ThaiChiMaster
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Der Junge, der die Luft sortierte
Die ältere Figur hieß Lene. Mitte dreißig, ruhige Bewegungen, als würde sie ständig darauf achten, niemanden zu erschrecken. Sie saß auf einer Bank am Rand des Spielplatzes, als der Junge sich neben sie setzte. Sechs Jahre alt, dünne Finger, die noch ein wenig zitterten vom Klettern, und ein Blick, der zu viel sah.
„Ich hab heute was Komisches gemacht“, sagte er.
Lene lächelte. „Was denn?“
„Ich hab die Luft sortiert.“
Sie blinzelte. „Wie sortiert man Luft?“
Der Junge zuckte mit den Schultern. „Na, man merkt, welche dick ist und welche dünn.“
„Aha.“ Lene lehnte sich ein wenig vor. „Und warum muss man das?“
„Damit man weiß, wann man leise sein muss.“
Es klang wie ein Kinderspiel, doch seine Stimme hatte diesen Ton, der verriet, dass es keiner war. Lene spürte, wie sich etwas in ihr straffte, aber sie blieb ruhig.
„Erzähl mir davon.“
Der Junge nahm einen Stock und zog Linien in den Sand. „Zu Hause gibt’s Räume, da ist die Luft dünn. Da muss man ganz leise sein, sonst wird sie noch dünner. Und dann tut’s weh beim Atmen.“
„Und wer sagt dir, dass du leise sein musst?“
„Niemand.“ Er schüttelte den Kopf. „Das merkt man. Die Luft sagt das.“
Lene nickte langsam. „Und was machst du, wenn die Luft dünn wird?“
„Ich geh in meinen Kopf.“ Er sagte es, als wäre es das Normalste der Welt. „Da hab ich ein Zelt aus Decken. Da drin sind Wörter. Ganz viele. Ich leg die dann hin, damit sie nicht durcheinanderfallen.“
„Wie legst du sie hin?“
„Nach Gefühl.“ Er dachte kurz nach. „Die schweren Wörter kommen nach unten. Die leichten oben drauf. Und die, die Angst machen, stell ich an den Rand. Damit sie nicht alles kaputtmachen.“
Lene atmete leise ein. „Das klingt nach einer wichtigen Arbeit.“
„Ist es auch.“ Der Junge nickte ernst. „Wenn ich das nicht mache, dann wird’s innen auch dünn.“
„Und was passiert, wenn es innen dünn wird?“
„Dann verschwinden die Wörter.“ Er sah sie an, als wäre das das Schlimmste, was er sich vorstellen konnte. „Und wenn die Wörter weg sind, dann bin ich auch weg.“
Lene legte ihre Hände ineinander, um nicht nach ihm zu greifen. „Du bist nicht weg. Auch nicht, wenn es sich so anfühlt.“
Der Junge überlegte. „Manchmal kommen neue Wörter. Große. Die kenn ich noch nicht. Die fühlen sich an wie Tiere.“
„Und was machst du mit denen?“
„Ich guck sie an. Wenn sie nicht böse sind, dürfen sie bleiben.“
Lene lächelte sanft. „Das ist mutig.“
„Findest du?“
„Ja. Viele Erwachsene können das nicht.“
Der Junge wirkte überrascht. „Warum nicht?“
„Weil sie vergessen haben, wie man Wörter anschaut, bevor man sie benutzt.“
Er dachte lange nach. Dann sagte er: „Ich will später nicht laut werden. Ich will nur genug Luft haben.“
Lene nickte. „Du wirst Räume finden, in denen die Luft dick genug ist. Und Menschen, die nicht dünner werden, wenn du atmest.“
Der Junge stand auf, klopfte sich den Sand von den Händen und sagte: „Dann sortier ich weiter. Bis dahin.“
Und Lene dachte: Manche Kinder erzählen Geschichten, die klingen wie Spiel - und sind eigentlich Überlebensformen.
