

Billyboy

Mitglied
Judasbaum

„Sie müssen umgehend die Polizei verständigen. Ein Kapitalverbrechen!“
Der Butler runzelte die Stirn und schaute in das Zimmer. Zuerst entdeckte er nichts Verdächtiges, schon gar kein Kapitalverbrechen.
Worum es mir hier geht ist die unstimmige Wortwahl: kein Mensch redet so, wenn er gerade einen Einbruch und den Diebstahl höchst wichtiger Dokumente bemerkt hat. Auch die Reaktion des Butlers und dessen Gedanke "Kapitalverbrechen" paßt so nicht. Abgeshen davon, daß auch nach Deiner Definition ein Einbruch und ein Raub kein Delikt ist, welches mit dem Tode bestraft und deshalb als Kapitalverbrechen bezeichnet wird. ´

Bei dem Butler (Anrede) werde ich selber gerade unsicher. Ich werde das recherchieren und dann posten.
 
Ein weiteres Beispiel für den Nachnamen bei einem Butler wäre auch Barrymore bei Conan Doyles "Der Hund von Baskerville". Allerdings gibt es wie du selbst sagst natürlich auch Filme und Bücher in denen Butler/Diener mit Vornamen angeredet werden.

Der Lord übertreibt halt mit seinem Worten zu dem Raub und der Butler reagiert verwirrt. Wenn dir eine bessere Übertreibung einfällt, dann nur her damit. Auf jeden Fall ist das ein Fehler, den der Lord absichtlich macht. Die Reaktion des Butlers ist ja deswegen zur Erklärung eingefügt. In der ersten Fassung fehlte diese Stelle ja.
 

Billyboy

Mitglied
Judasbaum

[blue]"Rufen Sie die Polizei! Etwas Schreckliches ist geschehen!" Er wies mit der Hand ins Innere des Arbeitszimmers.
Neugierig trat der Butler näher, aber erst im Lichtschein des nächsten Blitzes bemerkte er den geöffneten und leeren Safe.[/blue]

So etwa könnte die Szene beschrieben werden. ich habe jetzt aber nicht auf Übergänge zu den anderen Textstellen vor- und nachher geachtet, sondern frei formuliert.
 
Inspektor Frisbee und der Judasbaum

Inspektor Frisbee und der Judasbaum

Eine Geschichte in der Nachfolge des Krimi-Altmeisters Edgar Wallace.

Kapitel 1

Donner grollte, während der ältliche Lord Woodgrouse die Tür zu dem Arbeitszimmer seines Anwesens aufschloss. Ein gefährlich zuckender Blitz erhellte das Zimmer, als sich die Tür öffnete. Und wie von eben diesem getroffen blieb der Lord, der ansonsten gar nicht so schreckhaft war, im Türrahmen stehen und rang plötzlich nach Luft.
„Carpenter!“, gellte seine bellende Stimme durch die hohen Räume von Woodgrouse Hall. „Carpenter!“, ertönte es abermals, lauter und heftiger als noch zuvor.
Endlich kam der Diener angelaufen. Er war schon etwas in die Jahre gekommen und hatte ein teigiges Gesicht. „Mylord? Sie haben gerufen?“, fragte er atemlos und spielte damit das Brüllen des Hausherrn höflich herunter.
„Wo waren sie denn so lange?“, fuhr der Lord seinen Bediensteten sogleich an. „Sie müssen umgehend die Polizei verständigen. Ein Schwerverbrechen!“
Carpenter runzelte die Stirn und schaute in das Zimmer. Zuerst entdeckte er nichts Verdächtiges, doch als ein weiterer Blitz den Raum erhellte, konnte auch er es sehen: Der Safe war aufgebrochen und ausgeräumt worden.
Woodgrouse war inzwischen auf einen nahe gelegenen Sessel zusammengesunken und öffnete sich seinen Kragen. „Nun stehen Sie nicht so herum, machen Sie schon“, befahl er barsch. „Und meine Herztropfen! Diese Aufregung…“
Der Lord stöhnte leise und starrte auf den ausgeräumten Safe, der ihm nun vorkam wie ein offener Brustkorb, aus dem man das Herz herausgerissen hatte. Während der Diener sich entfernte, fühlte der alte Woodgrouse nun tatsächlich eine kalte Hand nach seinem Herzen greifen. Ein Donnergrollen ließ ihn zur Fensterfront schauen, hinter der er eine Gestalt ausmachen konnte. Der Lord richtete sich misstrauisch auf. Der nächste Blitz offenbarte ihm schließlich die wahre Natur des unerwarteten Besuchers: ein leichenblasses, wie im Todeskampf verzerrtes Gesicht über einem dunkel gewandeten Körper. Mit ersticktem Aufschrei fiel Woodgrouse in den Sessel zurück. Dunkelheit umfing seine Sinne.

Als schließlich die Polizei eintraf, hatte sich der Lord schon wieder soweit von seinem Schreck erholt, dass er den Beamten ohne groß zu zögern die Hölle heiß machen konnte.
„Inspektor, natürlich kann ich verstehen, dass alles seine Zeit braucht. Die Spurensicherung, Verhören der Verdächtigen, und so weiter. Trotzdem werden sie kaum welche haben. Sie wissen doch sicher, dass ich regelmäßig mit Ihrem Vorgesetzten Golf spiele, nicht wahr?“
„Nein, Mylord. Dieser Umstand war mir bis jetzt entgangen“, antwortete der Inspektor freundlich.
„Nun gut. Dann wissen Sie es eben jetzt. Wenn Sie in den nächsten Tagen keine Ergebnisse vorweisen können, dann werde ich jedenfalls veranlassen, dass Sie von diesem Fall abgezogen werden und ein fähigerer Mann die Ermittlungen übernimmt. Haben wir uns verstanden, Inspektor… Wie war noch gleich Ihr Name?“
„Frisbee“, stellte sich der Inspektor noch einmal vor. „Wir haben uns vollkommen verstanden. Und ich will auch gar keine Zeit verlieren. Ihre Auskünfte waren schon sehr hilfreich und während die Spurensicherung ihre Arbeit tut, würde ich gerne jetzt mit Ihren Dienstboten sprechen. Es wäre überdies sehr hilfreich, wenn Eure Lordschaft derweil eine genaue Aufstellung der fehlenden Gegenstände anfertigen würden.“
Woodgrouse nickte und gab einen leicht grunzenden Laut von sich. „Sie können den Salon für die Verhöre benutzen.“
Gemeinsam begaben sie sich in den Salon. Der Lord setzte sich an den Tisch und begann zu schreiben, während Frisbee sich dem herbeigerufenen Diener zuwandte, der nun in korrekter Haltung vor ihm stand.
„Sie heißen also John Carpenter und sind schon länger in den Diensten der Familie?“
„Ja, Sir. Fast 30 Jahre. Der ältere Bruder des jetzigen Lords hat mich noch eingestellt. Ruhe er in Frieden. War ein feiner Herr, immer höflich und freundlich. Die Güte in Person.“
Frisbee zog die Augenbrauen hoch. „Wollen Sie damit sagen, dass sich das Arbeitsklima hier seitdem verändert hat?“
„Inspektor!“, fuhr sogleich die keifende Stimme des Lords dazwischen.
Frisbee räusperte sich. Es war wohl ein Fehler, die Gespräche im Beisein des Dienstherrn zu führen. „Nun, darum geht es ja auch gar nicht. Kommen wir zu dem Raub. Sie haben einen Generalschlüssel und somit Zugang zu allen Räumen?“
„Natürlich, Inspektor. Ich weiß auch worauf Sie hinauswollen. Doch spätestens am Safe hätte auch ich kapitulieren müssen.“
„Man wird sehen. Wo waren Sie, nachdem der Lord das Arbeitszimmer zuletzt verlassen hat?“
„Ich habe im Salon den Tee serviert und war danach in der Küche bis ich die Rufe seiner Lordschaft gehört habe.“
„Gehört?“, brummte Woodgrouse wieder in die Unterhaltung hinein. „Ein Hörgerät brauchen Sie, Carpenter. Die Küche ist doch wohl nah genug. Es ist derselbe Flur.“
„Oh, verzeihen Sie“, kam die eloquente Antwort des Dieners. „Ich meinte natürlich die Waschküche. Diese Ungenauigkeit war mein Fehler.“
„Mhm.“ Frisbee notierte sich alles. „Das wäre es dann erst einmal. Sie können gehen und dem Gärtner Bescheid sagen.“
Carpenter neigte demütig sein Haupt und entfernte sich dann so lautlos, wie es sich für solche dienstbaren Geister schickte.
Der Lord erhob sich und reichte Frisbee das so eben erstellte Schriftstück. Der Inspektor ließ kurz seinen Blick darüber schweifen. „Diese kleine Mahagonischatulle, was befindet sich darin?“
„Nichts“, so lautete die harte Antwort seines grauhaarigen, faltigen Gegenübers. „Es ist ein Erinnerungsstück. Nichts weiter. Hat einen sehr großen ideellen Wert für mich. Ich muss es zurückbekommen.“
„So? Der Rest des Safeinhaltes scheint viel wertvoller zu sein.“
Ein böser Blick traf den Inspektor. „Ich sagte bereits, dass es einen großen ideellen Wert hat. Das Materielle ist ersetzbar. Erinnerungen nicht.“
„Soviel Romantik hätte ich Eurer Lordschaft ehrlich gesagt gar nicht zugetraut.“
„Nun werden Sie mal nicht frech. Sie kennen meine Verbindungen.“ Woodgrouse schaute den Inspektor hart an. Seine Augen waren mitleidlos. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe doch meine Pflicht nun getan, oder?“
„Fürs Erste, Mylord“, nickte Frisbee, faltete das Blatt Papier und steckte es in seine Brusttasche.

