Vor dem Spielfilm, auf den er sich schon den ganzen Tag gefreut hatte, lief eine Nachrichtensendung. Lukas überlegte kurz, auf einen anderen Sender zu wechseln, aber er wollte auf keinen Fall den Anfang des Films verpassen. Die erste Szene war die beste! Also würde er sich wohl die Nachrichten anschauen müssen, es half alles nichts. Hoffentlich dauerten sie nicht zu lange.
"Terroranschlag in Tel-Aviv, 17 Tote". Sowas ist schlimm!
"Datenschutzgesetz erhält große Mehrheit im Bundestag". Gähn.
"Bundespräsident Gauck gedenkt der Bombardierung Dresdens". Was auch immer ...
„Schockierendes Verbrechen in Gelsenkirchen: Eltern töten eigenes Kind und versuchen, Leiche im Wald zu vergraben.“
Lukas’ Herz schlug schneller. Wie konnten Eltern so etwas tun? Hatten sie ihre Kinder nicht eigentlich lieb?
Er war sehr froh, dass er nicht dieses tote Kind war.
Dann folgte noch der Wetterbericht. Morgen würde es noch einmal heiß werden, aber ab übermorgen regnerisch. Das war schade.
Am nächsten Abend gab es Rouladen zum Essen. Die hatte Lukas am liebsten.
„Frau Gottschalk hat heute an der Kasse erzählt, dass ihre Tochter ständig Nachhilfe braucht. In allen möglichen Fächern“, erzählte Christine, Lukas’ Mutter. Niemand sagte etwas dazu.
„Was glaubst du, was das kostet! Und das bei einer Kassiererin bei Aldi.“
Elmer, Lukas’ Vater, nickte eifrig. „Ja, man darf sich nie wirklich klar machen, wie teuer Kinder sind. Sonst würde niemand mehr welche haben wollen.“
Lukas ließ den Rest vom Rotkohl stehen und nahm sich mit der Gabel noch eine Roulade aus dem Topf in der Mitte des Esstisches.
„Deine vierte!“, rief Elmer.
„Und?“
„Die haben beim Metzger insgesamt 60 € gekostet!“
Lukas antwortete nicht und kaute weiter.
„Und gerade haben wir noch davon geredet, wie teuer Kinder sind!“
Lukas schluckte den Bissen herunter. Auf einmal fühlte er sich klein. Er schwieg ein paar Sekunden und sagte dann: „Aber ihr seid trotzdem froh, dass ihr mich bekommen habt, oder?“
Christine lachte. „Sei dir da mal nicht zu sicher.“
Elmer sagte nichts.
Lukas betrachtete abwechselnd seine Mutter und seinen Vater und runzelte dann die Stirn.
Plötzlich fiel ihm die Nachrichtensendung von gestern wieder ein. Er hatte heute noch gar nicht daran gedacht.
Es war ein Samstag. Nachdem es die Tage zuvor meistens geregnet hatte, war der Himmel heute tiefblau und wolkenlos.
Lukas saß draußen auf der Terrasse im Schneidersitz und spielte mit dem Wasserschlauch, der an der Hauswand befestigt war. Er legte seine rechte Hand fest auf die Öffnung, dann drehte er den Hahn voll auf. Ein herrlicher Druck entstand unter seinen Fingern. Er machte einen winzigen Spalt zwischen seinem Zeige- und Mittelfinger. Das Wasser schoss daraus hervor und bildete einen dichten Sprühnebel in der Luft. In den kleinen Tröpfchen bildeten sich Farben wie bei einem Regenbogen.
Aber das Spiel verlor schnell seinen Reiz und Lukas verfiel in Gedanken.
Seine Eltern waren seit Neuem irgendwie komisch. Ständig tuschelten sie miteinander, und wenn er dazu kam, wurden sie still. Und manchmal, wenn sie dachte, er würde es nicht bemerken, schaute seine Mutter ihn ganz seltsam an.
Eine Ameise krabbelte über den Boden. Lukas versperrte ihr mit seiner Hand den Weg. Die Ameise machte kehrt und krabbelte in die andere Richtung weiter. Er blockierte ihr auch diese Richtung. Aber das war langweilig.
