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Der Schattenmann

4,00 Stern(e) 1 Stimme

Alex.ey

Mitglied
Der Schattenmann

Die junge Frau, die Philipp H. in der S-Bahn schräg gegenüber saß, wirkte verstört. Sie schien sich größte Mühe zu geben, sich unter Kontrolle zu behalten. Der Zug fuhr gerade durch einen Tunnel. Durch das Bahnfenster war nur tiefes Schwarz zu sehen. Die Frau hatte jetzt begonnen, schnell und unregelmäßig zu atmen. Philipp fürchtete, dass sie den Kampf gegen die Panik verlieren würde.
Nächster Halt: Schwabstraße. Ausstieg in Fahrtrichtung links war jetzt zu hören.
Gott sei dank, dachte Philipp. Er stieg kurz hinter der Frau aus dem Abteil. Jetzt befanden sie sich in der nur schwach beleuchteten, unterirdischen Haltestelle.
Ihm fiel auf, dass sich außer ihm und der verängstigten Frau sonst niemand mehr hier unten befand. Eine unangenehme Situation. Er setzte sich auf eine der Bänke, blickte angestrengt in sein Smartphone und gab sich Mühe, so zu tun, als würde er ihre Anwesenheit nicht bemerken. Das stellte sich als schwieriger heraus als gedacht. Die Frau hatte nämlich angefangen zu weinen. Leise und verzweifelt. Philipp gab sich einen Ruck:
"Kann ich dir vielleicht helfen?", fragte er sie mit vorsichtiger Stimme.
Die Frau blickte überrascht zu ihm auf. Einige Sekunden später antwortete sie:
"Ich glaub nicht. Mir kann keiner helfen."
"Vielleicht ja doch", antwortete Philipp. Er fing schon an zu bereuen, sie angesprochen zu haben.
"Was soll das bringen, du würdest mir ja sowieso nicht glauben. Das würde ich an deiner Stelle ja auch nicht tun", antwortete sie mit verzweifelter Stimme.
Philipp fiel auf, dass die Frau schön war. Sehr schön sogar.
"Du kannst es doch versuchen. Was hast denn dabei zu verlieren?", drängte er sanft.
Jetzt schien sie nachzudenken. Dann fasste sie einen Beschluss.
"Also gut. Du hältst mich ja bestimmt sowieso schon für hysterisch, also was soll's".
Bevor Philipp das abstreiten konnte, begann sie zu erzählen.
"Seit ich zurückdenken kann, kenne ich den Schattenmann. Ich habe ihn als Kind jahrelang in meinen Träumen gesehen. Er kam immer völlig unerwartet Man merkt doch normalerweise schon vorher, ob man sich in einem Albtraum befindet, oder nicht ? Die Angst, die Beunruhigung sind schon da, bevor irgendetwas passiert. Aber bei mir war es anders: Ich träume beispielsweise, dass ich mit meiner besten Freundin in unserem Garten spiele, dann blicke ich auf, und merke, dass der Schattenmann mich durchs Fenster unserer Nachbarn beobachtet. Oder ich träume, dass ich mit meinen Eltern einkaufen gehe, an der Kasse fällt meiner Mutter ein, dass sie die Milch vergessen hat, ich renne also zurück, um sie zu holen und vor dem Regal steht der Schattenmann. Ich war nirgendwo vor ihm sicher. Er scheint sich irgendwie in meine Träume eingeschlichen zu haben. Es gab Zeiten, da ist er mindestens zweimal pro Woche aufgetaucht."
Philipp musste schlucken.
"Und... was hat dieser Schattenmann dann mit dir gemacht, in deinen Träumen? Wieso hast du ihn als eine solche Bedrohung empfunden?"
Sie blickte jetzt auf eine der Reklametafeln an der Wand.
"Er machte nie etwas, er stand einfach nur da."
"Achso?", fragte Philipp, unsicher, was er mit dieser Information anfangen sollte.
"Ich bin immer sofort aufgewacht, nachdem ich ihn gesehen hatte."
Philipp wusste nicht so Recht, wie er fortfahren sollte.
"Und ... was glaubst du, würde er mit dir machen, wenn du nicht sofort aufwachen würdest?", fragte er sie schließlich zögerlich.
Ihre Mundwinkel verspannten sich ein wenig. Dann antwortete sie:
"Ich weiß genau, was er mit mir machen würde. Er würde mich zu sich mitnehmen, ins Leiseland. Und von dort könnte ich nie mehr zurückkommen."