Kapitel 2

Auf dem Flur stieß Woodgrouse fast mit seinem Gärtner zusammen. Der Lord ließ sein übliches missgünstiges Grunzen vernehmen und ging seiner Wege, während der Gärtner an die Tür des Salons klopfte und selbigen dann betrat. Inspektor Frisbee blickte dem vierschrötigen Mann freundlich entgegen. „Alan Miller, nicht wahr?“
„Genau der.“ Miller hatte eine tiefe, dunkle Stimme. „Aber bitte machen Sie es kurz. Ich stecke bis zum Hals im Dreck. Das Gewitter hat einen Großteil des Parks verwüstet.“
„Keine Sorge. Ich habe nur ein paar Fragen. Wo waren Sie zum Beispiel während des Gewitters?“
„Im Gärtnerhaus natürlich. Wenn es draußen schüttet, kann ich nicht arbeiten. Und ich habe auch keine große Lust, mich von einem Blitz erschlagen zu lassen.“
„Das habe ich auch nicht vermutet. Waren Sie allein?“
„Überrascht sie das? Wir wohnen hier recht einsam. Oder hätte ich mir ein leichtes Mädchen aus der Stadt kommen lassen sollen, nur um ein Alibi zu haben? Hätte ich natürlich gerne gemacht, wenn ich das alles vorher gewusst hätte. Habe ich aber nicht. Pech für uns beide was?“ Miller lachte freudlos.
„Scheinbar.“ Frisbee blieb unbeeindruckt. „Haben Sie vielleicht irgendetwas Verdächtiges im Park bemerkt?“
„Nein. Nur eine düstere Regenfront. Und der Garten sieht auch aus, als wäre eine ganze Mongolenherde durchgeritten. Suchen Sie die und Sie haben ihre Räuber. Ich helfe Ihnen auch gerne beim Aufknüpfen der Bande.“
„Danke. Ich werde darauf zurückkommen.“ Frisbees Blick ging zur Tür, an der ein junger, dunkelhaariger Mann stand und dem Inspektor ein Zeichen gab. „Danke, Mr. Miller.“
Frisbee ging zu dem jungen Mann und Miller verließ das Zimmer.
„Ein ziemlich derber Kerl, was?“, grinste der Dunkelhaarige dem Inspektor zu.
„Sie sagen es, Sergeant Baxter. Was gibt es denn?“
„Der Einbrecher ist durch das Fenster gekommen, sagt die Spurensicherung. Ein Profi, wie es aussieht.“
„Dann wollen wir doch schnell mal in den Garten bevor unser feinsinniger Freund auch noch die paar Spuren vernichtet, die das Gewitter übrig gelassen hat.“
Frisbee verließ den Raum. Baxter folgte schmunzelnd.

Während die Beamten in den Park des Anwesens gingen, war Woodgrouse seinem Diener in die Küche gefolgt.
„Wünschen Sie etwas, Mylord?“ Carpenter schaute nicht auf. Er schnitt gerade Tomaten.
Woodgrouse ging zu ihm hin, hob seinen Arm, in dem er eine Reitgerte hielt und ließ zwei schnelle Schläge auf den Rücken des anderen niedergehen. Der Diener verzog keine Miene, wehrte sich nicht und protestierte auch nicht. Er drehte sich langsam um.
„Du warst es!“, bellte der Lord, die Etikette nun vollends hinter sich lassend. „Du kennst den Inhalt der Schatulle doch genau! Du hast einen Generalschlüssel! Sag es mir jetzt ins Gesicht, wenn du mich erpressen willst, du Hund!“
„Ich war es nicht, Mylord. Auch bin ich bislang mit meiner Entlohnung auch immer zufrieden gewesen. Wenn Eure Lordschaft es aber unbedingt wünschen, dass ich mehr bekomme, dann…“
Ein weiterer Hieb mit der Reitgerte folgte. Carpenter blieb auch jetzt regungslos.
„Ich war Ihnen damals schon loyal, als Sie noch im Schatten ihres Bruders standen, und bin es auch heute noch, Mylord.“
„Dann solltest du dich nicht erdreisten, vor dem Inspektor solche infamen Reden zu schwingen!“
„Immerhin habe ich wie befohlen Ihre Phantasterei von der Leiche Ihres Bruders am Fenster verschwiegen.“
Der Lord nahm den Einwand zur Kenntnis, schien aber trotzdem nicht beruhigt. Fast schon im Gegenteil. „Wehe ich komme dir auf die Schliche und du warst es doch, dann bringe ich dich um!“
Woodgrouse nahm seinem Diener das Messer aus der Hand, umklammerte es fest und rammte es dann wie zur Untermauerung seiner Worte mit voller Kraft in die hölzerne Arbeitsplatte, in der es leicht zitternd stecken blieb. Dann wandte er sich um und verließ die Küche.
Mit einem leichten Lächeln auf dem Gesicht zog Carpenter das Messer wieder aus der Platte. Dann schaute er aus dem Küchenfenster, an dem gerade die beiden Polizeibeamten vorbei gingen.
„Sehr dürftig das Ganze, Inspektor“, urteilte der junge Baxter.
„Dürftig?“, erwiderte Frisbee irritiert. „Ich finde diesen Teil des Parks im Gegenteil sehr üppig und recht exotisch. Der Baum dort hinten zum Beispiel stammt aus dem Mittelmeerraum.“
„Eigentlich meinte ich eher unsere Ausbeute“, stellte der junge Sergeant klar.
„Ach so, ja. Die ist in der Tat sehr dürftig. Und es ist auch im höchstem Maße verdächtig, dass der Gärtner mit seiner Aufräumaktion genau in dem Teil des Parks begonnen hat, in dem auch das Beet vor dem Arbeitszimmer liegt.“
„Natürlich. Das habe ich auch schon gedacht. Es war wohl ein Fehler, den Park nicht sofort abzusperren.“
Frisbee seufzte leise. Das war nun schon der zweite Fehler, der ihm bei dieser Untersuchung unterlaufen war. Er wurde wohl langsam alt und sein Geist durch die alltägliche Routinearbeit träge. „Immerhin bleiben uns ja noch die Fußspuren am Zaun zum Nachbargrundstück. Wer wohnt dort?“
„Moment.“ Im Weitergehen blätterte Baxter in seinen Notizen. „Ah, da. Ein Literaturwissenschaftler. Lucius Grant. Vor kurzem in den Adelsstand erhoben. Werden Sie ihn aufsuchen?“
„Genau das hatte ich jetzt vor. Sie kommen hier doch allein zurecht, Sergeant, oder?“
„Selbstverständlich“, lächelte Baxter. Dann trennten sich ihre Wege und alles, was der Sergeant noch hinter sich vernahm, waren die immer leiser werdenden Schritte des Inspektors auf dem Kiesweg.

Das Haus von Sir Lucius konnte bei weitem nicht mit dem Anwesen von Lord Woodgrouse mithalten. Es war klein und kompakt, bestach aber durch ausgezeichnete Schmiedearbeiten an Tür, Fenstern und Dach. Der Hausherr öffnete selbst als Inspektor Frisbee klingelte. Jedenfalls schloss der Polizeibeamte dies aus der geschmackvollen und teuer aussehenden Kleidung des blassen, hoch gewachsenen Mannes.
„Sie wünschen?“, kam eine näselnde, fast unwirklich klingende Stimme aus einem schmallippigen Mund.
„Ich bin Inspektor Frisbee von Scotland Yard.“ Er zeigte seine Dienstmarke vor. „Ich hätte einige Fragen an Sie. In der Nachbarschaft wurde eingebrochen. Sie sind Sir Lucius Grant?“
Sir Lucius nickte knapp. „Kommen Sie herein.“
„Danke.“
Frisbee folgte dem Hausherrn in die Eingangshalle und schaute sich dort mit beruflicher Neugier um. Die Einrichtung war modern zu nennen. Kalter Stahl und kräftige Farben dominierten die Szenerie. An den Wänden hingen zahlreiche Fotos. Sie zeigten Sir Lucius zusammen mit einem älteren, wettergegerbten Mann im Hafen von Sydney und im australischen Outback. Die Bilder mussten schon vor einiger Zeit aufgenommen worden sein, denn Sir Lucius fehlten noch die grauen Schläfen, die ihm nun eine Art von Erhabenheit verliehen.
„Ich hoffe, Sie nehmen keinen Anstoß an der hier herrschenden Unordnung. Sie treffen mich gerade bei der Ausübung meines Hobbys an“, entschuldigte sich Sir Lucius und ging in einen der Wohnräume.
„Keine Sorge“, entgegnete Frisbee sofort und schaute sich auch dort um. Zahlreiche Schriftrollen lagen auf den Kommoden und den Sitzgelegenheiten während sich auf dem Tisch ein Vergrößerungsglas und ein hochwertiges Schreibset komplett mit Feder und verschiedenen Arten von Tinte befanden.
„Wie im Skriptorium eines Klosters“, murmelte der Inspektor.
Sir Lucius nickte. „Ja, so ähnlich. Ich betreibe in meiner Freizeit Kalligraphie. Und ich habe viel davon. Aber nun zu Ihren Fragen bitte.“
„Gerne. Haben Sie während des Gewitters oder in der Stunde davor irgendetwas Verdächtiges gehört oder gesehen?“
„Während des Gewitters beim besten Willen nicht. Da habe ich mich hier im Hause verkrochen. Ich bin sehr schreckhaft was laute Geräusche angeht. Und vor dem Gewitter ist der Einbruch bestimmt nicht passiert.“
„Was macht Sie da so sicher?“
„Ich war vor dem Regenguss noch im Garten und habe am Zaun mit dem Gärtner von Lord Woodgrouse ein paar Worte gewechselt. Mr. Miller ging schließlich zurück zum Gärtnerhaus, doch ich blieb draußen, bis es anfing zu regnen. Diese Seite des Anwesens war in der ganzen Zeit vollkommen ruhig. Das kann ich Ihnen sogar beeiden, Inspektor.“
„Und wenn der Täter auf der anderen Seite in das Haus eingestiegen ist?“
„Ach“, winkte Sir Lucius ab. „Warum sollte er denn? Der Safe befindet sich auf dieser Seite des Anwesens. Warum sollte er es riskieren, beim Herumschleichen im Haus entdeckt zu werden, anstatt den kürzesten Weg zu nehmen? Außerdem ist das Arbeitszimmer immer verschlossen wenn sich niemand dort befindet.“
Frisbee hob seine Augenbrauen. Das war bei ihm immer ein Ausdruck von besonderer Aufmerksamkeit. „Sie kennen sich bei Lord Woodgrouse scheinbar genauso gut aus wie in den Gedankengängen eines Einbrechers.“
Sir Lucius schien die Spitze überhört zu haben und blieb ruhig. „Ich bin eben ein alter Freund der Familie. Wir sind schon viele Jahre Nachbarn. Ich kannte ja auch noch Edward Woodgrouse, den früheren Lord. Bin viel mit ihm umher gereist.“
„Dann ist er der Mann auf den Bildern in der Halle?“
„Ja.“
„Deshalb kam er mir wohl auch so vertraut vor.“
„Die Familienähnlichkeit zu seinem jüngeren Bruder Woodrow ist auch sehr ausgeprägt“, bestätigte Sir Lucius. „Äußerlich jedenfalls. Charakterlich trennte sie viel.“
„Das habe ich schon gehört“, nickte Frisbee leicht. „Aber zurück zu Ihnen. Sie sind mit Mr. Miller ebenfalls gut bekannt?“
„Natürlich“, kam es ohne zu zögern von seinem Gesprächspartner. „Alan Miller ist schließlich mein Angestellter. Er ist derzeit nur an Lord Woodgrouse ausgeliehen, weil der Gärtner seiner Lordschaft im Krankenhaus liegt. Es war ein Verkehrsunfall mit Fahrerflucht.“
„Verstehe. Ist er bei Ihnen denn schon länger in Diensten?“
„Nein. Auch erst wenige Wochen.“
„Dann würden Sie Ihre Hand nicht für ihn ins Feuer legen?“
„Er war bisher stets fleißig und verlässlich. Mehr kann ich über ihn nicht sagen. Und Einbrechen hätte er ja schließlich auch schon bei mir können. Ich bin auch nicht ganz unvermögend. Dass er einmal bei Lord Woodgrouse arbeiten würde, war ja nicht abzusehen.“
„Ein berechtigter Einwand“, gab Frisbee zu. „Das wäre es dann auch fürs Erste. Danke.“
„Ich bringe Sie noch zur Tür, Inspektor.“
Das tat Sir Lucius dann auch. Anschließend ging er rasch zu seinem Telefon und wählte hektisch eine Nummer.

