Der See-Elefant

Omar Chajjam

Mitglied
Der See-Elefant

Der Steueramtmann Ferdi Stöckle rechnete im Traum gerade die Steuererklärung eines Bauunternehmers nach, als in der Tür seines Schlafzimmers ein See-Elefant erschien, wortlos seine Bettdecke lupfte und unters warme Daunenbett schlüpfte. Ferdi Stöckle glaubte zu träumen. Der See-Elefant grummelte etwas wie „Gute Nacht“, legte seine Stoßzähne zurecht und begann zu schnarchen. Ferdi betrachtete den graubepelzten, speckigen Nacken, der sich mit den Schnarchtönen wölbte und senkte und wandte sich seiner Frau zu. Die aber hatte von all dem nichts gemerkt und lag eingerollt auf ihrer Seite des gemeinsamen Ehebettes. Wie eine unendliche Ziehharmonika dehnte sich das Atemholen des neuen Bettgenossen durch den Raum, um sich in einem rasselnden Stöhnen auf einen Punkt zusammenzuziehen. Der eigentümliche Rhythmus der Lungenflügel des See-Elefanten spielte auf den Nerven Ferdis.

Sollte er Bettie aufwecken? Ferdi dachte intensiv darüber nach. Bettie war immer so praktisch und vor allem penetrant sauber. Sie würde sich furchtbar über Tiere im Bett aufregen und im ganzen Raum Desinfektionsmittel versprühen. Vermutlich würde sie hysterisch schreien. Die Nachbarn würden neugierig aus ihren Fenstern schauen. Sicher käme dann irgendwann auch die Polizei. Und alle würden ihn verdächtigen, den See-Elefanten von der Kneipe mit nach hause gebracht zu haben. Nein, Bettie durfte auf keinen Fall geweckt werden.

Jeder weiß, daß See-Elefanten von Fischen leben. Daher machte sich ein dezenter Geruch von Salzheringen und Hafenviertel auf den Weg zu Ferdis Nasenflügeln. Ferdi fühlte, daß sein Magen kleine Kreise um sein Lebenszentrum beschrieb und dabei immer schneller wurde und erwachte vollends.

Ferdi setzte sich auf und blickte von seinem gehobenen Standort objektiv auf den See-Elefanten hinunter, wie er es in seiner Steuerinspektoranwärterausbildung im Finanzamt Darmstadt gelernt hatte. Der See-Elefant war offensichtlich etwas zu groß für seinen Teil des Ehebettes, denn seine fischigen Hinterflossen ragten in den dämmerdunklen Raum hinein. Von ihnen tropfte Wasser auf den Teppichboden. Ferdi war sich sicher, daß es Meerwasser war. Wieder fiel ihm Bettie ein, die ihn wegen der Flecken auf dem Fußboden am Morgen zu Rede stellen würde.

Die Nase des See-Elefanten blähte sich unter den gleichmäßigen Atemzügen und entwich mit lautem Schnarchen. Wie oft hatte Bettie ihn gebeten, etwas gegen sein Schnarchen zu tun. Ferdie fand, daß Schnarchen zu einem gestandenen Mann, wie er einer war, gehörte. Beim See-Elefanten irritierte es ihn allerdings.

Ferdie schlüpfte in seine Hausschlappen und schlürfte mechanisch zur Tür in Richtung Küche, so wie er es gewohnt war, wenn ihn in der Nacht der Hunger packte. Ferdie Stöckle war klar, er mußte die Katastrophe abwenden, die sich in Form einer morgenwachen Bettie Stöckle vor seinem geistigen Auge auftat.

Ferdie schloß leise die Schlafzimmertür und begann sich schon sicherer zu fühlen. Die Küche lag vor ihm im Vollmond, dessen Schein sich diffus in der Kühlschranktür spiegelte. Ferdi griff mechanisch in das Flaschenfach nach dem Bier und fühlte ,wie das kühle Getränk angenehm prickelnd seine Kehle füllte. Klarer begann sein Verstand zu arbeiten, als er das Glas mit den Rollmöpsen öffnete und nach einem der hübsch eingerollten Fischchen angelte. Zwar erinnerte ihn der Geruch an einen merkwürdigen Vorfall im Schlafzimmer, als er es sich mit ein Paar Flaschen Bier und dem Rollmopsglas bewaffnet in seinem Lieblingssessel im Wohnzimmer gemütlich machte. Aber ein Blick durch den Flaschenboden in das milde Mondlicht beruhigte ihn und söhnte ihn mit dem Verlust des Ehebettes aus.

Ferdi stellte die leere Flasche demonstrativ auf den Couchtisch und dachte mit großer Genugtuung an das wütende Gesicht seiner Frau, die sich über die Ringe, die der Flaschenrand auf der Glasplatte hinterließ, ärgerte. Absichtlich streute er die Holzspießchen der Rollmöpse über den Teppichboden. Dann öffnete er leise die Verandatür und trat auf den kurzgeschorenen englischen Rasen hinaus. Das Silber des Mondes spielte mit den Zierbüschen und Bäumchen ein Schattenspiel aus einem javanischen Märchen. Die Gräser dufteten jetzt nach einem Traum von einer Streuobstwiese auf der Ferdie und Bettie zum ersten Mal geliebt hatten. Damals war die Welt noch jung gewesen und voller Hoffnung.

Das Mondlicht lief vor ihm her durch die Gartentür hinüber durch das kleine Wäldchen zum nahen Meer und ließ die Wasserpfützen im Watt glitzern, als Ferdie ohne sich noch einmal umzudrehen alles, was ihm im Leben vertraut geworden war, hinter sich ließ auf dem Weg in die Freiheit.

