Der König
Es war schon hell, als der König aufwachte. Die Sonne schien sommerlich warm durch das Fenster seines Turmzimmers, obwohl es noch Winter war.
Er erhob sich aus seinem Bett und war viel erholter als erwartet.
Er ging die wenigen Meter bis zum Turmfenster und schaute hinaus. Die Sonne strahlte. Wäre es nicht kalt gewesen und wären die Bäume auf dem Marktplatz unter dem Turm nicht noch ohne Laub, er hätte es für einen herrlichen Sommertag gehalten.
Alles war vorbereitet. Vorbereitet für seinen Tag.
Der König war nervös. Jeder große Herrscher hatte einen Tag für die Geschichtsbücher – dies war nun seiner. Langsam füllte sich der Platz mit Menschen, mit seinem Volk, über das er schon so viele Jahre herrschte. Sein Blick fiel auf einen kleinen Vogel, der zwischen den herbeiströmenden Menschen aus einer Pfütze trank.
Die Sonne schien auf die Pfütze. Sie reflektierte.
Der König schaute sich um. Dort, in der Ecke, stand das Bett, das ihm einen so überraschend geruhsamen Schlaf bereitet hatte. Gegenüber stand ein Tisch, noch gedeckt mit dem üppigen Mahl, das er sich am gestrigen Abend hatte bringen lassen. Als Vorspeise hatte er frisches Weißbrot mit Oliven und Käse sowie als Hauptspeise einem König standesgemäß Wild verlangt. . Dieses Mahl hatte ihm trotz aller Nervosität gutgetan. Neben den Tellern aus feinem Porzellan lag noch das Silberbesteck.
Die Sonne schien auf eine Gabel. Sie reflektierte.
Sein Blick wanderte zu dem kleinen, vergleichsweise kargen Tischlein am anderen Ende des Zimmers. Dort lag, fein säuberlich vorbereitet, seine Garderobe für den heutigen Tag. Dem Anlass entsprechend war sie eher schlicht, aber sein Volk würde ihn erkennen. Zudem strahlte er immer noch die Würde des Herrschers aus – und das war es schließlich, was er heute seinem Volke präsentieren wollte: Würde und Majestät.
Nachdem er angekleidet war, ging er noch einmal hinüber zum Fenster. Erneut blickte er auf den Marktplatz. Die Pfütze, aus der vorhin noch der Vogel getrunken hatte, war nicht mehr zu sehen. Stattdessen war der Platz zum Bersten gefüllt mit Menschen. Es schien, als sei sein ganzes Volk gekommen.
Dann sah der König, wie Reihen von Gardisten in prächtigen Uniformen und bewaffnet mit Hellebarden begannen, einen Gang in Richtung Platzmitte zu schaffen. Sie schoben und drängten die Menge auseinander und hatten dabei alle Mühe. Doch auch wenn es dem Volk nicht gefiel, es war angemessen, dass ihm diese Gasse geschaffen wurde. Zudem – so fand er – sollte der Pöbel doch froh sein. So nah kämen sie ihrem König nie wieder.
Es klopfte. Der Bischof trat ein und setzte an zu sprechen. Der König jedoch unterbrach den Bischof mit einer einzigen, schneidenden Geste seiner rechten Hand. Der Bischof sah ihn irritiert an und schwieg. Heute fühlte der König sich Gott so nah wie nie zuvor. Er benötigte den Segen des Bischofs nicht!
Er schritt am Bischof vorbei aus dem Turmzimmer. Zwei Wachen, ebenso prunkvoll gekleidet wie diejenigen auf dem Marktplatz und ebenfalls polierte Hellebarden tragend, rahmten den König ein. Sie schritten neben ihm die Treppe hinunter.
Im Turm war es dunkel. Lediglich schummriges Licht fiel durch kleine Schießscharten. Es roch moderig nach verwittertem Holz und Taubenmist. Der König sehnte sich danach, schnell durch die Pforte des Turms auf den Platz zu treten.
Endlich erreichte er mit seinen Begleitern die Tür. Sie öffnete sich. Sofort fiel Sonnenlicht in den kleinen Vorraum. Kühle, aber trockene Luft strömte hinein.
Der König blickte durch die Tür. Vor ihm, auf dem sonnigen, mit Menschen zum Bersten gefüllten Marktplatz, war die lange, von Wachen gesäumte Gasse. Sie alle trugen ihre Hellebarden und schauten nun stumm in seine Richtung.
Überhaupt starrten alle Menschen auf dem Marktplatz ihn an.
Als er aus der Tür trat, verstummte sie alle ür einen kurzen Augenblick. Fast schien es ihm, als würde alles verstummen: der Wind, die Vögel – einfach alles.