Er überlegte kurz, die Ameise mit ein bisschen Wasser aus dem Schlauch abzuspritzen und sie eine Zeit lang in der Pfütze schwimmen zu lassen. Das wäre schon etwas interessanter. Aber er hatte sich neuerdings vorgenommen, nichts Gemeines mehr zu tun.
Lukas wollte sich jetzt eine Dose Cola holen. Eigentlich nur aus Langeweile, Durst hatte er keinen. Er ging ins Haus und lief langsam durchs Wohnzimmer in Richtung Küche. Als er im Hausflur, direkt vor der geschlossenen Küchentür, war, hörte er die Stimmen seiner Eltern, die sich hinter der Tür leise unterhielten. Er ging auf Zehenspitzen auf die Küchentür zu und drehte sich so, dass sein linkes Ohr nur wenige Millimeter von der Holzfläche der Tür entfernt war. Er hörte die Stimme seines Vaters: „... seit über einer Stunde allein im Garten. Wie beschäftigt er sich da so lange ganz nur mit sich selbst?“
Sie redeten über ihn! Er gab kein Geräusch von sich. Jetzt sprach seine Mutter: „... kann erstaunlich viel mit sich selbst anfangen, Lukas hat halt viel Fantasie, sowas ist wertvoll. Aber er bräuchte mal einen richtigen Freund.“
„Ich hab sehr wohl Freunde!“, dachte Lukas empört.
Seine Mutter sprach weiter: „Am besten wär natürlich, wenn er Geschwister hätte, einen Bruder.“ Für ein paar Sekunden war nichts zu hören. Dann die Stimme seines Vaters: „Das Schlimmste ist, dass er ja einen großen Bruder gehabt hätte, wenn nicht ...“
Lukas’ Herz begann wild zu klopfen, aber er durfte seine Konzentration jetzt nicht verlieren.
„Musstest du mich gerade heute daran erinnern, Elmer?“ Ihre Stimme klang traurig und schuldbewusst.
Jetzt sprach wieder sein Vater: „Vielleicht sollten wir mal wieder alle zusammen etwas unternehmen, ich glaube ...“ Kurze Stille. Dann sagte Elmer: „Hast du das auch gehört?“
Lukas ging so schnell und leise er konnte zurück ins Wohnzimmer und setzte sich aufs Sofa. Sein Herz hämmerte immer noch.
Er hatte einen großen Bruder gehabt?
Was war mit ihm dann geschehen?
Es war halb zehn am Abend. Seine Eltern hatten ihn noch nicht zu Bett geschickt, was merkwürdig war, aber Lukas sagte „Gute Nacht“ und stand vom Sofa auf.
„Schlaf gut, Liebling“, rief seine Mutter, und sein Vater sagte kumpelhaft: „Gute Nacht, mein Großer.“ Lukas lief eilig die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Seine Eltern waren plötzlich viel freundlicher zu ihm als früher. Warum?
Er setzte sich auf sein Bett und schaute sich lustige Videos auf YouTube an. Aber er konnte nicht darüber lachen. Er wurde dabei auch nicht sofort müde, wie sonst immer. Er nahm die Kopfhörer aus seinen Ohren und legte das Handy aufs Bett. Dann holte er einen kleinen Schlüssel aus der Kommode und schloss damit seine Zimmertür ab.
Er setzte sich wieder aufs Bett und hörte Musik über seine Kopfhörer. Schließlich wurde er dann doch müde. Bevor er schlafen ging, schaltete er das kleine Nachtlichtchen neben der Tür ein. Das hatte er seit zwei Jahren nicht mehr gemacht.
Lukas erwachte aus einem Albtraum.
