Die gesamte Gang feierte im ‚Toledo‘, einer modernen Bar in Calgarys Amüsierviertel. Eine Combo spielte gerade trompetenlastigen Jazz, eine Musik, die Charlotte nicht mochte. Niemand wusste, die wievielte Runde Bier, Wein, Whiskey und Longdrinks gerade geordert wurde. Aber betrunken war noch niemand. Charlotte war die letzte gewesen, die sich zu der Gruppe gesellt hatte, da ihr Job mehr oder weniger den ganzen Tag gedauert hatte.
Harper legte den Arm um Charlottes Schultern und prostete ihr zu. „Klasse gemacht. Von uns hätte niemand so ein Ungetüm fahren können. Und wie du auf dem Gelände der Bow River rangiert hast, das sah richtig professionell aus.“
Charlotte trank den Orangencocktail aus. „Klar. Für Geld mache ich vieles.“ Harper hatte sie oder, besser gesagt, den Zug also observiert. Vielleicht auch nach dem Verlassen des Betriebshofes? Sie beglückwünschte sich innerlich zu dem Entschluss, direkt zur Bar zu fahren und nicht unterwegs versucht zu haben, Phil zu informieren. Ihre Ahnung hatte sie nicht getrogen.
Joe klopfte auf den Tisch. „Das ist das Stichwort. Wann kriegen wir den Rest? Und warum hier in Calgary? Das hätte doch alles auch bei uns in Edmonton ablaufen können. Oder steht noch was an?“
Harper verneinte. „Der Coup ist durch.“ Sie schaute auf die Uhr. „Wir treffen Dean um 11 p.m. Aber hier ist es doch gemütlich.“
„Was genau war denn nun der Coup?“, fragte Jack und kaute auf seinem Streichholz herum. „Was war das für ein Pulver?“
Das würde ich auch gerne wissen, dachte Charlotte, doch sie hütete sich, eine entsprechende Frage zu stellen. Desinteresse zeigen, nur keinen Verdacht erregen. Harper glaubt, mir geht es nur um's Geld. Dabei soll es bleiben.
Harper grinste nur. „Ist doch egal. In drei Stunden habt ihr euer Geld. Und nicht wenig.“ Sie hob das Glas an die Lippen und trank. Doch Charlotte, die als einzige neben der Gangchefin saß, während die Männer die Couch in der Wandnische besetzten, hatte bemerkt, dass sich das fröhliche Grinsen der Frau für einen winzigen Sekundenbruchteil zu einem spöttischen Lächeln verzogen hatte.
Da ist doch was im Busch, vermutete Charlotte. Die generelle Wachsamkeit, die ihr bei allen Undercovereinsätzen zu eigen war, alles und jeden genau zu beobachten, verschob sich nun vollständig auf Harper. Sie achtete auf jede kleine Regung.
Nach und nach verschwand der eine oder andere zur Toilette. Auch Charlotte entschuldigte sich schließlich und trat durch die Tür neben der Bar in einen schummrigen Gang, den sie hinunterging.
Das war die Gelegenheit.
Ein Münztelefon hing zwischen den Türen zu den Waschräumen der Gents und der Ladies.
Charlotte hob ab, gab die Nummer des angeblichen Anwalts Montmartre in Vancouver an die Telefonistin durch und wartete ungeduldig, dass Phil endlich abhob. Nervös verlagerte Charlotte das Körpergewicht von einem Fuß auf den anderen. Aufmerksam und auf das Höchste gespannt, starrte sie den Gang hinauf. Beim leisesten Anzeichen, dass sich jemand näherte, würde sie einhängen und im Toilettenvorraum verschwinden.
„Anwaltskanzlei...“, drang die bekannte Frauenstimme aus dem Hörer.
Charlotte unterbrach. Sie sprach sehr schnell. „Thornton hier. Ich muss Phil sprechen. Zeitdruck.“ Ihr Tarnname diente als Erkennungsszeichen.
Ohne Entgegnung wurde sie verbunden, und der Kommissar meldete sich knapp mit: „Ja?“
Im Telegrammstil gab Charlotte ihre Erlebnisse und Erkentnnisse durch. Phil verzichtete auf Fragen, und auch Charlotte stellte keine. Als sie geendet hatte, sagte Phil: „Ich werde mir die Kundenliste der Mill ansch...“
Da hörte Charlotte, wie sich die Gangtür zu öffnen begann. Sofort hängte sie den Hörer ein, huschte in den Vorraum, rannte zu einer Kabine und zerzauste sich die Haare. Als sie hörte, wie die Tür zur Damentoilette geöffnet wurde, gab es nur einen Ausweg.
Jetzt wird's eklig, dachte sie, zögerte aber nicht. Sie steckte sich den Finger in den Hals und würgte laut. Ihr Magen krampfte zusammen, und sie täuschte vor, sich zu übergeben.
„Charlotte, alles in Ordnung?“, fragte Harper.
Charlotte klopfte von innen mit einer Faust an die Toilettentür, würgte erneut und spuckte ein paar Mal. Dann drückte sie die Spülung, fuhr sich noch einmal durch die Haare und verließ die Kabine. Harper stand am Waschbecken und wusch sich die Hände. Charlotte beobachtete die Frau genau aus den Augenwinkeln, als sie ihren Mund ausspülte.
Lag da Misstrauen in Harpers Augen? Oder bildete sie, Charlotte, sich das nur ein, da sie immer stärker vermutete, dass der Coup auf irgendeine Art und Weise, welche ihr und den anderen wohl nicht gefallen würde, doch noch nicht abgeschlossen war?
Warum war Harper ihr nachgegangen? Das Telefonat hatte nicht so lange gedauert, dass es auffallen konnte. War Harper nun, da nicht mehr alle an einem Strang zogen, jedem gegenüber misstrauisch geworden?
„Alles okay?“, wiederholte Harper die Eingangsfrage.
Charlotte nickte und betrachtete sich im Spiegel. Ihr Gesicht war recht blass, was ihre Ausrede noch unterstrich. „Mir wurde übel. Vielleicht zuviel Alkohol.“ Sie wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und rieb es mit den Papiertüchern trocken.
Dann gingen die Frauen zurück in den Gastraum. Charlotte bemerkte wohl, dass Harper keine der Kabinen aufgesucht hatte.
Am Tisch sagte Harper: „Wir sollten losfahren.“
Die Männer leerten noch schnell ihre Gläser und standen dann auf. Alle warfen Geldscheine auf den Tisch, und die ganze Gruppe verließ das Lokal. Sie quetschten sich in einen Van, der zwei Sitzreihen im Fond hatte.
Harper fuhr. Sie kannte sich offensichtlich in Calgary aus. Nach einer halben Stunde hielt sie im Industriegebiet vor dem Gelände einer Fabrik. Harper sprang aus dem Van, schloss die schwere Kette auf, welche die beiden Torhälften miteinander verband, und lenkte den Wagen auf den kleinen, verwaisten vorderen Parkplatz. Sie hielt direkt neben einer schmalen Tür.
„Wir sind da“, sagte sie überflüssigerweise, und alle stiegen aus.
Harper sperrte im Dunkeln den Personaleingang auf und schaltete die Neonröhren ein. Sie befanden sich in einem großen Chemielabor mit hoher Decke. Rechts und links gingen Türen ab, vermutlich zu Büros oder irgendwelchen Spezialräumen. Große Metallbottiche, in denen noch Reste von Flüssigkeiten in Pfützen vorhanden waren, standen in mehreren Reihen auf riesigen Tischen, deren Oberflächen aus roten Kacheln bestanden. Dazwischen waren Glaskolben und Bunsenbrenner angeordnet. Die fensterlose Halle besaß mehrere Lüftungsschächte in etwa drei Metern Höhe. Einer der Experimentiertische lag unter einer Glasabdeckung, die aussah wie ein riesiges Aquarium. Zwei schwarze Gummihandschuhe ragten durch eine Seitenwand. Sie waren fest mit dem Glas verbunden und schlossen hermetisch ab.
Harper führte die Gruppe zu einem Büro in der hinteren rechten Ecke.
„Setzt euch. Dean wird gleich kommen, dann erhaltet ihr euren Lohn. Er will euch den nächsten Coup erklären, wenn ihr mitmachen wollt.“
Nicht nur Charlotte horchte auf. Das war neu. Harper hatte mit keinem Wort je erwähnt, dass die Gang weitermachen würde. Es war, so hatte Charlotte den Eindruck gehabt, eigentlich eine einmalige Sache. Eine Gruppe, zusammengestellt nach Fähigkeiten für eine bestimmte Aufgabe.
Durch das Fenster des weißwandigen Büros sah sie, wie sich Autoscheinwerfer näherten. Auch Harper bemerkte diese. Ein Ausdruck der Freude glitt über ihr Gesicht. Sie holte einen kleinen Schlüssel aus der Hosentasche und warf ihn auf den großen Tisch.
„Das Geld ist im Schrank da“, rief sie und deutete auf den mannshohen, blaumetallic glänzenden Büroschrank neben der Tür. Joe griff sofort nach dem Schlüssel und sperrte auf. Er holte ein paar Säcke heraus und warf sie auf den Tisch.
Charlotte aber blickte durch das Fenster hinaus. Der Wagen hielt in weiter Ferne, und eine Gestalt stieg aus, die sich am Heck zu schaffen machte. Was sie tat, konnte Charlotte nicht erkennen. Waren da plötzlich mehrere Schatten in Bodenhöhe? Doch die Wahrnehmung bestätigte sich nicht. Die Gestalt stieg wieder ein und fuhr bis an die Fabrikmauer. Harper hatte das Gebäude verlassen und lief zum Wagen. Die Gestalt und sie umarmten und küssten sich. Dann gingen beide zum Heck des Vans und holten etwas Längliches aus dem Laderaum hervor, das in Decken gehüllt schien.
Im schwachen Licht, das aus dem Laderaum herausfiel, sah Charlotte aber das Gesicht der Gestalt.
Sie erkannte den Mann sofort. Sämtliche Alarmglocken schrillten in ihrem Kopf.
Dean - natürlich!
Der Mann war Dean Silver, Staatsfeind Nummer 1.
Dean Silver war verantwortlich für mehrere Anschläge mit einer dreistelligen Zahl von Toten. Er hatte mehr als einmal öffentlich angekündigt, er werde den Tod seiner Schwester rächen, die für Kanada ihr Leben gelassen hatte. Ein Kampfeinsatz einer militärnahen Spezialtruppe, bei dem seine Schwester von Beginn an keine Chance auf Überleben gehabt hatte. Sie war, Silvers Worten zufolge, Kanonenfutter gewesen. Silver machte den Staat dafür verantwortlich und hatte bittere und blutige Rache geschworen.
Wenn Silver beteiligt ist, dachte Charlotte, wird es wahrlich eine Katastrophe geben. Hoffentlich hat Phil schon etwas herausgefunden.
Sie überlegte, was sie tun sollte. Sie war überhaupt nicht vorbereitet auf einen wie auch immer gearteten Kampf mit dem gefährlichsten Mann der westlichen Welt. Konnte sie ihre Gabe jetzt und hier einsetzen? Aber wie? Auf eine Gelegenheit warten, um Silver zu zeichnen, ihn dann mittelbar niederschlagen und anschließend die Polizei verständigen?
Fast hätte sie bei diesem Gedanken laut aufgelacht. So einfach würde es sicherlich nicht werden.
Die Männer waren alle mit dem Geld beschäftigt, das sie vor sich ausbreiteten. Sie hatten nichts bemerkt. Sie lachten, grölten und wühlten in den Scheinen. 50.000 Dollar für jeden, wusste Charlotte. Für sie lag ein noch verschlossener Sack auf dem Boden.
Doch irgendwie hatte sie das Gefühl, sich nicht lange an der Summe erfreuen zu können.
Ihr Verstand verknüpfte in fieberhafter Eile Dinge, die erst jetzt einen Sinn ergaben. Harpers spöttisches Lächeln; Dean Silver, ein Mann, dem Menschenleben nichts bedeuteten; dieser Mann holte etwas Längliches aus einem Laderaum hervor. Und auf der anderen Seite warteten die Helfershelfer zusammen in einem Raum. An einem Tisch.
Eine dumpfe Ahnung kroch in ihr hoch, und sie öffnete das Fenster.
In diesem Moment ihrer Überlegungen angekommen, schwang die Bürotür auf. Dean Silver und Harper Maguire betraten lächelnd den Raum. Die Hände hielten sie hinter dem Rücken.
„Runter!“, schrie Charlotte und sprang kopfüber aus dem Fenster.
Keine Sekunde zu früh.
Harpers Gesicht verzerrte sich. Blitzschnell rissen sie und Silver die Hände hervor. Sofort spuckten die schwarzen Maschinenpistolen Feuer. Die Läufe der todbringenden Waffen beschrieben einen Halbkreis und deckten das gesamte Zimmer ein.
