Der Koffer

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ThomasQu

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Der Koffer

Die Party war schon voll im Gange, als die Gäste durch die Türglocke in ihren Gesprächen unterbrochen wurden.
Bärbel stellte ihr Sektglas ab und öffnete. Mit einem „Mensch Robert! Endlich …“ fiel sie dem jungen Mann vor ihrer Schwelle um den Hals.
„Hallo große Schwester, alles Gute zum Geburtstag. Na, hast du jetzt die Zwanziger tapfer hinter dir gelassen? Pass nur auf, dass du nicht bald zum alten Eisen gehörst“. Robert lachte und löste sich aus ihrer Umarmung. Er griff nach dem Koffer, den er neben sich abgestellt hatte und folgte ihr ins Wohnzimmer. Mit “Großem Hallo“ wurde er von ihren Freunden begrüßt.
„Willst du heute hier übernachten?“ Bärbels Blick war verwundert auf den Koffer gefallen.
„Nein! Dein Geburtstagegeschenk! Den habe ich ersteigert.“ Robert grinste dabei. „Den hatte irgendjemand mal in einem Zugabteil vergessen.“
Bärbel schlug lachend die Hände vors Gesicht. „Nein, das gibt’s doch nicht, du Ulknudel!“
Robert wuchtete das Gepäckstück auf den Tisch, ging in den Flur und holte einen Hammer.
Mit einigen harten, gezielten Schlägen schlug er die Schlösser zu Bruch und Bärbel öffnete den Deckel. Unter dem Gejohle ihrer Gäste zog sie karierte Herrenhemden, zwei braune Cordhosen, Socken, Feinrippunterwäsche, eine Badetasche und ein Paar Sandalen heraus, Größe sechsundvierzig. Eines von den Hemden hielt sie sich vor die Brust. „Schau mal, wie dick der Mann sein muss, dem das gehört hat. Der wiegt ja mindestens drei Zentner!“
„… und war mindestens schon Siebzig!“, ergänzte einer der Partygäste. Unter großem Gelächter wurden die Kleidungsstücke herumgereicht. Es folgten noch ein paar zotige Witze, einer gab eine kleine Anekdote zum Besten und man widmete sich wieder anderen Themen.

Es war schon später Vormittag, als bei Robert das Telefon klingelte. Bärbel war auf der anderen Seite der Leitung. „Du, hör mal … in deinem Koffer … ich hab da heute Morgen ein Heft gefunden, so eine Art Tagebuch, in einer Innentasche. Ich glaub, das handelt noch vom Krieg. Das musst du dir mal anschauen!“
Eine Stunde später war Robert da und sie zeigte ihm das Heft.

Edmund Helmreich
Hauptmann

stand auf dem Umschlag.
„Ha, die alte Sütterlinschrift. Die war in meinem Studium lange ein Thema. Ist jetzt aber auch schon ein paar Jährchen her.“ Robert begann zu blättern.

15. Januar 1945
… und sind mit Glück einem Englischen Tiefflieger entkommen. Gerster fuhr wie der Teufel …

18. Januar 1945
… ist alles ausgemacht mit dem Hauptfeldwebel. Der Zug fährt wahrscheinlich nächste Woche Dienstag …

22. Januar 1945
… Heureka! Wir haben das Gold! Drei unauffällige kleine Kistchen, aber wahnsinnig schwer. Gerster hatte beim Einladen geflucht …

„Das klingt ja spannend!“ Auf einer der nächsten Seiten erkannte Robert eine Skizze, ähnlich einer Landkarte. Am rechten Rand war die Zeichnung mit einem X versehen.
„Sieht wie eine Schatzkarte aus“, meinte Bärbel verwundert. „Das ist ja wie im Abenteuerfilm.“
„Ja! Unglaublich! Das sollte ich mir mal genauer anschauen!“

Nachdem Bärbel für Robert ein schnelles Mittagessen gekocht hatte, machte er sich mit dem Tagebuch auf den Weg nach Hause. Dort schaltete er seine Schreibtischlampe ein und begann, dieses Heft genauer zu untersuchen. Die Einträge begannen am 02. 01. 1945 und endeten auf der letzten Seite am 28. 01. 1945 mitten im Satz.
Zuerst erschien ihm alles recht belanglos. Doch als plötzlich dieser Hauptfeldwebel in Erscheinung trat, sog Robert die Zeilen immer hastiger auf, nur um alles gleich ein zweites und ein drittes Mal zu lesen. „Das ist ja ein ganz großes Ding“, murmelte er immer wieder vor sich hin.