Er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, was darin passiert war, nur noch, dass er ständig vor etwas fliehen und sich verstecken musste. Er schaute auf sein Handy. Es war 2:26 Uhr. Der Traum saß ihm immer noch in den Knochen und er hatte einen Höllendurst. Was hätte er jetzt für eine Cola gegeben! Er legte sein Ohr an die Schlüsselöffnung und lauschte. Im Haus war kein Geräusch zu hören, abgesehen vom Schnarchen seines Vaters im Nebenzimmer. Ganz langsam und leise drehte er den Schlüssel im Schloss herum und öffnete vorsichtig die Zimmertür. Dann schlich er nach unten in die Küche. Dabei machte er kein Licht an. Er öffnete den Kühlschrank, nahm sich eine kalte Coladose heraus und lief damit so schnell er konnte, ohne irgendein Geräusch zu machen, zurück in sein Zimmer, das er sofort wieder hinter sich verschloss. Die eiskalte Cola schmeckte herrlich und beruhigte ihn sofort. Koffein beruhigte ihn immer, darauf war Verlass.
Seine Mutter hatte ihm deshalb mal gesagt, er habe vielleicht ADHS. Damals hatte er sich keine Gedanken darüber gemacht. Was war ADHS? Konnte man dafür eingesperrt werden, für immer in eine Psychiatrie? Er nahm sich vor, vor seinen Eltern keine Cola mehr zu trinken. Nachdem er den Rest der Dose auf einen Zug geleert hatte, machte er das Licht aus.
Der folgende Tag war ein Samstag und Lukas kam erst nach zehn Uhr morgens im Schlafanzug die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. Er wollte sich gerade eine Schüssel Cornflakes machen, da trat sein Vater in die Küche. „So, jetzt bist du also wach?“ Seine Stimme klang nun gar nicht mehr freundlich.
„Ja, und?“, fragte Lukas.
„Der Kühlschrank ist kaputt. Der stand die ganze Nacht lang offen!“
Lukas wurde rot. „Also ich war’s nicht.“
Elmer schnaubte Luft durch die Nase. „Du warst es also nicht? Dann waren es also Mama oder ich?“
„Weiß ich nicht“, sagte Lukas, jetzt etwas leiser.
„Du weißt es nicht? Dafür weiß ich es umso besser!“
Lukas schwieg.
„Das Ding ist hinüber, da lässt sich nichts mehr reparieren.“
Lukas stocherte in seinen matschig gewordenen Cornflakes herum und sagte: „OK.“
Elmers Gesicht wurde rot. „OK ist das also? Ist nicht weiter dein Problem, oder?“ Er atmete jetzt ein paar Mal tief ein und aus, dann ging er in Richtung Küchentür. Dort blieb er kurz stehen und sagte ruhig und ohne sich umzudrehen:
„Lukas, du wirst irgendwann lernen, dass dein Verhalten auch mal Konsequenzen hat.“
Am Mittag versuchten sie, einige der Lebensmittel im kaputten Kühlschrank noch zu retten, indem sie sie kurzfristig zu einem Nachbarn brachten. Lukas half dabei sehr eifrig mit. Seine Eltern durften auf keinen Fall noch wütender auf ihn werden.
„Lukas, nimmst du bitte den Eimer mit den Joghurts und den Käsepackungen?“
„Ja, gerne, Mama“, sagte er und lächelte. „Ich kann auch noch mehr auf einmal nehmen.“
„Nein, danke dir, das ist erst mal genug.“
Nachdem er den Eimer zügig zu den Nachbarn getragen und die Sachen in deren Kühlschrank verstaut hatte, lief er eilig wieder zurück zum Haus. Seine Mutter wischte halbgeschmolzenes Eis vom Küchenboden.
„Was kann ich sonst noch machen, Mama?“
Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Sonst nichts mehr, Schätzchen. Vielen Dank, du warst heute echt eine große Hilfe!“
„Ist doch selbstverständlich, hab ich sehr gerne gemacht“, antwortete er in möglichst bescheidenem Tonfall.
Lukas war schlafen gegangen. Elmer und Christine saßen alleine im Wohnzimmer und sahen sich einen Film an.
„Elmer“, sagte Christine nachdenklich.
