Der Pacific-Railway-Coup (Teil 1)

marcm200

Mitglied
Charlottes Blick 9 - Der Pacific-Railway-Coup
(eine Geschichte basierend auf dem Charakter ‚Vickie‘ der TV-Serie ‚Haven‘ von 2010-2015)


Klappentext:
Phil erhält einen mysteriösen Tipp auf ein geplantes Verbrechen. Doch über die Natur der sich angeblich anbahnenden Katastrophe ist nichts bekannt. Wie mischt die mehrfach wegen Gewaltdelikten vorbestrafte Berufsverbrecherin Harper Maguire in der Sache mit? Und was hat die Eisenbahngesellschaft damit zu tun? Charlotte übernimmt einen überaus gefährlichen Auftrag, denn die Ganoven schrecken vor nichts zurück.



Langsam ausatmend presste Charlotte die Langhantel mit beiden Händen nach oben. Sie stemmte die Füße fest in den Boden und drückte den Oberkörper leicht ins Hohlkreuz. Schweiß stand ihr auf der Stirn und rann die Wangen herunter. Die Muskeln schmerzten und zitterten leicht. Das Blut konnte die Abwärme der Faserkontraktionen kaum abführen. Millimeter um Millimeter stieg die Metallstange mit den sechs Scheiben, die insgesamt das 1,3-fache von Charlottes Körpergewicht ausmachten.

Dann endlich war das Gewicht am Hochpunkt - zum sechsten Mal im dritten Satz des Trainings. Charlotte atmete tief ein und ließ die Stange in die Arretierung der Bench-press fallen. Es klirrte laut, als Metall auf Metall knallte. Charlottes Arme fielen wie Gummi zu Boden. Ihr Körper sackte zusammen, und sie stöhnte erleichtert auf. Erschöpft schloss sie für einen Moment die Augen, aber die anderen Sinne, die zuvor nur auf ihren Körper und die Stemmbewegung ausgerichtet waren, nahmen die Umgebung nun wieder verstärkt wahr. Metallklirren, leises Stöhnen und stoßweises Atmen der anderen Frauen drangen aus allen Richtungen an ihr Ohr. Mit dem Ärmel der blauen Trainingsjacke wischte sich Charlotte über die Stirn. Die Luft hing stickig und schwer in dem kleinen quadratischen Raum, der rund 20 Fuß Seitenlänge aufwies und halb so hoch war. Die Fenster, die zwar breit, aber nur einen Fuß Höhe besaßen, lagen dicht unter der Decke. Sie waren geöffnet, verschafften aber keine spürbare Linderung.

Plötzlich fiel ein Schatten über Charlottes Augen. Sie öffnete die Lider und sah das Gesicht von Kelly Miller über sich. Höhnisch grinste die muskulöse Frau mit dem Igelhaarschnitt sie an.

„Heh, wie wenig haben wir denn heute geschafft?“, ätzte sie und trat hinter die Bench-press.

Als Miller die Arme nach dem Gewicht ausstreckte, schnellten Charlottes Hände hoch, umgriffen die Hantelstange und zogen diese nach unten in die Arretierung hinein. Millers Grinsen verstärkte sich sofort, als sie ihrerseits die Stange von oben griff und versuchte, diese hochzuheben. Ein stummer Zweikampf folgte. Die beiden Frauen schauten sich starr in die Augen, und keine gab nach. Miller stellte die Beine weiter auseinander und ging leicht in die Hocke. Ihr Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung und lief rot an. Charlotte spürte einen Ruck an der Hantelstange. Das Gewicht hob sich einen Millimeter und lag nun nicht mehr auf der Arretierung auf.

Merde!, fluchte Charlotte in Gedanken. Ihr wurde sofort klar, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen würde. Miller war ihr an Kraft schlicht überlegen, und das umso mehr, da sie im Gegensatz zu Charlotte die Beinmuskeln einsetzen konnte.

So gab es nur einen Ausweg.

