Der Kotzbrocken

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Walther

Mitglied
Der Kotzbrocken


Ich habe die Weisheit mit Löffeln gefressen.
Den silbernen Löffel trag ich im Gesicht.
Höflich, bescheiden? Das kenne ich nicht.
Den richtigen Standpunkt hab ich stets besessen.

Wo Menschen einst herkamen, das ist vergessen.
Ich meide den Schatten und suche das Licht.
Respekt und Benehmen sind lästige Pflicht,
Die Fairness, die Freundlichkeit nur Petitessen.

Ich denke nur Großes, da stört alles Kleine,
Wer mich kritisiert, der hat gar keine Ahnung,
Negiere vermessen noch jegliche Mahnung:
Am Ende gilt eines, und zwar, was ich meine.

Ich fräse mich durch, wen ich treffe, bleibt liegen,
Denn ich bin der Stärkste. Wer stark ist, wird siegen.
 
D

Die Dohle

Gast
Hallo Walther,
ein erster versuch, mich diesem text zu nähern.

du setzt dem leser einen ziemlich bissigen spiegel vor die nase. ich halte es für gut möglich, der text funktioniert vorgetragen, unterstützt durch entsprechende gestik ausgezeichnet.

in trauter zweisamkeit, also der text und ich, nur gelesen, kippt mir die wohl beabsichtigte bissige fast bittere ironische anklage dahingehend, dass mich der text gewissermaßen vernichtet zurücklässt, there´s no way out, sag ich mal.

diesen umstand finde ich außerordentlich interessant. offenbar entwickeln texte unter unterschiedlichen bedingungen höchst verschiedene wirkung.

lg
die dohle
 

Walther

Mitglied
Hi Dohle,

genau das ist die absicht eines solchen textes. er soll den prototypen aufspießen, den er beschreibt. natürlich hat jeder von uns etwas von diesem holzschnittartig herausgearbeiteten "typen" an sich. und dann kann, darf, soll und muß der text "erschrecken".

wenn ich dich richtig verstanden habe, wurde - das klappt ja nicht immer - der nagel sozusagen auf den kopf getroffen. das wäre ein schönes feedback, das mir weiterhilft.

gedichte dieser art wirken immer beim vortrag besser, weil man den karikierten prototypen zusätzlich noch "spielen" kann. ich werde das mal ausprobiere, allerdings wohl nicht bei meiner lesung in Metzingen am 25.09.2014, 19 Uhr. :)

danke für deinen tiefsinnigen eintrag!

lg w.
 

Label

Mitglied
Lieber Walther

ein Amphibrachus! wie schön!
da passt der Rhythmus gut zum LyrIch - der rollende Klang des Amphibrachus zum Typen der über alle hinwegrollt, das hat was.

Vom LyrIch hast du ein scharf gezeichnetes Bild, fast möchte man sagen Karikatur, das in der Tat ein Kotzbrocken ist, gezeichnet.
Aber ich bin solchen Zeitgenossen die große Ähnlichkeit mit deinem Bild haben, schon begegnet.

Ich habe Dohles Kommentar bedacht, komme aber für mich zu einem anderen Ergebnis.
Beim stillen Lesen gelingt es mir gleichzeitig einen Realitätsabgleich durchzuführen und kann das Identifikationsmuster "ich" deines Gedichts, als für mich unzutreffend ablehnen. Anders beim Laut lesen, weil der Klang zeitversetzt zum Erfassen des Textes kommt, gelingt mir da das "durchdenken" nicht und lässt mich mit dieser Ich-Aussage zurück.
Gruselig. ;)

bei diesem Vers
Wer mich kritisiert, der hat gar keine Ahnung,
gefällt mir gut, dass die Betonung auf "gar" liegt, das macht es lebhaft und klingt so, wie ich mir das LyrIch vorstelle
hier
Am Ende gilt eines, und zwar, was ich meine.
ist die Betonung leider nicht auf dem "ich" was nach meiner Meinung für diesen Charakter besser klänge.


liebe Grüße
Label


PS: so wie es jetzt ist, ist der Text ok, mit einer Betonung auf dem "ich" in diesem Vers, würde mir der Text gut gefallen
 

anbas

Mitglied
Hallo Walther,

mir gefällt dieses Gedicht. Allerdings - und das ist nur eine Vermutung und soll kein "Gift" sein - habe ich das Gefühl, dass es auch im Zusammenhang mit einigen Reiberien steht, die derzeit hier auf den grünen Seiten am Laufen sind. Den eigenen Ärger auf eine solch kreative Art und Weise zu kanalisieren ist eine Gabe. Doch es ist auch ein Spiel mit Öl und Feuer, dem ich mit gemischten Gefühlen gegenüberstehe. Falls ich mit dieser Vermutung falsch liege, so hat mich dieses Gedicht zumindest an das erinnert, was hier in letzter Zeit abläuft.