„Hm?“
„Hast du nicht das Gefühl, dass Lukas sich seit Neuem irgendwie komisch benimmt?“
Elmer schien nachzudenken. „Wie meinst du das genau?“
„Naja, er ist seit ein paar Tagen so übertrieben höflich und freundlich. Aber es wirkt fast so, als hätte er Angst vor uns.“
Elmer schüttelte den Kopf. „Warum sollte der Junge Angst vor uns haben?“
„Ich weiß nicht. Vielleicht waren wir zu streng mit ihm.“
Elmer murmelte nachdenklich: „Ich weiß ja nicht.“
Christine schaute ihn jetzt an. „Ich hab mir das bei Lukas’ Geburt ganz anders vorgestellt. Nach meiner Fehlgeburt und als wir Lukas dann wirklich und sicher hatten, habe ich mir geschworen, immer nur nett zu ihm zu sein.“
Elmer schaute seine Frau etwas verwundert, aber sehr zärtlich an. Sie sprach sonst nie von sich aus von ihrer Fehlgeburt.
„Schatz, ich glaub, du hast recht. Ich war z. B. ziemlich hart zu ihm, als er den Kühlschrank kaputt gemacht hat. Dabei kann so was so schnell mal passieren, vor allem einem Kind.“
„Oh Liebling, würdest du dich bei Lukas dafür entschuldigen?“
Er setzte sich direkt neben seine Frau und küsste sie auf die Wange. „Das werde ich machen, Schatz, bei der ersten passenden Gelegenheit.“
Sie schwiegen ein paar Sekunden. Dann sagte Elmer in leichterem Tonfall: „Jetzt zurück zu etwas ganz Praktischem. Was machen wir mit dem kaputten Kühlschrank?“
„Auf den Wertstoffhof bringen, was sonst?“
„Ich hab mich mal informiert. Das könnte uns locker 40 € kosten.“
Christine sagte kurz nichts, dann: „Ist ja blöd.“
Elmer lachte jetzt auf. „Wir fahren doch morgen zu deinen Eltern. Was ist, wenn wir den Kühlschrank einfach irgendwo im Wald abstellen, an einer abgelegenen Stelle?“
„Hmm, ich schätze, das könnten wir tun.“
Sie lachten jetzt beide. Die vorherige Schwere des Gesprächs war verflogen.
Lukas saß auf dem Rücksitz, hinter der Fahrerseite. Sie fuhren durch ein dichtes Waldgebiet, mit nur wenig Gegenverkehr. Sie wollten seine Oma und seinen Opa besuchen.
Aber sie waren diese Strecke schon oft gefahren und hatten noch nie den Weg über diese abgeschiedene Landstraße genommen. Lukas umklammerte mit den Händen fest seine Knie.
Er versuchte, die Gesichter seiner Eltern zu sehen. Sein Vater blickte konzentriert auf die Straße. Aber seine Mutter schaute sich immer wieder nach ihm um und lächelte dabei.
„Du bist so hübsch geworden, Lukas. Mir gefällt es, dass deine Haare jetzt etwas länger sind als sonst.“
„Danke“, sagte Lukas.
Warum war seine Mutter plötzlich so nett zu ihm? Wollte sie ihn in Sicherheit wiegen?
Seine Eltern blickten immer wieder zum Straßenrand hin, als suchten sie eine geeignete Stelle für irgendetwas. Lukas’ Herz hämmerte gegen seine Brust.
Der Wald schien immer dichter und die Straße immer einsamer zu werden.
Plötzlich reduzierte sein Vater die Geschwindigkeit und blieb schließlich am Straßenrand stehen. Lukas legte seine Hand auf die Türöffnung.
Elmer wechselte mit Christine einen Blick. Dann sagte er: „Ich glaube, hier wäre eine gute Stelle, oder?“
Lukas schaute sich panisch um. Der Wald lag rechts von ihm. Er müsste erst über die gesamte Sitzreihe kriechen und dann die Tür öffnen. Links von ihm war die Straße, aber sie war nicht sehr breit.
Sein Vater stellte den Motor ab, legte die Autoschlüssel aufs Armaturenbrett und beugte sich vor, als suche er etwas.
„Jetzt oder nie!“, dachte Lukas.
Er schnallte sich blitzschnell ab, riss die Wagentür auf und rannte auf den Wald auf der anderen Straßenseite zu.
„Lukas! Bleib stehen!“, hörte er die Stimme seiner Mutter schreien.
