Der letzte Tag

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Blumenberg

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Der letzte Tag​

Seit dem Aufstehen spüre ich ein gefräßiges Etwas, das heute zusammen mit mir aufgewacht ist und an meinen Nerven nagt. Nach der Dusche hat es sich zunächst zurückgezogen, aber kaum habe ich mich an den Tisch gesetzt und bei einer Tasse Kaffee den Kalender aufgeschlagen, kommt es wieder. Heutiger Termin: Die Ankündigung einer freudlosen halben Stunde voller Glückwünsche und guter Ratschläge. Danach ist der Kalender leer.

Ich habe mir meinen Ruhestand einmal im Anschluss an einen Banktermin vorgestellt, weil mich jemand nach meinen Vorsorgeplänen gefragt hat. Es sollte ein beschaulicher Lebensabend sein. Ein kleines Häuschen in der Provence, das in ferner Zukunft auf mich wartet. Genauer gesagt im Jahr 2038. Auf eigenen Wunsch vielleicht auch früher. Aber alles ist schneller gegangen und mit einem eigenen Wunsch hatte es nichts tun. Ein ernster Zusammenbruch (Ursache physischer Natur!), schon stand der Termin im Kalender. Dazu kam eine zwanzig Jahre jüngere, belastbare Ausgabe meiner selbst, die meine Stelle übernehmen wird und die ich in den letzten Wochen per Skype – schließlich war ich krankgeschrieben – mit den wichtigen Abläufen vertraut machen durfte.

Heute ist casual Friday. Meine Sachen liegen bereit, wie immer am Vortag herausgelegt. Ob zwecks Verabschiedung eine Krawatte angemessen ist? Ich vermute, einer meiner Vorgesetzten wird anwesend sein und ich will auf keinen Fall einen schlechten Eindruck machen. Ein kurzer Blick auf die Uhr, der Griff nach dem Jackett und ich gehe, mein Etwas im Schlepptau, zur Tür.
Ein gestern in Augenhöhe angebrachter Zettel bringt mich mit dem Hinweis aus dem Konzept, heute, entgegen aller Gewohnheit, an meine Ersatzschlüsselkarte zu denken. Im ersten Moment will ich sie holen, entscheide mich aber doch dagegen. So habe ich Grund zu einem späteren Besuch und den letzten Tag in der Firma durch diesen Kunstgriff noch einmal aufgeschoben.
Der Weg zur Arbeit dauert mit dem Auto kaum zehn Minuten, trotzdem fahre ich immer mit einem Puffer von weiteren zehn. Die Vorstellung, zu spät im Büro zu erscheinen, ist mir ein Gräuel. Heute allerdings sehne ich mich geradezu danach, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Irgendetwas, das die Gleichförmigkeit meiner Routine durchbricht und mir erlaubt, den kurzen Weg auszukosten. Als nichts passiert, fahre ich eine Querstraße vor meinem Arbeitsplatz plötzlich ab und will einmal um den Block. Kaum abgebogen, fühlt es sich falsch an: eine trotzige Geste, lächerlich in ihrer Plattheit. Ich wende, parke den Wagen in der Tiefgarage und fahre hinauf.

Um 8:02 Uhr öffnen sich die Fahrstuhltüren: Die Empfangsdame sieht auf und rüstet sich zum Gruß. Sie staunt wahrscheinlich nicht schlecht, als sich die Türen mit einem leisen Pling wieder schließen, ohne dass ich ausgestiegen bin. Als sie, neugierig geworden, den Etagenknopf drückt, der die Tür des Aufzugs öffnet, und einen Blick hineinwirft, stehe ich erstarrt in der Mitte der Kabine. Erst auf die Frage, ob alles in Ordnung ist, vermag ich zu reagieren.