Doch nun noch einmal zum Handwerklichen. Folgende Zeile fällt aus meiner Sicht etwas ab, da sich die Metrik ändert:
Höflich, bescheiden? Das kenne ich nicht.
Mein Vorschlag wäre:
Bescheiden und höflich? Nein, das bin ich nicht!
Die beiden "Den" im ersten Vers, finde ich zwar auch nicht so ganz glücklich - aber das ist schon fast "nörgeln auf hohem Niveau" :D .

Bei "fräse" schwanke ich, tendiere zu "schlage" und lande bei "ätze" - ja, "ätze" fände ich wirklich besser.

So, und nun hoffe ich, dass da irgendwas dabei ist, mit dem Du was anfangen kannst.

Liebe Grüße

Andreas


PS: Ich weiß, die 1 trifft Dich hart - aber vielleicht ist das eine gute Übung, um zu lernen, etwas mehr über den Wertungen zu stehen ;) (...auch das ist nicht giftig, verhöhnend oder sonst irgendwie ätzend gemeint... :))
 

Walther

Mitglied
hi anbas,

gerne darf ich deinen eintrag kommentieren.
du schriebst: ... Falls ich mit dieser Vermutung falsch liege, so hat mich dieses Gedicht zumindest an das erinnert, was hier in letzter Zeit abläuft. ...
du liegst insofern falsch, daß zwar das, was hier abläuft, einen anstoß gegeben hat, aber niemand als person damit gemeint ist. dieses gedicht geht in allen foren, in denen ich es gepostet habe, gut. warum? weil es schlicht einen prototypen eines weniger netten menschen karikiert, von dem jeder von uns etwas in sich trägt. ;)
du schriebst: ... Doch nun noch einmal zum Handwerklichen. Folgende Zeile fällt aus meiner Sicht etwas ab, da sich die Metrik ändert:

quote:Höflich, bescheiden? Das kenne ich nicht.
guter hinweis, habe ich oben angepaßt und dabei eine mischung beider forulierungen genommen.
du schriebst: Bei "fräse" schwanke ich, tendiere zu "schlage" und lande bei "ätze" - ja, "ätze" fände ich wirklich besser.
deinen hinweis muß ich durchdenken, da ich dann die beiden verse komplett neu fassen müßte, damit das rund wird. er hat aber durchaus einiges für sich. ich werde darauf zurückkommen.
du schriebst: ... So, und nun hoffe ich, dass da irgendwas dabei ist, mit dem Du was anfangen kannst.
kann ich. das nenne ich gute textarbeit!
du schriebst: ... Ich weiß, die 1 trifft Dich hart - aber vielleicht ist das eine gute Übung, um zu lernen, etwas mehr über den Wertungen zu stehen ...
tu ich. inzwischen kenne ich die begründung des werters. damit kann ich leben.;)

lg w.
 

Walther

Mitglied
Der Kotzbrocken


Ich habe die Weisheit mit Löffeln gefressen.
Den silbernen Löffel trag ich im Gesicht.
Bescheiden und höflich? Das kenne ich nicht.
Den richtigen Standpunkt hab ich stets besessen.

Wo Menschen einst herkamen, das ist vergessen.
Ich meide den Schatten und suche das Licht.
Respekt und Benehmen sind lästige Pflicht,
Die Fairness, die Freundlichkeit nur Petitessen.

Ich denke nur Großes, da stört alles Kleine,
Wer mich kritisiert, der hat gar keine Ahnung,
Negiere vermessen noch jegliche Mahnung:
Am Ende gilt eines, und zwar, was ich meine.