Charlotte zog die Beine an, spannte den Oberkörper wie eine Katze vor dem Sprung, ließ die Hantelstange los und tauchte mit einer fließenden Bewegung darunter hindurch. Kaum war der Kopf auf der anderen Seite, schnellte Charlotte hoch und stand einen Sekundenbruchteil später neben dem Trainingsgerät. Kelly, die von diesem Manöver überrascht wurde, konnte ihre Zugbewegung nicht schnell genug stoppen. Sie stolperte nach hinten und ließ die Hantelstange los, die daraufhin gegen die Bench-press knallte und zu Boden fiel.

Charlotte tat, als habe sie nichts bemerkt. Scheinbar gelangweilt klopfte sie sich imaginären Staub von den Schultern. Auch ihre Stimme klang wie beiläufig, als sie sagte: „Weißt du, Kelly, ich wollte dir nicht den einzigen Rekord abnehmen, den du hast und jemals haben wirst. Es wäre doch zu schade, dich in Tränen ausbrechen zu sehen.“

Charlotte wusste, dass es gefährlich war, Kelly Miller zu reizen, aber sie konnte sich in ihrer aktuellen Situation auch nicht alles gefallen lassen. Sie musste versuchen, für sich einen kleinen Sieg herauszuschlagen. An der Bench-press war dies nicht möglich, aber vielleicht an einem anderen Gerät. Ihr Blick huschte durch die nähere Umgebung, und da sah sie die Reihe der abgelegten Kurzhanteln am Boden. Trainierte sie mit diesen, so bestand zumindest nicht die Gefahr, dass ihr jemand Hunderte Pfund auf den Kehlkopf drückte, was in der Bench-press leicht geschehen konnte.

Mal schauen, welche Gemeinheit Kelly sich dort ausdenkt, dachte Charlotte, nahm zwei der 25-Pfund-Hanteln und begann mit Bizeps-Curls. Das wütende Funkeln in Kellys Augen entging ihr nicht.

„Meinst du, du schaffst hier mehr als ich?“, fragte Miller und hob zwei 40‑Pfünder hoch. Spielend leicht und dreimal so schnell wie Charlotte, führte sie ihre Übungen durch.

„Du betrügst. Mit elastischer Unterstützung der Sehnen ist das, was du da tust, kein Training“, erwiderte Charlotte und bemühte sich um einen arroganten, oberlehrerhaften Tonfall, während ihre Sinne auf das Höchste gespannt waren.

Miller pfiff einmal kurz durch die gespitzten Lippen, und sofort unterbrachen vier Frauen ihr Training. In geschlossener Front kamen sie auf Charlotte zu, die langsam zurückwich, bis sie schließlich mit dem Rücken an der weißen, kahlen Wand des Trainingsraums stand. Miller trat einen großen Schritt näher. Nur knapp drei Fuß trennten die beiden Frauen voneinander. Miller legte eine Hantel ab und setzte ihre Übung mit der anderen Hand fort. Aber die Bewegungen wurden kleiner, und die Hantel verharrte öfter für einen Augenblick am Tiefpunkt. Ein diabolisches Grinsen überzog Kelly Millers Gesicht.

Und da wurde Charlotte klar, was die Kontrahentin plante.

Charlotte ließ den rechten Arm hängen und die linke Hantel los. Polternd knallte das Sportgerät auf den grauen Betonboden und rollte ein Stück davon. Das Geräusch machte auch der letzten Trainierenden klar, dass sich hier etwas anbahnte. Es wurde still, und alle schauten gespannt auf die Gruppe an der Wand.

„Nun, Charlotte, so ein Krafttraining ist nicht ungefährlich. Wie leicht können dabei Unfälle passieren, nicht wahr?“

Charlotte schob den Kopf ein wenig nach vorne. Die Augen hielt sie weiter auf Millers Gesicht gerichtet, aber am unteren Rand ihres Sehbereichs nahm sie deren Hand mit der schweren Hantel wahr.

Da! Miller öffnete die Hand.