„Ich bin noch nie zu spät gekommen“, sage ich etwas hilflos in dem Versuch zu erklären, was eben passiert ist. Ich kann ihr ja schlecht erzählen, dass Etwas habe angesichts der künstlichen Verspätung Hunger bekommen und wieder an meinen Nerven genagt. Auch wenn das der Wahrheit entspricht.
„Wenigstens ist das erste Mal auch das letzte Mal, dass Ihnen so etwas passiert“, antwortet sie eifrig und lächelt mich aufmunternd an. „Ich bringe Ihnen gleich einen Kaffee, dann haben Sie etwas zum Wärmen, während Sie Ihr Büro ausräumen.“
„Lassen Sie nur, Frau Kappnik, das ist nicht nötig. Ich brauche nicht lange. Sind ja nur ein paar Sachen.“. Mit wiedergewonnener Kontrolle über meine Muskeln haste ich an ihr vorbei zu meinem Arbeitsplatz. Schnell schließe ich die Tür hinter mir, setze mich an den Schreibtisch und lasse zum Abschied meinen Blick durch den Raum schweifen. Ich mochte mein Büro. Es ist recht hell, ansonsten typisch für den Mittelbau. Nicht zu klein, aber eben auch nicht so groß, dass es für mich nicht seit meinem Einzug Ansporn gewesen wäre, mich weiter unermüdlich in meine Arbeit hineinzuknien, um irgendwann in ein wirklich großes und noch helleres Büro umzuziehen. ,Schluss mit der Träumerei’, ermahne ich mich. ,Hör auf, das Ding in dir zu füttern! Es wächst nur und lacht über dich.‘ Ich sehe auf die Uhr und verstaue die wenigen persönlichen Dinge – ein Bild meiner Eltern, meinen Füllfederhalter und ein bisschen Kleinkram – in meiner Aktentasche. Dann mache ich mich auf den Weg zum Aufenthaltsraum, in den mich meine ehemaligen Kollegen zitiert haben.

Das halbe Dutzend bekannter Gesichter aus meiner Abteilung hat sich artig um den in der Mitte stehenden stellvertretenden Abteilungsleiter Lohmann aufgestellt. Ein etwas gezwungener Applaus empfängt mich und ich ringe mir ein gequältes Lächeln ab. Jemand drückt mir, als ich nähertrete, ein Stück Kuchen in die Hand. Lohmann, ein sonnengebräunter Mittvierziger in Jeans, Hemd und tailliertem Sakko, schüttelt mir die kuchenstückfreie andere. „So förmlich, Stickel? Es ist doch Freitag“, sagt er mit gespielt strengem Gesicht, lächelt dann aber milde, als wolle er mir den krawattenen Fehlgriff ausnahmsweise noch einmal durchgehen lassen. Hätte ich mir eigentlich denken können, was ist schon eine Abschiedsfeier gegen die Macht der Gewohnheit.

„Der Chef lässt sich entschuldigen. Er hat ein strategisches Meeting mit Ihrem Nachfolger. Ich war vorhin schon kurz dabei; alles state of the art, was der einbringt! Muss nach dem Termin hier auch gleich wieder hin.“ Es entsteht eine etwas peinliche Stille, da ich nicht so recht weiß, was ich antworten soll, und stattdessen den Kuchenteller in meiner Hand mustere.

„Aber egal! Der Chef bat mich, Ihnen alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg zu wünschen und Ihnen im Namen der Firma diesen Gutschein für ein Wellnesswochenende in Bad Godelsberg zu überreichen. Damit Sie mal so richtig ausspannen können.“ Seine Stimme hat sich merklich gehoben, so, als wolle er sichergehen, dass jeder der Kollegen Zeuge dieser großzügigen Geste wird. Einmal in Fahrt, preist er meine zuverlässige Arbeit. Man solle sich doch bitte am unermüdlichen Einsatz des Kollegen Stickel ruhig ein Vorbild nehmen. Er betont es, schließlich bin ich für den Augenblick so etwas wie ein Kollege der Herzen. Wieder gibt es Applaus und man schüttelt mir der Reihe nach die Hand, wünscht alles Gute, ab und an ergänzt von einem: „… der Kuchen ist köstlich! Den müssen Sie gleich noch probieren.“ Ohne rechten Appetit tue ich ihnen den Gefallen. Es wird viel geredet, aber wenig gesagt. Keiner fragt mich nach meinen Plänen, aber ich hätte ohnehin nichts zu antworten gewusst. Ich hoffe inständig, dass der Spuk bald vorübergeht.

