Der Kern im Gehäuse der Frucht

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Weiß ist das Wasser, weiß ist
der einhunderttausendfache
Kristall seiner Woge.

Ein Fremder. Er setzt.
Er setzt hinüber.

die Paragraphenfalte als Narbe,
das Buchstabengebiss
im zahnlosen Mund. Ein Dichter.

Ein Dichter. Er kentert.
Er kentert

im Wildwassersturm. Er kentert
am Brückenkatafalk. Er kentert.

Ein Andrer steht oben, am Faden hält er …
Was hält er am Faden? Die
Buchstabenpuppe, die Metaphernmarionette,
die brotlose Kunst hält er. Er hält sie
über Wildwasserwogen. Er lacht.

Er entfacht ein Feuer
im Spiegel. Im Spiegel entfacht er ein Feuer.
Im Spiegel vergisst er sein Bild.
Er kentert. Er kentert an Land. Er lacht.

Weiß ist das Wasser.
Schwarz ist der Spiegel.
Er kentert an Land.
 
Zuletzt bearbeitet:

Frodomir

Mitglied
Lieber Patrick Schuler,

seit ich wieder hier im Forum bin, schleiche ich um deine Texte herum, denn ich habe mich gefragt, wie deine Lyrik sich entwickelt hat. Bisher habe ich dir aber noch keinen Kommentar hinterlassen, weil ich zwar einerseits sehr angetan bin von dem, was du geschrieben hast, andererseits habe ich aber öfter auch Schwierigkeiten bei der Interpretation deiner Texte gehabt, sodass ich immer das Gefühl hatte, nicht mehr als ein "gefällt mir" kundtun zu können.

Es ist bei diesem Text gewissermaßen ähnlich, denn ich will nicht behaupten, dass ich ganz durchschauen kann, was mir hier in verdichteter Form begegnet. Da mich dein Gedicht aber sehr anspricht, möchte ich aber dennoch einen Versuch wagen, diesen Text zu deuten.

Alles beginnt mit einer Charakterisierung von Wasser, jenem Element, welches die Voraussetzung unseres Lebens ist. Denke ich an Wasser, kommen mir Attribute wie "klar" oder "rein" in den Sinn - in deinem Gedicht aber ist das Wasser weiß. Auf den ersten Blick scheint sich diese farbliche Zuschreibung nahtlos in die Wortreihe von "klar" und "rein" einzuordnen, denn mit weiß verbindet man ebenfalls Reinheit und Unbeflecktheit. Doch wenn Wasser weiß ist, dann spricht das eher dafür, dass es seine Reinheit verloren hat, es ist milchig, undurchsichtig, unsauber. Verliert das Wasser als Element des Lebens aber seine Reinheit, dann ist das Leben selbst gefährdet.
In diesem Zusammenhang begreife ich das Wasser in deinem Gedicht als Symbol der unberührten Natur, jene verschwundene Sphäre, die in den Naturgedichten gerade auch der romantischen Epoche zum idyllischen Gegenüber eines Lyrischen Betrachters wurde, der sich in der gesellschaftsfreien Gegenwelt spiegeln konnte wie ein Gläubiger im feuerbachischen Sinne in Gott. Doch in deinem Gedicht ist eine solche Spiegelung nicht mehr möglich. Hier würde es nicht einmal mehr dem Narzißten gelingen, sich in sein eigenes Abbild im Wasser zu verlieben. Das Wasser ist weiß, ist unrein, und hat damit seine Eigenschaft als naturgegebener Spiegel verloren. Durch das Enjambement in Zeile 1 geht das Gedicht sogar so weit, das Wasser in seiner ursprünglichen Form ganz zu nivellieren - der Vers schließt mit der Feststellung
Wie bei einem Palimpsest ist es nun eine neue Form, die auf der nicht mehr sichtbaren Basis der früheren zur neuen Realität geworden ist. Eine erschaffene Wirklichkeit, die, um im Bild zu bleiben, das "klare Wasser", was einst naturgegeben vorhanden war, nicht mehr kennt.

Meiner Interpretation folgend beginnt das Gedicht also mit der Schilderung eines Entfremdungserlebnisses, unwiderruflich eingeschrieben in den Plan des Lebens. Solche Entfremdungsszenarien bilden in der Regel die Rahmenbedingungen für existenzielle innere Konflikte literarischer Figuren. Eine innere Zerrissenheit, die uns im weiteren Verlauf auch in diesem Gedicht begegnet.