Das war der Moment, auf den Charlotte gewartet hatte. Blitzschnell spreizte sie die Beine, senkte den Körperschwerpunkt ein wenig ab und zog mit der freien Hand die Frau zu sich heran, bis die beiden Oberkörper aufeinanderknallten. Miller gab einen Laut der Verblüffung von sich und machte einen kleinen Schritt nach vorne, um stabiler zu stehen.

Das war ihr Fehler, denn die Hantel, die für Charlottes Füße bestimmt war, fiel nun aus etwa einem Meter Höhe auf ihren eigenen, rechten Fuß. Miller brüllte vor Schmerz laut auf und stützte sich mit einer Hand an der Wand ab. Charlotte ließ sich fast zu Boden sinken, rotierte den Körper an der Wand unter dem Arm herum und stand dann neben der Frau, die ihr eine Lektion hatte erteilen wollen. Etwas, das sie, so der Flurfunk, mit allen Neuankömmlingen in den ersten Wochen veranstaltete.

Charlotte beugte sich zu Kelly Miller, die gerade die Hantel von ihrem Schuh weghob, und drückte der Frau die 25-Pfund-Hantel auf das Schultergelenk. „Es passieren wirklich Unfälle. Leider auch sehr schwere mit irreversiblen Folgen.“ Sie hob die Hantel leicht an und legte sie mit Druck wieder auf dem Gelenk der Frau ab. Die Botschaft war klar.

„Das wagst du nicht!“, zischte Miller.

Charlotte lachte gehässig auf. „Ich gebe dir einen gut gemeinten Rat: Reize mich lieber nicht. Du bist stark, aber langsam. Mit so dummen Methoden kommst du nicht nach oben. Da stehen ganz andere über dir.“ Sie zog die Hantel weg und trat einen Schritt zurück. „Aber ich will meine Zeit nicht mit solch sinnlosen Scharmützeln vergeuden. Ich mache dir ein Angebot. Überlege es dir gut. Ich bin zwar erst eine Woche hier, aber ich werde bald mehr Anhängerinnen haben als du. Deshalb: Schließen wir uns zusammen. Dann können wir mehr als nur diesen Block kontrollieren. Und du wirst Co-Chefin und nicht nur ausführendes Organ.“

„Auseinander!“, kam plötzlich eine schneidende Stimme von der Tür zur Trainingshalle. Zwei Frauen in dunkelgrauen Uniformen schlugen mit den schweren Schlagstöcken laut gegen die Wand.

„Schon gut“, beschwichtigte Charlotte. „Ich habe mir nur Tipps für ein effektiveres Training geholt. Es war alles eine Demonstration.“ Sie legte die Hantel ab und reichte Miller die Hand. Nach einer Sekunde des Zögerns wandte sich Kelly wortlos ab und ging zu ihrer Gang zurück.

Ein zweites Mal würde die Frau sie an diesem Tag, zumindest hier im Trainingsraum, nicht angreifen, war sich Charlotte sicher. Sie drehte sich um und ging zur Bench-press zurück. Auf dem Rücken ihres Trainingsanzugs prangten auf einem weißen Aufnäher zwei Zeilen:

ALB-12954ED
Women's Correctional Facility Edmonton, Alberta



Beim Abendessen im großen Saal ging Charlotte Kelly aus dem Weg, um diese nicht noch weiter zu reizen. Auch den Tisch von Harper Maguire mied sie wie immer und setzte sich an einen der Nebentische, an denen jeweils sechs Personen Platz fanden. Ein paar Insassinnen gesellten sich zu ihr, aber Charlotte beteiligte sich nur sporadisch an der Unterhaltung. Auf Fragen nach dem Eisenbahnraub, dessentwegen sie noch sechs Jahre absitzen musste, antwortete sie nur einsilbig. So ließ man sie schließlich in Ruhe.