Die nun unwiederbringlich ehemaligen Kollegen wünschen mir noch einmal das Beste und verschwinden wieder in ihren Büros. Als sie gegangen sind, tritt Lohmann an mich heran. „Was für ein netter Abschied! Sie wissen ja, wir legen immer größten Wert auf ein gutes Miteinander. Ich finde, ein gelungener Ausstand ist als Teambuilding-Maßnahme eine feine Sache. Da wissen die Leute: Die Firma und die Kollegen kümmern sich bis zum letzten Moment.“ Mit leuchtenden Augen schüttelt er noch einmal meine Hand. „Ach, eines noch, bevor Sie gehen. Sie haben doch bestimmt an die Ersatzschlüsselkarte gedacht?“
Ich bin überrascht. Mit so einer Nachfrage habe ich nicht gerechnet. „Verzeihen Sie, Herr Lohmann, die habe ich völlig vergessen. Ich werde sie gleich am Montag vorbeibringen“, lüge ich, mich nach anfänglicher Überraschung wieder meines Plans entsinnend, den ich vor Arbeitsbeginn geschmiedet hatte. Wenigstens ein kleiner Lichtblick. „Sie haben doch noch nie etwas vergessen! Stickel, es wird wirklich Zeit, dass Sie in Rente gehen!“ Argloses Grinsen lässt darauf schließen, dass mein Gegenüber der Ansicht ist, ihm sei hier ein letzter Spaß zum Renteneintritt geglückt. „Bemühen Sie sich nicht! Wir können die Karte einfach deaktivieren, dann ist sie nur noch ein Stück Plastik. Aber fachgerecht entsorgen! Unserem Unternehmen ist es ernst mit der Mülltrennung.“ Er sieht auf die Uhr. „Entschuldigen Sie, Stickel. Nun muss ich aber auch wieder! Das Meeting – Sie verstehen bestimmt. Wenn Sie mich fragen, müsste der Tag eigentlich mindestens 30 Stunden haben! Ich grüße den Chef und Ihren Nachfolger von Ihnen … Ein fantastischer Mann, habe ich Ihnen das schon gesagt?“

Das Etwas hat sich, letztlich satt geworden, ohne Abschiedsgruß auf den Weg gemacht und so greife ich, endlich wieder für mich, nach der Aktentasche und mache mich auf den Weg zum Wagen.
 

Wipfel

Mitglied
wipfel

Hi, was für ein melancholischer Text. Das wäre dann auch meine Kritik - mir fehlt zum Schluß eine pfiffige Pointe. Zwar wird da etwas mit der Schlüsselkarte angedeutet. Doch dann entpuppt sich meine Hoffnung als Rohrkrepierer. Ansonsten handwerklich sauber gemacht. Grüße von Wipfel
 
A

aligaga

Gast
Unlängst gab es hier einen (allerdings ziemlich albernen) Diskurs darüber, was Narzissmus sei.

Hier wird uns ein diesbezüglicher Prototyp vorgestellt, der uns nicht nur mit seiner Klinik, sondern im Weiteren auch mit nichts anderem als seiner Wehklage über die Eintönigkeit und die Banalität seines Alltags kommt. Dabei wird offenbar, dass er selbst an seiner augenblicklich düsterern Stimmung keinerlei Anteil haben will, sondern die anderen und die Umstände schuld daran seien.