Sie würden jeden Augenblick anfangen, ihn zu verfolgen!
Er rannte noch schneller.
Den auf der Gegenfahrbahn heranbretternden LKW sah er zu spät.
"Terroranschlag in Tel-Aviv, 17 Tote". Sowas ist schlimm!
"Datenschutzgesetz erhält große Mehrheit im Bundestag". Gähn.
"Bundespräsident Gauck gedenkt der Bombardierung Dresdens". Was auch immer ...
„Schockierendes Verbrechen in Gelsenkirchen: Eltern töten eigenes Kind und versuchen, Leiche im Wald zu vergraben.“
Lukas’ Herz schlug schneller. Wie konnten Eltern so etwas tun? Hatten sie ihre Kinder nicht eigentlich lieb?
Er war sehr froh, dass er nicht dieses tote Kind war.
Dann folgte noch der Wetterbericht. Morgen würde es noch einmal heiß werden, aber ab übermorgen regnerisch. Das war schade.
Am nächsten Abend gab es Rouladen zum Essen. Die hatte Lukas am liebsten.
„Frau Gottschalk hat heute an der Kasse erzählt, dass ihre Tochter ständig Nachhilfe braucht. In allen möglichen Fächern“, erzählte Christine, Lukas’ Mutter. Niemand sagte etwas dazu.
„Was glaubst du, was das kostet! Und das bei einer Kassiererin bei Aldi.“
Elmer, Lukas’ Vater, nickte eifrig. „Ja, man darf sich nie wirklich klar machen, wie teuer Kinder sind. Sonst würde niemand mehr welche haben wollen.“
Lukas ließ den Rest vom Rotkohl stehen und nahm sich mit der Gabel noch eine Roulade aus dem Topf in der Mitte des Esstisches.
„Deine vierte!“, rief Elmer.
„Und?“
„Die haben beim Metzger insgesamt 60 € gekostet!“
Lukas antwortete nicht und kaute weiter.
„Und gerade haben wir noch davon geredet, wie teuer Kinder sind!“
Lukas schluckte den Bissen herunter. Auf einmal fühlte er sich klein. Er schwieg ein paar Sekunden und sagte dann: „Aber ihr seid trotzdem froh, dass ihr mich bekommen habt, oder?“
Christine lachte. „Sei dir da mal nicht zu sicher.“
Elmer sagte nichts.
Lukas betrachtete abwechselnd seine Mutter und seinen Vater und runzelte dann die Stirn.
Plötzlich fiel ihm die Nachrichtensendung von gestern wieder ein. Er hatte heute noch gar nicht daran gedacht.
Es war ein Samstag. Nachdem es die Tage zuvor meistens geregnet hatte, war der Himmel heute tiefblau und wolkenlos.
Lukas saß draußen auf der Terrasse im Schneidersitz und spielte mit dem Wasserschlauch, der an der Hauswand befestigt war. Er legte seine rechte Hand fest auf die Öffnung, dann drehte er den Hahn voll auf. Ein herrlicher Druck entstand unter seinen Fingern. Er machte einen winzigen Spalt zwischen seinem Zeige- und Mittelfinger. Das Wasser schoss daraus hervor und bildete einen dichten Sprühnebel in der Luft. In den kleinen Tröpfchen bildeten sich Farben wie bei einem Regenbogen.
Aber das Spiel verlor schnell seinen Reiz und Lukas verfiel in Gedanken.
Seine Eltern waren seit Neuem irgendwie komisch. Ständig tuschelten sie miteinander, und wenn er dazu kam, wurden sie still. Und manchmal, wenn sie dachte, er würde es nicht bemerken, schaute seine Mutter ihn ganz seltsam an.
Eine Ameise krabbelte über den Boden. Lukas versperrte ihr mit seiner Hand den Weg. Die Ameise machte kehrt und krabbelte in die andere Richtung weiter. Er blockierte ihr auch diese Richtung. Aber das war langweilig.
