Der kleine Dieb (aus Schreibwerkstatt)

Der kleine Dieb
von Willi Corsten

Martin und Peter sind die besten Freunde der Welt. Sie spielen in der gleichen Fußballmannschaft und haben hier, in ihrem Heimatdorf, schon manchen Streich verübt. Da sie aber sonst freundlich und hilfsbereit sind, ist niemand ernsthaft böse darüber. Die elfjährigen Lausbuben sind Messdiener und feierten heute mit dem Pfarrer die Heilige Messe. Nun beobachten sie aufmerksam den dunkelhaarigen Jungen, der nach dem Gottesdienst in die Kirche gekommen war und sich verstohlen dort umgeschaut hatte. Sie ahnen nicht, dass der Kleine noch für eine große Überraschung sorgen würde.
Martin und Peter löschen die Kerzen am Altar. Das erledigen sie für den Küster, der plötzlich krank geworden war. Dann schlendern sie hinüber zum Südportal. Dort führt eine steile Treppe hoch zur Empore und windet sich weiter bis in den Glockenturm. Die geheimnisvollen Stufen ziehen die Freunde magisch an. Und weil sie heute ja so etwas wie Hausmeister in der Kirche sind, überwinden sie ihre Scheu und steigen in das verbotene Reich des Organisten hinauf.
„Komm, wir klettern bis in die Turmspitze", schlägt Martin wagemutig vor.
Doch sein Freund winkt ab. „Nein, das machen wir nicht. Die Empore reicht, sonst bestraft uns noch der Schutzpatron der Kirchenglocken."
„Wer ist denn das?", fragt Martin entgeistert.
„Der heilige Bimbam natürlich", antwortet Peter und schüttelt im gespielten Tadel den Kopf. „Du Schlafmütze hast wohl im Religionsunterricht gepennt."
Oben lehnen sich beide über die Brüstung aus feingemasertem Kirschbaumholz, die zusammen mit der silberglänzenden Orgel das Schmuckstück der alten Kirche ist. Von hier sehen sie wieder den fremden Jungen, der nun zum Marienaltar schleicht. Zur Weihnachtszeit ist dort die Krippe aufgebaut, und hier steht auch das Körbchen mit dem Geld, das die Kinder für die Armen in der Welt gespart haben. Der Junge greift in das Körbchen, steckt das Geld in seine Hosentasche, wendet sich um und läuft auf den Ausgang zu.
„Hast du das gesehen?“ ,empört sich Martin. „Der Bengel stiehlt einen Teil der Münzen. Na warte, du Freundchen.“
Wieselflink huschen beide die Treppenstufen hinunter und nehmen den kleinen Dieb in den Schwitzkasten. Der etwa achtjährige Junge fängt gleich zu weinen an. „Bitte nicht schlagen!" fleht er und hält schützend die Hände vors Gesicht.
„Warum hast du denn das Geld geklaut", fragt Peter zornig. „Was fällt dir ein und wer bist du überhaupt?"
„Ich heiße Robert...und wohne bei den Aussiedlern“, stottert der Junge und zieht schniefend die Nase hoch. „Und das Geld muss ich dem Joachim abliefern. Zwanzig Mark, mehr hab ich auch nicht genommen."
„Wer ist denn Joachim? Warum schickt er dich los zum Stehlen?“
„Joachim ist schon zehn Jahre alt und sooo groß! Gegen den habe ich nicht die geringste Chance. Ich muss einfach tun was er sagt, sonst gibt es Prügel."
„Na, auf den Rabauken freue ich mich schon", sagt Peter und fügt schmunzelnd hinzu: „Wir helfen dir, Robert, und zeigen dem großen Boss mal, wo‘s hier lang geht. Und wenn du versprichst, nicht mehr zu klauen, vergessen wir die Sache heute. OK?"
„Großes Ehrenwort", schwört der Kleine, wischt die Tränen aus dem Gesicht und schaut die Jungs bewundernd an.
Gemeinsam bringen sie das Geld zurück ins Körbchen, verlassen die Kirche und verabreden, pünktlich um drei Uhr nachmittags an der alten Mühle zu sein. Dorthin hatte Joachim den Robert bestellt.