Ich fräse mich durch, wen ich treffe, bleibt liegen,
Denn ich bin der Stärkste. Wer stark ist, wird siegen.
 

Walther

Mitglied
Hi Label,

danke für deinen eintrag. in der tat steckt in den meisten von uns etwas von diesem beschriebenen "Kotzbrocken". auch dann, wenn der eine oder die andere das bestreitet, ist das so. :D

ich habe bisher keine idee, wie der betreffende vers von meldodie und aussage her in geeigneter weise umzubauen. möglicherweise bin ich im moment da etwas "betriebsblind".

danke für deine wertung!

lg w.
 

James Blond

Mitglied
Lieber Walther,

nachdem Du mich wissen ließest, dass meine Kommentare zu Deinen Gedichten dazu angetan sind, Dein Amüsement noch zu steigern, fühle ich mich nun geradezu ermutigt, Dein Vergnügen weiter voranzutreiben und Dein vorliegender Text scheint mir dazu bestens geeignet. Allerdings fände ich es sehr schade, wenn auch dieser Kommentar wie sein Vorgänger anschließend spur- und kommentarlos aus dem Forum entwendet würde, weil vermutlich ein amüsierscheuer Foren-Redakteur soviel Freude nicht zu ertragen vermochte. ;)

Um den Spaß in redaktionell erträglichen Forengrenzen zu halten, werde ich mich daher hüten, in meine Analyse Überlegungen zur Person des Autors oder den persönlichen Anlass des Gedichtes einfließen zu lassen, wie auch die Art des Vortrages (öffentlich/privat) für meine Betrachtung unerheblich sein wird. Ich werde mich nur mit der schriftlichen Fassung begnügen, die hier vorliegt.

Das Reimschema erinnert an ein Sonett. Und der "rollende Amphibrachys" wurde bereits erwähnt. Doch "rollt" der hier tatsächlich? Mein Eindruck ist dies nicht, wenn sinnfreie Worte betont werden, wie "habe" (V1), oder wenn stattdessen ein Daktylus verwendet wird: "den silbernen Löffel". Dann entsteht eher ein tänzelnder, kokettierender Eindruck, zwar nicht unpassend zum Inhalt, der jedoch leider immer wieder empfindlich gestört wird: V8, V10,V13. Sonettklang und Amphibrachys-Rhythmus werden so leider verschenkt, es entsteht vielmehr ein gequälter Eindruck: Man fragt sich unwillkürlich, wozu der Autor sich in das Reimschema abba-abba gezwungen hat, wenn er es doch nicht zu nutzen versteht.

Und er quält sich in die Reime. Mir ist zumindest keine Redensart bekannt, nach der 'ein silberner Löffel im Gesicht getragen' wird. Auch der 'besessene Standpunkt' klingt in meinen Ohren zumindest arg geschuldet. Das setzt sich auch in S2 fort: 'vergessen, wo Menschen einst herkamen' könnte zwar auf Afrika anspielen, passt aber irgendwie schlecht zum Thema. Ähnliches ließe sich auch noch zu den folgenden Strophen anmerken.

Doch geht es im Kern um etwas ganz Anderes. Hier spricht ein LyrIch, das im Brustton der Selbstgewissheit Wahrheiten über sich preisgibt, die nicht gerade schmeichelhaft sind. Schnell erkennt der Leser, dass es sich dabei um Eigenschaften handelt, die gemeinhin im Streit einem Gegner vorgeworfen werden: selbsteingenommen, borniert, rechthaberisch, arrogant, unhöflich, rücksichtslos, uneinsichtig, egoman. Diese unrühmlichen Eigenheiten werden hier zwar wie Eigenlob aufgezählt, doch beweist jener, der sich solcher Sachen auch noch rühmt, nur seinen skrupellosen Charakter.

Allerdings weckt die bloße Aufzählung charakterlicher "Gemein"-Plätze keine Betroffenheit. Wer sollte sich bei solch einem Pappkameraden denn selbst ertappt fühlen? Keiner sieht sich selbst so, aber jeder wird ihm bestimmt schon einmal begegnet sein. Man verspürt zwar den Ärger, den Hass auf einen Gegner, der sich hier als LyrIch äußert, doch zur tieferen Einsicht fehlen die treffende Feder, der selbstironische Humor und die leichtfüssige Formulierung. Aber immerhin: Man verspürt etwas von der Qual des Autors.