Aber dieser Moment währte nur kurz. Den Bruchteil einer Sekunde vielleicht. Und dann brach lauter Jubel los. Die Menge erzeugte eine gewaltige Welle aus ohrenbetäubendem Lärm, die ihn wie eine tosende Flut traf. Fast taumelte er zurück, so überrascht war er. Nie hatte er sein Volk so überschwänglich und begeistert gesehen.
Der König war verärgert, ja fast wütend. Denn er hatte sich ihre Reaktion seiner Person und dem Anlass entsprechend gebührlicher ausgemalt. Aber was verstand der Pöbel schon? Wie sollte der einfache Bauer auch ein Gefühl für historische Ereignisse haben, lebt er doch auf seinem Hof im Dreck mit seinem Vieh? Natürlich fehlte diesen Gestalten seine Weitsicht.
Während er würdigen Schrittes und gut bewacht durch die Gasse schritt, schaute er über die Menge hinweg. So wie er immer über sie hinweggesehen hatte. Er blickte auf den Kirchturm am gegenüberliegenden Ende des Platzes. Dessen Uhr zeigte fünf Minuten vor Mittag – sie waren also im Zeitplan.
Die Sonne schien auf einen der Zeiger der Kirchturmuhr. Sie reflektierte.
Der König gelangte in die Mitte des Marktplatzes. Dort betrat er die für ihn hergerichtete Bühne. Er stieg über eine kleine, aus vier Stufen gezimmerte, leicht knarzende Holztreppe nach oben. Seine Wachen blieben unten.
Oben angekommen begab der König sich unter dem anhaltenden Gejohle der Menge mit festem Schritt direkt zu einer Holzbank. Er setzte sich auf ihre Stirnseite und ließ seinen Blick über den Marktplatz schweifen.
Er sah die Menge, die dicht gedrängt dem anstehenden Spektakel entgegenfieberte. Er sah den Turm, der ihm in den letzten Wochen ein Zuhause gewesen war. Er sah die Sonne.
Der König spürte, wie zwei kräftige Hände seine Schultern packten und ihn rücklings auf die Bank drückten. Über sich sah er den Kopf eines Mannes, von dem er nur die Augen sehen konnte: grüne Augen mit starrendem, fast leblos wirkendem Blick.
Das war er. Dies war der Moment, an den ihn seine Herrschaft geführt hat.
Da erkannte er: Es war niemals sein Volk. Er war nie ihr König.
Die Sonne schien auf das Fallbeil.
Es fiel. Er reflektierte.
Es war schon hell, als der König aufwachte. Die Sonne schien sommerlich warm durch das Fenster seines Turmzimmers, obwohl es noch Winter war.
Er erhob sich aus seinem Bett und war viel erholter als erwartet.
Er ging die wenigen Meter bis zum Turmfenster und schaute hinaus. Die Sonne strahlte. Wäre es nicht kalt gewesen und wären die Bäume auf dem Marktplatz unter dem Turm nicht noch ohne Laub, er hätte es für einen herrlichen Sommertag gehalten.
Alles war vorbereitet. Vorbereitet für seinen Tag.
Der König war nervös. Jeder große Herrscher hatte einen Tag für die Geschichtsbücher – dies war nun seiner. Langsam füllte sich der Platz mit Menschen, mit seinem Volk, über das er schon so viele Jahre herrschte. Sein Blick fiel auf einen kleinen Vogel, der zwischen den herbeiströmenden Menschen aus einer Pfütze trank.
Die Sonne schien auf die Pfütze. Sie reflektierte.
Der König schaute sich um. Dort, in der Ecke, stand das Bett, das ihm einen so überraschend geruhsamen Schlaf bereitet hatte. Gegenüber stand ein Tisch, noch gedeckt mit dem üppigen Mahl, das er sich am gestrigen Abend hatte bringen lassen. Als Vorspeise hatte er frisches Weißbrot mit Oliven und Käse sowie als Hauptspeise einem König standesgemäß Wild verlangt. . Dieses Mahl hatte ihm trotz aller Nervosität gutgetan. Neben den Tellern aus feinem Porzellan lag noch das Silberbesteck.
Die Sonne schien auf eine Gabel. Sie reflektierte.
Sein Blick wanderte zu dem kleinen, vergleichsweise kargen Tischlein am anderen Ende des Zimmers. Dort lag, fein säuberlich vorbereitet, seine Garderobe für den heutigen Tag. Dem Anlass entsprechend war sie eher schlicht, aber sein Volk würde ihn erkennen. Zudem strahlte er immer noch die Würde des Herrschers aus – und das war es schließlich, was er heute seinem Volke präsentieren wollte: Würde und Majestät.
Nachdem er angekleidet war, ging er noch einmal hinüber zum Fenster. Erneut blickte er auf den Marktplatz. Die Pfütze, aus der vorhin noch der Vogel getrunken hatte, war nicht mehr zu sehen. Stattdessen war der Platz zum Bersten gefüllt mit Menschen. Es schien, als sei sein ganzes Volk gekommen.
