Der Chefarzt passt sie vor dem Fahrstuhl ab, greift nach ihrem Oberarm, bevor sie einsteigen kann.
„Frau Dr. Hildebrand?“
Kollegen drängeln an ihr vorbei in den Lift, die Türen schließen sich. Sie sieht ihn fragend an, schaut auf die Hand, die sie festhält, er lockert den Griff nicht.
„Würden Sie bitte?“, fragt sie, den Blick noch immer auf seine Hand gerichtet. Der Mann lässt los.
„Wir haben eine Entnahme morgen früh um acht.“
„Ich vermute, Sie meinen, ich hätte eine Entnahme? Die nächsten Maßnahmen sind erst kommende Woche“, sagt sie.
Er nickt.
„Richtig, die hier hat Priorität und muss vorher erfolgen.“
„Vor der Maßnahme?“, fragt sie ungläubig. „Sind Sie sicher?“
„Bitte informieren Sie Ihr Team, ein Anästhesist ist vor Ort.“
Er dreht sich um, sie drückt den Schalter am Aufzug und nimmt das Telefon aus der Tasche.
Die Uniformierten an der Schranke winken sie durch, der Sanitätsbus ihres Teams steht vor dem Krankenhaus. Sie grüßt die Assistenzärzte kurz, bekommt die OP-Akte überreicht. Sie überfliegt die drei Seiten. Niere, männlich, 42 Jahre, Voruntersuchungen, und so weiter. Der Empfänger wird sicher schon im Nebenzimmer vorbereitet, aber damit hat sie nichts zu tun.
Der Kopf des Mannes im Operationssaal ist kahlgeschoren, er trägt ein grünes Hemd und sitzt auf der Liege. Sie erkennt ihn sofort. Daniel Sander, der Mann mit dem kleinen Hund. Er wohnt gegenüber von ihr. Wohnte, muss man wohl besser sagen.
„Mara“, sagt der ehemalige Nachbar, er klingt erleichtert.
„Hier bitte Frau Doktor Hildebrand“, antwortet sie.
„Wie du meinst“, sagt er und klingt jetzt beleidigt.
Daniel Sander war da, als sie mit dem Fahrrad stürzte, weil ein Kind auf die Fahrbahn gerannt war. Ihr Knie war aufgeschürft, er half ihr hoch, bog den krummen Lenker gerade. Sie kamen ins Gespräch, grüßten sich seitdem aus der Ferne, hielten einen Plausch, wenn sie sich beim Einkaufen trafen. Mehr war nicht. Weiß sie, was der für Leichen im Keller hat? Was der verbrochen hat und wozu der fähig ist? Gleich wird sie ihm den Bauch aufschneiden.
„Ich hatte auf einen Anwalt gehofft“, sagt der Sander. „Ich habe Widerspruch eingelegt. Sie haben mich gefoltert, weißt du?“
Er dreht sich um, zeigt seinen Rücken, da sind Stellen.
„Sie haben mir einen Berufungstermin zugesagt. Du bist Ärztin, keine Anwältin. Was macht ihr mit mir, wollt ihr mich umbringen?“
„Nein!“
Sie sagt die Wahrheit, für sowas sind andere zuständig. Die Maßnahmen erfolgen erst Anfang nächster Woche. Aus ihrer Sicht macht es keinen Sinn, eine Entnahme vorzunehmen, ihn wieder zusammenzuflicken, nur damit er dann, nun ja, aber das sind nicht ihre Entscheidungen. Die werden sich schon was dabei denken.
„Mara, bitte!“
Wieder spricht er sie mit ihrem Vornamen an, ihr Team ist verunsichert. Das geht so nicht, sie muss Stärke zeigen, sieht den Sander nicht an.
„Fixieren bitte!“
Ein Blick zum Anästhesisten.
„Wollen wir?“
„Frau Dr. Hildebrand?“
Kollegen drängeln an ihr vorbei in den Lift, die Türen schließen sich. Sie sieht ihn fragend an, schaut auf die Hand, die sie festhält, er lockert den Griff nicht.
„Würden Sie bitte?“, fragt sie, den Blick noch immer auf seine Hand gerichtet. Der Mann lässt los.
„Wir haben eine Entnahme morgen früh um acht.“
„Ich vermute, Sie meinen, ich hätte eine Entnahme? Die nächsten Maßnahmen sind erst kommende Woche“, sagt sie.
Er nickt.
„Richtig, die hier hat Priorität und muss vorher erfolgen.“
„Vor der Maßnahme?“, fragt sie ungläubig. „Sind Sie sicher?“
„Bitte informieren Sie Ihr Team, ein Anästhesist ist vor Ort.“
Er dreht sich um, sie drückt den Schalter am Aufzug und nimmt das Telefon aus der Tasche.
Die Uniformierten an der Schranke winken sie durch, der Sanitätsbus ihres Teams steht vor dem Krankenhaus. Sie grüßt die Assistenzärzte kurz, bekommt die OP-Akte überreicht. Sie überfliegt die drei Seiten. Niere, männlich, 42 Jahre, Voruntersuchungen, und so weiter. Der Empfänger wird sicher schon im Nebenzimmer vorbereitet, aber damit hat sie nichts zu tun.
Der Kopf des Mannes im Operationssaal ist kahlgeschoren, er trägt ein grünes Hemd und sitzt auf der Liege. Sie erkennt ihn sofort. Daniel Sander, der Mann mit dem kleinen Hund. Er wohnt gegenüber von ihr. Wohnte, muss man wohl besser sagen.
„Mara“, sagt der ehemalige Nachbar, er klingt erleichtert.
„Hier bitte Frau Doktor Hildebrand“, antwortet sie.
„Wie du meinst“, sagt er und klingt jetzt beleidigt.
Daniel Sander war da, als sie mit dem Fahrrad stürzte, weil ein Kind auf die Fahrbahn gerannt war. Ihr Knie war aufgeschürft, er half ihr hoch, bog den krummen Lenker gerade. Sie kamen ins Gespräch, grüßten sich seitdem aus der Ferne, hielten einen Plausch, wenn sie sich beim Einkaufen trafen. Mehr war nicht. Weiß sie, was der für Leichen im Keller hat? Was der verbrochen hat und wozu der fähig ist? Gleich wird sie ihm den Bauch aufschneiden.
„Ich hatte auf einen Anwalt gehofft“, sagt der Sander. „Ich habe Widerspruch eingelegt. Sie haben mich gefoltert, weißt du?“
Er dreht sich um, zeigt seinen Rücken, da sind Stellen.
„Sie haben mir einen Berufungstermin zugesagt. Du bist Ärztin, keine Anwältin. Was macht ihr mit mir, wollt ihr mich umbringen?“
„Nein!“
Sie sagt die Wahrheit, für sowas sind andere zuständig. Die Maßnahmen erfolgen erst Anfang nächster Woche. Aus ihrer Sicht macht es keinen Sinn, eine Entnahme vorzunehmen, ihn wieder zusammenzuflicken, nur damit er dann, nun ja, aber das sind nicht ihre Entscheidungen. Die werden sich schon was dabei denken.
„Mara, bitte!“
Wieder spricht er sie mit ihrem Vornamen an, ihr Team ist verunsichert. Das geht so nicht, sie muss Stärke zeigen, sieht den Sander nicht an.
„Fixieren bitte!“
Ein Blick zum Anästhesisten.
„Wollen wir?“
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