Als er mit der Lektüre durch war, griff er zum Telefon. „Bärbel, wir müssen reden, ich komm gleich mal vorbei!“
Fünfzehn Minuten später klingelte es. Bärbel öffnete die Tür und klopfte ihm ein wenig Schnee von den Schultern. „Ja sag mal, was steht denn da so Tolles drin?“
Robert ließ sich im Wohnzimmer in den Sessel fallen, legte das Heft auf den Couchtisch und atmete tief durch. „Also, dann fasse ich jetzt mal kurz zusammen: Dieser Hauptmann Helmreich und sein Fahrer Gerster hatten spitzgekriegt, dass ein Zug aus dem Osten kommen sollte, mit Raubkunst und Schätzen. Und der Hauptfeldwebel war mit ein paar Soldaten für die Sicherung abgestellt. Bei einem planmäßigen Zwischenstopp des Zuges tauchten plötzlich Helmreich und Gerster auf, beschlagnahmten drei von diesen Goldkisten und machten sich damit aus dem Staub.“
„Ist ja nicht zu glauben, echt irre!“
„Ja, aber wart nur ab, es kommt noch besser. Ich lese dir mal vor: … eine unglaubliche Plackerei, bis Gerster die Kisten dort hatte, wo sie hin sollten. Tja, Gerster … das tut mir wirklich leid, ein feiner Kamerad, aber ich musste das tun. Er war einfach zu schwatzhaft, wenn er betrunken war …“
Bärbel riss die Augen auf. „Hat der seinen Fahrer umgebracht?“
„Sieht ganz so aus.“
„Das müssten wir eigentlich der Polizei melden!“
„Na ja, der Hauptmann lebt gewiss nicht mehr, der wäre jetzt ganz sicher deutlich über Hundert. Höchstens interessant für Gersters Nachfahren, damit die wissen, wie der ums Leben kam. Aber was wir gar nicht wissen ist, welche Rolle der dicke Mann gespielt hat, der den Koffer im Zug vergessen hatte. War der am Ende auf der Suche nach dem Goldschatz?“
„Keine Ahnung. Aber schau mal, was mir aufgefallen ist.“ Bärbel stand auf und holte eins von den Hemden. „Da sind am Kragen Initialen eingestickt, HH, ganz klein.“
Robert rieb sich über die Schläfen und dachte nach. „Vielleicht soll das ja Helmut, oder Hans, oder Harald Helmreich heißen … Jetzt stell dir mal vor, der dicke Mann hat bei sich zuhause den Dachboden ausgeräumt und dabei die Tagebücher seines Vaters oder Großvaters gefunden, und natürlich gelesen. Vielleicht war dieser nicht in der Lage, den Schatz selber zu heben … und das wollte der Dicke nachholen.“
„Heißt das, dass der Schatz dort tatsächlich noch liegen könnte?“ Bärbel erschrak fast ein wenig bei dem Gedanken.
„Nehmen wir mal an, in so einer Kiste wären um die zwanzig Kilo Gold …“ Robert stand auf und setzte sich an Bärbels Laptop. „Der Goldpreis liegt … Moment …“, er hackte in die Tastatur, „bei circa dreißigtausend Euro das Kilo. Dann hätten die Kisten jetzt einen Wert von eins Komma acht Millionen. Nur mal so, damit wir wissen, in welchen Dimensionen wir uns befinden.
Bärbel nahm das wortlos zur Kenntnis. All das musste erstmal in ihr sacken. „Und jetzt?“
Robert suchte nun im Tagebuch die Seite mit der Skizze. Darin war ein Ort eingezeichnet.
Witthöft.
Den gab er auf Google Maps ein. Augenblicklich erschien eine Landkarte mit dem gewünschten Ausschnitt. Er zoomte vor und zurück. „Da schau, ein Weiler im Bayerischen Wald ist das. Ganz nahe an der Tschechischen Grenze. Wahrscheinlich nicht weit von der Stelle, an der die den Zug ausgeraubt hatten.“ Er verglich die angezeigte Topographie mit der Skizze. „Der Strich, der hier durch Witthöft gezeichnet ist, muss diese Straße sein“, dabei tippte er auf den Bildschirm. „Und die beiden anderen Striche, die vor und hinter dem Ort nach rechts von der Straße wegführen, sind diese beiden Forstwege. Genau in der Mitte zwischen diesen Forstwegen, mitten im Wald, liegt unsere Stelle.“
„Da wissen wir ja gar nicht, wo wir graben sollen.“
Jetzt googelte Robert noch mal: Goldfund bei Witthöft. Die Suchmaschine konnte keine relevanten Informationen geben. Somit war der Schatz vielleicht noch da! Und real!
„Nein, wo wir graben sollen, wissen wir noch nicht. Morgen ist Montag. Ich würde vorschlagen, wir gehen ganz normal zur Arbeit und fragen einfach, ob wir ab Dienstag für den Rest der Woche Urlaub nehmen können. Und dann fahren wir da hin und schauen uns mal um.“