Kapitel 3

Als Inspektor Frisbee am nächsten Morgen sein Büro betrat, lag auf seinem Schreibtisch schon ein Kuvert, auf dem sein Name stand, sowie eine Notiz des Pförtners, dass ein Junge dies vor einer Stunde für ihn abgegeben hatte. Frisbee setzte sich, nahm das Kuvert, öffnete es und entnahm ihm einen Brief.
„Ein Liebesbrief, Inspektor?“ Der junge Sergeant Baxter war hinzugetreten. Sie wollten zusammen den Fall und die bisherigen Ergebnisse besprechen.
„Nein. Wer sollte mir auch schon einen Liebesbrief schicken. Außer Ihnen natürlich.“
Baxter grinste. „Auch wieder wahr. Was ist es denn dann?“
„Ein Brief des verstorbenen Lord Edward Woodgrouse an einen Bekannten in Australien.“
„Oh, wie unheimlich. Eine Nachricht aus der Gruft. Was schreibt er denn?“
„Mein lieber Freund“, las Frisbee vor. „Ich wünschte du wärst jetzt hier. Die Stimmung im Haus wird von Tag zu Tag erdrückender. Woodrow schleicht mit düsterer Miene umher. Seine neue Freundlichkeit mir gegenüber ist zu übertrieben, um glaubhaft und echt zu wirken. Ich war nie besonders furchtsam, doch nun fühle ich mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Wenn mich die Geschäfte nicht hier halten würden, wäre ich schon längst zu dir nach Sydney gereist. Doch wahrscheinlich würde mein Bruder mir auch dorthin folgen. Kann ich dich nicht doch überreden nach England zurück zu kommen? Ich sitze gerade vor dem Fenster und schaue zum Nachbarhaus. Unheimliche Schatten scheinen dort drüben ihr Unwesen zu treiben. Dabei weiß ich doch ganz genau, dass es schon seit Kriegsbeginn leer steht. Der Krieg ist mittlerweile vorbei und noch immer ist es nicht wieder bezogen. Dabei könnte ich gerade jetzt mehr vertraute Gesichter um mich gebrauchen. Bitte komm zurück nach England, alter Freund, ich werde hier sonst noch wahnsinnig“, schloss der Inspektor und schaute auf das Datum. „Geschrieben vor zwei Jahren. Kurz darauf muss er wohl verstorben sein.“
„Aus Angst?“
„Wir werden sehen, Baxter. Soweit ich weiß gab es damals eine gerichtliche Untersuchung.“ Frisbee griff zu seinem Telefon und wählte die Nummer des Archivs. Dort forderte er die Akte Woodgrouse an. Als er auflegte fiel sein Blick auf den Boden. „Holla! Was haben wir denn da?“
Der Inspektor beugte sich hinunter und hob es auf.
Baxter runzelte die Stirn. „Was ist es?“
„Eine Art Visitenkarte. Muss wohl beim Öffnen des Briefes hinuntergefallen sein.“ Frisbee schaute darauf. Seine Miene versteinerte sich.
„Inspektor?“
„Lord Woodgrouse wird bezahlen, Arthur Milton.“
Baxter zeigte sich unbeeindruckt. „Hört sich nach einem Racheakt an. Fragt sich nur wer dieser Mr. Milton ist.“
„Sie kennen ihn nicht, Sergeant? Haben Sie noch nie etwas vom Hexer gehört?“
Natürlich hatte Baxter schon von diesem kriminellen Genie gehört, doch war er natürlich noch viel zu jung um Details darüber zu wissen. „Das ist doch eine alte Polizeilegende, nicht wahr?“
„Mitnichten. Fragen sie Superintendent Wembury. Oder den pensionierten Bliss. Die beiden hätten ihn vor 30 Jahren beinahe erwischt.“
„Hm, na gut“, lenkte der Sergeant ein. „Aber was heißt das jetzt für uns?“
„Es kann zweierlei bedeuten. Entweder in der geraubten Schatulle war etwas sehr Wertvolles und Lord Woodgrouse musste nun damit dafür bezahlen, dass er seinen Bruder terrorisiert hat, oder …“ Frisbee hielt inne.
„Oder was, Inspektor?“
Frisbee machte ein sehr ernstes Gesicht. „Oder Lord Woodgrouse hat seinen Bruder damals umgebracht und schwebt nun ebenfalls in Lebensgefahr.“
„Warum dann der Einbruch?“, wand der Sergeant ein.
„Ich nehme an, dass der Inhalt der Schatulle eine bedeutende Rolle bei dem Fall spielt.“
„Es liegt zumindest im Bereich des Möglichen“, stimmte Baxter vorsichtig zu. Er hatte einen nachdenklichen Ausdruck auf dem Gesicht. Doch seine Gedankengänge wurden durch ein lautes Klopfen unterbrochen.
Ein Mitarbeiter betrat das Büro und überreichte dem Inspektor die angeforderte Akte.
Frisbee bedankte sich und studierte sie eine zeitlang. Baxter wartete geduldig ab.
„Interessant. Woodrow Woodgrouse hat die Untersuchung des Todesfalles selbst angeordnet“, kam es schließlich wieder vom Inspektor.
„Dann wird er seinen Bruder nicht umgebracht haben. Das wäre doch viel zu gefährlich gewesen“, schloss Baxter daraus.
„Es sei denn, dass er sich sicher war, dass man ihm nichts würde anhaben können. Das Ergebnis lautete schließlich auf natürlichen Tod. Obgleich man im Körper des Toten Spuren von Arsen gefunden hat. Allerdings in zu geringer Dosis um tödlich zu sein. Man nahm an, dass der Fisch, den er zuvor gegessen hatte, damit belastet gewesen war.“
„Ist das die einzige Unregelmäßigkeit?“
Frisbee nickte. „Ja. Zumindest was sein konkretes Ableben betrifft. Der verstorbene Lord soll vorher mehrere Male geäußert haben, dass er seine Besitztümer verschiedenen Stiftungen vermachen würde. In seinem letzten Testament war jedoch sein Bruder als Alleinerbe eingesetzt. Das scheint jetzt nach diesem Brief von ihm natürlich sehr merkwürdig.“
„Dann hat Lord Woodgrouse jetzt die Quittung dafür erhalten, dass er damals das Testament gefälscht hat“, schlussfolgerte Baxter stolz, wurde jedoch sofort in seiner Euphorie gebremst.
„Ich glaube nicht, dass es so einfach ist, Sergeant. Erinnern Sie sich an den genauen Wortlaut der Karte. Es heißt hier, dass Lord Woodgrouse bezahlen wird und nicht, dass er bezahlt hat. Außerdem stört mich immer noch das Arsen. Das Testament ist sicherlich gefälscht und vielleicht befindet sich das echte sogar in der Schatulle, aber Lord Woodgrouse ist promovierter Chemiker“, nahm Frisbee seinem jungen Kollegen den Wind aus den Segeln. „Das wird auch der Hexer wissen. Ich glaube, der Lord befindet sich jetzt in Lebensgefahr. Arthur Milton hat ihn beraubt und er wird ihn auch töten. Wir müssen schnell handeln.“
„Wie alt ist Milton wohl jetzt? Existiert ein Foto von ihm?“
„Er wird wohl Mitte 60 sein. Ein Foto haben wir nicht. Nur die Beschreibung von Wembury und Bliss. Aber selbst wenn wir eines hätten, würde uns das nicht viel nützen. Der Hexer ist ein Meister der Verwandlung. Wer immer den Einbruch begangen hat, muss der Hexer sein.“
Baxter war nicht vollkommen überzeugt, lenkte aber ein. „Nun gut. Dann kommen wir mal zu dem Einbruch zurück. Er muss vor dem Gewitter geschehen sein. Die Erdspuren im Arbeitszimmer, die die Spurensicherung gefunden hat, waren knochentrocken.“
„Dann ist Sir Lucius unser Mann. Er hat behauptet, vor dem Gewitter den Garten beobachtet und nichts gesehen zu haben.“ Frisbee stand auf, ging zur Garderobe und nahm seinen Mantel. „Kommen sie, Baxter.“