Schade, dass es dem Protagonisten nicht gelingt, zu erkennen, dass der grau Brei, in dem er watet, zu einem Gutteil aus jenen Ausscheidungen besteht, die von ihm selbst und seinen (Un)tätigkeiten rühren. Statt zu erkennen, dass zu einem erfüllten (Arbeits)leben mehr gehörte als nur die Kubatur eines Büroraumes und die Hierarchie in einer Black Box, und statt zu versuchen, im letzten Moment das Ruder herumzusreißen (und z. B. die Bude anzuzünden), zeigt er uns ein "Etwas", das leider nicht als Gewissen definiert wird und das nicht den Ankläger spielt, den es eigentlich spielen sollte.

Fazit: Eine langweilige, oberflächliche Beschreibung der Außenfassade eines Büroturmes. Was in dem wirklich passiert und wie's in einem wirklich aussieht, der am Ende feststellen muss, dass er sein Leben vertan hat, erfahren wir nicht. Der Autor rührt in einer Suppe, in der außer Wasser (noch) nichts drin ist. Er hat nicht mal den Herd eingeschaltet.

Sorry, aber das ist leider gar nichts.

Heiter

aligaga
 

G. R. Asool

Mitglied
Hey Blumenberg,

deine Geschichte ist eine herrliche Karikatur des alltäglichen Wahnsinns und der Banalität (m)eines 9-5-Jobs.

Gruß
GR
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Wipfel,

zunächst einmal vielen Dank für das Kompliment, wenn du den Text als handwerklich sauber empfindest freut mich das. Hierauf hat man als Autor wohl den meisten Einfluss.
Was die pfiffige Pointe zum Schluss angeht wäre das bestimmt eine Möglichkeit gewesen, mir liegen allerdings Happyends nicht so wirklich, so dass auch dieser Versuch des Protagonisten noch einen weiteren "Besuch" am Arbeitsplatz herauszuschinden scheitert. Ich hoffe es hat dein Lesevergnügen nicht zu sehr getrübt.

Beste Grüße

Blumenberg

Hallo G.R. Asool,

vielen Dank für das Lob. Mir war daran gelegen den Job des Protagonisten so zu gestalten, dass der Leser ihn auf sich selbst beziehen kann. Freut mich das dies geklappt zu haben scheint.

Beste Grüße
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Ali,

besten Dank für deine Auseinandersetzung mit dem Text und das strenge Urteil. Was für eine Debatte über Narzissmus hier unlängst getobt hat kann ich nicht sagen, ich habe nicht daran teilgenommen.

Ob mein Charakter ein Prototyp eines Narzissten ist, scheint mir eine zwar am Thema des Textes ein wenig vorbeiführende, aber interessante Frage zu sein. Sicher, er bezieht alles Erleben auf sich, was mir angesichts des Anlasses nicht unbedingt das Zeichen einer Störung zu sein scheint, sondern eher die Differenz markiert zwischen dem eigenen Empfinden eines völligen Umbruchs und der dazu in Kontrast stehenden Alltäglichkeit des Bürotages.
Abgesehen von einer lieblosen zeitlich begrenzten Feier geht alles weiter seinen gewohnten Gang, nur das der Protagonist darin keine Rolle mehr spielt. Formuliert findet sich eine solche Differenz beispielsweise in Dantons Tod von Büchner. Wenn Camille nach Dantons Tod feststellt „Alles regt sich…“ und daraufhin ruft.“ Ich will mich auf den Boden setzen und schreien, daß erschrocken Alles stehn bleibt, Alles stockt, sich nichts mehr regt.“ (Bevor hier Missverständnisse aufkommen, ich will meinen Text nicht mit dem Büchners vergleichen, sondern auf die hier meisterhaft erzählte Differenz von Ich und Umwelt hinaus.)
Im Gegensatz zu Büchners Camille, die ihr Vorhaben in die Tat umsetzt, ist der hier vorgestellte Protagonist nicht in der Lage sich selbst aus dem alltäglichen Regen und seinen Routinen zu lösen (abgesehen von platten kleinen Gesten), vielmehr versucht er bis über Gebühr hinaus darin erstarrt zu bleiben, obwohl er daran leidet. Das erkennst du auch, wie ich deinem Beitrag entnehme. Aber statt die Leere als Gewissen und damit wie du schreibst als Ankläger aufzuziehen, möchte ich sie als ein Symbol dafür verstanden wissen, dass es dem Protagonisten eben nicht gelingt auch nur zu sehen wofür er sich anklagen könnte. Das Ich definiert sich zum größten Teil über das Arbeitsumfeld und die Unfähigkeit davon abzusehen lässt keinen Raum sich wirklich mit dem bevorstehenden Umbruch auseinanderzusetzen, dementsprechend farblos fällt auch seine Reaktion aus. Auch der Rententraum des Protagonisten von der Provence ist entsprechend allgemein und prototypisch. Soll doch ruhig der Leser, wenn er das möchte, als Ankläger auftreten oder Mitleid empfinden, dass der Text dazu provoziert und Raum lässt bestätigst du mir mit deinem Kommentar.