Die Gangmitglieder waren aufgesprungen, doch sie hatten keine Chance bei diesem brutalen Überfall. Noch im Sprung wurden sie von Kugeln regelrecht durchlöchert. Ihre Schreie erstarben abrupt, und bis auf Joe waren die Männer schon tot, als sie auf dem Boden aufschlugen. Joe hatte sich hinter den Eisenschrank geworfen. Doch es war die falsche Richtung gewesen, denn nun saß er in der Falle. Dean Silver fackelte nicht lange. Kaltblütig erschoss er den Mann.
„Ihr nach!“, schrie Harper und rannte zum Fenster. Sie wollte ebenfalls herausklettern.
„Lass sie!“, sagte Dean Silver. „Die Hunde werden sich ihrer annehmen.“
***
Charlotte hörte in ihrem Rücken das eklige Geräusch des Einschlags der Kugeln. Sie rollte sich ab und schlug dabei unsanft mit dem Kopf auf dem Asphalt auf. Für eine Sekunde sah sie Sterne, sprang dann aber auf und rannte an der Gebäudewand entlang. Silvers Wagen ignorierte sie. Der Schlüssel würde sicherlich nicht stecken. Außerdem konnte man sie auf dem Weg dorthin problemlos vom Bürofenster aus mit Kugeln eindecken. Sie bog um die Ecke der Fabrik und lief mit der linken Hand als Führung an der Mauer, so schnell es in der Dunkelheit möglich war, in Richtung zum vorderen Parkplatz.
Plötzlich hörte sie weit hinter sich ein Bellen. Dann ein zweites. Und schließlich keiften unzählige Hunde durcheinander. Rasch wurde das Gebell lauter.
Mon dieu!, fluchte Charlotte.
Sie sah fast nichts, so dunkel war es.
Da hörte sie Bellen von vorne.
Auch das noch!
Die Hunde würden sie stellen, das war sicher. Es waren Silvers Hunde, und der Verbrecher hatte sie sicherlich auf Töten abgerichtet.
Charlottes linke Hand spürte einen Fenstersims. Ihr Ziel, das Gelände unverzüglich zu verlassen, war in weite Ferne gerückt. Sie muste erst einmal der unmittelbaren Gefahr der Hunde entkommen. Leise drückte sie mit dem Ellenbogen die Scheibe ein und kletterte in den dunklen Raum. Sie tastete sich vorsichtig nach vorne und stieß nach ein paar Schritten an die gegenüberliegende Wand. Endlich hatte sie die Tür gefunden und drehte den Knauf.
Es war nicht abgeschlossen. Licht der Neonröhren aus dem großen Labor fiel in den Raum. Charlotte horchte, doch kein Geräusch drang an ihr Ohr. So huschte sie leise hinaus. Schräg links lag das Büro, das zur Todesfalle ihrer Komplizen geworden war. Die beiden Mörder waren nirgends zu sehen.
Charlotte wandte sich nach rechts. Sie wollte zum Personaleingang, vor dem Harpers Van stand. Vielleicht konnte sie diesen kurzschließen. Angespannt schlich sie weiter. Als sie nur noch ein paar Schritte von der Ausgangstür entfernt war, begann diese, sich zu öffnen. Charlotte drehte den Knauf des Büros, an dem sie gerade vorbeigekommen war und hatte erneut Glück. Die Tür schwang nach innen auf. Charlotte huschte in den Raum, schloss die Tür hinter sich und schaltete das Licht ein. In der Dunkelheit hatte sie keine Chance. Weder gegen die Hunde draußen, noch gegen die Verbrecher im Gebäudeinneren.
Sie befand sich in einem kleinen Labor. Drei Bottiche waren mit ein wenig Flüssigkeit gefüllt. Unförmige Massen aus Pflanzenresten lagen darin, manche ausgewalzt auf einem Tisch daneben. In einem Bottich schwamm ein grünes Stück Papier mit der Zahl ‚20‘. Charlotte erkannte, dass es ein Teil einer Dollarnote war. Ihr Blick huschte umher und blieb auf dem Einstieg zum Lüftungssystem hängen.
Vielleicht konnte sie sich darin für eine kurze Zeit verstecken?
Sie stieg auf den Rand eines der metallenen Behälter und streckte sich nach oben. Aber sie konnte das Lüftungsgitter nicht erreichen.
Damn it!
Die Mörder konnten jeden Moment entscheiden, dieses Labor zu betreten. Charlotte sprang herunter, nahm Block und Stift heraus und zeichnete den Knauf der Tür. Was im Gefängnis funktioniert hatte, konnte ihr auch hier helfen. Nach dreißig Sekunden hatte sie den Drehknopf auf Papier gebannt und aktivierte das Bild, das sie anschließend zwischen Daumen und Zeigefinger nahm. Mit Kraft presste sie die Finger zusammen. Für die reale Tür fühlte es sich nun so an, als drückte jemand von innen mit Kraft dagegen. Die Tür war blockiert, und Charlotte hatte ein wenig Zeit gewonnen, falls jemand hereinwollte.
Dann wandte sie sich dem Lüftungsgitter zu. Auch einhändig war dieses schnell und in drei Dimensionen gezeichnet. Charlotte drückte mit dem Daumen auf den unteren Rand des gezeichneten Gitters und schob ihn nach oben. Mehrmals musste sie es versuchen, dann glitt das reale Lüftungsgitter in seiner Führungsschiene endlich wie ein Garagentor nach oben.
Wieder kletterte Charlotte auf den Bottich und machte sich für einen Sprung bereit. Ihre linke Hand, welche immer noch über die Zeichnung die Tür blockierte, verkrampfte etwas, als sie sich mit den Fingerknöcheln an der Wand abstützte. Das Papier zerknitterte ein wenig, und die reale Tür machte Geräusche, als wollte sie zerspringen.
So ging es also nicht. Falls sie sich am realen Schachtrand festhielt, würde das Papier sicherlich stärker zerknittern.
Charlotte stieg herunter und legte das Papier mit der Türzeichnung auf den Boden. Sie blickte sich um, fand aber nichts zum Beschweren.
Doch da kam ihr eine Idee.
Sie nahm das Papier vorsichtig wieder auf und lief zu dem Doppelfenster, dessen linke Hälfte sie einen Spalt weit hochschob. Das Papier legte sie zwischen Rahmen und Fenster und zog die Scheibe wieder nach unten. Sie stützte sich mit beiden Händen auf den Rahmen, bis die Zeichnung fest eingeklemmt war. Ein dauerhafter Druck würde die Tür nun geschlossen halten.
Aber fast zeitgleich begann ihre Nase zu bluten. Das hatte sie vermeiden wollen, indem sie das Bild selbst mit dosierter Kraft berührte. Auf diese Art lief die Kraftübertragung ihrer Erfahrung nach am effizientesten.
Nun, es war nicht zu ändern.
Charlotte wollte gerade leise zum Gitter zurückgehen, da überschlugen sich die Ereignisse.
Vor der Tür ertönte ein aggressives, lautes Bellen und danach Silvers Stimme, die schrie: „Hier ist sie!“ Von außerhalb des Fensters erklang weiteres Hundegebell. Die Tiere schienen das Öffnen des Fensters gehört zu haben. Oder Charlottes Geruch war in den wenigen Sekunden hinausgedrungen und hatte die Tiere Witterung aufnehmen lassen.
Ein vorsichtiges Hinaufspringen an den Lüftungsschacht war keine Option mehr. Charlotte schob das rechte Fenster nach oben, um eine Flucht vorzutäuschen, warf sich herum und nahm Anlauf. Sie rannte auf die Wand zu, stemmte den linken Fuß auf den Tisch, auf dem der Bottich stand, erwischte aber auch dessen Rand. Der Metallbehälter kippte zur Seite, und Flüssigkeit spritzte in alle Richtungen. Charlotte wandte den Kopf ab, um sich zu schützen, riss die Arme nach oben, drückte sich mit dem linken Fuß explosiv ab und sprang hoch. Am unteren Rand des Lüftungsschachts krallte sie sich mit den Fingern fest.
Da verspürte sie ein Brennen im rechten Auge.
Nein!, durchzuckte es sie. Charlotte begann, wie wild zu blinzeln, um das, was auch immer im Bottich gewesen war, aus dem Auge zu spülen. Das Auge begann, stark zu tränen. Es war in dieser Situation aber das Beste, das ihr geschehen konnte.
Hinter ihr erklangen Schläge. Die Tür vibrierte.
Hastig zog sich Charlotte hoch, wuchtete den Oberkörper in den Schacht und kroch komplett hinein. Sofort schob sie das Gitter wieder herunter. Geräuschlos robbte sie langsam weiter. Vielleicht würde man auf ihren Trick mit dem Fenster hereinfallen.
Da barst die Tür mit lautem Krachen, und Schritte stürmten in den Raum hinein. Zwei Hunde bellten laut,
„Wo ist sie hin?“, schrie Harper. „Dort hinaus?“ Sie deutete auf das offene Fenster.
„Zu offensichtlich. Sie ist noch im Gebäude“, erwiderte Dean. „Das Lüftungssystem!“
Für eine Sekunde herrschte Stille. Dann sagte er: „Wir geben diesen Standort auf.“
„Einverstanden“, sekundierte Harper.
Charlotte hörte das Öffnen eines Reißverschlusses.
„Ich hole die Leiter“, sagte Dean Silver.
Charlotte kroch weiter. Sie hatte ein wenig Zeit gewonnen.
Das Brennen in ihrem Auge verstärkte sich. Weiter blinzelte sie ununterbrochen, doch es half kaum. Zwar liefen ihr die Tränen die Wange hinunter, so, als würde sie Zwiebeln schneiden, aber es war schlicht zu wenig Flüssigkeit, um das Auge richtig zu spülen.
Charlottes linke Hand tastete über den Boden in dem dunklen Schacht. Als sie eine Abzweigung spürte, wandte sie sich willkürlich nach links.
Plötzlich zischte etwas hinter ihr in dem Gang, den sie gerade verlassen hatte. Es knallete, und ein Schwall heißer Luft schoss an ihr vorbei. Für einen Moment wurde es unglaublich hell.
Molotow-Cocktails!, dachte sie entgeistert. Die werfen Brandbomben in die Lüftungsschächte!
Sie beschleunigte ihr Tempo. Sie musste aus dem Lüftungssystem, das ihre Fluchtmöglichkeit sein sollte, nun aber zur Todesfalle geworden war, unbedingt heraus. Harper und Silver würden vermutlich durch alle Räume laufen und Bomben werfen. Es ging nun darum, wer schneller war. Die Verbrecher wussten nicht, wo sie sich befand. Das war Charlottes einzige Chance.
Würden sie sich zuerst um die Schächte der angrenzenden Räume kümmern? Oder zuerst um weiter entfernte, um ihr systematisch den Weg in alle Richtungen abzuschneiden? Würde das Mörderpärchen sie vor sich hertreiben, ihre Richtung bestimmen, so wie Hunde das Wild, das sie jagten und schließlich stellten?
Plötzlich gewahrte Charlotte vor sich einen gelben Lichtschein, der flackerte. Die Luft, die sie erreichte, war jedoch nicht sonderlich heiß. Es musste also etwas anderes sein, als ein Molotow-Cocktail, der im Schacht brannte. Charlotte überlegte nicht lange. Sie vermutete, dass die Ganoven nun begannen, auch in den Räumen Feuer zu legen, da sie das Gebäude ohnehin verloren gaben. Das war eine kleine Chance für Charlotte. Rasch kroch sie weiter. Hände und Füße, die auf das Metall schlugen, verursachten leise Geräusche.
Am Ende des Schachts blickte sie in ein Büro. Der mit Schriftstücken beladene Schreibtisch, der Stuhl, der Ledersessel und selbst der Mülleimer brannten. Hoch loderten die Flammen, deren Rußentwicklung aber noch gering ausfiel. Charlotte hustete dennoch unterdrückt. Jemand hatte das Mobiliar zusammengeschoben und es unter dem Lüftungsgitter platziert.
Man wollte sie also ausräuchern.
Dean Silvers Werk, das stand für Charlotte außer Frage. Vom Töten versteht der Kerl etwas.
Dennoch blieb ihr keine andere Wahl, wenn sie aus den Schächten herauswollte. Sie blickte noch einmal durch das Gitter. Der Raum diente offenbar auch als eine Art Küche. Eine Teekanne und ein Topf standen auf dem Fenstersims.
Aber was viel wichtiger war und ihre sämtlichen, ohnehin kaum vorhandenen Zweifel bezüglich eines Abstiegs hinwegfegte, war das kleine Waschbecken an der Wand neben dem Fenster.
Wasser!