So schon in Strophe 2. Nun ist sogar explizit von einem Fremden die Rede. Und dieser Fremde hat keine Wahl: Denn wenn wir der Deutung folgen, dass das Wasser hier die Bedingung irdischen Lebens symbolisiert, dann ist jedes lebende Wesen unweigerlich darauf angewiesen. Es mag nun jeder selbst überlegen, was dies auf den Menschen bezogen bedeutet. Für manche ist es die Entfremdung von der Natur, die zunehmende Urbanisierung und die Digitalisierung unseres Alltags, die zu Fremdheitsempfindungen führt. Für andere wiederum ist es ein Mangel an sozialem Miteinander, vielleicht auch an Liebe, der sinnbildlich gesprochen das Wasser weiß werden lässt. Was den Fremden hier im Gedicht betrifft, bleibt das sein Geheimnis, aber immerhin verrät uns die Syntax etwas über ihn: Er versucht nämlich, auf dem entfremdeten Gefilde Halt zu finden - allein, es gelingt ihm nicht. Ich finde es sprachlich herausragend, wie du, lieber Patrick, diesen verzweifelten und zum Scheitern verurteilten Versuch des Protagonisten durch die Ellipse
zum Ausdruck bringst. Man spürt förmlich die Zerrissenheit zwischen der Sehnsucht, zu bleiben (dann hieße es: "Er sitzt") und der Notwendigkeit, ein neues Ufer aufsuchen zu müssen. Und tatsächlich schafft der Fremde es letztlich, er hat das weiße Wasser überquert.

Aber: Die dritte Strophe verrät - er hat einen hohen Preis bezahlt. Entwurzelt steht er da, nicht in der Lage, die schlimme Überfahrt zu vergessen. Im Grunde fährt er noch immer, obwohl er längst trockenen Boden unter den Füßen hat. Es ist ein unglaublich tragisches Bild, welches dann in der vierten Strophe gezeichnet wird (gleichwohl es meiner Meinung nach auch wunderbar lyrisch ist), denn trotz all seiner Bemühungen, eine Welt zu entdecken, die ihm nicht fremd und feindlich ist, gelingt es dem Protagonisten nicht, diese auch zu erkennen, obwohl er diese Welt doch nun erreicht hat! Und er hat sogar eine Rolle in dieser Welt gefunden, er heißt nun nicht mehr Fremder, sondern Dichter.

Aber die Vergangenheit verfolgt ihn wie ein unauflösbares Trauma. Der Protagonist in seiner neuen Rolle als Dichter begegnet uns als selbstlose Person im wahrsten und traurigsten Sinne des Wortes. Buchstabenpuppe und Metaphernmarionette sind eindringliche Neologismen für die Tragödie dieses "armen Poeten". Auffällig ist in diesem Zusammenhang auch, dass der Protagonist im ganzen Gedicht nur einmal einer weiteren Person begegnet: Ein Andrer. Doch diese Person ist kein Verbündeter, kein Freund, eher ist sie wie eine unerbittliche und gehässige Autorität, der sich der Protagonist ohnmächtig ausgeliefert fühlt. Wie Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel ringt der Protagonist aber noch um seine Selbstbehauptung:
Er entfacht ein Feuer.
Und in diesem Licht kann er sich zum ersten Mal wieder wirklich erkennen:
Im Spiegel vergisst er sein Bild.
- es ist das Bild der Vergangenheit, welches ihn immer wieder kentern lässt, obwohl doch die Vergangenheit mit ihren Wildwasserstürmen und Wildwasserwogen längst vorbei ist. Bei einer positiven Lesart liegt an dieser Stelle etwas Erlösendes, denn obwohl er nun noch immer die alten Probleme in sich trägt und auch immer wieder daran scheitert, hat er einen Umgang damit gefunden (er kann nun sogar darüber lachen - Strophe 7). Die Kunst des Dichtens wird demnach im Gedicht zur Kunst, das eigene Selbst wieder zu finden. Bei einer negativen Lesart scheitert diese Kunst allerdings und der Dichter scheitert (kentert) weiter und ist machtlos seinem Über-Ich ausgeliefert, welches ihn letztlich für sein Versagen auslacht (ebenfalls Strophe 7). Ich möchte hier anfügen, dass ich die ersten Variante weitaus erquicklicher finde.

Die letzte Strophe verstehe ich vor dem Hintergrund meiner Deutung nicht so negativ, wie sie vielleicht auf den ersten Blick erscheint. In gewisser Weise kann man sie auch als eine Strophe lesen, welche ausrückt, dass der Protagonist sein Schicksal akzeptiert hat - eine Sachlichkeit, die etwas Leid zu lindern im Stande ist.