Beste Grüße

Blumenberg
 

Kassandro

Mitglied
Gegenwart

Lieber Blumenberg,

ich möchte einmal eine Grundtendenz thematisieren, die ich in deinen Geschichten wahrzunehmen glaube. In Angestellt ist sie besonders deutlich zum Ausdruck gekommen - schade, dass eine absurde Diskussion über Kafka-Nachahmung darauf etwas die Sicht verstellt hat - selbst in der Groteske Die Grabrede nehme ich sie wahr und bei deinem neuen Stückchen ist das Thema wieder ganz deutlich. Man möchte von Geschichten des entfremdeten Lebens sprechen.

Kritische Sozialphilosophen suchen es seit längerem zu fassen: Es geht eine Verwandlung unserer Lebenswelt vor sich, die durchweg den Druck auf die Menschen erhöht, worauf diese mit einem breiten Spektrum von Deformationserscheinungen reagieren. Der Protagonist dieser Geschichte gehört, was du offenbar bevorzugst, auf die resignativ/depressiv/vereinsamte Seite dabei, der andere Pol ist die überanstrengte Dauerperformance, wie sie jüngst Andreas Reckwitz in Die Gesellschaft der Singularitäten beschreibt. Daher halte ich aligagas Narzissmus-Assoziation für maximal abwegig.

Die Darstellung von Entfremdung, die du dir in wacher Wahrnehmung der Wirklichkeit vornimmst, ist keine einfache Sache. Sie wird weniger belle und mehr trist ausfallen müssen und der Frage ausgesetzt sein, wo ihr Unterhaltungscharakter bleibt. Der liegt, wenn man sich dem Typus des modernen Performers und seinen Seelenkämpfen widmet, höher und wird in Film und Literatur daher bevorzugt. Jedenfalls kann beim Projekt, Entfremdung darzustellen, Gegenwartsliteratur herauskommen - statt eine Heimatstory vom Menschen, wie er wirklich ist, ein vermeintlich zünftiger Naturbursch.

Es grüßt
Kassandro
 

Blumenberg

Mitglied
Lieber Kassandro,

zunächst einmal vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Du hast schon Recht, wenn du schreibst, dass die Protagonisten in meinen Werken vor allem die sind, die bei der Einpassung scheitern und nicht in der Lage sind, ihr Scheitern in ein jetzt erst Recht umzumünzen, um so doch noch den Sprung auf den davonrasenden Performancezug zu schaffen, von dem sie heruntergefallen sind.