***

Es war kurz nach Mitternacht, als die Zellentür aufgesperrt wurde. Das Schummerlicht der Nachtbeleuchtung im Gang drang durch den schmalen Spalt herein. Charlotte, deren innere Uhr sie rechtzeitig geweckt hatte, schwang die Beine vom Bett und schlich leise zum Ausgang. Ihre drei Zellengenossinnen schnarchten weiter und bemerkten nicht, dass Charlotte hinaus huschte und die Tür wieder abgesperrt wurde. Leise klirrte der Schlüsselbund.

Charlotte zog drei Hundert-Dollar-Noten aus der Hosentasche und reichte sie der Wärterin, die das Geld rasch einsteckte und Charlotte eine Taschenlampe gab. Dann führte sie die Gefangene am Oberarm den Gang hinunter, schloss zwei schwere Gitter auf und schließlich den Ausgang zum Innenhof.

„Zwei Stunden“, flüsterte die Justizbeamtin.

Charlotte nickte angedeutet, als sie hinaus in die Dunkelheit trat.

Der Mond war aus dieser Perspektive nicht zu sehen, und die Sterne lagen unter einer dichten Wolkendecke. Im Erdgeschoss gab es aus Sicherheitsgründen keine Fenster, und diejenigen in den Zellen in den Stockwerken darüber waren knapp unterhalb der Raumdecke in der dicken Mauer angebracht. Jemand, der hinausblickte, konnte nicht in den Innenhof hinabsehen. Auch die Fenster im obersten Geschoss, in welchem die Gefängnisverwaltung residierte, waren dunkel.

Charlotte tastete sich an der rauen Wand entlang nach links über Betonboden, bis sie das Beet erreichte, in dem die Strafgefangenen eigenes Gemüse anbauten. Die Gefängnisverwaltung hatte es im letzten Jahr nach einer politischen Entscheidung zur verbesserten Resozialisierung angelegt.

Charlotte stieg mit großen Schritten darüber hinweg und erreichte wenig später die Ecke des Innenhofs. Für einen Moment schaltete sie die Taschenlampe ein, um sich präzise zu orientieren. Noch einen großen Diagonalschritt, dann setzte sie sich auf den kühlen Steinboden. Mit den Händen wischte sie ein wenig Erde von dem großen, rechteckigen Gullideckel.

Charlotte zog Stift und Block aus ihrer Gesäßtasche, knipste die Lampe erneut an und richtete sie auf die Mitte der linken längeren Seite. Die faustgroße, etwa einen Zoll hohe Schweißnaht sah aus wie ein überdimensionierter Lötzinntropfen. Charlotte begann, den irregulär geformten Metallklumpen zusammen mit ein wenig der Umgebung - Deckel und Innenhofboden - zu zeichnen. Nach wenigen Sekunden löschte sie das Licht und wartete in einer reinen Vorsichtsmaßnahme ein paar Sekunden ab. Sie lauschte, ob aus dem Gebäude irgendeine Reaktion kam, vielleicht die Innenhoftür geöffnet wurde, weil sie doch jemand gesehen hatte.

Aber es blieb alles ruhig, und so machte sie weiter.

Charlotte schaltete das Licht wieder ein. Um die Kopplung zu verstärken, fuhr sie die gezeichneten Linien erneut ab, den Blick immer wieder zwischen Metallnaht und Papier wechselnd. Nach der zweiten Wiederholung unterzeichnete sie und riss das Papier in einer schnellen Bewegung so durch, dass sie genau dem schmalen Spalt zwischen Gullideckel und Hofboden folgte und den gezeichneten Schweißtropfen in zwei Hälften teilte. Das Blut, das aus ihrer Nase tropfte, verschwand durch die Gullilöcher im Kanal.

In einer perfekten Welt wäre nun die echte Naht vollständig durchtrennt.