Liebe Grüße
Frodomir
 
Lieber Patrick Schuler,

seit ich wieder hier im Forum bin, schleiche ich um deine Texte herum, denn ich habe mich gefragt, wie deine Lyrik sich entwickelt hat. Bisher habe ich dir aber noch keinen Kommentar hinterlassen, weil ich zwar einerseits sehr angetan bin von dem, was du geschrieben hast, andererseits habe ich aber öfter auch Schwierigkeiten bei der Interpretation deiner Texte gehabt, sodass ich immer das Gefühl hatte, nicht mehr als ein "gefällt mir" kundtun zu können.
Hallo Frodomir. :)

Erst einmal: schön, dass du wieder da bist, deine Kommentare und Texte sind eine wirkliche Bereicherung für die Leselupe. Ich denke so geht es vielen mit meinen Gedichten. Sie sind ja auch nicht ganz leicht, sollen aber nicht starr oder statisch wirken, sondern dynamisch und offen für allerlei Gedanken und Interpretationen. Das ist mir wichtiger als klar eingegrenzte Aussagen, da gibt es schon genug von.



Alles beginnt mit einer Charakterisierung von Wasser, jenem Element, welches die Voraussetzung unseres Lebens ist. Denke ich an Wasser, kommen mir Attribute wie "klar" oder "rein" in den Sinn - in deinem Gedicht aber ist das Wasser weiß. Auf den ersten Blick scheint sich diese farbliche Zuschreibung nahtlos in die Wortreihe von "klar" und "rein" einzuordnen, denn mit weiß verbindet man ebenfalls Reinheit und Unbeflecktheit. Doch wenn Wasser weiß ist, dann spricht das eher dafür, dass es seine Reinheit verloren hat, es ist milchig, undurchsichtig, unsauber.
Ich dachte hier vorallem an strömendes, stürmisches Wasser mit weißer Gischt. Das Wasser ist dann in der Tat undurchsichtig. Wichtig war mir das aber vorallem, weil es später im Gegensatz zu dem schwarzen Spiegel stehen soll. Dazu gleich mehr.


Meiner Interpretation folgend beginnt das Gedicht also mit der Schilderung eines Entfremdungserlebnisses, unwiderruflich eingeschrieben in den Plan des Lebens. Solche Entfremdungsszenarien bilden in der Regel die Rahmenbedingungen für existenzielle innere Konflikte literarischer Figuren. Eine innere Zerrissenheit, die uns im weiteren Verlauf auch in diesem Gedicht begegnet.
Das kann man durchaus so stehen lassen. Auch wenn ich auf anderem Weg dahingelangt wäre und erst im Rückblick der weiteren Strophen. Du hast hier gewissermaßen schon vorgegriffen. Respekt.

Was den Fremden hier im Gedicht betrifft, bleibt das sein Geheimnis, aber immerhin verrät uns die Syntax etwas über ihn: Er versucht nämlich, auf dem entfremdeten Gefilde Halt zu finden - allein, es gelingt ihm nicht
Ein Fremder und Entfremdeter ist er vielleicht, weil er Dichter ist. Mir spukt schon lange der Gedanke im Kopf herum, dass der Mensch der mit sich im Einklang steht, auch in der Regel nichts zu Papier bringt. (Oder nur Schund) Marcel-Reich Ranicki meinte einmal: wer nicht gelitten hat, braucht nicht zu schreiben. Vielleicht hat er recht, man muss eine gewisse Unzufriedenheit und Fremdheit gegenüber sich selbst und den Ereignissen im eigenen Leben haben, um das zu Papier zu bringen.


Im Grunde fährt er noch immer, obwohl er längst trockenen Boden unter den Füßen hat.
Der einzige Punkt, wo ich dir widersprechen muss, er ist ja gekentert, hat die Überfahrt nicht geschafft. Dann wird beschrieben wie er als Buchstabenpuppe an den Fäden des anderen hängt, der auf der Brücke steht unter der er gekentert ist.

Ein wichtiger Punkt ist jetzt vorallem, dass die Grenzen zwischen der Person auf der Brücke und der Person unter der Brücke verschwimmen sollen. Es soll offenbleiben, ob beide nicht einfach dieselbe Person sind und hier eine inner -psychologische Zerissenheit beschrieben wird.