Ich bin vorsichtig mit dem Begriff der Entfremdung, suggeriert er doch, dass es da irgendwo verschüttet im Untergrund ein verdrängtes Wahres gebe zu dem es zurückzukehren gilt. Das führt und hier ließe sich glaube ich auch der Bezug zu unserer Gegenwart herstellen, nur allzu leicht zum Sehnsuchtsort des Heimatlichen als des vermeintlich Wahren, das vergessen auf seine Wiedererweckung wartet. Vor einer solchen schaudert mir, denn die Nation als Heimat ist ein Sehnsuchtsort des letzten Jahrhunderts, der in meinen Augen zu Recht beerdigt ist und in seiner aktuellen bläulich radikalisierten Form nur der willkürlichen Ausgrenzung gegen vermeintlich Fremdes dient. Das ist nichts an das sich zu glauben lohnt, sondern vielmehr eine Gefahr, da sich aus dem Rekurs auf die Heimat als überzeitliches Wahres, ein Sendungsanspruch entwickeln muss, der Andersdenkende zwangsläufig ausschließt. Um mich einmal grob an Heidegger anzulehnen: Die welche die Eigentlichkeit und damit das Wahre geschaut haben, machen sich nicht nur immun gegen den Einspruch derjenigen, die vermeintlich in der Uneigentlichkeit verharren, sie erheben sich zugleich zu den Richtern darüber, wer den Jargon der Eigentlichkeit beherrsche, denn der ist das Kriterium dafür überhaupt am Diskurs teilhaben zu dürfen. Dabei findet eine ausschließlich negative und diffuse Besetzung der Heimat statt. Keiner kann sagen was es denn ist, dass die Heimatlichen aneinander bindet, man vermag nur mit dem Finger auf die zu zeigen, die erkennbar nicht dazugehören sollen oder vermeintlich die Schuld daran tragen, dass das Heimatliche vergessen ist

Ich würde daher einen anderen Begriff vorschlagen, den der Verdinglichung. So lässt sich das Problem benennen, ohne ein metaphysisch Wahres im Hintergrund. Der verdinglichte Protagonist meiner Geschichte wäre in so einer Deutung das kaputte, nicht mehr zu reparierende Teil einer gut geölten Firmenmaschine, das ausgetauscht wird, damit der Motor bloß nicht stottert. Das Problem was sich daraus ergibt: Niemand trauert einem kaputten Keilriemen hinterher oder fragt sich, wie er sich denn fühlt, jetzt wo er hin ist.

Beste Grüße

Blumenberg
 

Kassandro

Mitglied
Lieber Blumenberg,

Deine Erwiderung zieht unsere Korrespondenz tief ins Philosophische hinein. Daher antworte ich jetzt in der anderen LL-Funktion.

Den Begriff Entfremdung, auf Marx’ Frühschriften zurückgehend, nehme ich aus der Tradition der Kritischen Theorie auf.
Theodor W. Adorno schreibt in Minima Moralia gleich im dritten Satz seiner Zueignung an Max Horkheimer:

Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muß dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen. Redet man unmittelbar vom Unmittelbaren, so verhält man kaum sich anders als jene Romanschreiber, die ihre Marionetten wie mit billigem Schmuck mit den Imitationen der Leidenschaft von ehedem behängen, und Personen, die nichts mehr sind als Bestandstücke der Maschinerie, handeln lassen, als ob sie überhaupt noch als Subjekte handeln könnten, und als ob von ihrem Handeln etwas abhinge.“

Das meine ich. Deine Einwände gegen den Begriff scheinen mir auf das zu zielen, was in Heideggers Denktradition "Uneigentlichkeit" genannt wird, wo man die Affirmation in der Tasche zu haben glaubt. Adorno: "Jargon der Eigentlichkeit". Wenn man diese Schultasche aufmacht, rutschen zwischen dicken Bänden dann allerlei schwarze Hefte heraus.