Kapitel 4

Als die beiden Polizeibeamten schließlich das Haus des Literaten erreicht hatten, fanden sie die Haustür unverschlossen vor.
„Es scheint, der Vogel ist ausgeflogen, Inspektor.“
„Sollte das der Fall sein, bin ich mir sicher, dass wir im Nachbarhaus die Leiche von Lord Woodgrouse finden werden.“
„Der Hexer hat seine Tat vollbracht und uns durch den Brief die Rechtfertigung dafür geliefert?“
„Selbstverständlich. Wir waren halt einfach zu langsam.“
Frisbee und Baxter hatten das Haus von Sir Lucius betreten und sahen sich nun darin um. Der Inspektor deutete auf die Fotos auf den Wänden. „Da haben wir die fotografischen Beweise für die Freundschaft der beiden. Wahrscheinlich haben die beiden Brüder Arthur Milton nur unter der Maske des reisefreudigen Lucius Grant gekannt.“
Baxter ging weiter. „Ich bin aber immer noch nicht ganz überzeugt, Inspektor. Für mich klingt das alles viel zu phantastisch. Wie konnte Sir Lucius denn vor allen Dingen sicher sein, dass Miller nicht doch noch einmal umkehrt und ihn beim Einsteigen ins Haus erwischt?“
„Er liebt eben das Risiko.“
„Trotzdem. Mir wäre das zu unsicher.“ Der Sergeant arbeitete nun schon mehrere Jahre mit dem agilen Mittvierziger zusammen, dessen Karriere mit den Jahren langsam aber sicher in Routinearbeit erstickt war. Und er kannte auch Frisbees Ehrgeiz und rechnete es diesem zu, dass sich sein Vorgesetzter jetzt so sehr in diese Hexergeschichte hineinsteigerte, in der Hoffnung nun endlich einmal einen dicken Fisch an der Angel zu haben. Allerdings mochte und achtete der junge Mann den jovialen Inspektor viel zu sehr, um jetzt seinen Bedenken noch stärker Luft zu machen. Und so schwieg Baxter und ging lieber weiter in den Wohnraum, wo er wie angewurzelt stehen blieb. „Wie passt das hier denn in Ihre Theorie, Inspektor?“
„Hm?“ Frisbee horchte auf und betrat nun ebenfalls das Zimmer. Es herrschte noch größere Unordnung als bei seinem gestrigen Besuch. Die Papiere, Schriftrollen und Pergamente lagen kreuz und quer im Raum verteilt, ein Beistelltisch war umgestoßen und ein Mann lag regungslos quer über dem Schreibtisch, um seinen Hals ein Hanfseil und in der Hand ein Zweig mit rosa Blüten und grünen, kreisrunden Blättern. Es war Sir Lucius Grant.
„Soll ich Ihnen mal ausführen, wie es sich für mich darstellt, Inspektor?“
Frisbee schaute nachdenklich auf die Szenerie. „Bitte.“
„Der Ermordete war doch ein Kalligraph, oder?“
Der Inspektor nickte.
„Dann hat er den Brief gefälscht und uns zukommen lassen, um uns auf eine falsche Fährte zu locken. Er hat den Einbruch zusammen mit Miller begangen. Zuerst inszenierten sie einen Unfall, um den Gärtner des Lords aus dem Verkehr zu ziehen und Miller bei ihm einzuschleusen. Während dieser dann ins Haus eingestiegen ist, stand Sir Lucius am Gartenzaun Schmiere. Und dann kam es hier zum Streit um die Beute bei dem Sir Lucius den Kürzeren zog. Ich wette wir finden noch mehr Hanfseil im Gärtnerhaus.“
„Möglich. Dennoch kann ich mich Ihrer Meinung nicht anschließen, Sergeant. Da war in der Tat etwas, dass ich übersehen hatte.“
Baxter runzelte die Stirn. „Und das wäre?“
„Das Testament des verstorbenen Lord Woodgrouse. Das war es, was Sir Lucius damals gefälscht hatte. Deshalb musste er jetzt sterben. Der Hexer hat ihn ermordet und er wird auch noch den Lord töten.“
„Mit Verlaub, Inspektor. Wird das nicht langsam zu einer fixen Idee von Ihnen?“ Der junge Sergeant musste jetzt doch das Wort ergreifen. „Halten wir uns doch lieber an etwas Handfestes. Das Testament wurde immerhin als gültig anerkannt. Die Echtheit des Briefes hingegen ist noch nicht erwiesen.“
„Ich bin sicher die Analyse wird meine Vermutung bestätigen.“
„Und wie soll Miller den Einbruch begangen haben, wenn Sir Lucius bis zum Einsetzen des Regens das Haus beobachtet hat? Die Erde im Arbeitszimmer war trocken.“
„Die Lösung ist einfach. Der Hexer hatte durch Sir Lucius nun ein Alibi. Er hat die trockene Erde selbst mitgebracht. Bestimmt hat er heimlich den Generalschlüssel des Dieners nachmachen lassen. Das Fenster hat er dann anschließend manipuliert, damit es so aussieht, als wäre der Täter von draußen gekommen.“
„Na ja. So abwegig ist das natürlich nicht.“ Baxter grinste nun leicht. „Und sprachlich ist es von Arthur Milton zu Alan Miller ja auch nicht sehr weit.“
„Hören Sie lieber auf, sich über mich lustig zu machen und verständigen Sie die Kollegen. Ich werde bei Lord Woodgrouse anrufen und mich nach seinem Wohlbefinden erkundigen. Er soll niemanden in seine Nähe lassen, bis wir bei ihm sind. Dann durchsuchen wir das Gärtnerhaus. Ich bezweifle allerdings, dass wir Miller dort noch antreffen werden.“

„Wer war das, Carpenter?“ Lord Woodgrouse war in der Tat noch bei bester Gesundheit, wenn auch seit dem letzten Abend nervöser und angespannter als sonst, was ihn gleich doppelt unausstehlich machte.
„Es war der Inspektor, Mylord“, antwortete der Diener. „Er ist besorgt um Eure Lordschaft. Wir sollen niemanden einlassen bis er kommt.“
„Pah“, spie Woodgrouse aus. „Das hätte ich sowieso nicht getan. Ich habe ihn wieder gesehen. Sein bleiches, schmerzverzerrtes Gesicht am Fenster meines Schlafzimmers.“
„Wir wissen beide doch ganz genau, dass ihr Bruder tot ist, Mylord. Eure Nerven …“
Woodgrouse sprang aus seinem Sessel auf. „Was willst du damit andeuten?“ ereiferte er sich und packte Carpenter am Kragen. „Hältst du mich etwa für verrückt? Irgendjemand spielt hier ein ganz böses Spiel. Aber nicht mit mir, verstanden? Nicht mit mir!“
Polizeisirenen ertönten.
Der Lord sank in seinen Sessel zurück. „Was ist da draußen los?“
Carpenter ging zum Fenster des Salons, zog den Vorhang etwas zur Seite und schaute hinaus. „Sir Lucius wird auf einer Bahre aus seinem Haus getragen. Er sieht tot aus.“
„Auch das noch“, knurrte Woodgrouse.
Der Butler drehte seinen Kopf. „Und Mr. Miller wird gerade in Handschellen abgeführt. Der Sergeant trägt eine Art Schaufensterpuppe unter dem Arm und eine Gummimaske in der Hand.“
„Ich habe dem Kerl schon seit jeher misstraut. Hab ihn doch nur die Vertretung machen lassen, um Lucius einen Gefallen zu tun. Aber Hauptsache der Spuk ist jetzt vorbei.“
Der Lord tastete an seiner Brust nach einem kleinen Schlüssel und ballte seine Faust darum. Es war der Schlüssel zu der geraubten Schatulle.
Carpenter ließ vom Fenster ab und wendete sich Woodgrouse zu. „Wünschen Eure Lordschaft nun den Tee?“
„Ja. Endlich haben wir wieder Ruhe, Carpenter.“

Epilog

„Ich sage nichts ohne meinen Anwalt“, grollte Miller, als man ihn abführte. Man hatte in seinem Haus tatsächlich Hanfseil gefunden. Dazu noch ein Schreiben seines Bewährungshelfers. Miller war wegen Einbruchs vorbestraft. Und man fand auch die Maske, die den alten Lord mit verzerrten Gesichtszügen darstellte.
Baxter war mit sich zufrieden. „Ich habe doch gesagt, die ganze Geschichte mit dem Hexer und der Rache aus dem Grab hinaus ist nur eine Ablenkung. Nichts für ungut für Ihre Theorie, Inspektor.“
„Ist schon okay, Sergeant.“
Frisbee schaute seinem jungen Kollegen hinterher, als dieser Miller zum Polizeiauto brachte und hing weiter seinen eigenen Gedanken nach. Er konnte einfach das Gefühl nicht loswerden, noch irgendetwas Wichtiges übersehen zu haben. Sein Blick ging vom Polizeiauto hin zum Leichenwagen, dessen Hintertür gerade mit leisem Knall zufiel. Frisbees Hand glitt in die Tasche seines Trenchcoats und förderte den Zweig zutage, den der Tote in den Fingern gehalten hatte. Er starrte die Blüte einen Moment lang an, dann kam Leben in ihn. Mit eiligen Schritten ging er zurück ins Gärtnerhaus und holte sich von dort eine Schaufel. So bewaffnet machte er sich auf in den Park von Woodgrouse Hall. Er orientierte sich kurz und ging dann zielstrebig in die Richtung der Fensterfront des Arbeitszimmers. Nicht weit von dieser entfernt stand ein Baum mit rosafarbenen Blüten. Gestern Abend war der Inspektor schon einmal an diesem vorbeigekommen, hatte ihn sogar im Gespräch mit dem Sergeant erwähnt! Nun beugte er sich zu dem kleinen Schild hinab, das vor dem Baum angebracht worden war. Cercis siliquastrum, Judasbaum. Die Erde um den Baum herum war vor kurzem noch bewegt worden. Frisbee zögerte nicht, das mitgebrachte Werkzeug zu benutzen und fing an zu graben. Da die Erde von dem Gewitterschauer noch aufgeweicht war, ging ihm diese Arbeit leicht von der Hand. Dass er da nicht eher drauf gekommen war! Sir Lucius war genauso gestorben wie Judas im Matthäus-Evangelium, mit einem Strick. Schon nach wenigen Spatenstichen wurde Frisbee fündig und stieß auf einen unförmigen, länglichen Gegenstand. Vorsichtig legte er ihn weiter frei. Es war der Leichnam des Dieners. Auch er hatte ein Hanfseil um den Hals geschlungen. Anders als Sir Lucius schien er allerdings schon seit mehreren Tagen tot zu sein. Zwei Verräter, hingerichtet wie Verräter. Der langjähriger Reisegefährte des alten Lord Woodgrouse Sir Lucius Grant, der das Testament fälschte, und sein getreuer Diener John Carpenter, der ihm im Auftrag Woodrows das Gift verabreicht hatte. Fluchend sprang Frisbee auf, alarmierte die anderen Beamten und brach dann die Tür von Woodgrouse Hall auf. Doch es war zu spät. Als man den Lord im Sessel in seinem Salon fand, war der Brudermörder schon tot. In der Hand, die auf seinem Schoß lag, hielt er eine Teetasse und auf der Kommode neben ihm stand die Schatulle aus dem Safe. Sie war geöffnet und enthielt eine Phiole, die mit einer trüben Flüssigkeit gefüllt war. Es war das von Lord Woodgrouse entwickelte Gift, das nun beide Brüder dahingerafft hatte. Von Arthur Milton fehlte jede Spur.
 
