Der Obsidian-Armreif

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MaziarB

Mitglied
Als er an diesem Abend nach Hause kam, war es still im Haus. Zu still. Er stellte seine Tasche im Flur ab und blieb einen Moment stehen. Seit Monaten fühlte sich sein Zuhause nicht mehr wie ein Zuhause an. Seine Frau war freundlich zu ihm, manchmal sogar aufmerksam, aber die Wärme zwischen ihnen war verschwunden. Keine Berührung, kein Kuss, keine Zärtlichkeit. Es war, als würden sie nur noch nebeneinander leben.

Dann hörte er ein Geräusch aus dem Keller. Irgendjemand bewegte dort unten etwas. Schubladen wurden geöffnet, Gegenstände verschoben. Er ging zur Kellertür und lauschte kurz. „Schatz?“, rief er. Keine Antwort. Er öffnete die Tür und ging die Treppe hinunter. Zwischen den alten Kartons sah er seine Frau. Sie kniete vor einem Regal und suchte etwas.

„Schatz?“

Keine Antwort. Sie suchte weiter.

„Was machst du hier unten?“

Wieder keine Antwort.

Er ging ein paar Schritte näher. „Hast du mich nicht gehört?“

Sie hielt inne. Langsam richtete sie sich auf und drehte sich zu ihm um. Sie sagte kein Wort. Sie sah ihn nur an.

Dann lächelte sie.

Es war dieses Lächeln, das er seit Monaten nicht mehr von ihr gesehen hatte. Warm, vertraut und verführerisch. Sie kam langsam auf ihn zu. Sein Blick fiel auf ihr Handgelenk. Dort trug sie den schwarzen Obsidian-Armreif. Er erkannte ihn sofort. Er hatte ihn damals auf Mallorca gekauft, als erstes Geschenk für seine Frau. Nach ihrer Hochzeit war der Armreif verschwunden. Er hatte ihn nie wieder gesehen.

„Du hast ihn noch“, sagte er leise.

Sie antwortete nicht. Sie lächelte nur und kam noch näher. Er nahm sie in die Arme, und gemeinsam sanken sie auf den Boden. Er lag auf ihr, und sie liebten sich dort zwischen den alten Kartons. Für ihn war es ein Moment, nach dem er sich seit Monaten gesehnt hatte. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er wieder die Nähe und Zärtlichkeit seiner Frau.

Später stieg er zufrieden und glücklich die Kellertreppe hinauf. Als er an der Küche vorbeiging, hörte er eine Stimme.

„Hallo Schatz, wann bist du nach Hause gekommen?“

Er blieb stehen.

Seine Frau stand in der Küche und sah ihn verwundert an.

Er bewegte sich nicht. Einige Sekunden lang starrte er sie an. Dann blickte er auf ihr Handgelenk.

Kein Armreif.

Sein Gesicht wurde blass.

Ohne ein Wort rannte er zurück zur Kellertür. Er stürmte die Treppe hinunter und blieb unten stehen.

Niemand war da.

Nur der Obsidian-Armreif lag auf dem Kellerboden.

Schwarz und glänzend im schwachen Licht.
 

Wordy

Mitglied
Gruslig. Find ich gut. Die Wendung am Ende ist gelungen. Man wartet darauf, dass Jonathan Frakes hereinkommt und fragt: "Wahrheit oder Fiktion."

Nur als Idee aus meiner Sicht: Ich würde am Anfang ein paar Sachen verdichten, weil ich glaube, diese erschließen sich bereits aus dem Kontext und so bliebe dem Leser mehr Freiraum die Spannung und Konflikte selbst zu spüren und die Wirkung würde sich verstärken.

Als er an diesem Abend nach Hause kam, war es still im Haus. Zu still.
"Zu still" würde ich weglassen

Keine Berührung, kein Kuss, keine Zärtlichkeit. Es war, als würden sie nur noch nebeneinander leben.
Weglassen würde ich: "Es war, als würden sie nur noch nebeneinander leben."

Zwischen den alten Kartons sah er seine Frau. Sie kniete vor einem Regal und suchte etwas.

„Schatz?“

Keine Antwort. Sie suchte weiter.
"...und suchte etwas." und "Sie suchte weiter." würde ich hier weglassen.

Liebe Grüße
 

MaziarB

Mitglied
Vielen Dank für deine Rückmeldung. Besonders freut mich, dass dir die Geschichte und vor allem die Wendung am Ende gefallen haben. Genau diesen „Wahrheit oder Fiktion?“-Effekt wollte ich erreichen.


Deine Anmerkungen zur Verdichtung am Anfang finde ich interessant. Ich werde mir die drei Stellen noch einmal ansehen. Gerade bei solchen Formulierungen ist es natürlich eine Gratwanderung zwischen Atmosphäre und dem, was man dem Leser bereits selbst überlassen kann.


Vielen Dank fürs genaue Lesen und für die konkreten Hinweise!


Liebe Grüße
 

Ubertas

Mitglied
Hallo @MaziarB,
mir gefällt gerade die Nacktheit deiner Zeilen.
So schaue ich nur auf den Obsidian, auf seine scharfen Kanten, seinen Bruch.
Und finde ihn wieder in deiner Sprache.
Jemand geht in den Keller, geht an der Küche vorbei, hält inne, sucht seinen Weg zurück in den Keller.
Was bleibt ist ein Splitter.
Ein Armreif hält fest, verbindet, aber hier ist er gläsern.
Liebe Grüße,
ubertas
 



 
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