Doch diese Person ist kein Verbündeter, kein Freund, eher ist sie wie eine unerbittliche und gehässige Autorität, der sich der Protagonist ohnmächtig ausgeliefert fühlt.
Richtig. Was umso schlimmer wäre, wenn es sich eigentlich um ein und denselben handelt.


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Der Spiegel der dann eingeführt wird, ist natürlich ein Metaphorischer, ein Bewusstseinspiegel. Ich dachte aber, dass das Bild des entfachten Feuer als Metapher für das Niederbrennen der Gegenwart, die der Spiegel ja immer zeigt, stehen könnte und das er sein Bild vergisst (wie kann man sein Spiegelbild vergessen) eher als Zeichen, das er zu einem neuen Bild strebt. Einer neuen Zukunft, in der das Vergangene und die Gegenwart nicht mehr vorkommt.


Das der Spiegel schwarz, das Wasser weiß ist, greift dann das Schreiben nocheinmal auf. Druckerschwärze auf weißem Papier, wenn man so will.


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Du siehst, ich versuche es zu vermeiden die Bilder zu einem Ganzen zu verknüpfen, das soll der Leser tun und zu einem eigenem Ergebniss kommen. Einzig wichtig ist mir, dass das Kentern fürs Scheitern all der Bemühungen steht.


Ich danke dir herzlich für den bombastischen Kommentar. Das hatte ich schon lange nicht mehr und ich bin richtig glücklich damit. :)

L.G
Patrick
 

Frodomir

Mitglied
Hi Patrick Schuler,

es ist für mich interessant zu sehen, welche Intentionen du beim Schreiben deines Gedichtes hattest.

Verwundert war ich nur etwas über deine Anmerkung, dass der Protagonist des Gedichtes die Überfahrt nicht geschafft hat. Der Vers
Er setzt hinüber.
und am Ende die Aussage
Er kentert an Land
ließen mich als Leser eigentlich sicher sein, dass der Protagonist die stürmische See hinter sich gelassen hat, die Erfahrungen, die er bei der Überfahrt gemacht hat, aber nun nicht vergessen kann. Aber gut, es ist auch eher selten der Fall, dass sich Intention und Interpretation decken, deshalb ist es interessant, auch deine Perspektive zu kennen.

Zu einem weiteren Gedanken von dir möchte ich mich auch gern äußern. So schreibst du:
Mir spukt schon lange der Gedanke im Kopf herum, dass der Mensch der mit sich im Einklang steht, auch in der Regel nichts zu Papier bringt. (Oder nur Schund) Marcel-Reich Ranicki meinte einmal: wer nicht gelitten hat, braucht nicht zu schreiben. Vielleicht hat er recht, man muss eine gewisse Unzufriedenheit und Fremdheit gegenüber sich selbst und den Ereignissen im eigenen Leben haben, um das zu Papier zu bringen.
Nachdem ich es lange Zeit genau wie Reich-Ranicki gesehen habe, aber dann zwischenzeitlich das Schreiben völlig eingestellt hatte, um nicht mehr der sein zu müssen, der im Rückertschen Sinne zwar Kunst (falls man das, was ich geschrieben habe, so betrachten möchte) erzeugte, aber nicht in der Lage war, auch das eigene Leben zu einem Kunstwerk zu machen, habe ich nun einen etwas anderen Blick auf diese Frage.
Ich denke nämlich, es gibt nicht nur den Ausdruck, welcher einer leidenden Seele entspringen möchte und sich tatsächlich oft genug in nicht selten sogar als großartig wahrgenommener Kunst manifestierte. Sondern es gibt meiner Ansicht nach auch einen deutlich positiveren Ausdruck, welcher einfach Lust hat am Gestalten dieser großartigen Welt. Malt ein Kind (oder auch ein Erwachsener) z.B. das Bild eines Tieres, kann dies durchaus aus reiner Freude am Gestalten geschehen. Ich glaube, derart motivierte Kunstwerke sind sehr häufig in unserer Welt anzutreffen - und ich finde sie ganz großartig, selbst wenn sie vielleicht manchmal handwerklich noch nicht immer so ausgefeilt wirken. Aber in ihnen steckt etwas ganz elementar Gutes: Freude.

Herzliche Grüße
Frodomir
 
Hallo Frodomir

Ja, wahrscheinlich hast du recht.
Die Freude am Gestalten kenne ich ja auch zur genüge. Es ist ein tolles Gefühl ein Gedicht unter seinen Händen entstehen zu sehen. Und wenn es dann einigermaßen gelingt ... aber wem erzähl ich das . ;)

L.G.
Patrick
 

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