Inspektor Frisbee und der Judasbaum

Eine Geschichte in der Nachfolge des Krimi-Altmeisters Edgar Wallace.

Inspektor Frisbee und der Judasbaum

Kapitel 1

Donner grollte, während der ältliche Lord Woodgrouse die Tür zu dem Arbeitszimmer seines Anwesens aufschloss. Ein gefährlich zuckender Blitz erhellte das Zimmer, als sich die Tür öffnete. Und wie von eben diesem getroffen blieb der Lord, der ansonsten gar nicht so schreckhaft war, im Türrahmen stehen und rang plötzlich nach Luft.
„Carpenter!“, gellte seine bellende Stimme durch die hohen Räume von Woodgrouse Hall. „Carpenter!“, ertönte es abermals, lauter und heftiger als noch zuvor.
Endlich kam der Diener angelaufen. Er war schon etwas in die Jahre gekommen und hatte ein teigiges Gesicht. „Mylord? Sie haben gerufen?“, fragte er atemlos und spielte damit das Brüllen des Hausherrn höflich herunter.
„Wo waren sie denn so lange?“, fuhr der Lord seinen Bediensteten sogleich an. „Sie müssen umgehend die Polizei verständigen. Ein Schwerverbrechen!“
Carpenter runzelte die Stirn und schaute in das Zimmer. Zuerst entdeckte er nichts Verdächtiges, doch als ein weiterer Blitz den Raum erhellte, konnte auch er es sehen: Der Safe war aufgebrochen und ausgeräumt worden.
Woodgrouse war inzwischen auf einen nahe gelegenen Sessel zusammengesunken und öffnete sich seinen Kragen. „Nun stehen Sie nicht so herum, machen Sie schon“, befahl er barsch. „Und meine Herztropfen! Diese Aufregung…“
Der Lord stöhnte leise und starrte auf den ausgeräumten Safe, der ihm nun vorkam wie ein offener Brustkorb, aus dem man das Herz herausgerissen hatte. Während der Diener sich entfernte, fühlte der alte Woodgrouse nun tatsächlich eine kalte Hand nach seinem Herzen greifen. Ein Donnergrollen ließ ihn zur Fensterfront schauen, hinter der er eine Gestalt ausmachen konnte. Der Lord richtete sich misstrauisch auf. Der nächste Blitz offenbarte ihm schließlich die wahre Natur des unerwarteten Besuchers: ein leichenblasses, wie im Todeskampf verzerrtes Gesicht über einem dunkel gewandeten Körper. Mit ersticktem Aufschrei fiel Woodgrouse in den Sessel zurück. Dunkelheit umfing seine Sinne.

Als schließlich die Polizei eintraf, hatte sich der Lord schon wieder soweit von seinem Schreck erholt, dass er den Beamten ohne groß zu zögern die Hölle heiß machen konnte.
„Inspektor, natürlich kann ich verstehen, dass alles seine Zeit braucht. Die Spurensicherung, Verhören der Verdächtigen, und so weiter. Trotzdem werden sie kaum welche haben. Sie wissen doch sicher, dass ich regelmäßig mit Ihrem Vorgesetzten Golf spiele, nicht wahr?“
„Nein, Mylord. Dieser Umstand war mir bis jetzt entgangen“, antwortete der Inspektor freundlich.
„Nun gut. Dann wissen Sie es eben jetzt. Wenn Sie in den nächsten Tagen keine Ergebnisse vorweisen können, dann werde ich jedenfalls veranlassen, dass Sie von diesem Fall abgezogen werden und ein fähigerer Mann die Ermittlungen übernimmt. Haben wir uns verstanden, Inspektor… Wie war noch gleich Ihr Name?“
„Frisbee“, stellte sich der Inspektor noch einmal vor. „Wir haben uns vollkommen verstanden. Und ich will auch gar keine Zeit verlieren. Ihre Auskünfte waren schon sehr hilfreich und während die Spurensicherung ihre Arbeit tut, würde ich gerne jetzt mit Ihren Dienstboten sprechen. Es wäre überdies sehr hilfreich, wenn Eure Lordschaft derweil eine genaue Aufstellung der fehlenden Gegenstände anfertigen würden.“
Woodgrouse nickte und gab einen leicht grunzenden Laut von sich. „Sie können den Salon für die Verhöre benutzen.“
Gemeinsam begaben sie sich in den Salon. Der Lord setzte sich an den Tisch und begann zu schreiben, während Frisbee sich dem herbeigerufenen Diener zuwandte, der nun in korrekter Haltung vor ihm stand.
„Sie heißen also John Carpenter und sind schon länger in den Diensten der Familie?“
„Ja, Sir. Fast 30 Jahre. Der ältere Bruder des jetzigen Lords hat mich noch eingestellt. Ruhe er in Frieden. War ein feiner Herr, immer höflich und freundlich. Die Güte in Person.“
Frisbee zog die Augenbrauen hoch. „Wollen Sie damit sagen, dass sich das Arbeitsklima hier seitdem verändert hat?“
„Inspektor!“, fuhr sogleich die keifende Stimme des Lords dazwischen.
Frisbee räusperte sich. Es war wohl ein Fehler, die Gespräche im Beisein des Dienstherrn zu führen. „Nun, darum geht es ja auch gar nicht. Kommen wir zu dem Raub. Sie haben einen Generalschlüssel und somit Zugang zu allen Räumen?“
„Natürlich, Inspektor. Ich weiß auch worauf Sie hinauswollen. Doch spätestens am Safe hätte auch ich kapitulieren müssen.“
„Man wird sehen. Wo waren Sie, nachdem der Lord das Arbeitszimmer zuletzt verlassen hat?“
„Ich habe im Salon den Tee serviert und war danach in der Küche bis ich die Rufe seiner Lordschaft gehört habe.“
„Gehört?“, brummte Woodgrouse wieder in die Unterhaltung hinein. „Ein Hörgerät brauchen Sie, Carpenter. Die Küche ist doch wohl nah genug. Es ist derselbe Flur.“
„Oh, verzeihen Sie“, kam die eloquente Antwort des Dieners. „Ich meinte natürlich die Waschküche. Diese Ungenauigkeit war mein Fehler.“
„Mhm.“ Frisbee notierte sich alles. „Das wäre es dann erst einmal. Sie können gehen und dem Gärtner Bescheid sagen.“
Carpenter neigte demütig sein Haupt und entfernte sich dann so lautlos, wie es sich für solche dienstbaren Geister schickte.
Der Lord erhob sich und reichte Frisbee das so eben erstellte Schriftstück. Der Inspektor ließ kurz seinen Blick darüber schweifen. „Diese kleine Mahagonischatulle, was befindet sich darin?“
„Nichts“, so lautete die harte Antwort seines grauhaarigen, faltigen Gegenübers. „Es ist ein Erinnerungsstück. Nichts weiter. Hat einen sehr großen ideellen Wert für mich. Ich muss es zurückbekommen.“
„So? Der Rest des Safeinhaltes scheint viel wertvoller zu sein.“
Ein böser Blick traf den Inspektor. „Ich sagte bereits, dass es einen großen ideellen Wert hat. Das Materielle ist ersetzbar. Erinnerungen nicht.“
„Soviel Romantik hätte ich Eurer Lordschaft ehrlich gesagt gar nicht zugetraut.“
„Nun werden Sie mal nicht frech. Sie kennen meine Verbindungen.“ Woodgrouse schaute den Inspektor hart an. Seine Augen waren mitleidlos. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe doch meine Pflicht nun getan, oder?“
„Fürs Erste, Mylord“, nickte Frisbee, faltete das Blatt Papier und steckte es in seine Brusttasche.

Kapitel 2

Auf dem Flur stieß Woodgrouse fast mit seinem Gärtner zusammen. Der Lord ließ sein übliches missgünstiges Grunzen vernehmen und ging seiner Wege, während der Gärtner an die Tür des Salons klopfte und selbigen dann betrat. Inspektor Frisbee blickte dem vierschrötigen Mann freundlich entgegen. „Alan Miller, nicht wahr?“
„Genau der.“ Miller hatte eine tiefe, dunkle Stimme. „Aber bitte machen Sie es kurz. Ich stecke bis zum Hals im Dreck. Das Gewitter hat einen Großteil des Parks verwüstet.“
„Keine Sorge. Ich habe nur ein paar Fragen. Wo waren Sie zum Beispiel während des Gewitters?“
„Im Gärtnerhaus natürlich. Wenn es draußen schüttet, kann ich nicht arbeiten. Und ich habe auch keine große Lust, mich von einem Blitz erschlagen zu lassen.“
„Das habe ich auch nicht vermutet. Waren Sie allein?“
„Überrascht sie das? Wir wohnen hier recht einsam. Oder hätte ich mir ein leichtes Mädchen aus der Stadt kommen lassen sollen, nur um ein Alibi zu haben? Hätte ich natürlich gerne gemacht, wenn ich das alles vorher gewusst hätte. Habe ich aber nicht. Pech für uns beide was?“ Miller lachte freudlos.
„Scheinbar.“ Frisbee blieb unbeeindruckt. „Haben Sie vielleicht irgendetwas Verdächtiges im Park bemerkt?“
„Nein. Nur eine düstere Regenfront. Und der Garten sieht auch aus, als wäre eine ganze Mongolenherde durchgeritten. Suchen Sie die und Sie haben ihre Räuber. Ich helfe Ihnen auch gerne beim Aufknüpfen der Bande.“
„Danke. Ich werde darauf zurückkommen.“ Frisbees Blick ging zur Tür, an der ein junger, dunkelhaariger Mann stand und dem Inspektor ein Zeichen gab. „Danke, Mr. Miller.“
Frisbee ging zu dem jungen Mann und Miller verließ das Zimmer.
„Ein ziemlich derber Kerl, was?“, grinste der Dunkelhaarige dem Inspektor zu.
„Sie sagen es, Sergeant Baxter. Was gibt es denn?“
„Der Einbrecher ist durch das Fenster gekommen, sagt die Spurensicherung. Ein Profi, wie es aussieht.“
„Dann wollen wir doch schnell mal in den Garten bevor unser feinsinniger Freund auch noch die paar Spuren vernichtet, die das Gewitter übrig gelassen hat.“
Frisbee verließ den Raum. Baxter folgte schmunzelnd.

