Der Neustart

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lietzensee

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Der Neustart​



Steine knirschte unter seinen Füßen, als Emil den Hang hinauf stieg. Diesen Weg war er oft auf Sonntagsspaziergängen gelaufen. Doch heute war Dienstag und die Luft schmeckte nach Abendtau. Auf einer Anhöhe über den Steinbrüchen blieb er stehen. Er blickte hinab auf die Stadt. Links und rechts des Flusses begannen ihre Lichter aufzuflammen. Die Bänder der Straßenlaternen drängten sich in die Nebentäler hinein.

Er sah das Riesenrad an der Flussinsel blinken und kniff die Augen zusammen, um die Leuchtreklame auf dem Dach des Einkaufzentrums zu lesen, K NSUM. Das O war schon seit Jahren dunkel. Doch die restlichen Buchstaben leuchteten noch rot über der Stadtmitte. Gleich hinter der Schnellstraße stand der Block in dem er wohnte. Er zählte die Fenster im obersten Geschoss. Da war sein Küchenfenster. Das Licht hatte er angelassen.

Von dem Neustart hatte Emil zuerst in der Kantine gehört. Zehn angespannte Sekunden hatten sie es genannt, die Kollegen waren skeptisch. Er war es auch. Aber angeblich war der Neustart die einzige Chance. Aus seinem Rucksack zog er die Zigaretten hervor, zündete sich eine an und lief dann weiter.

Der Kioskbetreiber hatte seinen Laden schon schließen wollen. Mit dem Schlüssel in der Hand hatte er an der Tür hantiert. Doch Emil hatte sich hinein gezwängt und ein Bier aus dem Kühlschrank gegriffen.

„Morgen geht’ s weiter“, hatte der alte Verkäufe gesagt.

„Woher willst du das wissen?“, für Freundlichkeiten hatte Emil keinen Sinn mehr gehabt. Nach einigem Reden und Fluchen hatte er dann doch seine Flasche Bier und die Zigaretten bekommen. Auf das Wechselgeld für seinen Zwanziger hatte er nicht gewartet. Es fuhren keine Busse mehr und er war hastig in Richtung der Hügel gelaufen, um den Moment nicht zu verpassen.

Im Licht seiner Taschenlampe hob Emil einen Stein auf. Er drehte ihn in der Hand, betrachtete ihn kurz und warf ihn dann zurück zwischen die Schatten all er anderen Bruchstücke. Das hier war Muschelkalk, die versteinerten Reste eines Meeres, dessen tropische Brandung lange vor den Dinosauriern verschwunden war. Einmal hatte er in den Steinbrüchen eine versteinerte Seelilie gefunden, ein knotiger Stil mit einer Krone aus filigranen Federarmen. Jan aus der Buchhaltung hatte die fabelhafte Erhaltung des Fossils bewundert und ihm erklärt, dass ein so sauberer Abdruck nur Zustande kommt, wenn das Tier in einer plötzlichen Katastrophe begraben wird.

Die letzten Wochen waren beängstigend gewesen. Die Arbeit, das Essen, alles blieb fast unverändert, aber nun gab es all die Bilder im Fernsehen, die Gerüchte im Internet. Er hatte das Leben immer gelassen genommen, aber jetzt spürte er es wie einen schweren Druck auf der Brust. Den Gesprächen in der Werkskantine hörte er meist nur noch stumm zu. Am Mittwoch hatte er den Abteilungsleiter gesehen, der vor einem Teller Suppe gesessen und geweint hatte.

Er schnippte den Rest seiner Kippe ins Gras und stieg über den gefallenen Stamm einer Eiche hinweg. Erdgeruch stieg ihm in die Nase. Als er sich umdrehte, flimmerte die Stadt unter ihm im Tal. Ein einzelnes Auto fuhr die Umgehungsstraße entlang und er verfolgte den Weg der Scheinwerfer durch die Dunkelheit. Zur Aussichtsplattform brauchte er vielleicht noch zehn Minuten. Der Weg stieg steil an und er spürte, dass seine Schritte weniger Kraft als noch vor zehn Jahren hatten. Schnell war die Zeit vergangen. Was würde die Spanne bringen, die nun noch vor ihm lag? Er griff in den Rucksack und öffnete sein Bier.

Der Neustart war unvermeidlich. Das hatte er von den Technikern in den letzten Tagen immer öfter gehört. Das Material war verschlissen, Nachschub nicht zu bekommen und andere Städte schickten selber Hilfsgesuche. Wenn man es jetzt nicht tat, verspielte man die Chance, den Neustart noch halbwegs kontrolliert durchzuführen. So hatten die Leute rund um den Standaschenbecher geredet. Viele technische Begriffe hatte Emil nicht verstanden. Aber der alte Markowski hatte seine Meinung in einem einfachen Wort zusammen gefasst. Die Stirn in Falten liegend, hatte er an seiner Zigarette gezogen, „Schnapsidee.“ Der Klang seiner Stimme hatte Emil noch lange verfolgt.