Charlotte zog das Lüftungsgitter auf. Heiße Luft strömte in den Schacht und raubte ihr für einen Moment den Atem. Ein Umdrehen war in dem engen Schacht nicht möglich. So robbte sie hastig zurück zur Kreuzung, bog nach links ab, kroch vorwärts über dieselbe Kreuzung, um dann rückwärts nach rechts in den Gang abzubiegen, der in das Büro führte. Ihre Füße spürten das Ende des Schachtes und hingen gleich darauf in der Luft. Noch einmal atmete sie langsam, aber tief, sog die Lungen voll, schloss die Augen und spannte dann den Körper. Sie schob sich rückwärts hinaus, bis ihre Hüfte gerade noch den Schachtboden berührte. Dann knickte sie die Beine abrupt nach unten ab, schob weiter und ließ sich fallen. Sobald ihre Füße den Boden berührten, ging Charlotte auf die Zehenspitzen und lehnte sich nach vorne an die Zimmerwand.
Sie stand zuerst sehr wackelig auf den Beinen, dann aber war sie sicher, dass es geklappt hatte. Sie war, wie geplant und gehofft, genau auf dem kaum fußbreiten Streifen zwischen Wand und brennendem Mobiliar gelandet. Mit geschlossenen Augen ging sie seitwärts, bog um die Ecke und hastete weiter. Sie spürte, wie die Ausläufer der Flammen nach ihr griffen. Schmerz durchzuckte ihre Beine.
Und dann war sie durch.
Charlotte öffnete vorsichtig das rechte, das wohl verletzte Auge, und orientierte sich. Aber ihr Sehvermögen war stark eingeschränkt. Sie sah alles verschwommen, als stünde sie unter waberndem Wasser, das viele Luftblasen enthielt. An manchen Stellen des Gesichtsfeldes war sogar nur weißer Nebel. Dennoch gelang es ihr, mit drei großen Schritten das Fenster zu erreichen. Rasch schob sie es hoch und atmete die kühle Luft. Ihr Körper wurde von einem Hustenkrampf geschüttelt, den sie versuchte zu unterdrücken. Als sie sich beruhigt hatte, öffnete sie den Hahn am Waschbecken neben dem Fenster, schöpfte Wasser und löschte das Glimmen am Saum ihres Kleides.
Dann raffte sie die Teppiche hoch, die am Waschbecken lagen und warf sie zum Feuer. Nur der nackte Holzboden lag nun zwischen ihr und dem Brand. Es würde ein wenig dauern, bis das Parkett Feuer fing. Charlotte wunderte sich zwar, dass Dean nicht einfach Brandbeschleuniger in sämtlichen Räumen verteilte und diesen anzündete. Aber vielleicht wollte der Verbrecher, bevor er großflächig Zerstörung anrichtete, ihre Leiche sehen, um absolut sicher zu sein, die letzte Mitwisserin seines Planes getötet zu haben.
Aber für Charlotte war nur wichtig, dass sie sich nun anderem zuwenden konnte.
Den Schmerz an den Beinen ignorierte sie. Die glänzenden Wunden konnte sie jetzt nicht versorgen. Sie steckte den Kopf unter den Wasserstrahl und hielt mit einer Hand das rechte Auge weit geöffnet. Der Aufprall der Tropfen schmerzte höllisch. Unwillkürlich verstärkte sie den Biss auf ihre Lippen. Die Wunde, die Harper ihr im Gefängnis beigebracht hatte, platzte auf. Charlotte erhöhte den Wasserdruck und bewegte den Kopf leicht hin und her. Auch rollte sie das Auge langsam in alle Richtungen, um es gründlich auszuspülen.
Sie hoffte, dass es noch nicht zu spät war, um bleibenden Schäden entgegenzuwirken.
Aufmerksam lauschte sie nach hinten zur Tür. Aber Silver und Harper hielten den brennenden Raum wohl für sicher in ihrem Sinne. Das Plätschern des Wassers dürfte kaum hinaus auf den Gang dringen und sie alarmieren.
Nach mehreren Minuten zog Charlotte den Kopf wieder aus dem Becken hervor. Gesicht und Haare trieften vor Nässe. Charlotte vermied es, sich das Wasser vom Gesicht zu wischen, um nicht aus Versehen das Auge zu berühren.
Nun konnte sie sich wieder dem Problem der Flucht zuwenden.
Sie stellte sich neben das Fenster und blickte hinaus. Gelbliche Flecken tanzten auf dem schmalen Asphaltstreifen an dieser Seite des Gebäudes. Also brannte es auch in anderen Räumen.
Das konnte ihre Chance sein. Die Wachhunde, falls Silver sie nicht speziell trainiert hatte, dürften sich vor dem Feuer fürchten.
Rasch kletterte Charlotte aus dem Fenster und schlich geduckt an der Gebäudemauer entlang nach vorne zum größeren Parkplatz. In der Ferne hörte sie das Gebell der Hunde. Aber auch fiepende Laute mischten sich darunter. Es klang, als hätten die Tiere Angst. Das Feuer in den Räumen erhellte den gebäudenahen Bereich ein wenig, sodass Charlotte sich ausreichend orientieren konnte. Vorsichtig lugte sie um die Ecke. Auch auf der Vorderseite brannte es hinter zwei Fenstern. Der Mond hatte sich hinter den Wolken hervorgekämpft.
Harpers Wagen stand nach wie vor an seinem Platz.
Eine Falle?, fragte sich Charlotte. Würden Harper und Silver so weit denken und planen, oder sich auf die brachiale Methode verlassen?
Eine Möglichkeit, dies herauszufinden, hatte sie. Charlotte zog Block und Stift aus der Tasche und zeichnete die Heckscheibe sowie die hinterste Scheibe auf der Beifahrerseite. Ihre Hände zitterten, und sie musste etwas langsamer vorgehen als gewohnt. Dann aber aktivierte sie das Bild und drückte mit dem Daumen zuerst auf das gezeichnete Heck-, dann auf das Seitenfenster. Die realen Scheiben zersprangen. Scherben fielen zu Boden. Das Klirren war deutlich zu hören.
Charlotte hielt den Atem an und wartete. Aber nichts geschah. Niemand sprang aus einem Versteck hervor. Keine Waffe bellte, und auch kein Brandsatz flog.
Charlotte rannte los. Am Wagen angekommen, griff sie durch das zerstörte Seitenfenster, öffnete die Tür und kroch hinein. Zwischen den Sitzen schlängelte sie sich nach vorne zum Lenkrad und quetschte sich auf den Fahrersitz. Sie riss förmlich die Zündkabel unter dem Armaturenbrett hervor, biss die Isolierung ab und schloss den Anlasser kurz.
Der Motor stotterte zweimal, dann sprang er an. Charlotte gab Gas, und die Räder drehten durch. Schnurgerade hielt sie auf das Ausgangstor zu. Die Front der Motorhaube drückte die beiden Gittertorhälften auseinander, und die schwere Kette wurde aus einem der Flügel herausgerissen. Krachend schlug sie auf die Windschutzscheibe. Risse zogen sich quer hindurch in alle Richtungen, aber das Glas splitterte nicht.
Hinter sich hörte Charlotte Schüsse. Es dröhnte laut, als Kugeln irgendwo im Blech des Kofferraums einschlugen. Dann platzte ein Reifen, und der Wagen schlingerte. Charlotte fing ihn ab, verringerte das Tempo aber nur geringfügig.
Sie musste fort, einfach nur fort. Egal, wie!
Man würde sie verfolgen, aber es würde eine Minute dauern, bis Silver seinen Wagen von der anderen Seite der Fabrik geholt hatte. Charlotte bog mit quietschenden Reifen nach links ab, dann sofort wieder rechts und erneut links. Immer wieder blickte sie in den Rückspiegel, konnte aber zu ihrer Erleichterung kein anderes Fahrzeug erkennen.
Seit ihrer Flucht vom Gelände waren nun vier Minuten vergangen. Charlottes Atmung und Puls beruhigten sich langsam. Trotz des waidwunden Autos, dessen Hinterfelge über den Straßenbelag schrammte, kam sie halbwegs gut voran und hatte schließlich die Grenze des Industriegebiets erreicht. Der Verkehr belebte sich, und Charlotte bog noch ein paar Mal willkürlich ab.
Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand.
In der Ferne blinkte das farbenprächtige Zeichen einer Dinerkette, die 24 Stunden am Tag geöffnet hatte. Charlotte stoppte mit einer Vollbremsung und sprang aus dem Wagen. Den Motor ließ sie laufen.
„Emergency!“, rief sie, als sie die Glastür des Lokals aufgerissen hatte und hineingestürzt war. Ihre Aufmachung unterstützte optisch den Hilferuf - Brandflecken auf dem Kleid, Wunden an den Beinen, die zerzausten Haare, das verschwitzte Gesicht mit dem zusammengekniffenen Auge. Und dann noch Reste des Bluts, das von der Lippe am Kinn heruntergelaufen und getrocknet war. Erklärungen waren keine nötig.
Die Bedienung hinter dem Tresen reichte ihr wortlos ein paar Münzen, wies durch eine Tür, und Charlotte rannte den schmalen Gang hinunter.
Sie führte drei Telefonate.
Zuerst rief sie sich einen Krankenwagen. Die Schmerzen im Auge, die während der Flucht in den Hintergrund getreten waren, drängten nun mit Wucht zurück in ihr Bewusstsein. Die Zeit, bis die Sanitäter eintrafen, nutzte sie, um zuerst das Calgary PD und danach Phil zu verständigen.
***
Der Augenarzt im North Calgary Hospital schob das Ophtalmoskop zur Seite. Charlotte lehnte sich zurück.
„Miss Bernstedt, legen Sie den Kopf bitte in den Nacken. Nicht nach unten schauen. Die Hornhaut Ihres rechten Auges ist großflächig erodiert. An manchen Stellen fehlt eine, an vielen aber mehrere Schichten des Epithels. Es besteht die Gefahr einer Perforation und damit dem Verlust des Auges.“
Charlotte schluckte schwer. Ihr Gesicht versteinerte. Mit solch einer Hiobsbotschaft hatte sie nicht gerechnet.
Dr. Hutchinson bemerkte die Reaktion seiner Notfallpatientin und ging sofort darauf ein. „Aber es bestehen sehr gute Chancen, dass es so weit nicht kommen wird. Sie bleiben eine Woche im Hospital. Wir stellen das Auge medikamentös ruhig und senken den Augeninnendruck. Das Auge kann diesen Hornhautschaden selbst reparieren. Kritisch sind die ersten 24 Stunden. Wir unterstützen die Regeneration durch zellteilungsfördernde Medikamente.“
„Wird sich meine Sehkraft wieder normalisieren?“, fragte Charlotte tonlos. Sie hatte Angst.
„Die Chancen stehen gut, dass Sie keine gravierenden Einbußen hinnehmen müssen. Es ist wie ein gebrochenes Bein. Danach ist Sprinten fast immer weiter möglich. Sie haben das Auge fachkundig ausgespült, und das recht zeitnah zur Gefahrstoffexposition. Das verbessert die Prognose signifikant. Ich bin daher optimistisch gestimmt.“
Er hob den Telefonhörer ab und bat eine Schwester herein. Charlotte wurde auf die Station geführt. Ihr Kopf lag weiter im Nacken, das rechte Auge war geschlossen.
Nicht daran denken!, befahl sie sich immer wieder, aber es fiel ihr ungemein schwer, sich von dem Horrorszenario der Erblindung, das, wenn auch nach den Aussagen des Arztes nicht wahrscheinlich, dennoch möglich war, abzulenken.
***
Fünf Tage später konnte Charlotte ein wenig aufatmen. Ihre Hornhaut hatte begonnen, sich zu schließen. Die Gefahr eines Platzens des Auges und den damit einhergehenden Blutungen, welche die Netzhaut schädigen konnten, war gebannt. Der Verband wurde für immer längere Zeit entfernt, um das Auge langsam wieder an Licht zu gewöhnen.
Charlotte hatte sich wie ein Kind an seinem Geburtstag gefreut, als sie das erste Mal mit dem verletzten Auge aus dem Fenster hinunter in den Park geschaut hatte. Die Bäume, die Sträucher, die Menschen - alles hatte sie klar erkennen können.
Es war kurz nach 10 a.m., als das Telefon in ihrem Einzelzimmer klingelte. Charlotte hob ab.
„Ja?“
„Hi, Charlotte. Phil hier“, sagte der Kommissar aus vielen hundert Kilometern Entfernung. „Wie geht es dir?“
„Es wird besser“, erwiderte Charlotte. „Dieselbe Antwort wie gestern, als du angerufen hast, und dieselbe Antwort wie vorgestern bei deinem Besuch. Du musst nicht wie eine Glucke hinter mir hertelefonieren.“ Aber sie freute sich, dass Phil es doch tat und es auch weiter tun würde.
„Du, Char, ich...“, begann Phil. Seine Stimme klang belegt.