Zwei Nächte hatte Bärbel über diese Sache geschlafen, als die beiden am Dienstagmorgen auf der A3 in Richtung Regensburg unterwegs waren. „Also, ich verspreche mir von dieser Unternehmung nicht sehr viel. Dafür sind unsere Anhaltspunkte einfach zu dürftig. Und was außerdem noch seltsam ist: In dem Koffer gab es keinerlei Schmutzwäsche. Wenn der Dicke auf dem Weg war, den Schatz zu heben, müsste er ja schon auf dem Hinweg im Zug seinen Koffer samt Lageplan vergessen haben. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen.“
„Das stimmt. Aber vielleicht ist das der Grund, warum er ihn nicht heben konnte und seinen Koffer hat er ja nicht mehr wiederbekommen.“

Bärbel hatte in einem etwas größeren Nachbarort ein Zimmer in einer Pension reserviert und jetzt saßen sie auf den Betten und zogen sich um. Draußen schneite es und ein klirrender Ostwind fegte über das Land. Mit Thermojacken und Wanderstiefeln ausgestattet fuhren sie nun auf der schmalen Straße auf und ab, die durch Witthöft führte, um nach den beiden Forstwegen Ausschau zu halten. Die waren schnell gefunden. Bärbel parkte ihren Wagen am Straßenrand und die beiden stiegen aus.

Der Weg, den sie vor sich hatten, südlich des Weilers, war vereist und stieg steil an. Nach fünfhundert Metern führte ein kleiner Trampelpfad nach links. Hier blieb Robert schnaufend stehen und wartete einen Moment auf seine Schwester.
„Robert, in einer Stunde wird es dunkel und ich möchte mich hier nicht verlaufen.“
„Man kann sich hier nicht verlaufen! Wenn der Pfad halbwegs geradeaus weitergeht, mündet er in den zweiten Forstweg, der zurück zur Straße führt und im Zweifelsfalle musst du immer nur bergabgehen, auch dann kommst du zwangsläufig auf der Straße raus.“
„Ich weiß nicht, was wir hier überhaupt wollen! Schau dir doch mal den riesigen Wald an, an welcher Stelle willst du denn graben?“
„Graben? Nirgends! Hier kann man nicht graben. Der Boden ist total gefroren, voller Wurzeln und Steine, da kommt man mit einem Spaten gar nicht rein! Und genauso wird es vor dreiundsiebzig Jahren gewesen sein. Es ist ja fast auf den Tag genau die gleiche Jahreszeit. Die müssen die Kisten irgendwo versteckt haben.“
„Ach ja, die sind aufs Geradewohl hierher gefahren, haben diese schweren Kisten den Berg hinaufgeschleppt und dann irgendein Versteck gesucht? Das glaube ich einfach nicht.“
„Nein, einer von beiden kannte sich hier aus, und zwar Gerster! Sonst hätte ja der Hauptmann diese Skizze nicht gebraucht.“