Während die Beamten in den Park des Anwesens gingen, war Woodgrouse seinem Diener in die Küche gefolgt.
„Wünschen Sie etwas, Mylord?“ Carpenter schaute nicht auf. Er schnitt gerade Tomaten.
Woodgrouse ging zu ihm hin, hob seinen Arm, in dem er eine Reitgerte hielt und ließ zwei schnelle Schläge auf den Rücken des anderen niedergehen. Der Diener verzog keine Miene, wehrte sich nicht und protestierte auch nicht. Er drehte sich langsam um.
„Du warst es!“, bellte der Lord, die Etikette nun vollends hinter sich lassend. „Du kennst den Inhalt der Schatulle doch genau! Du hast einen Generalschlüssel! Sag es mir jetzt ins Gesicht, wenn du mich erpressen willst, du Hund!“
„Ich war es nicht, Mylord. Auch bin ich bislang mit meiner Entlohnung auch immer zufrieden gewesen. Wenn Eure Lordschaft es aber unbedingt wünschen, dass ich mehr bekomme, dann…“
Ein weiterer Hieb mit der Reitgerte folgte. Carpenter blieb auch jetzt regungslos.
„Ich war Ihnen damals schon loyal, als Sie noch im Schatten ihres Bruders standen, und bin es auch heute noch, Mylord.“
„Dann solltest du dich nicht erdreisten, vor dem Inspektor solche infamen Reden zu schwingen!“
„Immerhin habe ich wie befohlen Ihre Phantasterei von der Leiche Ihres Bruders am Fenster verschwiegen.“
Der Lord nahm den Einwand zur Kenntnis, schien aber trotzdem nicht beruhigt. Fast schon im Gegenteil. „Wehe ich komme dir auf die Schliche und du warst es doch, dann bringe ich dich um!“
Woodgrouse nahm seinem Diener das Messer aus der Hand, umklammerte es fest und rammte es dann wie zur Untermauerung seiner Worte mit voller Kraft in die hölzerne Arbeitsplatte, in der es leicht zitternd stecken blieb. Dann wandte er sich um und verließ die Küche.
Mit einem leichten Lächeln auf dem Gesicht zog Carpenter das Messer wieder aus der Platte. Dann schaute er aus dem Küchenfenster, an dem gerade die beiden Polizeibeamten vorbei gingen.
„Sehr dürftig das Ganze, Inspektor“, urteilte der junge Baxter.
„Dürftig?“, erwiderte Frisbee irritiert. „Ich finde diesen Teil des Parks im Gegenteil sehr üppig und recht exotisch. Der Baum dort hinten zum Beispiel stammt aus dem Mittelmeerraum.“
„Eigentlich meinte ich eher unsere Ausbeute“, stellte der junge Sergeant klar.
„Ach so, ja. Die ist in der Tat sehr dürftig. Und es ist auch im höchstem Maße verdächtig, dass der Gärtner mit seiner Aufräumaktion genau in dem Teil des Parks begonnen hat, in dem auch das Beet vor dem Arbeitszimmer liegt.“
„Natürlich. Das habe ich auch schon gedacht. Es war wohl ein Fehler, den Park nicht sofort abzusperren.“
Frisbee seufzte leise. Das war nun schon der zweite Fehler, der ihm bei dieser Untersuchung unterlaufen war. Er wurde wohl langsam alt und sein Geist durch die alltägliche Routinearbeit träge. „Immerhin bleiben uns ja noch die Fußspuren am Zaun zum Nachbargrundstück. Wer wohnt dort?“
„Moment.“ Im Weitergehen blätterte Baxter in seinen Notizen. „Ah, da. Ein Literaturwissenschaftler. Lucius Grant. Vor kurzem in den Adelsstand erhoben. Werden Sie ihn aufsuchen?“
„Genau das hatte ich jetzt vor. Sie kommen hier doch allein zurecht, Sergeant, oder?“
„Selbstverständlich“, lächelte Baxter. Dann trennten sich ihre Wege und alles, was der Sergeant noch hinter sich vernahm, waren die immer leiser werdenden Schritte des Inspektors auf dem Kiesweg.

Das Haus von Sir Lucius konnte bei weitem nicht mit dem Anwesen von Lord Woodgrouse mithalten. Es war klein und kompakt, bestach aber durch ausgezeichnete Schmiedearbeiten an Tür, Fenstern und Dach. Der Hausherr öffnete selbst als Inspektor Frisbee klingelte. Jedenfalls schloss der Polizeibeamte dies aus der geschmackvollen und teuer aussehenden Kleidung des blassen, hoch gewachsenen Mannes.
„Sie wünschen?“, kam eine näselnde, fast unwirklich klingende Stimme aus einem schmallippigen Mund.
„Ich bin Inspektor Frisbee von Scotland Yard.“ Er zeigte seine Dienstmarke vor. „Ich hätte einige Fragen an Sie. In der Nachbarschaft wurde eingebrochen. Sie sind Sir Lucius Grant?“
Sir Lucius nickte knapp. „Kommen Sie herein.“
„Danke.“
Frisbee folgte dem Hausherrn in die Eingangshalle und schaute sich dort mit beruflicher Neugier um. Die Einrichtung war modern zu nennen. Kalter Stahl und kräftige Farben dominierten die Szenerie. An den Wänden hingen zahlreiche Fotos. Sie zeigten Sir Lucius zusammen mit einem älteren, wettergegerbten Mann im Hafen von Sydney und im australischen Outback. Die Bilder mussten schon vor einiger Zeit aufgenommen worden sein, denn Sir Lucius fehlten noch die grauen Schläfen, die ihm nun eine Art von Erhabenheit verliehen.
„Ich hoffe, Sie nehmen keinen Anstoß an der hier herrschenden Unordnung. Sie treffen mich gerade bei der Ausübung meines Hobbys an“, entschuldigte sich Sir Lucius und ging in einen der Wohnräume.
„Keine Sorge“, entgegnete Frisbee sofort und schaute sich auch dort um. Zahlreiche Schriftrollen lagen auf den Kommoden und den Sitzgelegenheiten während sich auf dem Tisch ein Vergrößerungsglas und ein hochwertiges Schreibset komplett mit Feder und verschiedenen Arten von Tinte befanden.
„Wie im Skriptorium eines Klosters“, murmelte der Inspektor.
Sir Lucius nickte. „Ja, so ähnlich. Ich betreibe in meiner Freizeit Kalligraphie. Und ich habe viel davon. Aber nun zu Ihren Fragen bitte.“
„Gerne. Haben Sie während des Gewitters oder in der Stunde davor irgendetwas Verdächtiges gehört oder gesehen?“
„Während des Gewitters beim besten Willen nicht. Da habe ich mich hier im Hause verkrochen. Ich bin sehr schreckhaft was laute Geräusche angeht. Und vor dem Gewitter ist der Einbruch bestimmt nicht passiert.“
„Was macht Sie da so sicher?“
„Ich war vor dem Regenguss noch im Garten und habe am Zaun mit dem Gärtner von Lord Woodgrouse ein paar Worte gewechselt. Mr. Miller ging schließlich zurück zum Gärtnerhaus, doch ich blieb draußen, bis es anfing zu regnen. Diese Seite des Anwesens war in der ganzen Zeit vollkommen ruhig. Das kann ich Ihnen sogar beeiden, Inspektor.“
„Und wenn der Täter auf der anderen Seite in das Haus eingestiegen ist?“
„Ach“, winkte Sir Lucius ab. „Warum sollte er denn? Der Safe befindet sich auf dieser Seite des Anwesens. Warum sollte er es riskieren, beim Herumschleichen im Haus entdeckt zu werden, anstatt den kürzesten Weg zu nehmen? Außerdem ist das Arbeitszimmer immer verschlossen wenn sich niemand dort befindet.“
Frisbee hob seine Augenbrauen. Das war bei ihm immer ein Ausdruck von besonderer Aufmerksamkeit. „Sie kennen sich bei Lord Woodgrouse scheinbar genauso gut aus wie in den Gedankengängen eines Einbrechers.“
Sir Lucius schien die Spitze überhört zu haben und blieb ruhig. „Ich bin eben ein alter Freund der Familie. Wir sind schon viele Jahre Nachbarn. Ich kannte ja auch noch Edward Woodgrouse, den früheren Lord. Bin viel mit ihm umher gereist.“
„Dann ist er der Mann auf den Bildern in der Halle?“
„Ja.“
„Deshalb kam er mir wohl auch so vertraut vor.“
„Die Familienähnlichkeit zu seinem jüngeren Bruder Woodrow ist auch sehr ausgeprägt“, bestätigte Sir Lucius. „Äußerlich jedenfalls. Charakterlich trennte sie viel.“
„Das habe ich schon gehört“, nickte Frisbee leicht. „Aber zurück zu Ihnen. Sie sind mit Mr. Miller ebenfalls gut bekannt?“
„Natürlich“, kam es ohne zu zögern von seinem Gesprächspartner. „Alan Miller ist schließlich mein Angestellter. Er ist derzeit nur an Lord Woodgrouse ausgeliehen, weil der Gärtner seiner Lordschaft im Krankenhaus liegt. Es war ein Verkehrsunfall mit Fahrerflucht.“
„Verstehe. Ist er bei Ihnen denn schon länger in Diensten?“
„Nein. Auch erst wenige Wochen.“
„Dann würden Sie Ihre Hand nicht für ihn ins Feuer legen?“
„Er war bisher stets fleißig und verlässlich. Mehr kann ich über ihn nicht sagen. Und Einbrechen hätte er ja schließlich auch schon bei mir können. Ich bin auch nicht ganz unvermögend. Dass er einmal bei Lord Woodgrouse arbeiten würde, war ja nicht abzusehen.“
„Ein berechtigter Einwand“, gab Frisbee zu. „Das wäre es dann auch fürs Erste. Danke.“
„Ich bringe Sie noch zur Tür, Inspektor.“
Das tat Sir Lucius dann auch. Anschließend ging er rasch zu seinem Telefon und wählte hektisch eine Nummer.