„Nein, Phil“, unterbrach Charlotte bestimmt. „Keine Entschuldigungen. Ich habe entschieden, den Auftrag anzunehmen. Ich kenne das Risiko, dass etwas schiefgehen kann. Auch die Kugeln hätten mich treffen können. Das wusste ich alles. Dass es nun so ein dämlicher Spritzer war, war schlicht Pech. Und...“, sie wechselte den Hörer in die andere Hand, „...ich verbiete dir, zukünftig für mich zu entscheiden, welche Aufträge du mir noch anbieten kannst und welche nicht. Ist das klar? Es bleibt einzig und allein meine Entscheidung. Wenn du glaubst, dass ich bei einer Aufgabe helfen kann, frage mich. So wie die letzten Jahre auch. Falls du also Schuldgefühle hast - auf diese Art kannst du sie kompensieren.“
Nur das Geräusch von Phils Schnauben kam aus der Hörmuschel. Für einen Moment sagte er nichts. „Okay, das habe ich mir fast schon gedacht. Denn auch deshalb rufe ich an.“
„Ja?“, erwiderte Charlotte. Phils Aussage weckte Neugier in ihr.
„Hier in Vancouver startet in Kürze eine Sondersitzung aller Ermittlungsbehörden inklusive der Labore. Ich dachte mir, dass du vielleicht telefonisch dabei sein möchtest.“
Charlotte setzte sich auf das Bett. „Klar will ich das.“
Es polterte, als Phil den Telefonhörer auf den Tisch im Konferenzzimmer legte. Ein paar Minuten später hatte sich der Raum im Hauptquartier der RCMP in Vancouver gefüllt. Charlotte wurde begrüßt, und man wünschte ihr gute Besserung.
Dann startete die Konferenz.
Phil gab eine kurze Zusammenfassung dessen, was Charlotte ermittelt hatte, und was nach ihrem letzten Anruf aus Calgary geschehen war. Das Meiste war Charlotte schon bekannt.
„Die Kollegen des Calgary PD und des Fire Departments waren rasch vor Ort. Die komplette Zerstörung der Fabrik konnte verhindert werden, wenn auch das Interieur stark in Mitleidenschaft gezogen worden war. Wir fanden Spuren einer uns bis vor einigen Tagen unbekannten Substanz. Darüber werden die Chemiker gleich mehr berichten. Nach Dean Silver und Harper Maguire wird mit Hochdruck gefahndet. Da der Fall die nationale Sicherheit betrifft, wird die Federführung nach dieser Konferenz an den Geheimdienst übergehen. Agent Duvall, bitte.“
„Danke, Mr Messier“, sagte der Geheimdienstler. „Wir haben Hinweise, dass die beiden Täter das Land verlassen haben. Die höhnisch zu nennende ganzseitige Annonce in mehreren Tageszeitungen mit dem kurzen Versprechen ‚Es ist nicht vorbei. Ich komme wieder.‘ stufen wir als echt ein.“
Nach einer kurzen Pause sprach eine andere männliche Stimme: „Wir haben die Probe der Flüssigkeit untersucht und Erstaunliches festgestellt.“
Phil unterbrach. „Dr. Compton, Lassen Sie mich kurz vorab erläutern: Nach Miss Bernstedts Anruf aus Calgary nach Ende der Zugfahrt haben die Kollegen unter einem Vorwand von der angelieferten Flüssigkeit eine Probe genommen. Ansonsten lief jedoch alles in der Bow River Mill unbeeinträchtigt weiter. Wir waren jedoch bereit, sofort einzugreifen, sollte immanente, vielleicht sogar explosive Gefahr drohen.“
„Richtig“, bestätigte der Wissenschaftler. „Es hat ein wenig gedauert, bis wir alle Bestandteile identifiziert hatten. Ich will Sie nicht mit den Details über chromatographische, spektroskopische und chemische Analysen langweilen, daher beschränke ich mich auf das Ergebnis: Miss Bernstedt lieferte den Farbengrundstoff für die Produktion der neuen Geldscheine des kanadischen Dollars an. Soweit war alles wie auch in den Jahren zuvor, wenn Papier für Banknoten produziert wurde. Wir fanden jedoch auch eine uns bis dato unbekannte Substanz, die wir Modifikator nannten. Sie werden gleich verstehen, warum.“
Phil unterbrach erneut. „Diese Substanz wurde in Pulverform während der Zugfahrt zugegeben. Sie kennen den Bericht von Miss Bernstedt. Und diese Substanz wurde auch in der fast abgebrannten Fabrik in Calgary gefunden.“
„Äh, ja, richtig“, stotterte der Mann. Für einen Augenblick wirkte er verwirrt ob der ständigen Einwürfe, fing sich aber schnell wieder. „Nun, dieser Modifikator verändert zuerst einmal nichts. Das Papier von Bow River Mill ist nach Zugabe des Modifikators haptisch und optisch nicht zu unterscheiden von Papier ohne diese Substanz. Aber später dann - zerfällt das damit imprägnierte Papier aus sich heraus. Einfach so.“
Allen Teilnehmern war klar, was das bedeutete.
„Und“, fuhr der Wissenschaftler fort, „auch wenn wir noch keine entsprechend lange Zeitreihe durchführen konnten, wir sind aufgrund der Tests mit verschiedenen Konzentrationen und deren Kinetik sicher, dass dieser Zerfall in einem zeitlich sehr eng begrenzten Fenster von 2 Monaten plus/minus 5 Tagen nach Trocknung des Papiers eintreten würde.“ Das Geräusch eines Stuhles, der über den Boden glitt und dann das Rascheln von Papier ertönten. „Das wäre alles.“
Wieder ergriff Phil das Wort. „Die Regierung hat den geplanten Banknotenaustausch selbstverständlich vorerst gestoppt. In seiner ursprünglichen Form wäre er durch Umtausch in den Banken zum Großteil in vier Wochen durchgeführt worden, da danach Gebühren anfallen. Man wollte und will auch immer noch von politischer Seite möglichst schnell das neue, fälschungssicherere Geld in Umlauf bringen.“
„Und dann zerfällt es in den Geldbörsen der Bürger“, warf ein Mann ein, den Charlotte zuvor noch nicht gehört hatte.
Charlotte hörte Phils flüsternde Stimme aus dem Hörer: „Das ist Mr Burns, einer der Berater des Premierministers.“ Laut, und für alle im Konferenzzimmer hörbar, fügte er hinzu: „Dr. Foe, was sagt die psychologische Abteilung dazu?“
Der Angesprochene räusperte sich mehrfach, bevor er seinen Vortrag begann: „Wir haben verschiedene Szenarien durchgespielt. Allen ist gemein: Wenn in etwa zwei Monaten das Papiergeld zerfällt, werden die Bürger das Vertrauen in die Regierung verlieren. Und das schlagartig. Nicht nur, dass man ihnen versprach, alles werde sicherer. Nein, nun verlieren sie durch eine zukunftsgerichtete Neuerung, die ihnen selbst keinen direkt erfahrbaren Vorteil bringt, ihr Vermögen. Und das sichtbar in den, wie der Herr Politiker sagte, Geldbörsen. Zuerst, bei einem, vielleicht zwei Scheinen, wird man es für Zufall halten, auf die Bank gehen und Ersatz fordern. Dann aber, wenn sich der Zerfall rapide ausbreitet - bei ihnen selbst, aber auch bei Nachbarn oder Arbeitskollegen -, wird der Ärger in Unmut, Wut und schließlich Aggression umschlagen. Es gibt kein anderes Wort dafür: Kanada wird nicht nur ins wirtschaftliche Chaos stürzen, wenn die Inflation faktisch ins Unendliche steigt, sondern es wird zu gewalttätigen Ausschreitungen ungeahnten und noch nie dagewesenen Ausmaßes kommen. Auf den Straßen des Landes wird Anarchie herrschen.“
Für eine Minute hörte Charlotte nichts mehr aus dem Telefon. Auch ihr hatte es die Sprache verschlagen. Der unbekannte Tippgeber hatte mit dem Wort ‚Katastrophe‘ nicht untertrieben.
„Ich melde mich nachher nochmal“, sagte Phil leise und legte auf.
***
Vier Tage später war Charlotte zurück in ihrer Wohnung in Vancouver. Das Auge war verheilt, die Hornhaut vollständig geschlossen. Das Epithel hatte sich regeneriert. Charlottes normale Sehkraft lag wieder bei Adlerblick. In dieser Hinsicht gab es keinen Unterschied zwischen links und rechts.
Doch eine Sache hatte sie in Calgary noch nicht überprüft. Sie fürchtete sich nicht wenig vor dem Ergebnis des Experiments, das sie nun angehen musste.
Charlotte warf die Tasche mit der Kleidung und den Waschutensilien, die sie in Calgary gekauft hatte, achtlos auf den Boden des Flurs und ging sofort ins Arbeitszimmer, wo sie die verwelkten Blumen aus der Vase auf dem Fenstersims in den Abfalleimer warf. Die leere Vase stellte sie in die Mitte des Schreibtisches.
Sie kniff das rechte, das nun wieder geheilte, Auge zu und zeichnete nur mit dem linken. Schnell war das gläserne Objekt mit dem Reliefmuster auf das Papier gebannt. Charlotte aktivierte die Zeichnung und schnippte mit dem Finger dagegen. Wie erwartet rutschte die reale Vase ein Stück über die Tischplatte.
Charlotte schob die Vase zurück und begann mit einer neuen Zeichnung. Diesmal hielt sie das linke Auge geschlossen und nutzte nur die Kraft des regenerierten Auges, um eine Kopplung zwischen Papier und Realität zu erreichen. Als die Zeichnung fast fertig war, glaubte sie einen schwachen Blauschimmer um die reale Vase zu sehen. Sie blinzelte ein paar Mal, und die Wahrnehmung verschwand. Wahrscheinlich war es eine Reflexion des einfallenden Sonnenlichts gewesen.
Charlottes Herzschlag beschleunigte sich, als sie das Bild unterzeichnete.
Für einen Moment zögerte sie. Dann aber gab sie sich einen Ruck. Die Ungewissheit musste ein Ende haben, auf die eine oder andere Art.
Sie schnippte gegen das Bild und starrte gespannt auf den Schreibtisch.
Doch die Vase bewegte sich nicht.
***
Nachdenklich blickte Charlotte auf die beiden Photos, die vor ihr auf dem Schreibtisch in ihrem Arbeitszimmer lagen. Wie vor einigen Monaten, als die angehende Journalistin Julia Loeb sie ungewollt auf das Phänomen der blauen Ringe um ihre Hornhaut aufmerksam gemacht hatte, so hatte Charlotte in den drei Wochen seit ihrer Rückkehr aus Calgary täglich unzählige Photos von ihren Augen geschossen und dafür eine Menge TRC24-Farbfilme verwendet.
Charlotte nahm das Bild des rechten Auges, das sie am Tage ihrer Rückkehr gemacht hatte, als der funktionale Test mit der Vase zu ihrem Erschrecken negativ verlaufen war. Ein blauer Ring war nirgends zu sehen. Was das Bild stattdessen zeigte, war eine zickzackförmige, oft unterbrochene Linie, die etwa drei Viertel des Hornhautumfangs einrahmte.
Wie oft hatte sie dieses Bild schon betrachtet! Es zeigte die Zerstörung in ihrem Auge, die trotz der rein medizinischen Heilung noch vorhanden war, und die niemand außer ihr sehen konnte.
Aber dabei war es glücklicherweise nicht geblieben.
Sie nahm das Bild vom gestrigen Tag auf. Das Auge hatte sich erholt, und eine durchgehende blaue Linie umschloss die Hornhaut nun komplett. Aber von einem schönen Ring konnte auch jetzt keine Rede sein. Die Linie variierte in der Dicke, machte mehrfach sichtbare, wenn auch kleine Richtungswechsel und sah insgesamt aus, als habe jemand versucht, einen Kreis nach einer Vorlage zu malen, sei dabei jedoch ein ums andere Mal vom Kurs abgekommen.
Seit sechs Tagen hatte sich an diesem Zustand nichts mehr geändert.
Die Form des Ringes war Charlotte herzlich egal. Nicht egal aber war ihr der Funktionsverlust im Auge. Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
Was ein Fingerschnippen auf eine Zeichnung mit dem linken Auge bewirkte, benötigte einen deutlich höheren Druck nach ausschließlicher Verwendung des rechten Auges. Oder einige Überzeichnungen.
Charlotte hatte in den letzten Wochen Experiment um Experiment durchgeführt. Das aktuellste, das letzte Ergebnis, das wie die Form des unregelmäßigen Ringes seit rund einer Woche stabil reproduzierbar war, lautete:
Sie hatte rund zwei Drittel ihrer Kraft im rechten Auge eingebüßt.
