lowreference

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Ich weiß, dass ich ein schreckliches Verbrechen begangen habe, und finde mich in einem Käfig wieder. Der Käfig ist ungefähr so hoch wie ich, die Abstände zwischen den Gitterstäben sind groß genug, dass die Sonne hindurchscheinen kann, aber nicht so groß, dass ich meine Hände hindurchschieben könnte.

Der Käfig hat keinen Boden, meine nackten Füße stehen auf dem heißen Sand. Trotzdem kann ich den Käfig nicht einfach über meinen Kopf stülpen und mich befreien. Ich kann mich auch nicht hinsetzen, denn der Käfig ist, vermutlich durch eine Vorrichtung aus mehreren Schrauben und einem Ring, fest mit meiner Schädeldecke verbunden. Ich habe keinen Spiegel, kann aber mit den Händen ertasten, dass von beiden Schläfen waagerechte Streben ausgehen, sie führen zu den Gitterstäben des Käfigs. Wenn ich meinen Kopf drehe, dreht der Käfig sich mit; beende ich die Drehung zu abrupt, wollen die physikalischen Kräfte den Käfig noch weiter im Kreis ziehen und verursachen mir unerträgliche Kopfschmerzen.

Die Gitterstäbe haben einen harten Kern, ich vermute Elfenbein. Sie sind mit einem weichen Leder ummantelt, das zu Beginn meiner Gefangenschaft hell war, aber nachdem es unzählige Tage von der Sonne verbrannt wurde, ist es nun von einem tiefen, ausgetrockneten Braun. Meine Haut hat dieselbe Entwicklung durchgemacht, sie und das Leder gleichen einander.

Da der Käfig keinen Boden hat und die Gitterstäbe nicht ganz bis zum Sand hinabreichen, kann ich meine Füße weit genug vor- und zurückbewegen, um zu gehen. Da ich gehen kann, gehe ich, obwohl meine Beine vom Gewicht des Käfigs ermüdet sind und schmerzen. Das hat nichts mit Hoffnung zu tun, es gibt keine Hoffnung, die Wüste ist grau und leer. Ich kann aber nicht lange auf einer Stelle stehen, denn wenn ich zu lange auf einer Stelle stehe, brennt sich der heiße Sand in meine Fußsohlen und versengt sie.

Und so gehe ich. Ich weiß nicht, wohin, und ich weiß nicht, wie lange. Anfangs versuchte ich noch, mich an der Sonne zu orientieren, musste aber feststellen, dass ihr Lauf keiner Regel folgt. Sie zieht eine Spur aus Schlaufen und Zacken über den Himmel, manchmal glaube ich, obszöne Gesten in ihnen zu erkennen. Jede Orientierung ist unmöglich.

Manchmal ist die Sonne weg, dann ist es Nacht, und der Sand kühlt ab, so dass ich stehen bleiben kann. Ich schlafe zwar nicht, doch manchmal träume ich, träume davon, wie ich auf einer grünen Wiese sitze, kühles, weiches Gras schmiegt sich behutsam an meine Haut. Ich lasse mich nach hinten fallen, weil ich dieses Gefühl am ganzen Körper spüren will, und das Gras fängt mich auf. Ich drehe den Kopf zur Seite und sehe Blumen in Blau, in Lila, in Weiß, ihre Blüten zeigen mir eine unbeschreibliche, zarte Schönheit, die ich fast nicht begreifen kann. Ich streichle sie, rieche an ihnen, ihr Duft erfüllt mich mit Gedanken an eine Heimat, die ich noch nicht kenne. Ich höre Vögel singen und Blätter rascheln, irgendwo fließt ein Fluss, und sein Rauschen dringt an meine Ohren. Ich laufe zu ihm hin, werfe mich hinein, sein Wasser kühlt und beschützt mich, ich trinke aus ihm, lasse mich in ihm treiben, und dann ist die Sonne wieder da, und alles brennt. Sie geht nicht auf, sie erscheint, absolut, und ohne Übergang, ein grausames Licht, das der Welt erlaubt, mich zu sehen und mich zwingt, die Welt zu sehen. Meine Füße brennen, ich setze mich wieder in Bewegung, der Käfig zerrt an meinen brennenden Schläfen.

Und so gehe ich. Wohin, weiß ich nicht, und wie lange, könnte ich nicht ertragen zu wissen. Wie die Sonne, so verbirgt auch die Zeit ihre Richtung vor mir. Sie ist entstellt, ihr verzerrtes Band zieht sich durch die Welt und macht jede Vernunft unvorstellbar.

Ich sehe einen Punkt am Horizont. Ich frage mich kurz, ob die Sonne weg ist, und die Träume wieder da sind, aber das Gewicht meines Käfigs drückt diesen Gedanken nieder. Ich gehe, es scheint, als bewege ich mich auf den Punkt zu. Irgendwann ist der Punkt größer, und ich sehe, dass es kein Punkt ist, sondern eine längliche Form. Sie scheint mir jetzt näher als vorher. Es kann nicht sein. Die Hoffnung, die in mir aufkeimt, muss, wie die Träume, nur ein Teil meiner Strafe sein. Die Form nähert sich noch etwas, ich glaube einen Baum zu erkennen. Als ich der Fata Morgana, und ich weiß, dass sie das ist, noch näher komme, sehe ich, dass der Baum von Gras und Blumen umgeben ist. Ich gehe schneller, laufe fast, und ignoriere das rhythmische Pochen in meinen Schläfen, das ich dadurch verursache. Ich höre Wasser, ich rieche es sogar. Ich renne. Dann sehe ich es, es ist ein Paradies, es ist alles, wovon ich geträumt habe.

