Der letzte Sprung

Wind fegt über die einsame Gegend, wirbelt Staub und Geröll mit sich herum.
Meine Haare werden von diesem Spiel mitgerissen, der Wind zerrt an ihnen erbarmungslos, will mich mit sich ziehen. Aber nur die Tränen, die unaufhaltsam über meine Wangen rollen, überlassen sich dem Tanz des Windes, wehen fort in die Ferne, in die Einsamkeit, um der Einsamkeit zu entfliehen, in der sie entstanden. Von Einamkeit zu Einsamkeit, ein Ablauf, der nicht nur die Tränen erfaßt, sondern auch alles andere- wie mein Leben. Vor der Einsamkeit geflohen in irgendeine Richtung, bin nicht entkommen, wurde eingeholt. Jetzt ist nur noch ein Fluchtweg offen, die letze Flucht.

Stehe unbeweglich am Abgrund, meine Rettung, doch für einen schrecklichen Preis.
Meine starren Augen blicken in die Ferne, sehen keinen Hoffnungsschimmer am Horizont, nur graue, düstere Farben, die weder Trost noch Hoffnung schenken. Das Wort Liebe kennen sie nicht.
Jetzt ist er da, der Augenblick des Sprungs. - Kann nicht.
Stehe da, zittere, wende mich ab, schließe die Augen, mein Atem ist unruhig.
Warum kann ich nicht, kann ich nicht springen? Warum gelingt es mir nicht? Was ist denn noch übrig von mir und meinem Leben?
Es fängt an zu regnen. Der Wind und der Regen lassen mich erzittern. Kälte umgibt mich. Innere Kälte erfüllt mich schon längst. Fühle die Nässe, das Eis, den Schmerz, der mich zu durchbohren scheint.
Drehe mich um, wage mich an den Rand des Abgrunds, blicke hinunter in das schwarze Nichts. Wie wohl wird mir sein,, wenn mich diese Schwärze umgibt, mein Sein ausfüllt, den Frieden der Seele zurückgibt. Eine Seele, die umherirrt, gepeinigt und verletzt. Dann der Aufprall, und alles, auch der Schmerz, der mich quält und leiden läßt, ist vorbei. Nur ein Sprung, ein einziger Sprung, der alles löschen wird.

Mein Atem ist ruhig, mein Körper entspannt, Geist und Herz bereit, willig zum Sprung.
Der Regen läßt nach, Frösteln und Schauer durchrieseln meinen Körper. Der Wind beruhigt sich, zerrt nicht mehr, sondern streichelt sanft mein Haar. Ich bin entschlossen zu springen.
Hebe an, genieße den Fall, rase dem Grund entgegen -spüre Wärme. Ich blicke nach oben. Die dichte Wolkendecke durchbrochen erhellen Sonnenstrahlen die Welt, wärmen, erhalten. Sie scheint also doch wieder.

Für mich zu spät. Ich bin gesprungen. Es wird mein letzter Sprung sein.
 

 
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