Für immer? Oder ging der Heilungsprozess, wenn auch sehr, sehr langsam, weiter? Vielleicht würde alles wieder auf den alten Stand zurückkehren, wenn der Ring eine gleichmäßige Linie geworden war und eine einheitliche Dicke aufwies?
Charlotte hoffte es sehr.
ENDE
Teil 2
Harper legte den Arm um Charlottes Schultern und prostete ihr zu. „Klasse gemacht. Von uns hätte niemand so ein Ungetüm fahren können. Und wie du auf dem Gelände der Bow River rangiert hast, das sah richtig professionell aus.“
Charlotte trank den Orangencocktail aus. „Klar. Für Geld mache ich vieles.“ Harper hatte sie oder, besser gesagt, den Zug also observiert. Vielleicht auch nach dem Verlassen des Betriebshofes? Sie beglückwünschte sich innerlich zu dem Entschluss, direkt zur Bar zu fahren und nicht unterwegs versucht zu haben, Phil zu informieren. Ihre Ahnung hatte sie nicht getrogen.
Joe klopfte auf den Tisch. „Das ist das Stichwort. Wann kriegen wir den Rest? Und warum hier in Calgary? Das hätte doch alles auch bei uns in Edmonton ablaufen können. Oder steht noch was an?“
Harper verneinte. „Der Coup ist durch.“ Sie schaute auf die Uhr. „Wir treffen Dean um 11 p.m. Aber hier ist es doch gemütlich.“
„Was genau war denn nun der Coup?“, fragte Jack und kaute auf seinem Streichholz herum. „Was war das für ein Pulver?“
Das würde ich auch gerne wissen, dachte Charlotte, doch sie hütete sich, eine entsprechende Frage zu stellen. Desinteresse zeigen, nur keinen Verdacht erregen. Harper glaubt, mir geht es nur um's Geld. Dabei soll es bleiben.
Harper grinste nur. „Ist doch egal. In drei Stunden habt ihr euer Geld. Und nicht wenig.“ Sie hob das Glas an die Lippen und trank. Doch Charlotte, die als einzige neben der Gangchefin saß, während die Männer die Couch in der Wandnische besetzten, hatte bemerkt, dass sich das fröhliche Grinsen der Frau für einen winzigen Sekundenbruchteil zu einem spöttischen Lächeln verzogen hatte.
Da ist doch was im Busch, vermutete Charlotte. Die generelle Wachsamkeit, die ihr bei allen Undercovereinsätzen zu eigen war, alles und jeden genau zu beobachten, verschob sich nun vollständig auf Harper. Sie achtete auf jede kleine Regung.
Nach und nach verschwand der eine oder andere zur Toilette. Auch Charlotte entschuldigte sich schließlich und trat durch die Tür neben der Bar in einen schummrigen Gang, den sie hinunterging.
Das war die Gelegenheit.
Ein Münztelefon hing zwischen den Türen zu den Waschräumen der Gents und der Ladies.
Charlotte hob ab, gab die Nummer des angeblichen Anwalts Montmartre in Vancouver an die Telefonistin durch und wartete ungeduldig, dass Phil endlich abhob. Nervös verlagerte Charlotte das Körpergewicht von einem Fuß auf den anderen. Aufmerksam und auf das Höchste gespannt, starrte sie den Gang hinauf. Beim leisesten Anzeichen, dass sich jemand näherte, würde sie einhängen und im Toilettenvorraum verschwinden.
„Anwaltskanzlei...“, drang die bekannte Frauenstimme aus dem Hörer.
Charlotte unterbrach. Sie sprach sehr schnell. „Thornton hier. Ich muss Phil sprechen. Zeitdruck.“ Ihr Tarnname diente als Erkennungsszeichen.
Ohne Entgegnung wurde sie verbunden, und der Kommissar meldete sich knapp mit: „Ja?“
Im Telegrammstil gab Charlotte ihre Erlebnisse und Erkentnnisse durch. Phil verzichtete auf Fragen, und auch Charlotte stellte keine. Als sie geendet hatte, sagte Phil: „Ich werde mir die Kundenliste der Mill ansch...“
Da hörte Charlotte, wie sich die Gangtür zu öffnen begann. Sofort hängte sie den Hörer ein, huschte in den Vorraum, rannte zu einer Kabine und zerzauste sich die Haare. Als sie hörte, wie die Tür zur Damentoilette geöffnet wurde, gab es nur einen Ausweg.
Jetzt wird's eklig, dachte sie, zögerte aber nicht. Sie steckte sich den Finger in den Hals und würgte laut. Ihr Magen krampfte zusammen, und sie täuschte vor, sich zu übergeben.
„Charlotte, alles in Ordnung?“, fragte Harper.
Charlotte klopfte von innen mit einer Faust an die Toilettentür, würgte erneut und spuckte ein paar Mal. Dann drückte sie die Spülung, fuhr sich noch einmal durch die Haare und verließ die Kabine. Harper stand am Waschbecken und wusch sich die Hände. Charlotte beobachtete die Frau genau aus den Augenwinkeln, als sie ihren Mund ausspülte.
Lag da Misstrauen in Harpers Augen? Oder bildete sie, Charlotte, sich das nur ein, da sie immer stärker vermutete, dass der Coup auf irgendeine Art und Weise, welche ihr und den anderen wohl nicht gefallen würde, doch noch nicht abgeschlossen war?
Warum war Harper ihr nachgegangen? Das Telefonat hatte nicht so lange gedauert, dass es auffallen konnte. War Harper nun, da nicht mehr alle an einem Strang zogen, jedem gegenüber misstrauisch geworden?
„Alles okay?“, wiederholte Harper die Eingangsfrage.
Charlotte nickte und betrachtete sich im Spiegel. Ihr Gesicht war recht blass, was ihre Ausrede noch unterstrich. „Mir wurde übel. Vielleicht zuviel Alkohol.“ Sie wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und rieb es mit den Papiertüchern trocken.
Dann gingen die Frauen zurück in den Gastraum. Charlotte bemerkte wohl, dass Harper keine der Kabinen aufgesucht hatte.
Am Tisch sagte Harper: „Wir sollten losfahren.“
Die Männer leerten noch schnell ihre Gläser und standen dann auf. Alle warfen Geldscheine auf den Tisch, und die ganze Gruppe verließ das Lokal. Sie quetschten sich in einen Van, der zwei Sitzreihen im Fond hatte.
Harper fuhr. Sie kannte sich offensichtlich in Calgary aus. Nach einer halben Stunde hielt sie im Industriegebiet vor dem Gelände einer Fabrik. Harper sprang aus dem Van, schloss die schwere Kette auf, welche die beiden Torhälften miteinander verband, und lenkte den Wagen auf den kleinen, verwaisten vorderen Parkplatz. Sie hielt direkt neben einer schmalen Tür.
„Wir sind da“, sagte sie überflüssigerweise, und alle stiegen aus.
Harper sperrte im Dunkeln den Personaleingang auf und schaltete die Neonröhren ein. Sie befanden sich in einem großen Chemielabor mit hoher Decke. Rechts und links gingen Türen ab, vermutlich zu Büros oder irgendwelchen Spezialräumen. Große Metallbottiche, in denen noch Reste von Flüssigkeiten in Pfützen vorhanden waren, standen in mehreren Reihen auf riesigen Tischen, deren Oberflächen aus roten Kacheln bestanden. Dazwischen waren Glaskolben und Bunsenbrenner angeordnet. Die fensterlose Halle besaß mehrere Lüftungsschächte in etwa drei Metern Höhe. Einer der Experimentiertische lag unter einer Glasabdeckung, die aussah wie ein riesiges Aquarium. Zwei schwarze Gummihandschuhe ragten durch eine Seitenwand. Sie waren fest mit dem Glas verbunden und schlossen hermetisch ab.
Harper führte die Gruppe zu einem Büro in der hinteren rechten Ecke.
„Setzt euch. Dean wird gleich kommen, dann erhaltet ihr euren Lohn. Er will euch den nächsten Coup erklären, wenn ihr mitmachen wollt.“
Nicht nur Charlotte horchte auf. Das war neu. Harper hatte mit keinem Wort je erwähnt, dass die Gang weitermachen würde. Es war, so hatte Charlotte den Eindruck gehabt, eigentlich eine einmalige Sache. Eine Gruppe, zusammengestellt nach Fähigkeiten für eine bestimmte Aufgabe.
Durch das Fenster des weißwandigen Büros sah sie, wie sich Autoscheinwerfer näherten. Auch Harper bemerkte diese. Ein Ausdruck der Freude glitt über ihr Gesicht. Sie holte einen kleinen Schlüssel aus der Hosentasche und warf ihn auf den großen Tisch.
„Das Geld ist im Schrank da“, rief sie und deutete auf den mannshohen, blaumetallic glänzenden Büroschrank neben der Tür. Joe griff sofort nach dem Schlüssel und sperrte auf. Er holte ein paar Säcke heraus und warf sie auf den Tisch.
Charlotte aber blickte durch das Fenster hinaus. Der Wagen hielt in weiter Ferne, und eine Gestalt stieg aus, die sich am Heck zu schaffen machte. Was sie tat, konnte Charlotte nicht erkennen. Waren da plötzlich mehrere Schatten in Bodenhöhe? Doch die Wahrnehmung bestätigte sich nicht. Die Gestalt stieg wieder ein und fuhr bis an die Fabrikmauer. Harper hatte das Gebäude verlassen und lief zum Wagen. Die Gestalt und sie umarmten und küssten sich. Dann gingen beide zum Heck des Vans und holten etwas Längliches aus dem Laderaum hervor, das in Decken gehüllt schien.
Im schwachen Licht, das aus dem Laderaum herausfiel, sah Charlotte aber das Gesicht der Gestalt.
Sie erkannte den Mann sofort. Sämtliche Alarmglocken schrillten in ihrem Kopf.
Dean - natürlich!
Der Mann war Dean Silver, Staatsfeind Nummer 1.
Dean Silver war verantwortlich für mehrere Anschläge mit einer dreistelligen Zahl von Toten. Er hatte mehr als einmal öffentlich angekündigt, er werde den Tod seiner Schwester rächen, die für Kanada ihr Leben gelassen hatte. Ein Kampfeinsatz einer militärnahen Spezialtruppe, bei dem seine Schwester von Beginn an keine Chance auf Überleben gehabt hatte. Sie war, Silvers Worten zufolge, Kanonenfutter gewesen. Silver machte den Staat dafür verantwortlich und hatte bittere und blutige Rache geschworen.
Wenn Silver beteiligt ist, dachte Charlotte, wird es wahrlich eine Katastrophe geben. Hoffentlich hat Phil schon etwas herausgefunden.
Sie überlegte, was sie tun sollte. Sie war überhaupt nicht vorbereitet auf einen wie auch immer gearteten Kampf mit dem gefährlichsten Mann der westlichen Welt. Konnte sie ihre Gabe jetzt und hier einsetzen? Aber wie? Auf eine Gelegenheit warten, um Silver zu zeichnen, ihn dann mittelbar niederschlagen und anschließend die Polizei verständigen?
Fast hätte sie bei diesem Gedanken laut aufgelacht. So einfach würde es sicherlich nicht werden.
Die Männer waren alle mit dem Geld beschäftigt, das sie vor sich ausbreiteten. Sie hatten nichts bemerkt. Sie lachten, grölten und wühlten in den Scheinen. 50.000 Dollar für jeden, wusste Charlotte. Für sie lag ein noch verschlossener Sack auf dem Boden.
Doch irgendwie hatte sie das Gefühl, sich nicht lange an der Summe erfreuen zu können.
Ihr Verstand verknüpfte in fieberhafter Eile Dinge, die erst jetzt einen Sinn ergaben. Harpers spöttisches Lächeln; Dean Silver, ein Mann, dem Menschenleben nichts bedeuteten; dieser Mann holte etwas Längliches aus einem Laderaum hervor. Und auf der anderen Seite warteten die Helfershelfer zusammen in einem Raum. An einem Tisch.
Eine dumpfe Ahnung kroch in ihr hoch, und sie öffnete das Fenster.
In diesem Moment ihrer Überlegungen angekommen, schwang die Bürotür auf. Dean Silver und Harper Maguire betraten lächelnd den Raum. Die Hände hielten sie hinter dem Rücken.
„Runter!“, schrie Charlotte und sprang kopfüber aus dem Fenster.
Keine Sekunde zu früh.
Harpers Gesicht verzerrte sich. Blitzschnell rissen sie und Silver die Hände hervor. Sofort spuckten die schwarzen Maschinenpistolen Feuer. Die Läufe der todbringenden Waffen beschrieben einen Halbkreis und deckten das gesamte Zimmer ein.