Kapitel 3

Als Inspektor Frisbee am nächsten Morgen sein Büro betrat, lag auf seinem Schreibtisch schon ein Kuvert, auf dem sein Name stand, sowie eine Notiz des Pförtners, dass ein Junge dies vor einer Stunde für ihn abgegeben hatte. Frisbee setzte sich, nahm das Kuvert, öffnete es und entnahm ihm einen Brief.
„Ein Liebesbrief, Inspektor?“ Der junge Sergeant Baxter war hinzugetreten. Sie wollten zusammen den Fall und die bisherigen Ergebnisse besprechen.
„Nein. Wer sollte mir auch schon einen Liebesbrief schicken. Außer Ihnen natürlich.“
Baxter grinste. „Auch wieder wahr. Was ist es denn dann?“
„Ein Brief des verstorbenen Lord Edward Woodgrouse an einen Bekannten in Australien.“
„Oh, wie unheimlich. Eine Nachricht aus der Gruft. Was schreibt er denn?“
„Mein lieber Freund“, las Frisbee vor. „Ich wünschte du wärst jetzt hier. Die Stimmung im Haus wird von Tag zu Tag erdrückender. Woodrow schleicht mit düsterer Miene umher. Seine neue Freundlichkeit mir gegenüber ist zu übertrieben, um glaubhaft und echt zu wirken. Ich war nie besonders furchtsam, doch nun fühle ich mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Wenn mich die Geschäfte nicht hier halten würden, wäre ich schon längst zu dir nach Sydney gereist. Doch wahrscheinlich würde mein Bruder mir auch dorthin folgen. Kann ich dich nicht doch überreden nach England zurück zu kommen? Ich sitze gerade vor dem Fenster und schaue zum Nachbarhaus. Unheimliche Schatten scheinen dort drüben ihr Unwesen zu treiben. Dabei weiß ich doch ganz genau, dass es schon seit Kriegsbeginn leer steht. Der Krieg ist mittlerweile vorbei und noch immer ist es nicht wieder bezogen. Dabei könnte ich gerade jetzt mehr vertraute Gesichter um mich gebrauchen. Bitte komm zurück nach England, alter Freund, ich werde hier sonst noch wahnsinnig“, schloss der Inspektor und schaute auf das Datum. „Geschrieben vor zwei Jahren. Kurz darauf muss er wohl verstorben sein.“
„Aus Angst?“
„Wir werden sehen, Baxter. Soweit ich weiß gab es damals eine gerichtliche Untersuchung.“ Frisbee griff zu seinem Telefon und wählte die Nummer des Archivs. Dort forderte er die Akte Woodgrouse an. Als er auflegte fiel sein Blick auf den Boden. „Holla! Was haben wir denn da?“
Der Inspektor beugte sich hinunter und hob es auf.
Baxter runzelte die Stirn. „Was ist es?“
„Eine Art Visitenkarte. Muss wohl beim Öffnen des Briefes hinuntergefallen sein.“ Frisbee schaute darauf. Seine Miene versteinerte sich.
„Inspektor?“
„Lord Woodgrouse wird bezahlen, Arthur Milton.“
Baxter zeigte sich unbeeindruckt. „Hört sich nach einem Racheakt an. Fragt sich nur wer dieser Mr. Milton ist.“
„Sie kennen ihn nicht, Sergeant? Haben Sie noch nie etwas vom Hexer gehört?“
Natürlich hatte Baxter schon von diesem kriminellen Genie gehört, doch war er natürlich noch viel zu jung um Details darüber zu wissen. „Das ist doch eine alte Polizeilegende, nicht wahr?“
„Mitnichten. Fragen sie Superintendent Wembury. Oder den pensionierten Bliss. Die beiden hätten ihn vor 30 Jahren beinahe erwischt.“
„Hm, na gut“, lenkte der Sergeant ein. „Aber was heißt das jetzt für uns?“
„Es kann zweierlei bedeuten. Entweder in der geraubten Schatulle war etwas sehr Wertvolles und Lord Woodgrouse musste nun damit dafür bezahlen, dass er seinen Bruder terrorisiert hat, oder …“ Frisbee hielt inne.
„Oder was, Inspektor?“
Frisbee machte ein sehr ernstes Gesicht. „Oder Lord Woodgrouse hat seinen Bruder damals umgebracht und schwebt nun ebenfalls in Lebensgefahr.“
„Warum dann der Einbruch?“, wand der Sergeant ein.
„Ich nehme an, dass der Inhalt der Schatulle eine bedeutende Rolle bei dem Fall spielt.“
„Es liegt zumindest im Bereich des Möglichen“, stimmte Baxter vorsichtig zu. Er hatte einen nachdenklichen Ausdruck auf dem Gesicht. Doch seine Gedankengänge wurden durch ein lautes Klopfen unterbrochen.
Ein Mitarbeiter betrat das Büro und überreichte dem Inspektor die angeforderte Akte.
Frisbee bedankte sich und studierte sie eine zeitlang. Baxter wartete geduldig ab.
„Interessant. Woodrow Woodgrouse hat die Untersuchung des Todesfalles selbst angeordnet“, kam es schließlich wieder vom Inspektor.
„Dann wird er seinen Bruder nicht umgebracht haben. Das wäre doch viel zu gefährlich gewesen“, schloss Baxter daraus.
„Es sei denn, dass er sich sicher war, dass man ihm nichts würde anhaben können. Das Ergebnis lautete schließlich auf natürlichen Tod. Obgleich man im Körper des Toten Spuren von Arsen gefunden hat. Allerdings in zu geringer Dosis um tödlich zu sein. Man nahm an, dass der Fisch, den er zuvor gegessen hatte, damit belastet gewesen war.“
„Ist das die einzige Unregelmäßigkeit?“
Frisbee nickte. „Ja. Zumindest was sein konkretes Ableben betrifft. Der verstorbene Lord soll vorher mehrere Male geäußert haben, dass er seine Besitztümer verschiedenen Stiftungen vermachen würde. In seinem letzten Testament war jedoch sein Bruder als Alleinerbe eingesetzt. Das scheint jetzt nach diesem Brief von ihm natürlich sehr merkwürdig.“
„Dann hat Lord Woodgrouse jetzt die Quittung dafür erhalten, dass er damals das Testament gefälscht hat“, schlussfolgerte Baxter stolz, wurde jedoch sofort in seiner Euphorie gebremst.
„Ich glaube nicht, dass es so einfach ist, Sergeant. Erinnern Sie sich an den genauen Wortlaut der Karte. Es heißt hier, dass Lord Woodgrouse bezahlen wird und nicht, dass er bezahlt hat. Außerdem stört mich immer noch das Arsen. Das Testament ist sicherlich gefälscht und vielleicht befindet sich das echte sogar in der Schatulle, aber Lord Woodgrouse ist promovierter Chemiker“, nahm Frisbee seinem jungen Kollegen den Wind aus den Segeln. „Das wird auch der Hexer wissen. Ich glaube, der Lord befindet sich jetzt in Lebensgefahr. Arthur Milton hat ihn beraubt und er wird ihn auch töten. Wir müssen schnell handeln.“
„Wie alt ist Milton wohl jetzt? Existiert ein Foto von ihm?“
„Er wird wohl Mitte 60 sein. Ein Foto haben wir nicht. Nur die Beschreibung von Wembury und Bliss. Aber selbst wenn wir eines hätten, würde uns das nicht viel nützen. Der Hexer ist ein Meister der Verwandlung. Wer immer den Einbruch begangen hat, muss der Hexer sein.“
Baxter war nicht vollkommen überzeugt, lenkte aber ein. „Nun gut. Dann kommen wir mal zu dem Einbruch zurück. Er muss vor dem Gewitter geschehen sein. Die Erdspuren im Arbeitszimmer, die die Spurensicherung gefunden hat, waren knochentrocken.“
„Dann ist Sir Lucius unser Mann. Er hat behauptet, vor dem Gewitter den Garten beobachtet und nichts gesehen zu haben.“ Frisbee stand auf, ging zur Garderobe und nahm seinen Mantel. „Kommen sie, Baxter.“