Die Mühle liegt hinter der Bahnstrecke, einen halben Kilometer außerhalb des Dorfes. Pünktlich ist Robert dort. Joachim wartet schon ungeduldig auf ihn. Wie zufällig kommen auch die beiden Freunde vorbei.
Was nach einer handfesten Keilerei im Schatten der alten Eiche dann ausgehandelt wurde, bleibt aber ein großes Geheimnis. Niemand erfährt davon, denn alle Beteiligten schweigen wie ein Grab. Nur der Trainer der Fußballmannschaft ahnt wohl etwas von einer geheimen Abmachung, weil doch Martin und Peter plötzlich zwei Jungen als neue Freunde mit zum Training bringen. Dabei hat bislang niemand die vier zusammen gesehen, die jetzt unzertrennlich wie Pech und Schwefel sind. Doch der Trainer ist ein kluger Mann und fragt nicht weiter nach.
Einer der Neuen ist bald schon Mittelstürmer in der selben Mannschaft, in der auch unsere Freunde spielen. Alle nennen ihn 'Die Zaubermaus', weil er fast in jedem Spiel einen Ball ins gegnerische Tor zaubert.
Über die Tore freut sich besonders der kleine Robert, der doch um ein Haar zum Kirchendieb geworden wäre. Aber das war damals, als er noch in einer anderen Welt lebte.
 
L

leonie

Gast
hallo willi

ja, so gefällt mir deine geschichte sehr. du weißt ja, das ich es mag wenn geschichten, gerade mit kindern, gut ausgehen. bin jetzt auch wieder voll da. werde mich jetzt langsam wieder durch die texte arbeiten, also habt bitte ein wenig geduld mit mir.
ganz liebe grüße leonie
 
Liebe leonie,
bin froh, dass du wieder online bist. Ich hatte dich vermisst, weil du doch immer sehr gute Vorschläge machst.
Vielen Dank für dein Lob. Es spornt an zu weiteren Taten.

Es grüßt dich ganz lieb
Willi
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
ach,

willi! guck doch noch mal richtig rein in das körbchen mit dem geld. wieviel ist insgesamt drin - nee, nich genau, nur ungefähr - und der 10jährige ist ganz schön unverschämt mit 20 mark. auf keinen fall darf robert (so heißt mein großer sohn mit 2. namen) nicht alle taler nehmen! ganz lieb grüßt
 
Liebe oldicke,
diesmal verstehe ich nicht, was du mir mit dem Körbchen sagen willst. Soll der Junge weniger als 20 Mark nehmen, oder soll ich andeuten, dass mehr Geld darin liegt?
Viele Grüße sendet dir
Willi
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
na,

selbstverständlich, daß mehr geld drin liegt. es wäre ja ein sonderbarer zufall, wenn genau die 20 m drin sind, die der rotzbengel verlangte. klingt dann auch wie ne ausrede vom dieb. ganz lieb grüßt
 
Liebe oldicke,
danke für den Hinweis.
Ich ändere den Satz: „Der Bengel stiehlt die ganzen Münzen“ wie folgt ab: „Der Bengel stiehlt einen Teil der Münzen“.

Ist das deutlich genug?
fragt ganz lieb
Willi
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
ja.

jetzt trau ich mich gar nicht, dir zu sagen, was mir eben noch aufgefallen ist - die jungen spielen bei dir in der gleichen mannschaft, ich bin aber überzeugt, daß es die selbe ist. ganz lieb grüßt
 
Natürlich, liebe oldicke, die selbe Mannschaft. Ist bisher keinem aufgefallen. Dankeschön.
Du könntest mir einen großen Gefallen tun und einmal in "Weihnachten 1949" schauen. Steht noch in der Schreibwerkstatt - extra, weil ich von dir noch wertvolle Hinweise erwartet habe.
Es grüßt dich ganz lieb
Willi
 

Brigitte

Mitglied
Lieber Willi,
Ich find es auch schön, wenn Geschichten - gerade mit Kindern - so gut ausgehen. Nur leider gibts in der Realität
immer mehr Jugendliche, die ihre Mitschüler zu solchen Aktivitäten anstiften, was nicht so gut ausgeht.
Umso mehr gefällt mir deine Geschichte.
Hab sie leider erst jetzt entdeckt......

Liebe Grüsse
Brigitte
 
Liebe Brigitte,
herzlichen Dank für dein Interesse.
Freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefällt.
Ich wünsche dir ein wunderschönes Wochenende.
Liebe Grüße
Willi

PS. Auf die andere Antwort gehe ich später ein, weil ich gleich weg muss.
 

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