Der Luftballon

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Simon Eric

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Ich presste die Nadel, mit meinem Daumen auf dem Nadelöhr, quietschend schwer in den Ballon. Die Augen müssen dabei geschlossen bleiben, falls der Druck auf den Ballon zu groß zu werden droht und er schließlich explodieren sollte. Also presste ich so tief, dass die Nadelspitze schon beinahe meine linke Hand berühren konnte. Es quietschte und ich quetschte, doch der Ballon hielt stand.

Ich hatte mich mit diesem Problem auseinandersetzen müssen, denn auszuhalten, das war schon lange nicht mehr möglich. Zu steril war seine Präsenz, allzu unlebendig, dieser Haufen Luft, umschlossen mit ein wenig Gummi, er schnürte mir das Leben ab. Ewig rund und ewig rot. Es war ja auch, davon ganz abgesehen, verboten worden, einen Ballon zu liquidieren. Ein jeder war gezwungen, den seinen zu verwahren, mehr sogar, er musste permanent bei sich getragen werden, und gehütet wie ein seltenes Objekt von geheimnisvollem Wert.

Einmal, ich erinnere mich noch genau, die Abenddämmerung schien durch die blassen Fenster auf das expressive Blau des Teppichs, in eben jener Szenerie war mein Ballon verschwunden. Nur kurz entfernt hatte ich mich, war auf dem Weg zum Kühlschrank und zurück, Kartoffelchips, und kennen Sie das auch? Den Weg hin zur Erkenntnis, dass eine Katastrophe im Begriff war zu entstehen? Zunächst war mir sein Fehlen nicht einmal aufgefallen, ich begab mich auf meinen angestammten Platz zurück, doch etwas in der Atmosphäre war gewichen. So war mein erster Eindruck. Ich schaute mich im Raum um, doch wollte mir nicht einfach auffallen, worin der Fehler liegen könnte. Noch ein Blick, jede Wand betastend, die Spannung stieg in mir, und dann erst konnte ich erkennen, dass er nicht mehr zu sehen war. Ein dritter Blick, noch immer keine Spur. Jetzt wurde ich nervös, stellte die Chips zur Seite und stand langsam auf, noch eine Drehung, nichts. Während das Blau von unten zu mir strahlte, verlor ich Stück für Stück die Fassung. Was hätte das für Konsequenzen? Ich begann, mir diese auszumalen, mein Leben ohne Luftballon. Ein Aussätziger wäre ich geworden, mit einer Lepraklappe um den Hals, ich hätte betteln müssen für ein Essen und kämpfen für einen guten Platz zum Schlafen.

Nein! Das durfte nicht geschehen. Ich suchte immer hastiger, bis ich ihn schließlich sehen konnte. Unter meinen kleinen Tisch war er gerutscht. Nein, nicht der direkt vor meinem Sofa, dort hätte ich ihn schnell gefunden, sondern der kleine, unscheinbare hinten links. Der Luftballon, er muss wohl - ja, so wird’s gewesen sein - als ich gerade aufgestanden bin, gefallen sein, gestürzt, zur linken Seite von dem Sofa, dort traf er auf den Sessel und rollte langsam hinein in sein Versteck.

Vieles hatte sich geändert, seit Ballons zur Pflicht geworden sind. Dabei war es uns am Anfang, das muss ich ehrlich sagen, nicht gar so schlecht ergangen unter diesen neuen Regeln. Plötzlich waren wir alle uns einander ähnlich. Nicht in dem abstrakten Sinne - wir sind alles Menschen mit den selben Rechten - nein, wirklich ähnlich. Unser aller Aufmerksamkeit war auf ein Problem gerichtet, und jeder hatte seine eigene, ganz persönliche Strategie im Umgang damit. So konnten wir uns untereinander austauschen, gemeinsame Ideen entwickeln. Es hat eine gewisse Zeit gedauert, bis wir, zunächst nur wenige, doch schließlich immer mehr, den Irrsinn zu erkennen wagten.