Philipp blickte sie forschend an.
"Und was ist dieses Leiseland?"
"Ich weiß es nicht, ich war nie da", flüsterte sie.
"Wie kommst du denn dann überhaupt darauf, dass er dich dorthin mitnehmen will?"
Sie zögerte. Dann sagte sie entschlossen: "Ich weiß es einfach. Ich weiß diese Sachen schon seit ich zurückdenken kann. Du weißt doch auch nicht mehr, wann du gelernt hast, dass ein Baum ein Baum und eine Katze eine Katze ist. Aber trotzdem weißt du es. Und ich weiß, dass der Schattenmann der Schattenmann ist und dass er mich ins Leiseland mitnehmen will."
Philipp kratzte sich am Kinn.
"Aber du sagtest, du hättest diese Träume als Kind gehabt ? Heißt das, mittlerweile haben sie aufgehört?", wand er dann sanft ein.
"Als ich etwa 13 war, blieb er plötzlich weg, völlig abrupt. Du kannst dir nicht vorstellen, was das damals für eine Erleichterung für mich bedeutete."
Philipp fragte sich, wie alt die Frau wohl jetzt sei, aber das war nicht der richtige Augenblick, sie danach zu fragen. Er schätzte sie auf Anfang 20.
"Und wieso hattest du dann gerade diesen ... Zusammenbruch?" fragte er, etwas peinlich berührt.
Die S9 würde sich um 4 Minuten verspäten, das war jetzt auf der Anzeigetafel zu lesen. Die Frau blickte ihn unsicher an. Dann sagte sie:
"Vor ungefähr einem Monat, sah ich den Schattenmann zum ersten Mal hier in Stuttgart."
Jetzt fuhr eine S-Bahn auf dem gegenüberliegenden Gleis ein. Obwohl es warm und stickig war, war Philipp auf einmal kalt. Er schwieg und ließ sie weitererzählen.
"Es war mitten auf einer belebten Einkaufspassage. Da ist er mir entgegengekommen. Das Komische ist, dass mein Körper schneller reagiert hat, als mein Verstand. Bevor ich ihn bewusst wahrgenommen hatte, hat mein Herz schon angefangen zu rasen. Er ist einfach an mir vorbei gelaufen, scheinbar ohne mich zu bemerken. Eigentlich weiß ich auch gar nicht, wie ich ihn erkennen konnte. Ich hab mich früher nach dem Aufwachen nie an sein Gesicht erinnern können und diese Träume sind ja nun schon beinahe zwanzig Jahre her."
Dann muss sie mindestens dreißig sein, überschlug Philipp im Kopf. Sie sieht jünger aus. Er fragte sich, ob er sie nicht doch eher hätte siezen sollen, aber dafür war es jetzt zu spät.
"Und vorhin in der Bahn", fuhr sie fort, "da hab ich ihn das zweite Mal gesehen. Er saß in einer der Sitzreihen, am Fenster. Als ich an ihm vorbei gegangen bin, habe ich gemerkt, dass er mich wiedererkannt hat. Er hat mich nicht angeschaut, aber da war etwas in seiner Haltung, das ihn verraten hat. Ich bin schnell in ein anderes Abteil geflüchtet. An der nächsten Haltestelle ist er dann ausgestiegen."
Philipp fuhr sich mit den Händen durchs Haar.
Jetzt blickte die Frau ihm direkt und flehend in die Augen:
"Hilf mir. Bitte."
Aufgrund technischer Probleme entfällt die S9. Wir bitten um ihr Verständnis.
 
Zuletzt bearbeitet:
Der Anfang ist sehr gut gemacht, der Leser wird direkt in das Geschehen mit hineingezogen. Insgesamt recht spannend geschrieben.
Was mich etwas grübeln lässt, ist der Schluss. Hat nun die Frau die Symptome oder Philipp selbst?
Aber das musst du nicht unbedingt verraten...
 

lietzensee

Mitglied
Hallo Alex,
die Idee und der Hauptteil gefallen mir auch gut. Mit der Erzählung der Frau schaffst du eine dichte Atmosphäre. Die geht dann erst im letzten Absatz flöten. Durch den Ortswechsel in sein Wohnzimmer fällt das so schön aufgebaute Bedrohungsgefühl in sich zusammen. Auch sonst bringt der letzte Absatz keinen Mehrwert. Ich würde dazu raten, die Geschichte im U-Bahnhof enden zu lassen.

Viele Grüße
lietzensee
 


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