Die Dämmerung kroch durch die Felder und die Sonne tilgte mit ihren Farben den silbernen Zauber der Nacht aus der Welt, daß die javanischen Helden aus den Gartenwegen heim ins Schattenreich entschwanden. Bettie erwachte und streckte sich der geblümten Tapete entgegen. Sie fühlte, daß das ihr Tag war, als sie vor sich hin summend in alltäglicher Gewohnheit den Frühstückstisch deckte. Die Kaffeemaschine gurgelte kleine Fontänen in die Kanne und die Toasts bildeten Dreieckstürmchen neben den Marmeladenschälchen. Es wurde Zeit, Ferdi zu wecken, schließlich hatte sie ja nur für ihn alles so hübsch hergerichtet, denn sie wußte, wie sehr er das gemeinsame Frühstück genoß.

Vorher sprang sie immer noch schnell zum Briefkasten, daß ihr Ferdi auch die Tageszeitung auf dem Tisch neben der Kaffeetasse fand, ohne hinzusehen, denn morgens war er immer ein bißchen „betriebsblind“, wie er sich scherzend oft selbst bezeichnete. Auf dem Weg bemerkte sie mit Stirnrunzeln die Reste von Ferdis nächtlichen Eskapaden und hatte mit wenigen Griffen die alte Ordnung wieder hergestellt. Bettie war an solche Dinge gewöhnt und gedachte sie mit der üblichen Routine zu behandeln. Ein kurzer genau kalkulierter Zornausbruch brachte ihren Mann schon wieder auf den richtigen Weg. Ihre kleine Hand ballte sich zur Faust, als sie an ihren geliebten Mann dachte.

Ferdis Schnarchen drang aus dem Schlafzimmer an ihr Ohr. Heute mußte wieder einmal Ordnung geschaffen werden. Sie sah sich hier im vollständigen Einklang mit den Prinzipien ihres Mannes, gegen die säumigen Steuerpflichtigen mußten ab und zu ein kleines Zwangsmittel aus erzieherischen Gründen eingesetzt werden. Darum klang Betties Stimme einen Ton energischer als sie ihren Ferdi weckte, um ihn auf den Weg in die Arbeit zu bringen.

Ihr Mann blickte sie aus traurigen leicht wäßrigen Augen an. Sein Schnurrbart sträubte sich leicht unter der runden Nase als er leicht gequält zum Kaffeetisch schlurfte. Ferdi wurde auch immer dicker, so fand Bettie, als sie ihren Mann von der Seite betrachtete. Auch, so fand sie, sollte er einmal etwas für seine Zähne tun, denn der Mundgeruch wurde immer schlimmer. Bettie liebte trotz all der Einwände und Einschränkungen ihren Ferdi immer noch. Denn in all den Jahren war er eine stattliche Erscheinung geblieben, groß gewachsen, die breiten Schultern vorgeschoben, die festen, kräftigen Hände, die sie beide sicher durchs Leben geführt hatten, die blankgeputzten elfenbeinernen Stoßzähne vorgereckt stand er da., ein ganzer Mann und in ihren Händen doch „ein großer Junge“.

Der See-Elefant knabberte lustlos an dem ungewohnten Toastbrot und dachte an die frischen Fische im weiten Meer, als Bettie mit sicherem Griff Ferdi die Aktentasche mit dem Wurstbrot und dem Apfel in die Hand drückte und mit einem Kuß Richtung Finanzamt verabschiedete. Dort war er gut aufgehoben bei dem Amtsvorsteher Brose, das wußte sie, denn See-Elefanten sind gute Finanzbeamte und der Ruhestand lag noch in weiter Ferne.

Der Tag gehörte ihr. Die Sonnenstrahlen, die durch die Verandatür fielen umschmeichelten ihre weiße Haut, als der Morgenmantel von ihren Schultern glitt und sie nackt im Zimmer stand. Ferdi hatte sie vor langer Zeit einmal wegen dieser reinen, zarten Blässe geliebt, die zusammen mit ihren goldblonden Haaren ihrer Erscheinung etwas Engelhaftes gab. Doch das war lange her und seitdem die Kinder aus dem Haus waren, hatte Bettie die Tage mit ihrem eigenen neuen Leben gefüllt, das nur sie kannte.

Langsam breitete sie ihre großen weißen Flügel aus und glitt still auf den Sonnenstrahlen der Frühlingssonne in die Schäfchenwolken über dem grünen Land vor dem Meer.

Unten auf dem Watt wanderte die Klasse 4c der Grundschule mit ihrer Lehrerin durch die botanischen Sensationen. Weit über ihnen zwischen den getuschten Wattebäuschen segelte eine Lachmöve, so erklärte ihnen Frau Asmusen den sich in den Sonnenstrahlen verlierenden Punkt am grellblau gemalten Himmel. Entfernt sah man einen schwarz gekleideten Reiter auf weißem Pferd durch das Watt galoppieren. Später zu hause bei ihren Eltern behaupteten die Kinder, sie hätten den Schimmelreiter gesehen.
 

flammarion

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kinder haben es gut, sie wissen, was sie gesehen haben. was aber habe ich hier gesehen? ein sich liebendes ehepaar, das sich völlig betriebsblind gegenübersteht? das walroß geht zur arbeit, was aber ist aus dem mann geworden? nahm er die stelle des tieres im meer ein? ansonsten sehr schön und bildhaft geschrieben. lg
 

 
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