Die Gangmitglieder waren aufgesprungen, doch sie hatten keine Chance bei diesem brutalen Überfall. Noch im Sprung wurden sie von Kugeln regelrecht durchlöchert. Ihre Schreie erstarben abrupt, und bis auf Joe waren die Männer schon tot, als sie auf dem Boden aufschlugen. Joe hatte sich hinter den Eisenschrank geworfen. Doch es war die falsche Richtung gewesen, denn nun saß er in der Falle. Dean Silver fackelte nicht lange. Kaltblütig erschoss er den Mann.
„Ihr nach!“, schrie Harper und rannte zum Fenster. Sie wollte ebenfalls herausklettern.
„Lass sie!“, sagte Dean Silver. „Die Hunde werden sich ihrer annehmen.“
***
Charlotte hörte in ihrem Rücken das eklige Geräusch des Einschlags der Kugeln. Sie rollte sich ab und schlug dabei unsanft mit dem Kopf auf dem Asphalt auf. Für eine Sekunde sah sie Sterne, sprang dann aber auf und rannte an der Gebäudewand entlang. Silvers Wagen ignorierte sie. Der Schlüssel würde sicherlich nicht stecken. Außerdem konnte man sie auf dem Weg dorthin problemlos vom Bürofenster aus mit Kugeln eindecken. Sie bog um die Ecke der Fabrik und lief mit der linken Hand als Führung an der Mauer, so schnell es in der Dunkelheit möglich war, in Richtung zum vorderen Parkplatz.
Plötzlich hörte sie weit hinter sich ein Bellen. Dann ein zweites. Und schließlich keiften unzählige Hunde durcheinander. Rasch wurde das Gebell lauter.
Mon dieu!, fluchte Charlotte.
Sie sah fast nichts, so dunkel war es.
Da hörte sie Bellen von vorne.
Auch das noch!
Die Hunde würden sie stellen, das war sicher. Es waren Silvers Hunde, und der Verbrecher hatte sie sicherlich auf Töten abgerichtet.
Charlottes linke Hand spürte einen Fenstersims. Ihr Ziel, das Gelände unverzüglich zu verlassen, war in weite Ferne gerückt. Sie muste erst einmal der unmittelbaren Gefahr der Hunde entkommen. Leise drückte sie mit dem Ellenbogen die Scheibe ein und kletterte in den dunklen Raum. Sie tastete sich vorsichtig nach vorne und stieß nach ein paar Schritten an die gegenüberliegende Wand. Endlich hatte sie die Tür gefunden und drehte den Knauf.
Es war nicht abgeschlossen. Licht der Neonröhren aus dem großen Labor fiel in den Raum. Charlotte horchte, doch kein Geräusch drang an ihr Ohr. So huschte sie leise hinaus. Schräg links lag das Büro, das zur Todesfalle ihrer Komplizen geworden war. Die beiden Mörder waren nirgends zu sehen.
Charlotte wandte sich nach rechts. Sie wollte zum Personaleingang, vor dem Harpers Van stand. Vielleicht konnte sie diesen kurzschließen. Angespannt schlich sie weiter. Als sie nur noch ein paar Schritte von der Ausgangstür entfernt war, begann diese, sich zu öffnen. Charlotte drehte den Knauf des Büros, an dem sie gerade vorbeigekommen war und hatte erneut Glück. Die Tür schwang nach innen auf. Charlotte huschte in den Raum, schloss die Tür hinter sich und schaltete das Licht ein. In der Dunkelheit hatte sie keine Chance. Weder gegen die Hunde draußen, noch gegen die Verbrecher im Gebäudeinneren.
Sie befand sich in einem kleinen Labor. Drei Bottiche waren mit ein wenig Flüssigkeit gefüllt. Unförmige Massen aus Pflanzenresten lagen darin, manche ausgewalzt auf einem Tisch daneben. In einem Bottich schwamm ein grünes Stück Papier mit der Zahl ‚20‘. Charlotte erkannte, dass es ein Teil einer Dollarnote war. Ihr Blick huschte umher und blieb auf dem Einstieg zum Lüftungssystem hängen.
Vielleicht konnte sie sich darin für eine kurze Zeit verstecken?
Sie stieg auf den Rand eines der metallenen Behälter und streckte sich nach oben. Aber sie konnte das Lüftungsgitter nicht erreichen.
Damn it!
Die Mörder konnten jeden Moment entscheiden, dieses Labor zu betreten. Charlotte sprang herunter, nahm Block und Stift heraus und zeichnete den Knauf der Tür. Was im Gefängnis funktioniert hatte, konnte ihr auch hier helfen. Nach dreißig Sekunden hatte sie den Drehknopf auf Papier gebannt und aktivierte das Bild, das sie anschließend zwischen Daumen und Zeigefinger nahm. Mit Kraft presste sie die Finger zusammen. Für die reale Tür fühlte es sich nun so an, als drückte jemand von innen mit Kraft dagegen. Die Tür war blockiert, und Charlotte hatte ein wenig Zeit gewonnen, falls jemand hereinwollte.
Dann wandte sie sich dem Lüftungsgitter zu. Auch einhändig war dieses schnell und in drei Dimensionen gezeichnet. Charlotte drückte mit dem Daumen auf den unteren Rand des gezeichneten Gitters und schob ihn nach oben. Mehrmals musste sie es versuchen, dann glitt das reale Lüftungsgitter in seiner Führungsschiene endlich wie ein Garagentor nach oben.
Wieder kletterte Charlotte auf den Bottich und machte sich für einen Sprung bereit. Ihre linke Hand, welche immer noch über die Zeichnung die Tür blockierte, verkrampfte etwas, als sie sich mit den Fingerknöcheln an der Wand abstützte. Das Papier zerknitterte ein wenig, und die reale Tür machte Geräusche, als wollte sie zerspringen.
So ging es also nicht. Falls sie sich am realen Schachtrand festhielt, würde das Papier sicherlich stärker zerknittern.
Charlotte stieg herunter und legte das Papier mit der Türzeichnung auf den Boden. Sie blickte sich um, fand aber nichts zum Beschweren.
Doch da kam ihr eine Idee.
Sie nahm das Papier vorsichtig wieder auf und lief zu dem Doppelfenster, dessen linke Hälfte sie einen Spalt weit hochschob. Das Papier legte sie zwischen Rahmen und Fenster und zog die Scheibe wieder nach unten. Sie stützte sich mit beiden Händen auf den Rahmen, bis die Zeichnung fest eingeklemmt war. Ein dauerhafter Druck würde die Tür nun geschlossen halten.
Aber fast zeitgleich begann ihre Nase zu bluten. Das hatte sie vermeiden wollen, indem sie das Bild selbst mit dosierter Kraft berührte. Auf diese Art lief die Kraftübertragung ihrer Erfahrung nach am effizientesten.
Nun, es war nicht zu ändern.
Charlotte wollte gerade leise zum Gitter zurückgehen, da überschlugen sich die Ereignisse.
Vor der Tür ertönte ein aggressives, lautes Bellen und danach Silvers Stimme, die schrie: „Hier ist sie!“ Von außerhalb des Fensters erklang weiteres Hundegebell. Die Tiere schienen das Öffnen des Fensters gehört zu haben. Oder Charlottes Geruch war in den wenigen Sekunden hinausgedrungen und hatte die Tiere Witterung aufnehmen lassen.
Ein vorsichtiges Hinaufspringen an den Lüftungsschacht war keine Option mehr. Charlotte schob das rechte Fenster nach oben, um eine Flucht vorzutäuschen, warf sich herum und nahm Anlauf. Sie rannte auf die Wand zu, stemmte den linken Fuß auf den Tisch, auf dem der Bottich stand, erwischte aber auch dessen Rand. Der Metallbehälter kippte zur Seite, und Flüssigkeit spritzte in alle Richtungen. Charlotte wandte den Kopf ab, um sich zu schützen, riss die Arme nach oben, drückte sich mit dem linken Fuß explosiv ab und sprang hoch. Am unteren Rand des Lüftungsschachts krallte sie sich mit den Fingern fest.
Da verspürte sie ein Brennen im rechten Auge.
Nein!, durchzuckte es sie. Charlotte begann, wie wild zu blinzeln, um das, was auch immer im Bottich gewesen war, aus dem Auge zu spülen. Das Auge begann, stark zu tränen. Es war in dieser Situation aber das Beste, das ihr geschehen konnte.
Hinter ihr erklangen Schläge. Die Tür vibrierte.
Hastig zog sich Charlotte hoch, wuchtete den Oberkörper in den Schacht und kroch komplett hinein. Sofort schob sie das Gitter wieder herunter. Geräuschlos robbte sie langsam weiter. Vielleicht würde man auf ihren Trick mit dem Fenster hereinfallen.
Da barst die Tür mit lautem Krachen, und Schritte stürmten in den Raum hinein. Zwei Hunde bellten laut,
„Wo ist sie hin?“, schrie Harper. „Dort hinaus?“ Sie deutete auf das offene Fenster.
„Zu offensichtlich. Sie ist noch im Gebäude“, erwiderte Dean. „Das Lüftungssystem!“
Für eine Sekunde herrschte Stille. Dann sagte er: „Wir geben diesen Standort auf.“
„Einverstanden“, sekundierte Harper.
Charlotte hörte das Öffnen eines Reißverschlusses.
„Ich hole die Leiter“, sagte Dean Silver.
Charlotte kroch weiter. Sie hatte ein wenig Zeit gewonnen.
Das Brennen in ihrem Auge verstärkte sich. Weiter blinzelte sie ununterbrochen, doch es half kaum. Zwar liefen ihr die Tränen die Wange hinunter, so, als würde sie Zwiebeln schneiden, aber es war schlicht zu wenig Flüssigkeit, um das Auge richtig zu spülen.
Charlottes linke Hand tastete über den Boden in dem dunklen Schacht. Als sie eine Abzweigung spürte, wandte sie sich willkürlich nach links.
Plötzlich zischte etwas hinter ihr in dem Gang, den sie gerade verlassen hatte. Es knallete, und ein Schwall heißer Luft schoss an ihr vorbei. Für einen Moment wurde es unglaublich hell.
Molotow-Cocktails!, dachte sie entgeistert. Die werfen Brandbomben in die Lüftungsschächte!
Sie beschleunigte ihr Tempo. Sie musste aus dem Lüftungssystem, das ihre Fluchtmöglichkeit sein sollte, nun aber zur Todesfalle geworden war, unbedingt heraus. Harper und Silver würden vermutlich durch alle Räume laufen und Bomben werfen. Es ging nun darum, wer schneller war. Die Verbrecher wussten nicht, wo sie sich befand. Das war Charlottes einzige Chance.
Würden sie sich zuerst um die Schächte der angrenzenden Räume kümmern? Oder zuerst um weiter entfernte, um ihr systematisch den Weg in alle Richtungen abzuschneiden? Würde das Mörderpärchen sie vor sich hertreiben, ihre Richtung bestimmen, so wie Hunde das Wild, das sie jagten und schließlich stellten?
Plötzlich gewahrte Charlotte vor sich einen gelben Lichtschein, der flackerte. Die Luft, die sie erreichte, war jedoch nicht sonderlich heiß. Es musste also etwas anderes sein, als ein Molotow-Cocktail, der im Schacht brannte. Charlotte überlegte nicht lange. Sie vermutete, dass die Ganoven nun begannen, auch in den Räumen Feuer zu legen, da sie das Gebäude ohnehin verloren gaben. Das war eine kleine Chance für Charlotte. Rasch kroch sie weiter. Hände und Füße, die auf das Metall schlugen, verursachten leise Geräusche.
Am Ende des Schachts blickte sie in ein Büro. Der mit Schriftstücken beladene Schreibtisch, der Stuhl, der Ledersessel und selbst der Mülleimer brannten. Hoch loderten die Flammen, deren Rußentwicklung aber noch gering ausfiel. Charlotte hustete dennoch unterdrückt. Jemand hatte das Mobiliar zusammengeschoben und es unter dem Lüftungsgitter platziert.
Man wollte sie also ausräuchern.
Dean Silvers Werk, das stand für Charlotte außer Frage. Vom Töten versteht der Kerl etwas.
Dennoch blieb ihr keine andere Wahl, wenn sie aus den Schächten herauswollte. Sie blickte noch einmal durch das Gitter. Der Raum diente offenbar auch als eine Art Küche. Eine Teekanne und ein Topf standen auf dem Fenstersims.
Aber was viel wichtiger war und ihre sämtlichen, ohnehin kaum vorhandenen Zweifel bezüglich eines Abstiegs hinwegfegte, war das kleine Waschbecken an der Wand neben dem Fenster.
Wasser!
