Der Ring auf der Straße

ARIIOOL

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Wenn ich über meine Vergangenheit nachdachte, blieb mir stets nur eins in Erinnerung: Ich war nie sehr beliebt gewesen. Nicht bei meinen Mitschülern, die meine altklugen Sprüche stets ignorierten. Nicht bei meinen Kollegen, für die ich nur in Erscheinung trat, wenn Riesenstapel belangloser Akten kopiert werden mussten.
Es schien ein mir unbekannter Kodex zu existieren: Sabine Schmidt ist unsichtbar, solange sie nicht für andere nützlich ist. Jeder befolgte ihn mit einer Gründlichkeit, die allmählich jedes Selbstwertgefühl aus mir heraussaugte. Übrig geblieben war meine leere Hülle – und selbst die erschien mir wie eine Fata Morgana in meiner Lebenswüste.

Mit den Jahren hatte ich gelernt, damit umzugehen. Es half nichts, ein besonders auffälliges Make-up anzulegen. Ratgeber empfahlen mir, meinen Körper zu betonen. Dies würde, zumindest auf Männer, wie eine Aufforderung zum Betrachten wirken. Ich hatte schnell genug davon, mich stundenlang auf Laufbändern inmitten schwitzender Körper einsam zu fühlen.

Eines Tages fand ich einen Ring. Es wundert mich noch heute, dass er dort lag. Unzählige Passanten eilten mir entgegen, rempelten mich an oder blieben unvermittelt vor mir stehen, als hätten sie ein Vakuum in der Luft erspürt. Der Ring funkelte in der Sonne, doch niemand beachtete ihn. Vielleicht gehörte er zu meiner kleinen Welt, war nur für mich sichtbar.
Ich wich einem gestikulierenden Mann aus, der mit einem Handy vor dem Gesicht auf mich zukam. Dann hob ich den Ring auf. Der Ring war seltsam schwer, als wäre er gerade erst aus dem Boden erschienen. Als hätte er sich noch nicht völlig gelöst.
Er gefiel mir sofort. Und er passte. Nicht auf dem Ringfinger, das wäre wohl zu viel verlangt gewesen.

Ich ging weiter. Etwas hatte sich um mich herum verändert. Die Sonne erschien mir wärmer, die Gesichter freundlicher. Ein kleines Kind, unbefangen in seiner Unschuld, zupfte seiner Mutter am Rock.
»Schau mal, schau mal, Mama!«
Und es zeigte auf mich. Auf mich!
Noch im Augenblick der Überraschung gefangen, sah ich, wie das Gesicht der Mutter ein ungläubiges Staunen annahm.
»Das ist Sabine Schmidt. Jeder kennt sie«, hörte ich ihre Stimme. Ihr Lächeln schien mir zu gelten. Ganz kurz warf ich einen Blick über die Schulter, ob hinter mir jemand stand, der solch ein Lächeln erwarten durfte.
Ein Auto hupte, nicht aufgeregt. Es war dieses „Hey, schöne Frau, dreh dich zu mir um“-Hupen.
Der Verkehr war zum Erliegen gekommen. Ich nutzte die Gelegenheit, die Straße zu überqueren. In meinem Kopf war eine Ruhe, die mir gefiel. Auf den wenigen Metern bis zum Eingang der Firma, in der ich mein Schattendasein bisher geduldig ertragen hatte, fühlte ich unzählige Blicke in meinem Rücken.
Ein mir wohlbekannter Mann stand an der Tür und hielt sie mir auf. In seinen Augen erkannte ich Neugierde. Mein Herz machte einen Hüpfer. Meine Stimme, die ein heiseres Danke zustande brachte, schien ebenfalls zu hüpfen.

»Frau Schmidt, ach was sage ich, wir waren doch beim Du. Sabine, du siehst heute besonders bezaubernd aus«, sagte Bernd Wilfried Förster, dessen Jahresgehalt einem Drittel der Firmeneinnahmen entsprach. Ich hatte es einmal in der Zeitung gelesen. Die Kanzlei Förster und Söhne. Eine Erfolgsgeschichte. Mit mir am Kopierer.

Bernd Wilfried unterhielt mich während der Aufzugfahrt mit kurzen Anekdoten aus seinem Leben. Nach der Verabredung zum gemeinsamen Mittagessen, die er scheinbar für obligatorisch hielt, zwinkerte er mir noch verschwörerisch zu und fuhr weiter in die oberste Etage.
Es fällt mir noch heute schwer, meine Überraschung zu beschreiben, als ich nur Sekunden später das Großraumbüro betrat. Quer über die Fensterfront erkannte ich meinen Namen. Bunte Großbuchstaben, säuberlich an einem Faden aneinandergereiht.
Auf meinem Schreibtisch, dem letzten in der Reihe, standen frische Blumen. Einige Kollegen weinten, als sie mich erblickten. Am Kopierer sah ich den Abteilungsleiter, der geduldig einen Stapel Akten duplizierte.
Es war sein schuldbewusster Blick gewesen, der mir zeigte, dass alles nicht nur ein Traum gewesen war.
 