Wozu der Ballon?

Hat er etwas aufbewahrt, von dem wir keine Kenntnis haben durften, wir aber dennoch bei uns tragen sollten? Handelte es sich hierbei etwa um ein Spiel, und wir begriffen nur die Regeln nicht? Oder war es, ganz banal, ganz einfach eine Strafe? Aber dann, wofür? Dieses behäbige Gefühl der Unsicherheit, welches sich langsam in unsere Gedanken nistete, schaffte ein Klima der Missgunst in unserer Gesellschaft. Gruppierungen entstanden, und die eine gab der anderen die Schuld an dieser neuen Lage. Gereicht hat dies allerdings nicht, denn schließlich hatte niemand von uns den anderen veranlasst, einen Ballon zu tragen. So bildeten sich Metastasen, unser Körper infizierte sich mit einer unheilbaren Krankheit, bis letztlich jeder für sich alleine damit fertig werden musste. Diese Last, ich wollte sie so gerne ablegen, um wieder frei zu sein, um wieder Luft zu atmen.

Andere hatten ebenfalls versucht, sich ihrer Bürde zu entledigen. So war es einer Frau gelungen, ihren Haufen Luft aus dem Gefängnis zu befreien, indem sie eine Kettensäge hat verwenden können. Sie nahm ihren Ballon mit in die Werkstatt, sodann fixierte sie ihr Opfer mit gekonnten Griffen, und die Säge kam zum Einsatz. Das Ereignis war in seiner zeitlichen Abfolge zu schnell, die dramaturgische Intensität viel zu gewagt, als dass ich mich in der Lage sehen würde, sie hier in wenigen, zweiflerischen Sätzen adäquat vermitteln zu können. Jedenfalls, es blieb nicht unbemerkt, ihr Opfer, ein riesiger Skandal war das, die ganze Nachbarschaft sprach tagelang darüber. Sie hat ihren Ballon zerstört! Als die Polizei sie aus ihrem Haus verbannte, waren ihre Nachbarn allesamt erschienen. In einem Halbkreis rings um ihre alte Hauseinfahrt, es war schon beinahe dunkel, doch im letzten Dämmerlicht beobachteten sie, ein jeder seinen Ballon sorgsam in den Händen haltend, und flüsterten beisammen. Was sie wohl sagten? Womöglich war es ihnen unbegreiflich, dass eine angesehene Frau wie sie zu einer solchen Tat schreiten konnte. Dass sie verrückt geworden sei, womöglich. Vielleicht war auch einer dabei, der ihren Mut ganz insgeheim bewunderte, das hätten wir aber unmöglich erfahren können.

Nun, es war mir nicht gelungen, meiner Tat war kein Erfolg beschieden. Heute sitze ich auf meinem Sofa, mein Ballon sitzt neben mir, wir essen jetzt gemütlich ein paar Snacks, im Fernsehen läuft ein mittelguter Film. Im Grunde habe ich ja Glück gehabt. Nicht auszudenken, ich hätte den Ballon geplatzt, die Nadel wäre sicherlich in meine Hand gedrungen und mein Blut hätte sich auf meinem Körper ausgebreitet wie bei einem Blutopfer auf dem Altar. Und der Weg zum Krankenhaus wäre nicht möglich gewesen ohne den Beweis, dass mein Ballon noch sicher war. Eine böse Falle, der ich soeben noch entronnen bin.
 
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DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Geheimnisvolle Geschichte!

Der Ballon kann Metapher für vieles sein, das im Leben belastet. So interpretiere ich den Text.

Die unheimliche Atmosphäre hast du gut rübergebracht!

Gruß DS
 
Politisch angehauchte Geschichte, die ganz entfernt an (Blumenfeld, ein älterer Junggeselle) erinnert. Fehler sind vereinzelt da- z. B. dasselbe und nicht das (selbe).

grüsse
J
 

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