Die ältere Figur hieß Lene. Mitte dreißig, ruhige Bewegungen, als würde sie ständig darauf achten, niemanden zu erschrecken. Sie saß auf einer Bank am Rand des Spielplatzes, als der Junge sich neben sie setzte. Sechs Jahre alt, dünne Finger, die noch ein wenig zitterten vom Klettern, und ein Blick, der zu viel sah.
„Ich hab heute was Komisches gemacht“, sagte er.
Lene lächelte. „Was denn?“
„Ich hab die Luft sortiert.“
Sie blinzelte. „Wie sortiert man Luft?“
Der Junge zuckte mit den Schultern. „Na, man merkt, welche dick ist und welche dünn.“
„Aha.“ Lene lehnte sich ein wenig vor. „Und warum muss man das?“
„Damit man weiß, wann man leise sein muss.“
Es klang wie ein Kinderspiel, doch seine Stimme hatte diesen Ton, der verriet, dass es keiner war. Lene spürte, wie sich etwas in ihr straffte, aber sie blieb ruhig.
„Erzähl mir davon.“
Der Junge nahm einen Stock und zog Linien in den Sand. „Zu Hause gibt’s Räume, da ist die Luft dünn. Da muss man ganz leise sein, sonst wird sie noch dünner. Und dann tut’s weh beim Atmen.“
„Und wer sagt dir, dass du leise sein musst?“
„Niemand.“ Er schüttelte den Kopf. „Das merkt man. Die Luft sagt das.“
Lene nickte langsam. „Und was machst du, wenn die Luft dünn wird?“
„Ich geh in meinen Kopf.“ Er sagte es, als wäre es das Normalste der Welt. „Da hab ich ein Zelt aus Decken. Da drin sind Wörter. Ganz viele. Ich leg die dann hin, damit sie nicht durcheinanderfallen.“
„Wie legst du sie hin?“
„Nach Gefühl.“ Er dachte kurz nach. „Die schweren Wörter kommen nach unten. Die leichten oben drauf. Und die, die Angst machen, stell ich an den Rand. Damit sie nicht alles kaputtmachen.“
Lene atmete leise ein. „Das klingt nach einer wichtigen Arbeit.“
„Ist es auch.“ Der Junge nickte ernst. „Wenn ich das nicht mache, dann wird’s innen auch dünn.“
„Und was passiert, wenn es innen dünn wird?“
„Dann verschwinden die Wörter.“ Er sah sie an, als wäre das das Schlimmste, was er sich vorstellen konnte. „Und wenn die Wörter weg sind, dann bin ich auch weg.“
Lene legte ihre Hände ineinander, um nicht nach ihm zu greifen. „Du bist nicht weg. Auch nicht, wenn es sich so anfühlt.“
Der Junge überlegte. „Manchmal kommen neue Wörter. Große. Die kenn ich noch nicht. Die fühlen sich an wie Tiere.“
„Und was machst du mit denen?“
„Ich guck sie an. Wenn sie nicht böse sind, dürfen sie bleiben.“
Lene lächelte sanft. „Das ist mutig.“
„Findest du?“
„Ja. Viele Erwachsene können das nicht.“
Der Junge wirkte überrascht. „Warum nicht?“
„Weil sie vergessen haben, wie man Wörter anschaut, bevor man sie benutzt.“
Er dachte lange nach. Dann sagte er: „Ich will später nicht laut werden. Ich will nur genug Luft haben.“
Lene nickte. „Du wirst Räume finden, in denen die Luft dick genug ist. Und Menschen, die nicht dünner werden, wenn du atmest.“
Der Junge stand auf, klopfte sich den Sand von den Händen und sagte: „Dann sortier ich weiter. Bis dahin.“
Und Lene dachte: Manche Kinder erzählen Geschichten, die klingen wie Spiel - und sind eigentlich Überlebensformen.