O, ein Zauberring! Mit bemerkenswerten Eigenschaften.

Mir stellt sich sofort die Frage, ob die neue Position im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit nicht sehr schnell wesentlich belastender wird als das vorherige Übersehenwerden. Möglicherweise sollte der Ring die Möglichkeit bieten, wieder unsichtbarer zu werden

Solcherart zum Weiterspinnen der Story einzuladen halte ich für die entscheidende Qualität des Textes. Stilistisch ist aber für mein Empfinden noch viel Platz nach oben.

Beispielsweise würde ich den ersten Satz in die Gegenwart verfrachten: "Wenn ich über meine Vergangenheit nachdenke, kommt mir stets nur eins in Erinnerung:"

Ein "stets" streichen: " ... altklugen Sprüche [stets] ignorierten. ..."

Ziemlich schiefes Bild, das mit der Hülle als Fata Morgana usw.: "Übrig geblieben war meine leere Hülle – und selbst die erschien mir wie eine Fata Morgana in meiner Lebenswüste." Was willst du sagen? Ich rate mal: Diese Sabine fühlte sich derart unbedeutend, dass selbst eine leere Hülle noch wie eine Verheißung erschiene. Oder so. Das kommt aber nicht rüber.

Deshalb einfacher, aber eindringlicher: "Übrig geblieben war meine leere Hülle, verloren in einer Lebenswüste."

Noch ein schiefes Bild: "... als hätten sie ein Vakuum in der Luft erspürt." Vakuum ist die Abwesenheit von Luft, das würde also alles in sich hineinsaugen. Was du vermutlich sagen willst: " ... als hätten sie einen unsichtbaren Widerstand in der Luft erspürt."

Ich will jetzt den Text nicht ganz durchgehen, nur zeigen, in welche Richtung m.M. eine Bearbeitung gehen könnte.

Freundliche Grüße
Binsenbrecher
 

ARIIOOL

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O, ein Zauberring! Mit bemerkenswerten Eigenschaften.

Mir stellt sich sofort die Frage, ob die neue Position im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit nicht sehr schnell wesentlich belastender wird als das vorherige Übersehenwerden. Möglicherweise sollte der Ring die Möglichkeit bieten, wieder unsichtbarer zu werden

Solcherart zum Weiterspinnen der Story einzuladen halte ich für die entscheidende Qualität des Textes. Stilistisch ist aber für mein Empfinden noch viel Platz nach oben.

Beispielsweise würde ich den ersten Satz in die Gegenwart verfrachten: "Wenn ich über meine Vergangenheit nachdenke, kommt mir stets nur eins in Erinnerung:"

Ein "stets" streichen: " ... altklugen Sprüche [stets] ignorierten. ..."

Ziemlich schiefes Bild, das mit der Hülle als Fata Morgana usw.: "Übrig geblieben war meine leere Hülle – und selbst die erschien mir wie eine Fata Morgana in meiner Lebenswüste." Was willst du sagen? Ich rate mal: Diese Sabine fühlte sich derart unbedeutend, dass selbst eine leere Hülle noch wie eine Verheißung erschiene. Oder so. Das kommt aber nicht rüber.

Deshalb einfacher, aber eindringlicher: "Übrig geblieben war meine leere Hülle, verloren in einer Lebenswüste."

Noch ein schiefes Bild: "... als hätten sie ein Vakuum in der Luft erspürt." Vakuum ist die Abwesenheit von Luft, das würde also alles in sich hineinsaugen. Was du vermutlich sagen willst: " ... als hätten sie einen unsichtbaren Widerstand in der Luft erspürt."

Ich will jetzt den Text nicht ganz durchgehen, nur zeigen, in welche Richtung m.M. eine Bearbeitung gehen könnte.

Freundliche Grüße
Binsenbrecher
Danke für deine Zeit, die du dem Text gewidmet hast. Ich verstehe, was du meinst. Drei Ansichten, drei Versionen. Ich antworte mit einem Auszug aus einem Interview:
Frage: Du hast es offen kommuniziert: Deine Bücher erscheinen unlektoriert. Das ist in der heutigen Verlagslandschaft fast schon ein radikales Statement. Warum dieses Risiko?

Michael Fallik:
Ich sehe das gar nicht als Risiko. Für mich ist es eher eine Entscheidung.
Viele Texte werden im Lektorat so lange geglättet, bis sie perfekt funktionieren – und gleichzeitig ein bisschen von ihrer Eigenart verlieren. Ich verstehe natürlich, warum das gemacht wird. Aber ich wollte einmal ausprobieren, was passiert, wenn man diesen Prozess nicht durchläuft. Wenn ich an einem Satz zu lange herumschraube, wird er oft sauberer, aber auch lebloser.
Mich interessiert dieser erste Moment, in dem ein Gedanke noch roh ist. Vielleicht stolpert er ein wenig, vielleicht ist er nicht perfekt ausgeleuchtet. Aber er hat Energie. Ich glaube, ein Buch darf auch ein bisschen so sein wie ein Kirmesbesuch. Laut, schräg, manchmal chaotisch. Aber eben eine echte Erfahrung.
 



 
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