Robert hatte Recht. Der Trampelpfad führte geradewegs auf den zweiten Forstweg, nördlich des Weilers. Auf dem liefen die beiden bergab und landeten wieder an der Straße. Bärbel hatte jetzt ihre Kapuze übergezogen, die Hände in den Taschen vergraben und drehte beim Laufen den Rücken gegen den Wind. Ein stückweit vor sich sahen sie das Gehöft.
Als sie daran vorbeigingen, konnten sie die etwas verwitterte Aufschrift unter dem Giebel klar erkennen.
HAUS GERSTER
WITTHÖFT

Zurück in der Pension zog Robert noch mal die Skizze aus dem Tagebuch zu Rate. „Bärbel, wenn die halbwegs maßstabsgerecht ist, dann müssten die Kisten nahe an dem nicht eingezeichneten Trampelpfad versteckt sein. Genau dort fangen wir morgen mit der Suche an.“
„Das kannst du alleine machen, ich bleib hier! Das ist doch voll idiotisch.“

Gleich nach dem Frühstück schnappte er sich ihren Autoschlüssel und fuhr zu dem Forstweg, auf dem sie auch tags zuvor schon gestartet waren. Während er hinauflief, umriss er im Geiste die Fläche seines Suchgebietes. Ungefähr fünfhundert Meter waren es, bis der Trampelpfad links abging und der war circa achthundert Meter lang. Somit müsste er eine Fläche von vierhunderttausend Quadratmetern absuchen. In einem völlig unwegsamen, steinigen, steilen Gelände.
Jetzt war er an der Stelle angekommen, an der der Pfad wegführte. Parallel dazu, nur zwei Meter tiefer, kämpfte er sich durchs Gehölz, bis er hundert Schritte gezählt hatte. Die nächsten hundert Schritte ging er wieder zurück, nur etwas unterhalb davon. Auf diese Weise wollte er systematisch das ganze Areal begehen. Seine Fußspuren in der dünnen Schneeauflage dienten ihm als Abstandspunkte. Konzentriert ließ er seine Blicke dabei nach eventuellen Auffälligkeiten über den Boden schweifen.
Bis zum Mittag hatte er sich schon ein gutes Stück hinabgearbeitet. Erschöpft an einem Baum gelehnt fragte er sich, ob er nicht doch besser mit einer Metallsonde arbeiten sollte, als plötzlich sein Blick auf ein Loch im Hang fiel. Kreisrund, mit einem halben Meter Durchmesser.
Bärbels Autoschlüssel hatte eine kleine Fingerlampe als Anhänger. Damit leuchtete er hinein und er glaubte zu erkennen, dass sich schräg abwärts eine Höhle hinter dem engen Eingang auftat. Er schob einen langen, dürren Ast in das Loch und sogleich flatterte ein aufgeschreckter Vogel heraus.
Robert spürte keinen Widerstand. Im Gegenteil, er konnte den Stock in der Höhle kreisen lassen.

Adrenalin schoss ihm durch die Adern und sein Herz begann, heftig zu schlagen. Aber ganz alleine hineinkriechen? Das traute er sich nicht. Bärbel musste her! Und eine Taschenlampe!
Er prägte sich die Stelle noch einmal gut ein und hastete zum Auto.

Bärbel lag im Bett und las in einer Zeitschrift, als Robert zur Zimmertür hereinstürzte. „Steh auf, zieh dich an! Ich glaub, ich hab das Versteck gefunden!“
Es dauerte ein wenig, bis sie in die Gänge kam. „Dann erzähl doch mal, hast du die Kisten gesehen?“
„Nein, aber eine Höhle und da müssen sie einfach sein.“
„Eine Höhle?“
„Ja! Ich erkläre dir das alles vor Ort!“