So bleibt als Nachgeschmack, dass der Autor sich selbst eines Kotzbrockens entledigt hat, der ihm im angeschwollenen Halse stecken geblieben war und den er uns nun hier in Gedichtform vorgelegt hat: Unappetitlich, lyrisch nur leicht angedaut, ungenießbar. Sollte er vielleicht beim nächsten Mal lieber zur Spucktüte greifen? Ich würde es mir wünschen.

Gern kommentiert.

JB
 

James Blond

Mitglied
Ein silberner Löffel im Gesicht ist keine Redensart, sondern eine Metapher.
Das ist doch kein Widerspruch, lieber Bernd:
Redensarten sind gebräuchliche Metaphern, die sich einen festen Platz in der Sprache erobert haben. Im Gegensatz zur Redewendung basieren Redensarten stets auf einem metaphorischen Bild.

Auch für den 'silbernen Löffel' existiert eine Redensart: "Mit einem silbernen Löffel im Mund geboren zu sein" bedeutet, ein Kind reicher Eltern zu sein; zweifellos ein untrügliches Charakteristikum für einen 'Kotzbrocken'! ;)

Dass hier der 'Mund' zum 'Gesicht' wurde, ist wohl lediglich reimgeschuldet. Eine Metapher über das Tragen eines silbernen Löffels im Gesicht transportiert so viel Inhalt, wie die Aussage, eine heiße Nadel auf dem Silbertablett serviert zu bekommen.

Mit freundlichem Gruß

JB
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo, James, die meisten Redensarten beruhen auf Metaphern oder sind volksetymologisch entsprechend umgedeutet.
Nicht jede Metapher ist aber eine Redensart.

"Einen silbernen Löffel im Gesicht tragen" ist eine besondere Metapher, denn sie zeigt Dummheit, nicht ausschließlich Reichtum. Kontrast zu "Ich habe die Weisheit mit Löffeln gefressen."
 

James Blond

Mitglied
"Einen silbernen Löffel im Gesicht tragen" ist eine besondere Metapher, denn sie zeigt Dummheit, nicht ausschließlich Reichtum. Kontrast zu "Ich habe die Weisheit mit Löffeln gefressen."
Lieber Bernd,

vielen Dank für Deine freundliche Antwort.

Aber was soll daran besonders dumm sein, ausgerechnet einen silbernen Löffel im Gesicht zu tragen? Wäre es denn wesentlich klüger, dort einen Löffel aus Blech zu plazieren? :)

Mir scheint dies lediglich eine unsinnige Aussage sein. Und wozu bildet die (vermutete) Dummheit eines silbernen Gesichtslöffels einen Kontrast? Das LyrIch, das uns vom Dichter hier vorgeführt wird, zeigt doch keinerlei positive Eigenschaften.


Grüße

JB
 
D

Die Dohle

Gast
... ich setz mich mal, darf ich?, danke, zwischen die stühle. auch auf die gefahr hin, blech, also die bratpfanne hinterhergeworfen zu bekommen:)

ich finde die kritik von james blond
a.) sehr unterhaltend, es ist nicht zwingend die böse aufzufassen, spitzzüngig, gut, ja das ist sie. die kritik greift den im text prinzipiell rezipierbaren tonfall auf.
b.) durchaus einen gedanken wert. wie oben bereits zu bedenken gegeben, verpasst der text dem leser, ich behaupte jedem, eine schallende maulschelle. da nun die leserschaft durchaus, möchte ich behaupten, dem mit dem text vorgesellten protagonisten wohl keineswegs jederzeit entspricht, ergeben sich bedenken dahingehend, falls der text u.a. in die richtung eines lehrgedichtes aufzufassen wäre, das tue ich, dann ist es möglich, dass der text beim weniger betroffenen als beinahe beleidigend aufgefasst werden kann, für den kotzbrocken ist es evtl. eine provokation, eine kriegserklärung, die je nach strickmuster die eine oder andere sorte wut zeitigt, nicht aber ein lernen anregt.
insofern, falls der text beabsichtigt den kotzbrocken einer läuterung näher zu bringen, so glaube ich, dass das in der art eher nicht gelingt.
zur gewählten form möchte ich nur soviel sagen, dass die den inhalt in seiner sperrig-grätigen art aus meiner sicht durchaus trägt.