Ich halte erst inne, als ich ein Schild sehe. Es ist an einem in den Boden gerammten Holzpfahl befestigt. Schwer atmend gehe ich näher heran, um seine Inschrift zu lesen, und wieder verlässt mich jede Hoffnung. Ich würde zu Boden sinken, wenn ich könnte. Ich kann die fremdartigen Zeichen nicht entziffern, doch ich weiß, dass dort steht: „Ab hier nur ohne Käfig“. Also bleibe ich vor dem Schild stehen und schäme mich. Ich sehe zu der Oase herüber. Meine Träume warten dort und verhöhnen mich, trotzdem kann ich nicht anders, als ihnen zu lauschen. Der Sand brennt sich wieder in meine Füße, ich habe zu lange gestanden. Ich laufe vor dem Schild auf und ab, entferne mich ein paar Schritte und kehre wieder zurück. Ich blicke zur Sonne auf und hämmere mit den Fäusten gegen die Gitterstäbe. Dann zerre ich an den Streben, die mir aus den Schläfen ragen, in der Hoffnung, vor Schmerz das Bewusstsein zu verlieren. Irgendwann bin ich müde und halte inne.

Mein Blick fällt auf etwas, das ich bisher übersehen habe: einen schwarzen, scharfkantigen Stein. Er lehnt aufrecht am Pfahl des Schildes, als warte er auf mich. Ich fasse einen Entschluss und bewege mich langsam auf ihn zu. Was ich vorhabe, ist gesetzeswidrig, aber was kann die Welt mir antun, was mir nicht schon angetan wurde? Da ich mich nicht bücken kann, muss ich meinen Käfig über den Stein bekommen und dann versuchen, den Stein mit meinem Fuß so weit hochzuheben, dass ich ihn in die Hand nehmen kann. Während ich mich auf die Zehenspitzen stelle und den unteren Rand des Käfigs behutsam über den Stein führe, sehe ich immer wieder verstohlen zur Sonne auf, erwartend, dass sie zornig auf mich hinunterstürzt. Es ist geschafft, der Stein ist auf meiner Seite des Käfigs. Ich greife mit meinen Zehen nach ihm, er entgleitet mir mehrmals. Schließlich schaffe ich es und halte den Stein in der Hand, jetzt kann mich nichts mehr aufhalten. Ich hole aus, so gut es mir in dem engen Käfig möglich ist. Ich ziele auf eine der Streben, die meinen Kopf mit den Gitterstäben verbinden. Ich schlage mit aller Kraft zu, um sie zu zerstören. Ein Schmerz rast durch meinen Schädel. Ich muss versehentlich meinen eigenen Kopf getroffen haben. Ich taste ihn nach einer Wunde ab, fühle aber nichts. Ich suche weiter, taste mit meiner Hand über die linke Strebe. Dort fühle ich einen Riss. Als ich ihn berühre, durchzuckt ein stechender Schmerz meinen gesamten Körper. Ich ziehe meine Hand zurück und betrachte sie, an ihr ist Blut, es ist mein Blut. Ich taste erneut nach der Strebe. Ich fühle keine Schrauben, keinen Ring. Unter meinen Fingern ist kein Elfenbein. Es ist Knochen, mein Knochen. Das Leder ist Haut – meine Haut.

Wahnsinnig geworden, schlage ich weiter mit dem Stein auf die Streben ein. Ich habe alles andere vergessen. Ein großes Knochenstück bricht heraus und fällt in den Sand. Mein Körper bäumt sich auf, mein Atem setzt aus. Ich schlage weiter. Irgendwann bricht die erste Strebe, der Käfig hängt jetzt schief. Der Boden unter mir ist mit Blut bedeckt, die Welt um mich herum dreht sich. Aber ich höre nicht auf, ich nehme den Stein in die andere Hand und schlage weiter zu.

Dann bin ich frei. Ich reiße mir den Käfig herunter und renne zum Fluss. Ohne das Gewicht sind meine Schritte so leicht, dass ich beinahe stürze. Ich werfe mich in das Wasser und ertränke mich, denn ich weiß, dass der Käfig nachwachsen wird.
 
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steyrer

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo lowreference,

es ist zwar formal eine Kurzgeschichte mit einem ganz hervorragenden psychologischen Motiv (den Käfig), aber da hier auf der Leselupe eher nach Inhalt sortiert wird, habe ich sie dennoch von Kurzgeschichten nach Horror und Psycho verschoben.

Schöne Grüße
Steyrer
 

lowreference

Mitglied
Hallo Steyrer,

zunächst danke für dein Engagement als Moderator auf dieser schönen Plattform, und danke auch für deine Info. Ich bin allerdings mit der Verschiebung nicht glücklich. Ich sehe den Text weder im Genre "Horror" noch "Psycho,", es ist eigentlich ein recht seichter und durch seine bildliche Sprache zugänglicher Text über die Existenz als solche. Ich habe im Genre "Kurzgeschichten" heute einen Text über ein Schaf gelesen, der nicht verschoben wurde; das verwundert mich, da beide Texte eigentlich dasselbe Thema hatten, nur die Wortwahl ist leicht unterschiedlich. Ich weiß, dass die Auswahl bei den Mods liegt, aber im Sinne des demokratischen Prozesses wollte ich dich bitten, deine Entscheidung zu überdenken und meinen Beitrag im Genre "Kurzgeschichten" zu belassen, wo er m.E. hingehört.

Freundliche Grüße
 



 
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