Aber das Schweißmetall war unglaublich dicht. Die Kraft, die Charlotte mit einem Zerreißen des Papiers übertragen konnte, reichte nur aus, die reale Naht ein kleines Stück vom Rand her zu zerschneiden, bis Bild und Wirklichkeit sich entkoppelt hatten. Ein größeres Einbeziehen der Umgebung des Schweißbereichs hätte das Bild länger aktiv gehalten, dafür aber die Kopplungsstärke pro Flächeneinheit signifikant verringert. Deutlich mehr als zwei Überzeichnungen wären erforderlich gewesen. Wie viele genau, das konnte Charlotte im Vorfeld aber nicht sagen. Dieses Vorgehen erschien ihr zu unsicher, da der Zeitbedarf schlicht nicht planbar war.

So hatte sie sich für eine Art Sägemethode entschieden.

Reines Zerstören ist schon einfacher, dachte sie. Eine Zeichnung des Deckels, diese zerknüllen, und der Weg ist frei. Das würde sicher klappen, der Deckel sich irgendwie verformen oder brechen und in den Schacht fallen. Es würde aber auch einen Heidenlärm verursachen, und die Heimlichkeit wäre dahin.

Charlotte blätterte auf eine leere Seite des Blocks um und zeichnete die nun neue Form der Schweißnaht mit dem kleinen Riss. Sie zerriss das Papier, und der reale Spalt in der Schweißnaht vertiefte sich.

Nach dem vierten Bild war die linke Naht endlich komplett durchtrennt. Die rechte hatte sie in der Vornacht bereits mit ihrer Gabe durchschnitten.

Der Weg aus dem Gefängnis war frei.

Charlotte schaute auf die Uhr. Vierzig Minuten blieben ihr noch.

Sie stand auf, streckte die verkrampften Beine ein paar Mal aus und lief zum Beet, wo sie eine Handvoll Erde holte, die sie vor der schmalen Seite des Deckels auf dem Betonboden verteilte. Dann ging sie wie beim Kreuzheben im Krafttraining in die Hocke. Mit zwei Fingern und dem Daumen jeder Hand griff sie in die Löcher der schmalen Seite, holte tief Luft und wuchtete den Deckel explosiv nach oben. Gleichzeitig zog sie ihn ein wenig zu sich.

Das Vorhaben gelang. Der Deckel hob sich weit genug, um gerade so den Boden des Innenhofs zu erreichen.

Puh!, dachte Charlotte, deren Gesicht glühte.

Das Problematische war nicht die schiere Kraft, die sie aufwenden musste, sondern die Gefahr, dass der rechteckige Deckel aus der umrandenden Schiene rutschte und in die Tiefe fiel. Bei einem runden Gullideckel hätte diese Gefahr nicht bestanden, dafür wäre das Durchtrennen der Naht in einem Kreisbogenstück aber eine ganz eigene Herausforderung gewesen.

Nach einer Minute hatte sie sich genügend erholt und wagte einen zweiten Anlauf. Diesmal ging es einfacher, da sie den Deckel im Wesentlichen nur ziehen musste. Die weiche, feuchte Erde, die sie ausgestreut hatte, dämpfte das schleifende Geräusch. Charlotte ging Zentimeter um Zentimeter vor, vergewisserte sich immer wieder, dass der Deckel noch ausreichend in seiner Schiene lag, und korrigierte gegebenenfalls die Zugrichtung. Schließlich hatte sie den Gullideckel genügend weit herausgezogen. Sie leuchtete kurz nach unten und stieg dann die in der Wand des senkrechten Schachtes einbetonierten Metallsprossen hinab.

Der Regenabfluss mündete in die allgemeine städtische Kanalisation. Träge floss das Abwasser dahin. Charlotte atmete flach. Auf dem Trittbereich, der kaum breiter als zwei Fuß war, ging sie vorsichtig, die Lampe zu Boden gerichtet, nach Osten. Eine Ratte, die Charlotte nicht sehen konnte, entfernte sich quiekend.