um den exkurs zu öffnen, rege ich an, Labels gedanken diesen gegenüber zu stellen, zu prüfen, welches genau die intention des textes ist, anhand derer zu entscheiden wäre, ob der text das erreicht, was vom autor beabsichtigt ist.

lg
die dohle
 

Label

Mitglied
vergessen, wo Menschen einst herkamen
finde ich nicht schwierig zum Kontext des Gedichtes sinnvoll zu interpretieren.
Zum einen bietet sich das Bild an, von jemand der aus kleinen Verhältnissen kommt und dieses vergessen machen möchte
oder jemand der ursupiert oder andere "entthront" hat


auch bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass es sich beim "Kotzbrocken" um eine real existierende Person handelt, vielmehr um einen Archetypen, den Widersacher.
Dohle schrieb, ihm sei so jemand noch nicht begegnet. Nun in der Reinform, so wie dargestellt, mir auch nicht, wenngleich durchaus jemand mit recht vielen der dargestellten Eigenschaften.
Insofern stimme ich Dohle zu, jeder hat auch gute Eigenschaften, die manchmal schwer zu entdecken sind, hinter so viel Unangenehmen. Auch würde solch eine realexistierende Person sich wahrscheinlich nicht damit brüsten, sondern eher versuchen ein menschenfreundliches Image aufzubauen.
Dass hier die Ich-Form verwendet wird, interpretiere ich als die Taten die hier sprechen, auch wenn das Individuum diese heftig abstreiten würde und solche Verhaltensweisen bei Anderen auf das heftigste bekämpfen würde.

Seltsamerweise scheinen Menschen solche Verhaltensweisen jemanden nachzusehen, solange sie mächtig sind, erstaunlicherweise auch nach ihrem Tode, sofern der aus natürlichen Gründen eingetreten ist, selbst wenn sie eine Unzahl von Gräueltaten begangen haben - dann bekommen sie gewöhnlich noch den Beinamen der/die Große.

Für mich spricht in dem Gedicht der Archetypus Widerling, der logischerweise all die Eigenschaften haben muss, die hier und heute als sozial unverträglich gelten.

Da das Gedicht mit dem Identifikationsmuster "ich" arbeitet, fordert es den Leser auf, seine eigenen Verhaltensmuster auf "wieviel Kotzbrocken steckt in mir" zu untersuchen.
Zumindest interpretiere ich das so und kann mir gut vorstellen, dass es unter dieser Prämisse zu Abwehrreaktionen kommen kann.

Wahrscheinlich würde ein Gedicht, das den Archetypen Sieger oder Held zum Thema hätte, mehr freundlichen Zuspruch erfahren.
 

James Blond

Mitglied
Ausgekotzt

[Die Dohle:]
um den exkurs zu öffnen, rege ich an, Labels gedanken diesen gegenüber zu stellen, zu prüfen, welches genau die intention des textes ist, anhand derer zu entscheiden wäre, ob der text das erreicht, was vom autor beabsichtigt ist.
Gern greife ich diesen Vorschlag auf. Dazu möchte ich zunächst die erklärte Absicht des Autors noch einmal zitieren:

[Die Dohle:]
du setzt dem leser einen ziemlich bissigen spiegel vor die nase.
[Walther:]
genau das ist die absicht eines solchen textes. er soll den prototypen aufspießen, den er beschreibt. natürlich hat jeder von uns etwas von diesem holzschnittartig herausgearbeiteten "typen" an sich. und dann kann, darf, soll und muß der text "erschrecken".
An dieser ausdrücklich erklärten Absicht gibt es wenig zu deuteln: Dem Leser soll ein überzeichnender Spiegel seiner charakterlichen Schwächen vorgehalten werden, sein einsichtiges Erschrecken (vermutlich) eine moralische Verhaltenswende (im Sinne der klassischen Katharsis) einleiten.