Endlich hatte er die Plattform erreicht. Er schaute auf seine Uhr. Emil beugte sich über die Balustrade und das Holz knirschte unter seinem Gewicht. Langsam trank er den letzten Schluck seines Biers. Nach der Uhr sollte es jetzt soweit sein. Der Glanz der Stadt füllte das Tal unter ihm. Er warf die leere Flasche den Hang hinab, wo sie zwischen Laub und Geröll verschwand, ein Artefakt für die Geologen einer fernen Zukunft. Was immer jetzt passierte, er war hier, um es zu sehen. Noch einmal schaute er auf seine Uhr. Fünf Minuten über der Zeit, sicher stießen die Stadtwerker im letzten Moment noch auf irgend ein unerwartetes Problem. Er stellte sich vor, wie der alte Markowski gerade fluchend mit Werkzeug hantierte, die glimmende Kippe im Mundwinkel. Aber nun ging es los. Am Riesenrad erloschen die Lichter, schnell schlossen Andere sich an. Der Neustart! Die roten Buchstaben auf dem Einkaufszentrum verglommen. Sein Wohnblock verschwand im Dunkeln. Eins, zwei, drei, vier, fünf er zählte die Sekunden, doch die Zeit schien dabei unnatürlich langsam zu vergehen. Angestrengt blickte er ins Tal. Da! Eine Laterne flammte wieder auf. Sie stand in der Straße vor dem Turbinenhaus. Noch eine und noch eine, die Straße füllte sich wieder mit Licht. Emils Herz schlug schneller. Er biss sich auf die Lippe und schmeckte Blut. Dann sah er im Schein der neu aufleuchtenden Laternen Rauch. Das Turbinenhaus qualmte. So wie sie aufgeflammt waren, erloschen die Lampen wieder. Die Stadt unter Emil stürzte zurück in die Dunkelheit.

[Überarbeitet am 22.11.]
 
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lietzensee

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Ich weiß, für die Horror-Kategorie ist der Text ziemlich zahm. Aber solche Sachen machen mir in letzter Zeit mehr Angst als die üblichen Zombie Ausbrüche.
 
Hallo lietzensee,

ich ignoriere mal deinen Kommentar zu deiner eigenen Geschichte (der bringt mich nämlich etwas durcheinander, ich kann ihn nicht zuordnen - wo finden denn „solche Sachen" statt? Da habe ich irgendwas nicht mitbekommen) und beziehe mich nur auf den Text. Spannend geschrieben, ein paar Kleinigkeiten stören mich:

. Diesen Weg war er an freien Sonntagen oft gegangen. Heute aber war Dienstag
Das ist für die Geschichte überflüssig. An Sonntagen haben die meisten frei, und dass es ein Werktag ist, an dem der Neustart stattfinden soll, ist irgendwie auch klar.

Es fuhren keine Busse mehr und er musste sich beeilen.
Wieso musste er sich dann beeilen? Er kann ja keinen Bus mehr verpassen.
Hier kann man den Satz entweder ganz weglassen oder kurz erklären, warum Emil sich beeilen muss: Er wollte den Neustart unbedingt sehen oder so ähnlich. Aber sonst - mit Interesse gelesen.

Schöne Grüße
SilberneDelfine
 

lietzensee

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Hallo SilberneDelfine,
vielen Dank für deine Bewertung und die Hinweise! Diese zwei Stellen werde am besten noch mal überarbeiten. Der Sonntag/Werktag am Anfang sollte andeuten, dass in seiner gewohnten Umgebung jetzt Ungewohntes vorgeht. Aber das war wohl nicht besonders effektiv.

"Solche Sachen" haben uns zum Glück noch nicht ereilt. Aber ich habe trotz dem manchmal ein Unbehagen im Hinterkopf, dass irgendwann einfach die Lichter ausgehen könnten. Ich freue mich darum über jeden heißen Kaffee der aus dem Automaten kommt :)

Viele Grüße
lietzensee
 
Hallo
Der Sonntag/Werktag am Anfang sollte andeuten, dass in seiner gewohnten Umgebung jetzt Ungewohntes vorgeht
Hallo lietzensee,

schon klar. Mich störte das doppelt gemoppelt an "freien Sonntagen." Sonntags ist immer frei, bis auf verschiedene Berufssparten, die auch sonntags arbeiten müssen. Dazu gehört Emil aber nicht, so wie ich die Geschichte verstehe. Deswegen hätte man "frei" weglassen können - es ist mal wieder die Sache mit dem überflüssigen Adjektiv.

"Solche Sachen" haben uns zum Glück noch nicht ereilt.
Gut - ich dachte wirklich schon, ich hätte das verpennt :)

Viele Grüße
SilberneDelfine
 

lietzensee

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Wenn du es jetzt so schreibst, das war wirklich ein nutzloses Adjektiv. Die Stelle habe ich sicher 10 mal gelesen, aber darauf bin ich nicht gekommen.

Ich habe jetzt noch mal ein paar Kleinigkeiten im Text poliert.

Viele Grüße
lietzensee
 

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