Er überlegte kurz, die Ameise mit ein bisschen Wasser aus dem Schlauch abzuspritzen und sie eine Zeit lang in der Pfütze schwimmen zu lassen. Das wäre schon etwas interessanter. Aber er hatte sich neuerdings vorgenommen, nichts Gemeines mehr zu tun.
Lukas wollte sich jetzt eine Dose Cola holen. Eigentlich nur aus Langeweile, Durst hatte er keinen. Er ging ins Haus und lief langsam durchs Wohnzimmer in Richtung Küche. Als er im Hausflur, direkt vor der geschlossenen Küchentür, war, hörte er die Stimmen seiner Eltern, die sich hinter der Tür leise unterhielten. Er ging auf Zehenspitzen auf die Küchentür zu und drehte sich so, dass sein linkes Ohr nur wenige Millimeter von der Holzfläche der Tür entfernt war. Er hörte die Stimme seines Vaters: „... seit über einer Stunde allein im Garten. Wie beschäftigt er sich da so lange ganz nur mit sich selbst?“
Sie redeten über ihn! Er gab kein Geräusch von sich. Jetzt sprach seine Mutter: „... kann erstaunlich viel mit sich selbst anfangen, Lukas hat halt viel Fantasie, sowas ist wertvoll. Aber er bräuchte mal einen richtigen Freund.“
„Ich hab sehr wohl Freunde!“, dachte Lukas empört.
Seine Mutter sprach weiter: „Am besten wär natürlich, wenn er Geschwister hätte, einen Bruder.“ Für ein paar Sekunden war nichts zu hören. Dann die Stimme seines Vaters: „Das Schlimmste ist, dass er ja einen großen Bruder gehabt hätte, wenn nicht ...“
Lukas’ Herz begann wild zu klopfen, aber er durfte seine Konzentration jetzt nicht verlieren.
„Musstest du mich gerade heute daran erinnern, Elmer?“ Ihre Stimme klang traurig und schuldbewusst.
Jetzt sprach wieder sein Vater: „Vielleicht sollten wir mal wieder alle zusammen etwas unternehmen, ich glaube ...“ Kurze Stille. Dann sagte Elmer: „Hast du das auch gehört?“
Lukas ging so schnell und leise er konnte zurück ins Wohnzimmer und setzte sich aufs Sofa. Sein Herz hämmerte immer noch.
Er hatte einen großen Bruder gehabt?
Was war mit ihm dann geschehen?
Es war halb zehn am Abend. Seine Eltern hatten ihn noch nicht zu Bett geschickt, was merkwürdig war, aber Lukas sagte „Gute Nacht“ und stand vom Sofa auf.
„Schlaf gut, Liebling“, rief seine Mutter, und sein Vater sagte kumpelhaft: „Gute Nacht, mein Großer.“ Lukas lief eilig die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Seine Eltern waren plötzlich viel freundlicher zu ihm als früher. Warum?
Er setzte sich auf sein Bett und schaute sich lustige Videos auf YouTube an. Aber er konnte nicht darüber lachen. Er wurde dabei auch nicht sofort müde, wie sonst immer. Er nahm die Kopfhörer aus seinen Ohren und legte das Handy aufs Bett. Dann holte er einen kleinen Schlüssel aus der Kommode und schloss damit seine Zimmertür ab.
Er setzte sich wieder aufs Bett und hörte Musik über seine Kopfhörer. Schließlich wurde er dann doch müde. Bevor er schlafen ging, schaltete er das kleine Nachtlichtchen neben der Tür ein. Das hatte er seit zwei Jahren nicht mehr gemacht.
Lukas erwachte aus einem Albtraum.
Er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, was darin passiert war, nur noch, dass er ständig vor etwas fliehen und sich verstecken musste. Er schaute auf sein Handy. Es war 2:26 Uhr. Der Traum saß ihm immer noch in den Knochen und er hatte einen Höllendurst. Was hätte er jetzt für eine Cola gegeben! Er legte sein Ohr an die Schlüsselöffnung und lauschte. Im Haus war kein Geräusch zu hören, abgesehen vom Schnarchen seines Vaters im Nebenzimmer. Ganz langsam und leise drehte er den Schlüssel im Schloss herum und öffnete vorsichtig die Zimmertür. Dann schlich er nach unten in die Küche. Dabei machte er kein Licht an. Er öffnete den Kühlschrank, nahm sich eine kalte Coladose heraus und lief damit so schnell er konnte, ohne irgendein Geräusch zu machen, zurück in sein Zimmer, das er sofort wieder hinter sich verschloss. Die eiskalte Cola schmeckte herrlich und beruhigte ihn sofort. Koffein beruhigte ihn immer, darauf war Verlass.