Es hatte inzwischen zu schneien angefangen und Roberts Fußspuren vom Vormittag waren nicht mehr zu erkennen. Die beiden standen vor dem Loch, ausgerüstet mit einer Taschenlampe und zur Sicherheit mit dem Abschleppseil aus Bärbels Auto.
„Und da willst du rein? Du spinnst doch!“
Aber Robert war wild entschlossen. Er rutschte langsam hinab, bäuchlings, mit den Füßen voran. Nach einem Meter konnte er sich schon ein wenig aufrichten, nach einem weiteren Meter stehen. Mit der Lampe leuchtete er nun in die Tiefe und erkannte, dass sich die Höhle weiter hinten vergrößerte. Hier war es gleich nicht mehr so kalt und der Boden knöcheltief matschig. Vereinzelt tropfte Wasser von der Decke. Nach ein paar weiteren Schritten endete der Hohlraum plötzlich. „Bärbel, hörst du mich?“ Roberts Stimme klang dumpf.
„Ja.“
„Das war jetzt gar nicht schlimm. Du musst dir das wie einen aufgeblasenen Luftballon vorstellen. Es ist ein ziemlich großer Raum hier.“
„Und die Kisten?“ Auch Bärbel war jetzt angespannt.
Er ließ sich mit der Antwort noch etwas Zeit und leuchtete den Boden systematisch aus. Mit seinen Füßen bohrte er stichprobenartig im Matsch, ob sie vielleicht nur überdeckt sein könnten.
„Robert?“
Nun suchte er die Wände und die Decke des Gewölbes ab und erkannte einen kleinen Vorsprung hoch über seinem Kopf. Die Stelle darüber konnte er aber nicht einsehen. „Bärbel, du musst mit rein!“
„Nein, das mache ich nicht!“
„Doch, es ist ganz leicht. Und man kommt da auch ganz leicht wieder raus. Hier oben ist eine Stelle, die nicht einsehbar ist. Da müssen die Kisten liegen. Wenn sie da nicht sind, verspreche ich dir, dass wir die ganze Sache abblasen und wieder nach Hause fahren. Du musst einfach nur mit den Füßen voran hinabrutschen.“
Es kostete Bärbel große Überwindung, aber ihrem Bruder zuliebe wagte sie es. Mithilfe des Abschleppseils, das sie an einem Baum befestigt hatte, ließ sie sich langsam hinab, betete dabei und fluchte … und eine halbe Minute später stand sie neben ihm. „Was machen wir, wenn jetzt der Eingang einstürzt?“
„Dann finden die Archäologen in hunderttausend Jahren unsere Knochen.“ Robert stellte sich unter den Vorsprung. „Los, Räuberleiter!“ Er faltete seine Hände vor sich zusammen, Bärbel setzte ihren Fuß hinein, hielt sich dabei an seinen Schultern fest, stemmte sich hoch und schon überragte sie ihren Bruder um fast einen Meter. Das genügte aber noch nicht.
„Du musst auf meine Schultern steigen!“
Den Vorsprung konnte Bärbel schon ergreifen. Dort hielt sie sich fest, setzte den rechten Fuß auf Roberts linke Schulter und zog sich noch mal in die Höhe. Nun war sie weit genug oben und richtete den Lichtstrahl der Taschenlampe auf die verborgene Stelle.
„Robert, da … da sind sie … diese drei Kisten! Ich fasse es nicht!“
„Versuch mal, ob du die greifen kannst!“
„Ja, aber … die sind so schwer.“ Bärbel rüttelte am Griff, „ich kann die nicht mal verrutschen“.
Nun konnte Robert ihr Gewicht nicht mehr halten und Bärbel glitt unsanft in die Tiefe.
Nachdem die beiden einen Moment ausgeschnauft hatten, meinte Robert: „Wir brauchen eine stabile Leiter.“
„Nein, Robert! Das Gold gehört uns nicht! Sobald wir es geschafft haben, hier heil rauszukommen, gehe ich zur Polizei und melde den Fund! Bestimmt gibt es einen ansehnlichen Finderlohn.“
Robert öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber dann senkte er den Kopf.

Die Polizisten auf der Wache staunten gehörig, als ein völlig verdrecktes Pärchen hereinkam und etwas von einem gefundenen Goldschatz erzählte. Bärbel und Robert redeten eine halbe Stunde auf den Dienststellenleiter ein, bis sie halbwegs ernst genommen wurden. Die Höhle war den Behörden noch nicht einmal bekannt.
Der Dienststellenleiter verzichtete darauf, einer so verrückten Geschichte wegen für die anstehende Nacht eine Wache vor der Höhle aufzustellen. Die Kollegen wollten schließlich ihren Feierabend und er ordnete für Bärbel und Robert strengste Verschwiegenheit an.