Am ersten Aufstieg, welcher zum Abfluss am anderen Ende des Gefängnisinnenhofes führte, ging sie vorbei. Nach zwei Dutzend Schritten traf sie auf ein Gitter aus dicken, leicht verrosteten Metallstäben, das die gesamte Breite des Kanals durchzog. Charlotte nahm die Taschenlampe zwischen die Zähne und begann zu zeichnen. Schnell war das große Bügelschloss, welches um einen Gitterstab und ein Metall-U, das aus der Kanalwand ragte, geschwungen war, zu Papier gebracht und in der Realität durchgerissen. Für einen Moment dachte Charlotte an ihr Erlebnis auf der Insel des Grauens zurück, als sie in einer ähnlichen Situation gewesen war, jedoch auf ein umzäuntes Gelände gelangen wollte und nicht daraus hinaus.

Sie zog das zerstörte Schloss ab und hängte es in das Metall‑U ein. Dann öffnete sie das Gitter, das über den Kanal hinausschwang, und folgte dem Sims ein gutes Stück weiter. Die kommenden beiden Aufstiege ignorierte sie, denn die dortigen Kanaldeckel waren schlicht zu schwer, um sie mit reiner Muskelkraft über Kopf sicher genug zu bewegen.

Die Leitersprossen des dritten Aufstiegs aber nutzte Charlotte. Dieser runde Kanaldeckel in der ruhigen Richmond Street, einer Wohnstraße, war kleiner und leichter als die vorherigen. Oben angekommen, drückte Charlotte den Rücken gegen die Wand, stemmte einen Fuß an die gegenüberliegende und korrigierte ein wenig, bis sie eine stabile Position erreicht hatte.

Dann streckte sie die Hände nach oben und drückte den Gullideckel empor. Ihre Muskeln hatten sich durch die kleine Pause während der Kanalwanderung erholt, und so empfand Charlotte dieses Hochdrücken als sehr einfach. Fast spielerisch schob sie den Deckel zur Seite, bis etwa die Hälfte des Durchgangs freigelegt war. Sie lauschte, konnte aber kein Fahrzeug hören. So hielt sie sich am Straßenbelag fest, kletterte zwei Sprossen weiter hinauf und schob den Kopf hinaus in die frische Nachtluft.

Gut, dachte sie zufrieden. Es klappt also wie gedacht.

Dann begann sie mit dem Abstieg, zog den Gullideckel wieder zurück und machte sich auf den Rückweg. Das Gittertor im Kanal wurde zugezogen, und das Bügelschloss so eingehängt, als wäre es noch intakt. Im Innenhof des Gefängnisses angekommen, wurde die Kanalöffnung sorgfältig verschlossen. Charlotte verteilte ein wenig Erde auf dem Deckel und insbesondere den Schweißnähten und drückte diese fest. Dann ging sie zur Tür des Innenhofes und wartete ein paar Minuten, bis die erkauften zwei Stunden vorüber waren und sie wieder eingelassen wurde.

***

Am folgenden Vormittag arbeitete Charlotte in der gefängniseigenen Wäscherei. Die sechs großen Maschinen rotierten lautstark, eine schleuderte. Schaumiges Wasser klatschte von innen gegen die dicken Bullaugenfenster. Schweigend verrichteten die vier Strafgefangenen ihren Dienst. Es piepste, als einer der Wäschetrockner das eingestellte Programm beendet hatte. Charlotte öffnete die Tür und wuchtete die Kleidungsstücke in den Korb, mit dem sie anschließend zum Tisch ging und begann, die einzelnen Hosen, Blusen, Röcke und Pullover mit dem Bügeleisen zu glätten. Was fertig war, schob sie Harper Maguire zu, die auf der anderen Seite des Tisches stand und die Kleidung zusammenfaltete. Durch die schmale Tür zum Gang wurde schmutzige Wäsche in kleinen Wägelchen angeliefert, und die beiden anderen GefängnisInsassinnen beluden die Waschmaschinen, sobald diese frei waren.

Plötzlich begann die orangefarbene Lampe über der breiten, doppelflügeligen Tür zum Gefängnisvorhof zu rotieren. Charlotte schob die beiden großen silbernen Container, welche die Wäsche aus der Krankenabteilung enthielten, die extern gereinigt und sterilisiert wurde, aus dem Bereich der Türflügel.