Kassandro
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Kassandro,

du hast recht, dass führt uns in eine interessante, aber vom Text entfernte philosophische Debatte. Der Begriff der Entfremdung aus der Tradition der kritischen Theorie ist mir bekannt und er hat, wenn ich mir den Hinweis erlauben darf, vor ein paar Jahren durch Rahel Jaeggi eine interessante Aktualisierung erfahren.

Mir scheint aber, und das klingt auch in der von dir zitierten Stelle der Minima Moralia an, konsequent zu dem bei Adorno stets virulenten Bilderverbot, der Begriff der Entfremdung ein rein negativer zu sein, der jede positive Bestimmung dessen wovon sich entfremdet wurde ausschließt. So zumindest verstehe ich den Rekurs Adornos auf das Unmittelbare, als jenes, das sich von vornherein jeder Vermittlung entziehen muss, weshalb auch der Versuch unmittelbar das Unmittelbare zu vermitteln, nur scheitern kann.

Bei Heidegger gibt es, deswegen habe ich ihn herangezogen, eine ähnliche Analyse, die im Begriff der Seinsvergessenheit und dem des Gestells eine prägnante Ausformulierung erfährt. Er bestimmt aber, und hier geht er über Adorno hinaus, als Ausweg aus der diagnostizierten Seinsvergessenheit, eine Rückkehr zu jenem ursprünglich-natürlichen Zugang zur Welt, aber auch zu Technik, Wissenschaft und Arbeit, den er im Griechentum verortet.

Man könnte vielleicht sagen, wo Adorno mit dem Verbot einer positiven Besetzung in gewisser Weise unbefriedigend bleiben muss, besteht bei Heidegger die Gefahr einer mystifizierenden Rückwärtsgewandtheit, die, wie ich meine, in unserer Zeit bedauerlicherweise wieder eine gewisse Wirkmächtigkeit erlangt zu haben scheint.

Beste Grüße

Blumenberg
 

whitepaper

Mitglied
Mir ist es beim Lesen wohl sehr ähnlich gegangen wie dem Erstkommentator "wipfel". Genau wie er hatte ich in der zum Schluss angebrachten "Schlüsselkarten"-Geschichte (die dann aber irgendiwe gar keine wurde) eine sehr sauber eigefädelte Pointe erwartet. Die blieb dann auch für mich aus und konnte mit dem nochmaligen Aufgreifen des verklingenden "Etwas" nicht befriedigt werden.
Diesem Eindruck aber ganz wesentlich übergeordnet steht für mich die grosse Qualität Deiner Geschichte und Führung des Lesers bis eben dorthin. Bis zum letzten Absatz hat Deine Geschichte mich gänzlich abholen können. Danke Dir!
Gerade deshalb fände ich es sehr spannend, einen Versuch zu unternehmen, genau dort, wo es doch sehr zugeneigte Leser irgendwie und eben erst sehr spät verlassen hat, einen alternativen Ausgang zu entwickeln. Du führst in allem so gut ein, dass Phantasien dafür fast grenzenloser Raum bleibt. Um auch auf ihm aufzubauen, könnte das "Etwas" genauer unter die Lupe genommen werden. Naheliegendst 'freudianisch' geprägte Assoziationen böten viel Möglichkeit für ein inneres Zwiegespräch mit beteiligtem "Etwas"/'Es' des Protagonisten, aus dem eine andere Antwort erwüchse als reines Verklingen und Sich-Fügen. Solche Theorembezüge könnten andererseits auch zu platt daherkommen, wenn man nicht aufpasst. Daneben böte sich aber doch auch einiges an. Aus dem bis dort entwickelten "Etwas" werde ich gar nicht schlau. Erst recht nicht, warum es am Ende "satt" sein soll. Weil das Ich sich fügend den pro-forma-Kuchen hinunterzwingt? Als Leser hätte ich vermutet, dass das "Etwas" (was auch immer es sei und eben darin auszuleuchten gelte) zum Ende hin immer grösser wird und für eine Pointe sorgt, die wenigstens ansatzweise so gut wirken kann wie der ganze Rest des Textes - bis eben dorthin.
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo whitepaper,

