Der Schatz von Sedelsberg

Vitelli

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Mein Blick wanderte über die weiten Flächen des Moores.
Ich sah weder Mensch noch Tier, allein das weitentfernte Vogelgezwitscher ließ auf Leben schließen.
Ich saß auf einer Torflok, einer ausrangierten Feldbahnlokomotive mit Dieselantrieb, ein Zeugnis des späten 19 Jahrhunderts, als der Torfabbau zunehmend industrialisiert wurde.
„Das Moor gab Wärme, Arbeit und Land“, sagte man hier.
Doch das war lange her.
Und so war die kleine Lokomotive auch Zeugnis davon, dass Torf als Brennstoff ausgedient hatte.

Sedelsberg, so hieß die kleine Gemeinde, war jahrhundertelang eine Insel inmitten von Mooren. Diese natürliche Isolation schützte die Gemeinde vor äußeren Einflüssen.
Meistens jedenfalls. Dass Sedelsberg unter der Herrschaft von Napoleon kurzzeitig zu Frankreich gehörte, hatten die meisten Bewohner nicht einmal mitbekommen.

Ich kramte ein Foto hervor. Es wurde exakt von dieser Torflok aus aufgenommen. Selbst der Sedelsberger Kirchturm im Hintergrund, der den Übergang von einer Moorkolonie zur eigenständigen Gemeinde symbolisierte, war zu sehen.
Das Foto stammte von meinen Zellengenossen. Er hatte sich jahrelang daran geklammert, bevor sein unrühmliches Leben ein ebenso unrühmliches Ende fand.
Und so saß ich hier, teils aus Verpflichtung, teils aus Neugier, weniger aus Hoffnung.

Er hatte mir die Geschichte von dem Sedelsberger Schatz unzählige Male erzählt - als damals, zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, die Bewohner (aus Angst vor Plünderungen) ihre Wertsachen in einer Kirchenglocke im Moor versenkten. Seit Jahrhunderten wurde nach dem Schatz gesucht – der Stoff, aus dem Legenden sind.
Der Stammbaum meines Zellengenossen reichte bis ins 16. Jahrhundert zurück - seine Familie war eine der wohlhabendsten in der Region. Und seit 400 Jahren hatten sie diesen Notgroschen, wie sie es nannten. Früher gab es eine verklausulierte Zeichnung, seit 1951 dieses Foto. Und wenn man genau hinsah, konnte man eine kleine Markierung inmitten der Moorlandschaft erkennen.

Wie tief müsste ich wohl graben? Und womit?

„Zimmer zu vermieten“ stand auf einem Schild vor einer Gastwirtschaft. Und ein Zimmer brauchte ich – so oder so.
Die Gastwirtin hieß Vanessa. Und sie lachte herzhaft, als ich sie nach einem Baumarkt fragte.
Sie war der Typ Frau, den man sich im Gefängnis vorstellte, wenn einem – sagen wir – unkeusche Gedanken kamen. Und sie war noch viel, viel mehr.
Ich blieb länger als ich wollte und ich redete mehr als ich sollte.
Und so kam es, dass wir eines Abends, mit einer Flasche Wein und einer Schaufel, auf der kleinen Torflok saßen und uns lachend überlegten, was wir mit dem ganzen Geld anstellen würden.

20 Jahre ist es nun her, dass ich den Schatz von Sedelsberg geheiratet habe.
 
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