Durch die kleine Gangtür betraten zwei Wärterinnen die Wäscherei. „Hinaus!!“, befahl eine mit barscher Stimme.

Die vier Gefangenen verließen den Raum und warteten schweigend im Flur. Durch das kleine Fenster in Kopfhöhe konnte Charlotte beobachten, was in der Wäscherei geschah.

Fünf Minuten tat sich nichts. Die großen Türflügel zum Vorhof bewegten sich nicht. Dann aber ertönte ein metallisches Rasseln von jenseits der Tür, und die Flügel schwangen nach innen auf. Zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete, uniformierte Männer betraten den Raum. Sichernd blickten sie sich um, doch es war, wie es die Vorschrift forderte, niemand anwesend. Den Bewaffneten folgten zwei weitere Männer, welche die großen Container, die Charlotte bereitgestellt hatte, hinaus in den äußeren, durch eine hohe Mauer umzäunten Gefängnisvorhof zogen. Die Rollen der Behälter quietschten, als sie eine Rampe empor- und in einen Transporter hineingefahren wurden. Danach kamen die Männer mit einem einzelnen Container zurück, welcher die gesäuberte Wäsche der letzten Woche enthielt. Niemand sprach ein Wort, und die vier Männer verschwanden wieder. Die Türflügel schlossen sich, und Charlotte wusste, dass die Tür und das davorliegende Gitter nun abgesperrt wurden.

Charlotte sah, wie Harpers Hand in der rechten Hosentasche verschwand. Die Frau ballte die Faust, als umschlösse diese einen kleinen Gegenstand.

Der Schlüssel!, dachte Charlotte, und ihre innere Anspannung wuchs. Phils Informationen schienen korrekt zu sein.

Die Wärterinnen scheuchten die vier Gefangenen zurück in die Wäscherei, wo diese sofort ihre Arbeit wieder aufnahmen. Das Wachpersonal verschwand und widmete sich anderen Aufgaben. Eine Aufsicht in der Wäscherei war aus Personalgründen nicht vorgesehen. Nachdem Harper sich mit einem Blick durch das Fenster vergewissert hatte, dass die Wärterinnen nicht mehr zu sehen waren, zischte sie Charlotte und den beiden anderen Frauen zu: „Raus mit euch! In fünf Minuten kommt ihr zurück.“

Die drei gehorchten unverzüglich. Die Tür zum Gang schloss sich hinter ihnen. Charlotte entfernte sich sehr langsam und blieb lange im Sichtbereich des Türfensters, doch Harper war nicht zu sehen. Es schien ihr nicht wichtig zu sein, wo die drei Frauen warteten. Als die beiden anderen Gefangenen Charlotte einige Schritte enteilt waren, holte diese den Block hervor und blätterte auf die am Vortag angefertigte Zeichnung der zweiflügeligen Außentür. Charlotte signierte das Bild und drückte mit beiden Daumen auf die gezeichnete Tür. Ihre Nase blutete kaum, war das Ziel der Kopplung doch nur wenige Meter entfernt, wenn sie es auch im Moment nicht im Blickfeld hatte.

Charlotte huschte leise zurück zur Tür der Wäscherei und linste vorsichtig durch das Fenster. Harper nahm gerade den Schlüssel aus der Hosentasche und steckte ihn ins Schloss. Die Frau sperrte auf, drehte den Knauf und zog an der Tür.

Aber nichts geschah.

Harper fluchte und rüttelte dann mit Wucht am Knauf, aber das Ergebnis änderte sich nicht. Sie stemmte einen Fuß gegen den linken Flügel und ließ den Körper nach hinten fallen, während sie den Knauf drehte. Charlotte verstärkte den Druck ihrer Finger auf das Papier. Die Kraft, die sie auf die Tür übertrug, nahm ebenfalls zu, und so hatte Harper weiter keinen Erfolg. Dennoch gab die Frau noch nicht auf. Wieder und wieder riss sie an der Tür, sperrte das Schloss zu und direkt danach wieder auf, und probierte es erneut.