Am nächsten Vormittag bedurfte es der Kraft mehrerer starker Männer der örtlichen freiwilligen Feuerwehr, begleitet von einem Zeitungsreporter und einem Fotografen, um die erste Kiste aus der Höhle zu bergen.
Die war aus massivem Eichenholz und hatte die vielen Jahre in der feuchten Umgebung gut überstanden. Schnell war ein Stemmeisen zur Hand und der Kommandant begann, den Deckel aufzuhebeln. Die rostigen Nägel leisteten dabei beträchtlichen Widerstand.
Bärbel und Robert hielten sich fest an den Händen und wagten kaum zu atmen, als das Holz splitterte und der Rest des Deckels laut knarrend aufsprang. Zum Vorschein kamen viele kleine schmutzig dunkle Barren.
Als der Kommandant mit dem Finger über einen der Barren strich, verbreitete sich plötzlich goldener Glanz.
Die Bergungsgemeinschaft staunte und strahlte, einige klatschten sich ab und all die, die vorher voller Spannung geschwiegen hatten, redeten jetzt aufgeregt durcheinander.
Bärbel und Robert umarmten sich.
Nun nahm der Kommandant einen Barren heraus, wischte ihn mit seinem Taschentuch blank und präsentierte ihn triumphierend dem Publikum. Das Gold schimmerte hell im trüben Tageslicht und sein Glanz spiegelte sich in den Gesichtern der Anwesenden wider.

Am Nachmittag saßen Bärbel und Robert bei Familie Gerster zu Kaffee und Kuchen und klärten sie über die damaligen Vorfälle auf.
„Zu der Zeit waren die Leute hier noch arm!“, erzählte Herr Gerster den beiden. „Der Wilhelm wäre mein Großvater gewesen. Das war schon ein schwerer Schlag, plötzlich wurde er ganz in der Nähe tot aufgefunden. Er hätte mal den Hof erben sollen. Man hat in der Familie einfach angenommen, dass er desertiert war und erschossen wurde. Es ging ja drunter und drüber in den letzten Kriegsmonaten.“

Die restlichen Tage ihres Urlaubs waren für Bärbel und Robert fast genauso aufregend wie die Schatzsuche selbst. Die Zeitung hatte die Fotos der Bergung gewinnbringend an eine Illustrierte verkauft und jetzt wurden die beiden interviewt, die Story noch mal groß aufgemacht, und es dauerte ein paar Tage, bis es um die Geschwister wieder ruhiger wurde.

Doch zwei Wochen nach dem Abenteuer klingelte bei Robert das Telefon. Es war Bärbel. „Stell dir vor, wen ich kennengelernt habe, eine gewisse Erika Gregorowitsch, geborene Helmreich. Sie rief im Namen ihres Bruders Heinz Helmreich an und erklärte mir, dass der inzwischen völlig dement sei. Vor einem halben Jahr war er mit der Bahn unterwegs zu ihr, und da hatte er seinen Koffer im Zug vergessen. Wahrscheinlich die ersten schweren Anzeichen seiner Krankheit.“
„Dann hatte der das Tagebuch gar nicht gelesen, sondern nur als Bettlektüre dabei.“
„Ja, so ähnlich, hihi. Sie hat noch erzählt, dass sie auch ein bisschen in ihrer Familiengeschichte gestöbert hatte, und dabei ist herausgekommen, dass ihr Großvater, der Hauptmann Edmund Helmreich, im Februar 1945 noch mal für eine Woche auf Heimaturlaub war und danach an der Ostfront in Gefangenschaft geriet. Ab dann verlor sich seine Spur. Das mit dem Mord hat sie schwer mitgenommen. Außerdem will sie den Koffer und das Tagebuch wiederhaben und deshalb reist sie nächstes Wochenende an und kommt bei mir vorbei.“
„Dann muss ich mir ja noch ein neues Geburtstagsgeschenk für dich ausdenken.“
„Nein! Lieber nicht!“
 
Hallo ThomasQu,

diese Geschichte habe ich gelesen, als die Leselupe eingefroren war. Die Idee und Ausführung fand ich schon ziemlich beeindruckend, wenn auch ein klein wenig zu lang geraten.
Es ist quasi eine Geschichte, die man als "Die Schatzsuche" oder "Das Rätsel" bezeichnen könnte. Vielleicht kennst du ja "Die 20 Masterplots" von Ronald B. Tobias.
Auf alle Fälle eine schön konstruierte Geschichte (im positiven Sinne).