Dann sah der König, wie Reihen von Gardisten in prächtigen Uniformen und bewaffnet mit Hellebarden begannen, einen Gang in Richtung Platzmitte zu schaffen. Sie schoben und drängten die Menge auseinander und hatten dabei alle Mühe. Doch auch wenn es dem Volk nicht gefiel, es war angemessen, dass ihm diese Gasse geschaffen wurde. Zudem – so fand er – sollte der Pöbel doch froh sein. So nah kämen sie ihrem König nie wieder.
Es klopfte. Der Bischof trat ein und setzte an zu sprechen. Der König jedoch unterbrach den Bischof mit einer einzigen, schneidenden Geste seiner rechten Hand. Der Bischof sah ihn irritiert an und schwieg. Heute fühlte der König sich Gott so nah wie nie zuvor. Er benötigte den Segen des Bischofs nicht!
Er schritt am Bischof vorbei aus dem Turmzimmer. Zwei Wachen, ebenso prunkvoll gekleidet wie diejenigen auf dem Marktplatz und ebenfalls polierte Hellebarden tragend, rahmten den König ein. Sie schritten neben ihm die Treppe hinunter.
Im Turm war es dunkel. Lediglich schummriges Licht fiel durch kleine Schießscharten. Es roch moderig nach verwittertem Holz und Taubenmist. Der König sehnte sich danach, schnell durch die Pforte des Turms auf den Platz zu treten.
Endlich erreichte er mit seinen Begleitern die Tür. Sie öffnete sich. Sofort fiel Sonnenlicht in den kleinen Vorraum. Kühle, aber trockene Luft strömte hinein.
Der König blickte durch die Tür. Vor ihm, auf dem sonnigen, mit Menschen zum Bersten gefüllten Marktplatz, war die lange, von Wachen gesäumte Gasse. Sie alle trugen ihre Hellebarden und schauten nun stumm in seine Richtung.
Überhaupt starrten alle Menschen auf dem Marktplatz ihn an.
Als er aus der Tür trat, verstummte sie alle ür einen kurzen Augenblick. Fast schien es ihm, als würde alles verstummen: der Wind, die Vögel – einfach alles.
Aber dieser Moment währte nur kurz. Den Bruchteil einer Sekunde vielleicht. Und dann brach lauter Jubel los. Die Menge erzeugte eine gewaltige Welle aus ohrenbetäubendem Lärm, die ihn wie eine tosende Flut traf. Fast taumelte er zurück, so überrascht war er. Nie hatte er sein Volk so überschwänglich und begeistert gesehen.
Der König war verärgert, ja fast wütend. Denn er hatte sich ihre Reaktion seiner Person und dem Anlass entsprechend gebührlicher ausgemalt. Aber was verstand der Pöbel schon? Wie sollte der einfache Bauer auch ein Gefühl für historische Ereignisse haben, lebt er doch auf seinem Hof im Dreck mit seinem Vieh? Natürlich fehlte diesen Gestalten seine Weitsicht.
Während er würdigen Schrittes und gut bewacht durch die Gasse schritt, schaute er über die Menge hinweg. So wie er immer über sie hinweggesehen hatte. Er blickte auf den Kirchturm am gegenüberliegenden Ende des Platzes. Dessen Uhr zeigte fünf Minuten vor Mittag – sie waren also im Zeitplan.
Die Sonne schien auf einen der Zeiger der Kirchturmuhr. Sie reflektierte.
Der König gelangte in die Mitte des Marktplatzes. Dort betrat er die für ihn hergerichtete Bühne. Er stieg über eine kleine, aus vier Stufen gezimmerte, leicht knarzende Holztreppe nach oben. Seine Wachen blieben unten.
Oben angekommen begab der König sich unter dem anhaltenden Gejohle der Menge mit festem Schritt direkt zu einer Holzbank. Er setzte sich auf ihre Stirnseite und ließ seinen Blick über den Marktplatz schweifen.
Er sah die Menge, die dicht gedrängt dem anstehenden Spektakel entgegenfieberte. Er sah den Turm, der ihm in den letzten Wochen ein Zuhause gewesen war. Er sah die Sonne.
Der König spürte, wie zwei kräftige Hände seine Schultern packten und ihn rücklings auf die Bank drückten. Über sich sah er den Kopf eines Mannes, von dem er nur die Augen sehen konnte: grüne Augen mit starrendem, fast leblos wirkendem Blick.
Das war er. Dies war der Moment, an den ihn seine Herrschaft geführt hat.
Da erkannte er: Es war niemals sein Volk. Er war nie ihr König.
Die Sonne schien auf das Fallbeil.
Es fiel. Er reflektierte.
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