zunächst einmal vielen Dank für die lobenden Worte und das hilfreiche Feedback. Es freut mich zu hören, dass der Text bis auf die letzte Passage gut angekommen ist. Ich muss gestehen, ich bin nach nochmaligem Lesen und Überdenken selbst nicht so ganz glücklich mit dem letzten Absatz des Textes und kann deine (bzw. Wipfels) Kritik nachvollziehen, dass das Ende der Geschichte besser ausgearbeitet werden könnte. Ich erinnere mich daran das Ende vor der Veröffentlichung bereits einmal umgestaltet zu haben weil ich mit der ersten Version nicht zufrieden war, scheinbar nicht zum Besseren. Die jetzige Passage scheint mir, hier gebe ich dir Recht, in der Tat etwas nichtsagend. Ich habe mir vorgenommen den Abschnitt noch einmal gründlich zu überarbeiten, will aber vermeiden, die Erzählung zum Ende hin doch noch ins Positive zu wenden.

Eine freudianisch-assoziierte Pointe scheint mir eine Möglichkeit zu sein, ist der Protagonist doch an etlichen Stellen durchaus nicht mehr so recht der Herr im eigenen Haus. Ich frage mich aber, ob nicht die kategorische Verweigerung jeglichen Zwiegespräches durch ein Es, eher in Freuds Sinne wäre, entzieht sich dieses doch als Unbewusstes dem kontrollierten und willentlichen Zugriff des jeweiligen Ich, wenn es Rechenschaft fordern will über seine Affekte und Triebe. Trotzdem scheint mir der Gedanke umso reizvoller je länger ich darüber nachdenke. Mal sehen was dabei an Pointe herauskommt.

In jedem Fall vielen Dank für die hilfreichen Gedanken und einen guten Start ins neue Jahr.

Blumenberg
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Blumenberg,

der Mensch ist des Menschen Wolf - und der andere ist uns letztendlich (scheiß)egal. So lese ich Deine Geschichte - sie ist für mich nah an der Realität und trifft den Kern der Arbeitswelt.

Das Ende hätte pfiffiger sein können - der Gedanke, dass er ja noch die Ersatzschlüsselkarte hat und jederzeit rein kommt, als kleinen Racheakt - aber noch mehrmaligen Lesen finde ich den aktuellen Schluss gar nicht so verkehrt. Er erhöht nur den pessimistischen Grundtenor des Textes.

Viele Grüße,
DS
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Doc Schneider,

vielen Dank für die hilfreiche Einschätzung. Den pessimistischen Grundtenor des Textes möchte ich gerne beibehalten, daher gehts mir im Wesentlichen um den allerletzten Abschnitt. Eine Pointe mit der Schlüsselkarte hatte ich mal überlegt mich dann aber dagegen entschienden.

Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht und ein bisschen experimentiert. Ich hänge mal eine Alternativüberlegung für den Schlussabschnitt an. Vielleicht gibt´s dazu ja die ein oder andere Meinung:

Wieder für mich greife ich nach der Aktentasche und will mich gerade auf den Weg machen, als ich ein Räuspern höre.
„War nicht schlecht der Kuchen.“
„Schokolade ist nicht unbedingt unsere Lieblingssorte, aber das weiß du ja.“ antworte ich pflichtschuldig. „Kommst du mit nach Hause?“
„Klar! Ich achte schon darauf, dass dir in der Rente nicht langweilig wird.“
„Beruhigend wenn sich wenigstens einer bis zu Letzt um einen kümmert. Ich schätze den Firmenwagen wollen sie auch gleich hierbehalten. Nehmen wir die Bahn oder laufen wir?“
„Wir laufen. Zeit haben wir ja nun genug.“

Beste Grüße

Blumenberg
 

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