Seine Mutter hatte ihm deshalb mal gesagt, er habe vielleicht ADHS. Damals hatte er sich keine Gedanken darüber gemacht. Was war ADHS? Konnte man dafür eingesperrt werden, für immer in eine Psychiatrie? Er nahm sich vor, vor seinen Eltern keine Cola mehr zu trinken. Nachdem er den Rest der Dose auf einen Zug geleert hatte, machte er das Licht aus.
Der folgende Tag war ein Samstag und Lukas kam erst nach zehn Uhr morgens im Schlafanzug die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. Er wollte sich gerade eine Schüssel Cornflakes machen, da trat sein Vater in die Küche. „So, jetzt bist du also wach?“ Seine Stimme klang nun gar nicht mehr freundlich.
„Ja, und?“, fragte Lukas.
„Der Kühlschrank ist kaputt. Der stand die ganze Nacht lang offen!“
Lukas wurde rot. „Also ich war’s nicht.“
Elmer schnaubte Luft durch die Nase. „Du warst es also nicht? Dann waren es also Mama oder ich?“
„Weiß ich nicht“, sagte Lukas, jetzt etwas leiser.
„Du weißt es nicht? Dafür weiß ich es umso besser!“
Lukas schwieg.
„Das Ding ist hinüber, da lässt sich nichts mehr reparieren.“
Lukas stocherte in seinen matschig gewordenen Cornflakes herum und sagte: „OK.“
Elmers Gesicht wurde rot. „OK ist das also? Ist nicht weiter dein Problem, oder?“ Er atmete jetzt ein paar Mal tief ein und aus, dann ging er in Richtung Küchentür. Dort blieb er kurz stehen und sagte ruhig und ohne sich umzudrehen:
„Lukas, du wirst irgendwann lernen, dass dein Verhalten auch mal Konsequenzen hat.“
Am Mittag versuchten sie, einige der Lebensmittel im kaputten Kühlschrank noch zu retten, indem sie sie kurzfristig zu einem Nachbarn brachten. Lukas half dabei sehr eifrig mit. Seine Eltern durften auf keinen Fall noch wütender auf ihn werden.
„Lukas, nimmst du bitte den Eimer mit den Joghurts und den Käsepackungen?“
„Ja, gerne, Mama“, sagte er und lächelte. „Ich kann auch noch mehr auf einmal nehmen.“
„Nein, danke dir, das ist erst mal genug.“
Nachdem er den Eimer zügig zu den Nachbarn getragen und die Sachen in deren Kühlschrank verstaut hatte, lief er eilig wieder zurück zum Haus. Seine Mutter wischte halbgeschmolzenes Eis vom Küchenboden.
„Was kann ich sonst noch machen, Mama?“
Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Sonst nichts mehr, Schätzchen. Vielen Dank, du warst heute echt eine große Hilfe!“
„Ist doch selbstverständlich, hab ich sehr gerne gemacht“, antwortete er in möglichst bescheidenem Tonfall.
Lukas war schlafen gegangen. Elmer und Christine saßen alleine im Wohnzimmer und sahen sich einen Film an.
„Elmer“, sagte Christine nachdenklich.
„Hm?“
„Hast du nicht das Gefühl, dass Lukas sich seit Neuem irgendwie komisch benimmt?“
Elmer schien nachzudenken. „Wie meinst du das genau?“
„Naja, er ist seit ein paar Tagen so übertrieben höflich und freundlich. Aber es wirkt fast so, als hätte er Angst vor uns.“
Elmer schüttelte den Kopf. „Warum sollte der Junge Angst vor uns haben?“
„Ich weiß nicht. Vielleicht waren wir zu streng mit ihm.“
Elmer murmelte nachdenklich: „Ich weiß ja nicht.“
Christine schaute ihn jetzt an. „Ich hab mir das bei Lukas’ Geburt ganz anders vorgestellt. Nach meiner Fehlgeburt und als wir Lukas dann wirklich und sicher hatten, habe ich mir geschworen, immer nur nett zu ihm zu sein.“
Elmer schaute seine Frau etwas verwundert, aber sehr zärtlich an. Sie sprach sonst nie von sich aus von ihrer Fehlgeburt.