Charlotte zog das Lüftungsgitter auf. Heiße Luft strömte in den Schacht und raubte ihr für einen Moment den Atem. Ein Umdrehen war in dem engen Schacht nicht möglich. So robbte sie hastig zurück zur Kreuzung, bog nach links ab, kroch vorwärts über dieselbe Kreuzung, um dann rückwärts nach rechts in den Gang abzubiegen, der in das Büro führte. Ihre Füße spürten das Ende des Schachtes und hingen gleich darauf in der Luft. Noch einmal atmete sie langsam, aber tief, sog die Lungen voll, schloss die Augen und spannte dann den Körper. Sie schob sich rückwärts hinaus, bis ihre Hüfte gerade noch den Schachtboden berührte. Dann knickte sie die Beine abrupt nach unten ab, schob weiter und ließ sich fallen. Sobald ihre Füße den Boden berührten, ging Charlotte auf die Zehenspitzen und lehnte sich nach vorne an die Zimmerwand.
Sie stand zuerst sehr wackelig auf den Beinen, dann aber war sie sicher, dass es geklappt hatte. Sie war, wie geplant und gehofft, genau auf dem kaum fußbreiten Streifen zwischen Wand und brennendem Mobiliar gelandet. Mit geschlossenen Augen ging sie seitwärts, bog um die Ecke und hastete weiter. Sie spürte, wie die Ausläufer der Flammen nach ihr griffen. Schmerz durchzuckte ihre Beine.
Und dann war sie durch.
Charlotte öffnete vorsichtig das rechte, das wohl verletzte Auge, und orientierte sich. Aber ihr Sehvermögen war stark eingeschränkt. Sie sah alles verschwommen, als stünde sie unter waberndem Wasser, das viele Luftblasen enthielt. An manchen Stellen des Gesichtsfeldes war sogar nur weißer Nebel. Dennoch gelang es ihr, mit drei großen Schritten das Fenster zu erreichen. Rasch schob sie es hoch und atmete die kühle Luft. Ihr Körper wurde von einem Hustenkrampf geschüttelt, den sie versuchte zu unterdrücken. Als sie sich beruhigt hatte, öffnete sie den Hahn am Waschbecken neben dem Fenster, schöpfte Wasser und löschte das Glimmen am Saum ihres Kleides.
Dann raffte sie die Teppiche hoch, die am Waschbecken lagen und warf sie zum Feuer. Nur der nackte Holzboden lag nun zwischen ihr und dem Brand. Es würde ein wenig dauern, bis das Parkett Feuer fing. Charlotte wunderte sich zwar, dass Dean nicht einfach Brandbeschleuniger in sämtlichen Räumen verteilte und diesen anzündete. Aber vielleicht wollte der Verbrecher, bevor er großflächig Zerstörung anrichtete, ihre Leiche sehen, um absolut sicher zu sein, die letzte Mitwisserin seines Planes getötet zu haben.
Aber für Charlotte war nur wichtig, dass sie sich nun anderem zuwenden konnte.
Den Schmerz an den Beinen ignorierte sie. Die glänzenden Wunden konnte sie jetzt nicht versorgen. Sie steckte den Kopf unter den Wasserstrahl und hielt mit einer Hand das rechte Auge weit geöffnet. Der Aufprall der Tropfen schmerzte höllisch. Unwillkürlich verstärkte sie den Biss auf ihre Lippen. Die Wunde, die Harper ihr im Gefängnis beigebracht hatte, platzte auf. Charlotte erhöhte den Wasserdruck und bewegte den Kopf leicht hin und her. Auch rollte sie das Auge langsam in alle Richtungen, um es gründlich auszuspülen.
Sie hoffte, dass es noch nicht zu spät war, um bleibenden Schäden entgegenzuwirken.
Aufmerksam lauschte sie nach hinten zur Tür. Aber Silver und Harper hielten den brennenden Raum wohl für sicher in ihrem Sinne. Das Plätschern des Wassers dürfte kaum hinaus auf den Gang dringen und sie alarmieren.
Nach mehreren Minuten zog Charlotte den Kopf wieder aus dem Becken hervor. Gesicht und Haare trieften vor Nässe. Charlotte vermied es, sich das Wasser vom Gesicht zu wischen, um nicht aus Versehen das Auge zu berühren.
Nun konnte sie sich wieder dem Problem der Flucht zuwenden.
Sie stellte sich neben das Fenster und blickte hinaus. Gelbliche Flecken tanzten auf dem schmalen Asphaltstreifen an dieser Seite des Gebäudes. Also brannte es auch in anderen Räumen.
Das konnte ihre Chance sein. Die Wachhunde, falls Silver sie nicht speziell trainiert hatte, dürften sich vor dem Feuer fürchten.
Rasch kletterte Charlotte aus dem Fenster und schlich geduckt an der Gebäudemauer entlang nach vorne zum größeren Parkplatz. In der Ferne hörte sie das Gebell der Hunde. Aber auch fiepende Laute mischten sich darunter. Es klang, als hätten die Tiere Angst. Das Feuer in den Räumen erhellte den gebäudenahen Bereich ein wenig, sodass Charlotte sich ausreichend orientieren konnte. Vorsichtig lugte sie um die Ecke. Auch auf der Vorderseite brannte es hinter zwei Fenstern. Der Mond hatte sich hinter den Wolken hervorgekämpft.
Harpers Wagen stand nach wie vor an seinem Platz.
Eine Falle?, fragte sich Charlotte. Würden Harper und Silver so weit denken und planen, oder sich auf die brachiale Methode verlassen?
Eine Möglichkeit, dies herauszufinden, hatte sie. Charlotte zog Block und Stift aus der Tasche und zeichnete die Heckscheibe sowie die hinterste Scheibe auf der Beifahrerseite. Ihre Hände zitterten, und sie musste etwas langsamer vorgehen als gewohnt. Dann aber aktivierte sie das Bild und drückte mit dem Daumen zuerst auf das gezeichnete Heck-, dann auf das Seitenfenster. Die realen Scheiben zersprangen. Scherben fielen zu Boden. Das Klirren war deutlich zu hören.
Charlotte hielt den Atem an und wartete. Aber nichts geschah. Niemand sprang aus einem Versteck hervor. Keine Waffe bellte, und auch kein Brandsatz flog.
Charlotte rannte los. Am Wagen angekommen, griff sie durch das zerstörte Seitenfenster, öffnete die Tür und kroch hinein. Zwischen den Sitzen schlängelte sie sich nach vorne zum Lenkrad und quetschte sich auf den Fahrersitz. Sie riss förmlich die Zündkabel unter dem Armaturenbrett hervor, biss die Isolierung ab und schloss den Anlasser kurz.
Der Motor stotterte zweimal, dann sprang er an. Charlotte gab Gas, und die Räder drehten durch. Schnurgerade hielt sie auf das Ausgangstor zu. Die Front der Motorhaube drückte die beiden Gittertorhälften auseinander, und die schwere Kette wurde aus einem der Flügel herausgerissen. Krachend schlug sie auf die Windschutzscheibe. Risse zogen sich quer hindurch in alle Richtungen, aber das Glas splitterte nicht.
Hinter sich hörte Charlotte Schüsse. Es dröhnte laut, als Kugeln irgendwo im Blech des Kofferraums einschlugen. Dann platzte ein Reifen, und der Wagen schlingerte. Charlotte fing ihn ab, verringerte das Tempo aber nur geringfügig.
Sie musste fort, einfach nur fort. Egal, wie!
Man würde sie verfolgen, aber es würde eine Minute dauern, bis Silver seinen Wagen von der anderen Seite der Fabrik geholt hatte. Charlotte bog mit quietschenden Reifen nach links ab, dann sofort wieder rechts und erneut links. Immer wieder blickte sie in den Rückspiegel, konnte aber zu ihrer Erleichterung kein anderes Fahrzeug erkennen.
Seit ihrer Flucht vom Gelände waren nun vier Minuten vergangen. Charlottes Atmung und Puls beruhigten sich langsam. Trotz des waidwunden Autos, dessen Hinterfelge über den Straßenbelag schrammte, kam sie halbwegs gut voran und hatte schließlich die Grenze des Industriegebiets erreicht. Der Verkehr belebte sich, und Charlotte bog noch ein paar Mal willkürlich ab.
Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand.
In der Ferne blinkte das farbenprächtige Zeichen einer Dinerkette, die 24 Stunden am Tag geöffnet hatte. Charlotte stoppte mit einer Vollbremsung und sprang aus dem Wagen. Den Motor ließ sie laufen.
„Emergency!“, rief sie, als sie die Glastür des Lokals aufgerissen hatte und hineingestürzt war. Ihre Aufmachung unterstützte optisch den Hilferuf - Brandflecken auf dem Kleid, Wunden an den Beinen, die zerzausten Haare, das verschwitzte Gesicht mit dem zusammengekniffenen Auge. Und dann noch Reste des Bluts, das von der Lippe am Kinn heruntergelaufen und getrocknet war. Erklärungen waren keine nötig.
Die Bedienung hinter dem Tresen reichte ihr wortlos ein paar Münzen, wies durch eine Tür, und Charlotte rannte den schmalen Gang hinunter.
Sie führte drei Telefonate.
Zuerst rief sie sich einen Krankenwagen. Die Schmerzen im Auge, die während der Flucht in den Hintergrund getreten waren, drängten nun mit Wucht zurück in ihr Bewusstsein. Die Zeit, bis die Sanitäter eintrafen, nutzte sie, um zuerst das Calgary PD und danach Phil zu verständigen.
***
Der Augenarzt im North Calgary Hospital schob das Ophtalmoskop zur Seite. Charlotte lehnte sich zurück.
„Miss Bernstedt, legen Sie den Kopf bitte in den Nacken. Nicht nach unten schauen. Die Hornhaut Ihres rechten Auges ist großflächig erodiert. An manchen Stellen fehlt eine, an vielen aber mehrere Schichten des Epithels. Es besteht die Gefahr einer Perforation und damit dem Verlust des Auges.“
Charlotte schluckte schwer. Ihr Gesicht versteinerte. Mit solch einer Hiobsbotschaft hatte sie nicht gerechnet.
Dr. Hutchinson bemerkte die Reaktion seiner Notfallpatientin und ging sofort darauf ein. „Aber es bestehen sehr gute Chancen, dass es so weit nicht kommen wird. Sie bleiben eine Woche im Hospital. Wir stellen das Auge medikamentös ruhig und senken den Augeninnendruck. Das Auge kann diesen Hornhautschaden selbst reparieren. Kritisch sind die ersten 24 Stunden. Wir unterstützen die Regeneration durch zellteilungsfördernde Medikamente.“
„Wird sich meine Sehkraft wieder normalisieren?“, fragte Charlotte tonlos. Sie hatte Angst.
„Die Chancen stehen gut, dass Sie keine gravierenden Einbußen hinnehmen müssen. Es ist wie ein gebrochenes Bein. Danach ist Sprinten fast immer weiter möglich. Sie haben das Auge fachkundig ausgespült, und das recht zeitnah zur Gefahrstoffexposition. Das verbessert die Prognose signifikant. Ich bin daher optimistisch gestimmt.“
Er hob den Telefonhörer ab und bat eine Schwester herein. Charlotte wurde auf die Station geführt. Ihr Kopf lag weiter im Nacken, das rechte Auge war geschlossen.
Nicht daran denken!, befahl sie sich immer wieder, aber es fiel ihr ungemein schwer, sich von dem Horrorszenario der Erblindung, das, wenn auch nach den Aussagen des Arztes nicht wahrscheinlich, dennoch möglich war, abzulenken.
***
Fünf Tage später konnte Charlotte ein wenig aufatmen. Ihre Hornhaut hatte begonnen, sich zu schließen. Die Gefahr eines Platzens des Auges und den damit einhergehenden Blutungen, welche die Netzhaut schädigen konnten, war gebannt. Der Verband wurde für immer längere Zeit entfernt, um das Auge langsam wieder an Licht zu gewöhnen.
Charlotte hatte sich wie ein Kind an seinem Geburtstag gefreut, als sie das erste Mal mit dem verletzten Auge aus dem Fenster hinunter in den Park geschaut hatte. Die Bäume, die Sträucher, die Menschen - alles hatte sie klar erkennen können.
Es war kurz nach 10 a.m., als das Telefon in ihrem Einzelzimmer klingelte. Charlotte hob ab.
„Ja?“
„Hi, Charlotte. Phil hier“, sagte der Kommissar aus vielen hundert Kilometern Entfernung. „Wie geht es dir?“
„Es wird besser“, erwiderte Charlotte. „Dieselbe Antwort wie gestern, als du angerufen hast, und dieselbe Antwort wie vorgestern bei deinem Besuch. Du musst nicht wie eine Glucke hinter mir hertelefonieren.“ Aber sie freute sich, dass Phil es doch tat und es auch weiter tun würde.
„Du, Char, ich...“, begann Phil. Seine Stimme klang belegt.