Natürlich lässt sich ohne Leser nicht feststellen, ob ein Text seine Intention erfüllt, doch zumindest lassen sich einzelne Stationen der Wirkung überprüfen. Auch wenn Menschen sehr verschieden empfinden, so sind die Mechanismen oft ähnlich. So wird durch ein Lyrisches Ich stets eine Selbstbetrachtung ("Spiegelung") angestoßen: Der Leser überprüft, ob die aufgelesenen Ich-Aussagen ("Ich habe die Weisheit mit Löffeln gefressen") für ihn zutreffend sind oder nicht, um sich anschließend mit dem LyrIch zu solidarisieren oder sich gegebenenfalls von ihm zu distanzieren. Dabei ist die Bereitschaft zur Zustimmung (Solidarität mit dem LyrIch) grundsätzlich höher als die zur Ablehnung (,was oft von Fragebögen ausgenutzt wird). Bevor eine innere Ablehnung eintritt, muss schon offensichtlich Verwerfliches präsentiert werden.

Und genau das ist hier in jedem Vers der Fall. Denn es sind ja keine Verhaltensweisen (wie z.B. Fehltritte), über die geurteilt wird, sondern ausschließlich bereits erfolgte, verallgemeinernde, fixierte Wertungen, also Urteile, die hier gefällt werden. Ich behaupte, dass sich diese Schuhe niemand tatsächlich anziehen wird. Wer wollte nach seinem eigenen Selbstverständnis ein 'Kotzbrocken' sein? Doch wohl nur Personen in einer schweren seelischen Krise (, für die solch ein Text übrigens äußerst schädlich wäre). (Dass im Rahmen eines hochmoralischen Gestus dennoch solches von Teilnehmern behauptet wird, ist eine andere Sache.)

Ich behaupte daher, dass die Spiegelfunktion, wie überhaupt die ganze Katharsishypothese nur vorgeschoben sind: ein probates moralisches Deckmäntelchen, unter dem die eigentlichen Bedürfnisse lauern. Nicht heilsames Erschrecken, sondern Wut und Hass werden verbreitet. Dazu bedient sich der Text sämtlicher Vorwürfe (mit Ausnahme des verrutschten silbernen Löffels), die in erregten Diskussionen gegenüber Anderen geäußert werden.

Hier geht es nicht um Arche-, Proto- oder sonstige Typen, sondern um die Aufstellung eines Pappkameraden als Zielobjekt aggressiver Impulse, denn derartige Summierung und Pauschalisierung führen nicht zur Einsicht; sie sind die Kennzeichen eines starken Innendruckes, der hier in lyrische Bahnen gelenkt wurde. Man erschrickt nicht über sich, sondern über den dicken Hals, der sich hier entleert hat.
Allerdings halte ich Dichtung für kein probates Mittel zum Auskotzen. Es gibt dafür bessere Alterativen.

Gern kommentiert.

Gruß

JB
 

Label

Mitglied
Allerdings halte ich Dichtung für kein probates Mittel zum Auskotzen.
Ich schon
Es gibt dafür bessere Alterativen.
Eine Spucktüte?

Warum ich Dichtung für ein probates Mittel halte
1. muss die Gesamtsituation erfasst und analysiert werden
2. auf das Wesentliche verdichtet werden
3. in ein äußeres Konstrukt eingepasst werden, das dem Wort Gedicht Rechnung trägt
4. ergeben sich durch diese Schritte dringend benötigter Abstand
5. erfährt der Leser einen authentischen anderen (nicht sein eigener) Blickwinkel
6. besteht die Möglichkeit durch Rückmeldungen Blickwinkel zu vergleichen
7. besteht die Möglichkeit für Autor und Leser daraus seinen eigenen Horizont um ein weniges zu erweitern

_\V/

lebe lang in Frieden
Label
 

James Blond

Mitglied
lyrisch Kotzen

Liebe(s) Label,

die Frage, warum ich lyrische Dichtung für kein probates Medium zum Auskotzen halte, führt tiefer in die Fragen der Ästhetik hinein, als es dem Thema hier gut tut. Es gibt hier dazu auch ein gesondertes Thema, in dem auch ich mich dazu bereits geäußert habe:

Lyrik-das unbekannte Wesen

Allerdings ändert sich durch Dein Bekenntnis zur lyrischen Kotze nichts an der anderslautenden erklärten Absicht des Autors. Wie bereits gesagt: Wer auf so etwas stößt, mag eher über den Autor erschrecken als über sich selbst.

Grüße
JB
 

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