Kapitel 4

Als die beiden Polizeibeamten schließlich das Haus des Literaten erreicht hatten, fanden sie die Haustür unverschlossen vor.
„Es scheint, der Vogel ist ausgeflogen, Inspektor.“
„Sollte das der Fall sein, bin ich mir sicher, dass wir im Nachbarhaus die Leiche von Lord Woodgrouse finden werden.“
„Der Hexer hat seine Tat vollbracht und uns durch den Brief die Rechtfertigung dafür geliefert?“
„Selbstverständlich. Wir waren halt einfach zu langsam.“
Frisbee und Baxter hatten das Haus von Sir Lucius betreten und sahen sich nun darin um. Der Inspektor deutete auf die Fotos auf den Wänden. „Da haben wir die fotografischen Beweise für die Freundschaft der beiden. Wahrscheinlich haben die beiden Brüder Arthur Milton nur unter der Maske des reisefreudigen Lucius Grant gekannt.“
Baxter ging weiter. „Ich bin aber immer noch nicht ganz überzeugt, Inspektor. Für mich klingt das alles viel zu phantastisch. Wie konnte Sir Lucius denn vor allen Dingen sicher sein, dass Miller nicht doch noch einmal umkehrt und ihn beim Einsteigen ins Haus erwischt?“
„Er liebt eben das Risiko.“
„Trotzdem. Mir wäre das zu unsicher.“ Der Sergeant arbeitete nun schon mehrere Jahre mit dem agilen Mittvierziger zusammen, dessen Karriere mit den Jahren langsam aber sicher in Routinearbeit erstickt war. Und er kannte auch Frisbees Ehrgeiz und rechnete es diesem zu, dass sich sein Vorgesetzter jetzt so sehr in diese Hexergeschichte hineinsteigerte, in der Hoffnung nun endlich einmal einen dicken Fisch an der Angel zu haben. Allerdings mochte und achtete der junge Mann den jovialen Inspektor viel zu sehr, um jetzt seinen Bedenken noch stärker Luft zu machen. Und so schwieg Baxter und ging lieber weiter in den Wohnraum, wo er wie angewurzelt stehen blieb. „Wie passt das hier denn in Ihre Theorie, Inspektor?“
„Hm?“ Frisbee horchte auf und betrat nun ebenfalls das Zimmer. Es herrschte noch größere Unordnung als bei seinem gestrigen Besuch. Die Papiere, Schriftrollen und Pergamente lagen kreuz und quer im Raum verteilt, ein Beistelltisch war umgestoßen und ein Mann lag regungslos quer über dem Schreibtisch, um seinen Hals ein Hanfseil und in der Hand ein Zweig mit rosa Blüten und grünen, kreisrunden Blättern. Es war Sir Lucius Grant.
„Soll ich Ihnen mal ausführen, wie es sich für mich darstellt, Inspektor?“
Frisbee schaute nachdenklich auf die Szenerie. „Bitte.“
„Der Ermordete war doch ein Kalligraph, oder?“
Der Inspektor nickte.
„Dann hat er den Brief gefälscht und uns zukommen lassen, um uns auf eine falsche Fährte zu locken. Er hat den Einbruch zusammen mit Miller begangen. Zuerst inszenierten sie einen Unfall, um den Gärtner des Lords aus dem Verkehr zu ziehen und Miller bei ihm einzuschleusen. Während dieser dann ins Haus eingestiegen ist, stand Sir Lucius am Gartenzaun Schmiere. Und dann kam es hier zum Streit um die Beute bei dem Sir Lucius den Kürzeren zog. Ich wette wir finden noch mehr Hanfseil im Gärtnerhaus.“
„Möglich. Dennoch kann ich mich Ihrer Meinung nicht anschließen, Sergeant. Da war in der Tat etwas, dass ich übersehen hatte.“
Baxter runzelte die Stirn. „Und das wäre?“
„Das Testament des verstorbenen Lord Woodgrouse. Das war es, was Sir Lucius damals gefälscht hatte. Deshalb musste er jetzt sterben. Der Hexer hat ihn ermordet und er wird auch noch den Lord töten.“
„Mit Verlaub, Inspektor. Wird das nicht langsam zu einer fixen Idee von Ihnen?“ Der junge Sergeant musste jetzt doch das Wort ergreifen. „Halten wir uns doch lieber an etwas Handfestes. Das Testament wurde immerhin als gültig anerkannt. Die Echtheit des Briefes hingegen ist noch nicht erwiesen.“
„Ich bin sicher die Analyse wird meine Vermutung bestätigen.“
„Und wie soll Miller den Einbruch begangen haben, wenn Sir Lucius bis zum Einsetzen des Regens das Haus beobachtet hat? Die Erde im Arbeitszimmer war trocken.“
„Die Lösung ist einfach. Der Hexer hatte durch Sir Lucius nun ein Alibi. Er hat die trockene Erde selbst mitgebracht. Bestimmt hat er heimlich den Generalschlüssel des Dieners nachmachen lassen. Das Fenster hat er dann anschließend manipuliert, damit es so aussieht, als wäre der Täter von draußen gekommen.“
„Na ja. So abwegig ist das natürlich nicht.“ Baxter grinste nun leicht. „Und sprachlich ist es von Arthur Milton zu Alan Miller ja auch nicht sehr weit.“
„Hören Sie lieber auf, sich über mich lustig zu machen und verständigen Sie die Kollegen. Ich werde bei Lord Woodgrouse anrufen und mich nach seinem Wohlbefinden erkundigen. Er soll niemanden in seine Nähe lassen, bis wir bei ihm sind. Dann durchsuchen wir das Gärtnerhaus. Ich bezweifle allerdings, dass wir Miller dort noch antreffen werden.“

„Wer war das, Carpenter?“ Lord Woodgrouse war in der Tat noch bei bester Gesundheit, wenn auch seit dem letzten Abend nervöser und angespannter als sonst, was ihn gleich doppelt unausstehlich machte.
„Es war der Inspektor, Mylord“, antwortete der Diener. „Er ist besorgt um Eure Lordschaft. Wir sollen niemanden einlassen bis er kommt.“
„Pah“, spie Woodgrouse aus. „Das hätte ich sowieso nicht getan. Ich habe ihn wieder gesehen. Sein bleiches, schmerzverzerrtes Gesicht am Fenster meines Schlafzimmers.“
„Wir wissen beide doch ganz genau, dass ihr Bruder tot ist, Mylord. Eure Nerven …“
Woodgrouse sprang aus seinem Sessel auf. „Was willst du damit andeuten?“ ereiferte er sich und packte Carpenter am Kragen. „Hältst du mich etwa für verrückt? Irgendjemand spielt hier ein ganz böses Spiel. Aber nicht mit mir, verstanden? Nicht mit mir!“
Polizeisirenen ertönten.
Der Lord sank in seinen Sessel zurück. „Was ist da draußen los?“
Carpenter ging zum Fenster des Salons, zog den Vorhang etwas zur Seite und schaute hinaus. „Sir Lucius wird auf einer Bahre aus seinem Haus getragen. Er sieht tot aus.“
„Auch das noch“, knurrte Woodgrouse.
Der Butler drehte seinen Kopf. „Und Mr. Miller wird gerade in Handschellen abgeführt. Der Sergeant trägt eine Art Schaufensterpuppe unter dem Arm und eine Gummimaske in der Hand.“
„Ich habe dem Kerl schon seit jeher misstraut. Hab ihn doch nur die Vertretung machen lassen, um Lucius einen Gefallen zu tun. Aber Hauptsache der Spuk ist jetzt vorbei.“
Der Lord tastete an seiner Brust nach einem kleinen Schlüssel und ballte seine Faust darum. Es war der Schlüssel zu der geraubten Schatulle.
Carpenter ließ vom Fenster ab und wendete sich Woodgrouse zu. „Wünschen Eure Lordschaft nun den Tee?“
„Ja. Endlich haben wir wieder Ruhe, Carpenter.“

Epilog

„Ich sage nichts ohne meinen Anwalt“, grollte Miller, als man ihn abführte. Man hatte in seinem Haus tatsächlich Hanfseil gefunden. Dazu noch ein Schreiben seines Bewährungshelfers. Miller war wegen Einbruchs vorbestraft. Und man fand auch die Maske, die den alten Lord mit verzerrten Gesichtszügen darstellte.
Baxter war mit sich zufrieden. „Ich habe doch gesagt, die ganze Geschichte mit dem Hexer und der Rache aus dem Grab hinaus ist nur eine Ablenkung. Nichts für ungut für Ihre Theorie, Inspektor.“
„Ist schon okay, Sergeant.“
Frisbee schaute seinem jungen Kollegen hinterher, als dieser Miller zum Polizeiauto brachte und hing weiter seinen eigenen Gedanken nach. Er konnte einfach das Gefühl nicht loswerden, noch irgendetwas Wichtiges übersehen zu haben. Sein Blick ging vom Polizeiauto hin zum Leichenwagen, dessen Hintertür gerade mit leisem Knall zufiel. Frisbees Hand glitt in die Tasche seines Trenchcoats und förderte den Zweig zutage, den der Tote in den Fingern gehalten hatte. Er starrte die Blüte einen Moment lang an, dann kam Leben in ihn. Mit eiligen Schritten ging er zurück ins Gärtnerhaus und holte sich von dort eine Schaufel. So bewaffnet machte er sich auf in den Park von Woodgrouse Hall. Er orientierte sich kurz und ging dann zielstrebig in die Richtung der Fensterfront des Arbeitszimmers. Nicht weit von dieser entfernt stand ein Baum mit rosafarbenen Blüten. Gestern Abend war der Inspektor schon einmal an diesem vorbeigekommen, hatte ihn sogar im Gespräch mit dem Sergeant erwähnt! Nun beugte er sich zu dem kleinen Schild hinab, das vor dem Baum angebracht worden war. Cercis siliquastrum, Judasbaum. Die Erde um den Baum herum war vor kurzem noch bewegt worden. Frisbee zögerte nicht, das mitgebrachte Werkzeug zu benutzen und fing an zu graben. Da die Erde von dem Gewitterschauer noch aufgeweicht war, ging ihm diese Arbeit leicht von der Hand. Dass er da nicht eher drauf gekommen war! Sir Lucius war genauso gestorben wie Judas im Matthäus-Evangelium, mit einem Strick. Schon nach wenigen Spatenstichen wurde Frisbee fündig und stieß auf einen unförmigen, länglichen Gegenstand. Vorsichtig legte er ihn weiter frei. Es war der Leichnam des Dieners. Auch er hatte ein Hanfseil um den Hals geschlungen. Anders als Sir Lucius schien er allerdings schon seit mehreren Tagen tot zu sein. Zwei Verräter, hingerichtet wie Verräter. Der langjähriger Reisegefährte des alten Lord Woodgrouse Sir Lucius Grant, der das Testament fälschte, und sein getreuer Diener John Carpenter, der ihm im Auftrag Woodrows das Gift verabreicht hatte. Fluchend sprang Frisbee auf, alarmierte die anderen Beamten und brach dann die Tür von Woodgrouse Hall auf. Doch es war zu spät. Als man den Lord im Sessel in seinem Salon fand, war der Brudermörder schon tot. In der Hand, die auf seinem Schoß lag, hielt er eine Teetasse und auf der Kommode neben ihm stand die Schatulle aus dem Safe. Sie war geöffnet und enthielt eine Phiole, die mit einer trüben Flüssigkeit gefüllt war. Es war das von Lord Woodgrouse entwickelte Gift, das nun beide Brüder dahingerafft hatte. Von Arthur Milton fehlte jede Spur.
 
Ich habe die Geschichte noch einmal überarbeitet und den jüdischen Arzt durch einen englischen Sir ausgetauscht. Ebenso erfolgte noch ein Feinschliff bei einigen Formulierungen.
 

Acroma

Mitglied
Kapitalverbrechen

Ein Kapitalverbrechen ist NICHT zwingend ein Tötungsdelikt am Menschen. Ursprünglich kommt das von "capitus - das Haupt", ist also ein Vergehen, auf dass die Todesstrafe (durch Dekapitation = Enthauptung) steht.
Da es die Todesstrafe ja hier nicht mehr gibt, gibt es auch keine eigentliche klare Definition. Der Duden sagt etwas wie:
"schwere Straftat wie Mord, schwerer Raub o. Ä. "
 

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