„Nein, Phil“, unterbrach Charlotte bestimmt. „Keine Entschuldigungen. Ich habe entschieden, den Auftrag anzunehmen. Ich kenne das Risiko, dass etwas schiefgehen kann. Auch die Kugeln hätten mich treffen können. Das wusste ich alles. Dass es nun so ein dämlicher Spritzer war, war schlicht Pech. Und...“, sie wechselte den Hörer in die andere Hand, „...ich verbiete dir, zukünftig für mich zu entscheiden, welche Aufträge du mir noch anbieten kannst und welche nicht. Ist das klar? Es bleibt einzig und allein meine Entscheidung. Wenn du glaubst, dass ich bei einer Aufgabe helfen kann, frage mich. So wie die letzten Jahre auch. Falls du also Schuldgefühle hast - auf diese Art kannst du sie kompensieren.“
Nur das Geräusch von Phils Schnauben kam aus der Hörmuschel. Für einen Moment sagte er nichts. „Okay, das habe ich mir fast schon gedacht. Denn auch deshalb rufe ich an.“
„Ja?“, erwiderte Charlotte. Phils Aussage weckte Neugier in ihr.
„Hier in Vancouver startet in Kürze eine Sondersitzung aller Ermittlungsbehörden inklusive der Labore. Ich dachte mir, dass du vielleicht telefonisch dabei sein möchtest.“
Charlotte setzte sich auf das Bett. „Klar will ich das.“
Es polterte, als Phil den Telefonhörer auf den Tisch im Konferenzzimmer legte. Ein paar Minuten später hatte sich der Raum im Hauptquartier der RCMP in Vancouver gefüllt. Charlotte wurde begrüßt, und man wünschte ihr gute Besserung.
Dann startete die Konferenz.
Phil gab eine kurze Zusammenfassung dessen, was Charlotte ermittelt hatte, und was nach ihrem letzten Anruf aus Calgary geschehen war. Das Meiste war Charlotte schon bekannt.
„Die Kollegen des Calgary PD und des Fire Departments waren rasch vor Ort. Die komplette Zerstörung der Fabrik konnte verhindert werden, wenn auch das Interieur stark in Mitleidenschaft gezogen worden war. Wir fanden Spuren einer uns bis vor einigen Tagen unbekannten Substanz. Darüber werden die Chemiker gleich mehr berichten. Nach Dean Silver und Harper Maguire wird mit Hochdruck gefahndet. Da der Fall die nationale Sicherheit betrifft, wird die Federführung nach dieser Konferenz an den Geheimdienst übergehen. Agent Duvall, bitte.“
„Danke, Mr Messier“, sagte der Geheimdienstler. „Wir haben Hinweise, dass die beiden Täter das Land verlassen haben. Die höhnisch zu nennende ganzseitige Annonce in mehreren Tageszeitungen mit dem kurzen Versprechen ‚Es ist nicht vorbei. Ich komme wieder.‘ stufen wir als echt ein.“
Nach einer kurzen Pause sprach eine andere männliche Stimme: „Wir haben die Probe der Flüssigkeit untersucht und Erstaunliches festgestellt.“
Phil unterbrach. „Dr. Compton, Lassen Sie mich kurz vorab erläutern: Nach Miss Bernstedts Anruf aus Calgary nach Ende der Zugfahrt haben die Kollegen unter einem Vorwand von der angelieferten Flüssigkeit eine Probe genommen. Ansonsten lief jedoch alles in der Bow River Mill unbeeinträchtigt weiter. Wir waren jedoch bereit, sofort einzugreifen, sollte immanente, vielleicht sogar explosive Gefahr drohen.“
„Richtig“, bestätigte der Wissenschaftler. „Es hat ein wenig gedauert, bis wir alle Bestandteile identifiziert hatten. Ich will Sie nicht mit den Details über chromatographische, spektroskopische und chemische Analysen langweilen, daher beschränke ich mich auf das Ergebnis: Miss Bernstedt lieferte den Farbengrundstoff für die Produktion der neuen Geldscheine des kanadischen Dollars an. Soweit war alles wie auch in den Jahren zuvor, wenn Papier für Banknoten produziert wurde. Wir fanden jedoch auch eine uns bis dato unbekannte Substanz, die wir Modifikator nannten. Sie werden gleich verstehen, warum.“
Phil unterbrach erneut. „Diese Substanz wurde in Pulverform während der Zugfahrt zugegeben. Sie kennen den Bericht von Miss Bernstedt. Und diese Substanz wurde auch in der fast abgebrannten Fabrik in Calgary gefunden.“
„Äh, ja, richtig“, stotterte der Mann. Für einen Augenblick wirkte er verwirrt ob der ständigen Einwürfe, fing sich aber schnell wieder. „Nun, dieser Modifikator verändert zuerst einmal nichts. Das Papier von Bow River Mill ist nach Zugabe des Modifikators haptisch und optisch nicht zu unterscheiden von Papier ohne diese Substanz. Aber später dann - zerfällt das damit imprägnierte Papier aus sich heraus. Einfach so.“
Allen Teilnehmern war klar, was das bedeutete.
„Und“, fuhr der Wissenschaftler fort, „auch wenn wir noch keine entsprechend lange Zeitreihe durchführen konnten, wir sind aufgrund der Tests mit verschiedenen Konzentrationen und deren Kinetik sicher, dass dieser Zerfall in einem zeitlich sehr eng begrenzten Fenster von 2 Monaten plus/minus 5 Tagen nach Trocknung des Papiers eintreten würde.“ Das Geräusch eines Stuhles, der über den Boden glitt und dann das Rascheln von Papier ertönten. „Das wäre alles.“
Wieder ergriff Phil das Wort. „Die Regierung hat den geplanten Banknotenaustausch selbstverständlich vorerst gestoppt. In seiner ursprünglichen Form wäre er durch Umtausch in den Banken zum Großteil in vier Wochen durchgeführt worden, da danach Gebühren anfallen. Man wollte und will auch immer noch von politischer Seite möglichst schnell das neue, fälschungssicherere Geld in Umlauf bringen.“
„Und dann zerfällt es in den Geldbörsen der Bürger“, warf ein Mann ein, den Charlotte zuvor noch nicht gehört hatte.
Charlotte hörte Phils flüsternde Stimme aus dem Hörer: „Das ist Mr Burns, einer der Berater des Premierministers.“ Laut, und für alle im Konferenzzimmer hörbar, fügte er hinzu: „Dr. Foe, was sagt die psychologische Abteilung dazu?“
Der Angesprochene räusperte sich mehrfach, bevor er seinen Vortrag begann: „Wir haben verschiedene Szenarien durchgespielt. Allen ist gemein: Wenn in etwa zwei Monaten das Papiergeld zerfällt, werden die Bürger das Vertrauen in die Regierung verlieren. Und das schlagartig. Nicht nur, dass man ihnen versprach, alles werde sicherer. Nein, nun verlieren sie durch eine zukunftsgerichtete Neuerung, die ihnen selbst keinen direkt erfahrbaren Vorteil bringt, ihr Vermögen. Und das sichtbar in den, wie der Herr Politiker sagte, Geldbörsen. Zuerst, bei einem, vielleicht zwei Scheinen, wird man es für Zufall halten, auf die Bank gehen und Ersatz fordern. Dann aber, wenn sich der Zerfall rapide ausbreitet - bei ihnen selbst, aber auch bei Nachbarn oder Arbeitskollegen -, wird der Ärger in Unmut, Wut und schließlich Aggression umschlagen. Es gibt kein anderes Wort dafür: Kanada wird nicht nur ins wirtschaftliche Chaos stürzen, wenn die Inflation faktisch ins Unendliche steigt, sondern es wird zu gewalttätigen Ausschreitungen ungeahnten und noch nie dagewesenen Ausmaßes kommen. Auf den Straßen des Landes wird Anarchie herrschen.“
Für eine Minute hörte Charlotte nichts mehr aus dem Telefon. Auch ihr hatte es die Sprache verschlagen. Der unbekannte Tippgeber hatte mit dem Wort ‚Katastrophe‘ nicht untertrieben.
„Ich melde mich nachher nochmal“, sagte Phil leise und legte auf.
***
Vier Tage später war Charlotte zurück in ihrer Wohnung in Vancouver. Das Auge war verheilt, die Hornhaut vollständig geschlossen. Das Epithel hatte sich regeneriert. Charlottes normale Sehkraft lag wieder bei Adlerblick. In dieser Hinsicht gab es keinen Unterschied zwischen links und rechts.
Doch eine Sache hatte sie in Calgary noch nicht überprüft. Sie fürchtete sich nicht wenig vor dem Ergebnis des Experiments, das sie nun angehen musste.
Charlotte warf die Tasche mit der Kleidung und den Waschutensilien, die sie in Calgary gekauft hatte, achtlos auf den Boden des Flurs und ging sofort ins Arbeitszimmer, wo sie die verwelkten Blumen aus der Vase auf dem Fenstersims in den Abfalleimer warf. Die leere Vase stellte sie in die Mitte des Schreibtisches.
Sie kniff das rechte, das nun wieder geheilte, Auge zu und zeichnete nur mit dem linken. Schnell war das gläserne Objekt mit dem Reliefmuster auf das Papier gebannt. Charlotte aktivierte die Zeichnung und schnippte mit dem Finger dagegen. Wie erwartet rutschte die reale Vase ein Stück über die Tischplatte.
Charlotte schob die Vase zurück und begann mit einer neuen Zeichnung. Diesmal hielt sie das linke Auge geschlossen und nutzte nur die Kraft des regenerierten Auges, um eine Kopplung zwischen Papier und Realität zu erreichen. Als die Zeichnung fast fertig war, glaubte sie einen schwachen Blauschimmer um die reale Vase zu sehen. Sie blinzelte ein paar Mal, und die Wahrnehmung verschwand. Wahrscheinlich war es eine Reflexion des einfallenden Sonnenlichts gewesen.
Charlottes Herzschlag beschleunigte sich, als sie das Bild unterzeichnete.
Für einen Moment zögerte sie. Dann aber gab sie sich einen Ruck. Die Ungewissheit musste ein Ende haben, auf die eine oder andere Art.
Sie schnippte gegen das Bild und starrte gespannt auf den Schreibtisch.
Doch die Vase bewegte sich nicht.
***
Nachdenklich blickte Charlotte auf die beiden Photos, die vor ihr auf dem Schreibtisch in ihrem Arbeitszimmer lagen. Wie vor einigen Monaten, als die angehende Journalistin Julia Loeb sie ungewollt auf das Phänomen der blauen Ringe um ihre Hornhaut aufmerksam gemacht hatte, so hatte Charlotte in den drei Wochen seit ihrer Rückkehr aus Calgary täglich unzählige Photos von ihren Augen geschossen und dafür eine Menge TRC24-Farbfilme verwendet.
Charlotte nahm das Bild des rechten Auges, das sie am Tage ihrer Rückkehr gemacht hatte, als der funktionale Test mit der Vase zu ihrem Erschrecken negativ verlaufen war. Ein blauer Ring war nirgends zu sehen. Was das Bild stattdessen zeigte, war eine zickzackförmige, oft unterbrochene Linie, die etwa drei Viertel des Hornhautumfangs einrahmte.
Wie oft hatte sie dieses Bild schon betrachtet! Es zeigte die Zerstörung in ihrem Auge, die trotz der rein medizinischen Heilung noch vorhanden war, und die niemand außer ihr sehen konnte.
Aber dabei war es glücklicherweise nicht geblieben.
Sie nahm das Bild vom gestrigen Tag auf. Das Auge hatte sich erholt, und eine durchgehende blaue Linie umschloss die Hornhaut nun komplett. Aber von einem schönen Ring konnte auch jetzt keine Rede sein. Die Linie variierte in der Dicke, machte mehrfach sichtbare, wenn auch kleine Richtungswechsel und sah insgesamt aus, als habe jemand versucht, einen Kreis nach einer Vorlage zu malen, sei dabei jedoch ein ums andere Mal vom Kurs abgekommen.
Seit sechs Tagen hatte sich an diesem Zustand nichts mehr geändert.
Die Form des Ringes war Charlotte herzlich egal. Nicht egal aber war ihr der Funktionsverlust im Auge. Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
Was ein Fingerschnippen auf eine Zeichnung mit dem linken Auge bewirkte, benötigte einen deutlich höheren Druck nach ausschließlicher Verwendung des rechten Auges. Oder einige Überzeichnungen.
Charlotte hatte in den letzten Wochen Experiment um Experiment durchgeführt. Das aktuellste, das letzte Ergebnis, das wie die Form des unregelmäßigen Ringes seit rund einer Woche stabil reproduzierbar war, lautete:
Sie hatte rund zwei Drittel ihrer Kraft im rechten Auge eingebüßt.
Für immer? Oder ging der Heilungsprozess, wenn auch sehr, sehr langsam, weiter? Vielleicht würde alles wieder auf den alten Stand zurückkehren, wenn der Ring eine gleichmäßige Linie geworden war und eine einheitliche Dicke aufwies?
Charlotte hoffte es sehr.
ENDE
Teil 2