LG SilberneDelfine
 

ThomasQu

Mitglied
Servus Frau Delfine,

bin hier in unserem neuen Wohnzimmer noch ziemlich am Kämpfen und hab deinen Kommentar nur so nebenbei bemerkt. Es kam keine Benachrichtigungsmail. Vieles ist noch recht mysteriös für mich, aber das wird schon werden.
Ein wenig zu lang geraten, stimmt, wahrscheinlich meinst du dabei vor allem den ersten Absatz. Hab mir das auch schon gedacht, dass man den womöglich fast ersatzlos streichen könnte.
Na ja, jetzt lass ich den erstmal.
Vielen Dank für deine Meinung zur Geschichte und für die Sternchen.

Gruß, Th.
 

Aina

Mitglied
Hallo ThomasQu,
gut geschrieben, sauber, flüssig lesbar, rund.
Am Ende fehlt mir als Leserin die Belohnung für die sehr ausführliche und plastische Begleitung der "Schatzsuche". Der überraschende Moment, der tiefere Grund, das Schmunzeln oder Kopfschütteln, egal was, aber nicht so ein langsames Auslaufen der Handlung. Vielleicht gibt es ja noch ein alternatives Ende? Bis jetzt drei Sterne mit der Hoffnung auf den vierten - ich warte mit der Bewertung einfach noch ab ;-)
Gruß, Aina
 

ThomasQu

Mitglied
Guten Morgen Aina!

Schön, dass du nach über einem Jahr Abwesenheit mal wieder von dir hören lässt.
Ein anderer Schluss? Weiß nicht …
Ich hätte die Geschichte ja an der Stelle beenden können, an der der Feuerwehrhauptmann die erste Kiste geöffnet hatte. Aber ich hab meine beiden Protagonisten mit der Zeit so liebgewonnen, dass ich mich nicht so abrupt von ihnen trennen wollte und nachdem man ja sehr gemächlich in die Kernhandlung einsteigt, finde ich auch diesen sanften Ausstieg angemessen. Mal schauen, vielleicht gibt es ja noch eine andere Meinung dazu.
Somit lass ich das vorerst mal so, beuge mein Haupt vor dir und hoffe auf Milde!

Vielen Dank für dein Feedback und Grüße,

Thomas
 

Ilona B

Mitglied
Guten Morgen Thomas,
mir hat deine Geschichte gut gefallen. Mir war sie nicht zu lang und den Schluss finde ich auch gelungen. Schön, dass man erfährt warum der Koffer abhanden gekommen ist und die letzte Anmerkung über ein neues Geschenk passt prima. :)
Ich hadere nur mit der Schatzkarte ein wenig. Warum zeichnet man eine Karte, doch nur für einige wenige eingeweihten Personen. Man selbst braucht sie nicht und fremde Personen sollen sie nicht lesen können, also denke ich so eindeutig wird keine Karte gezeichnet.
Das die Höhle nach der ganzen Zeit noch unentdeckt war schiebe ich dem Glück zu, dass man bei einer Schatzsuche auf jeden Fall braucht.
 

ThomasQu

Mitglied
Hallo Ilona,

Als erstes vielen Dank für dein Interesse. Ich freue mich, dass dir die Geschichte gefällt.

Eine Schatzkarte in dem Sinne ist es ja nicht, sondern nur eine kleine Skizze, bestehend aus drei Strichen, dem Ortsnamen und einem X, die der Hauptmann in sein Tagebuch gezeichnet hat.
Sicher ist sicher, wird er sich damals gedacht haben, wer weiß, wann ich mal dazukomme, den Schatz zu heben. Einfach eine kleine Erinnerungsstütze.

Als unentdeckt habe ich die Höhle nicht beschrieben, sondern nur als behördlich nicht bekannt.

Viele Grüße,

Thomas
 

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