Schließlich, nach fast fünf Minuten, wie Charlotte ein rascher Blick auf die Armbanduhr verriet, sah Harper Maguire die Sinnlosigkeit ihres Tuns ein. Der Wäschetransporter, der sie offensichtlich aus dem Gefängnis herausbringen sollte, war längst verschwunden. Harper sperrte das Schloss ab, schob den Schlüssel in die Hosentasche zurück und drehte sich um. Charlotte zog sofort den Kopf zurück, sah aber noch, dass Harpers Gesicht voller Wut verzerrt war. Charlotte huschte mit großen, aber leisen Sätzen gebückt über den Flur und war Sekunden später hinter der Biegung verschwunden.

Sie hörte, wie sich die Tür zur Wäscherei öffnete. Sehr schön!, dachte sie zufrieden.

Der erste Schritt zur Kontaktaufnahme mit Harper gemäß Phils Plan war vollzogen. Charlotte teilte die Einschätzung des Kommissars, dass es viel unauffälliger war, sich nicht selbst der Zielperson zu nähern, sondern eine Situation heraufzubeschwören, in welcher die Zielperson einen von sich aus ansprach.

Charlotte dachte kurz an das Wenige, das Phil wusste und ihr mitgeteilt hatte, bevor ihr Einsatz im Gefängnis startete. Gerade einmal aus fünf Worten hatte die geheimnisvolle Botschaft eines unbekannten Anrufers bestanden: ‚Harper Maguire‘, ‚Laundry‘, ‚EMD F-Unit‘ und ‚Katastrophe‘. Wer Maguire war, hatte Phil schnell herausgefunden. Und dass Laundry sich auf einen Ausbruch während des Wäschereidienstes bezog, war auch schnell klar gewesen. Unklar aber war, wie die Modellnummer der Diesellokomotive, die vorwiegend von der Pacific Railway verwendet wurde, in alles hineinspielte. War ein Eisenbahnraub geplant? Ein gigantisches Kidnapping mit Erpressung des Staates? Für Phil aber hatten die vagen Hinweise ausgereicht, einen Undercovereinsatz für notwendig zu erachten und zu planen.



Als die vier Gefangenen die restliche Arbeit in der Wäscherei beendet hatten, lief Charlotte den Flur entlang, bis sie einer Wärterin begegnete. „Ich möchte gerne mit meinem Anwalt telefonieren.“

Die Uniformierte brachte Charlotte durch mit mehreren Gittern verschlossene Gänge zu einem Wandtelefon. Charlotte nahm den Hörer ab und gab die Nummer an die Telefonistin durch. Das Freizeichen ertönte, und wenig später wurde abgehoben.

„Anwaltskanzlei Montmartre und Söhne. Sie wünschen?“, meldete sich eine junge Frauenstimme.

„Charlotte Thornton hier, ich muss mit Mr Montmartre sprechen.“

„Einen Moment, bitte.“

Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich eine Männerstimme meldete. Es war Phil Messier, der leitende Kommissar der Abteilung für Sonderermittlungen der Royal Canadian Mounted Police in Vancouver. Wie Charlotte spielte auch er seine Rolle perfekt.

„Miss Thornton, was kann ich für Sie tun?“

„Haben Sie schon eine Möglichkeit gefunden, meine Strafe zu reduzieren?“, fragte Charlotte und gab mit diesem vorab vereinbarten Satz die Information an Phil weiter, dass Harpers Ausbruch vereitelt worden war.

„Nein, ich muss dazu noch ein paar Informationen einholen. Aber ich melde mich wieder.“

Danach sprachen die beiden noch mehrere Minuten über die imaginäre Gerichtsverhandlung des erfundenen Eisenbahnraubs, den Charlotte laut ihrer fingierten Lebensgeschichte begangen haben sollte. Sie wollten eventuelle Lauscher täuschen. Schließlich hängte Charlotte ein.

Der Plan nahm Fahrt auf.

(Fortsetzung folgt)
 



 
Oben Unten