„Schatz, ich glaub, du hast recht. Ich war z. B. ziemlich hart zu ihm, als er den Kühlschrank kaputt gemacht hat. Dabei kann so was so schnell mal passieren, vor allem einem Kind.“
„Oh Liebling, würdest du dich bei Lukas dafür entschuldigen?“
Er setzte sich direkt neben seine Frau und küsste sie auf die Wange. „Das werde ich machen, Schatz, bei der ersten passenden Gelegenheit.“
Sie schwiegen ein paar Sekunden. Dann sagte Elmer in leichterem Tonfall: „Jetzt zurück zu etwas ganz Praktischem. Was machen wir mit dem kaputten Kühlschrank?“
„Auf den Wertstoffhof bringen, was sonst?“
„Ich hab mich mal informiert. Das könnte uns locker 40 € kosten.“
Christine sagte kurz nichts, dann: „Ist ja blöd.“
Elmer lachte jetzt auf. „Wir fahren doch morgen zu deinen Eltern. Was ist, wenn wir den Kühlschrank einfach irgendwo im Wald abstellen, an einer abgelegenen Stelle?“
„Hmm, ich schätze, das könnten wir tun.“
Sie lachten jetzt beide. Die vorherige Schwere des Gesprächs war verflogen.
Lukas saß auf dem Rücksitz, hinter der Fahrerseite. Sie fuhren durch ein dichtes Waldgebiet, mit nur wenig Gegenverkehr. Sie wollten seine Oma und seinen Opa besuchen.
Aber sie waren diese Strecke schon oft gefahren und hatten noch nie den Weg über diese abgeschiedene Landstraße genommen. Lukas umklammerte mit den Händen fest seine Knie.
Er versuchte, die Gesichter seiner Eltern zu sehen. Sein Vater blickte konzentriert auf die Straße. Aber seine Mutter schaute sich immer wieder nach ihm um und lächelte dabei.
„Du bist so hübsch geworden, Lukas. Mir gefällt es, dass deine Haare jetzt etwas länger sind als sonst.“
„Danke“, sagte Lukas.
Warum war seine Mutter plötzlich so nett zu ihm? Wollte sie ihn in Sicherheit wiegen?
Seine Eltern blickten immer wieder zum Straßenrand hin, als suchten sie eine geeignete Stelle für irgendetwas. Lukas’ Herz hämmerte gegen seine Brust.
Der Wald schien immer dichter und die Straße immer einsamer zu werden.
Plötzlich reduzierte sein Vater die Geschwindigkeit und blieb schließlich am Straßenrand stehen. Lukas legte seine Hand auf die Türöffnung.
Elmer wechselte mit Christine einen Blick. Dann sagte er: „Ich glaube, hier wäre eine gute Stelle, oder?“
Lukas schaute sich panisch um. Der Wald lag rechts von ihm. Er müsste erst über die gesamte Sitzreihe kriechen und dann die Tür öffnen. Links von ihm war die Straße, aber sie war nicht sehr breit.
Sein Vater stellte den Motor ab, legte die Autoschlüssel aufs Armaturenbrett und beugte sich vor, als suche er etwas.
„Jetzt oder nie!“, dachte Lukas.
Er schnallte sich blitzschnell ab, riss die Wagentür auf und rannte auf den Wald auf der anderen Straßenseite zu.
„Lukas! Bleib stehen!“, hörte er die Stimme seiner Mutter schreien.
Sie würden jeden Augenblick anfangen, ihn zu verfolgen!
Er rannte noch schneller.
Den auf der Gegenfahrbahn heranbretternden LKW sah er zu spät.